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Meistermachwerker Kehlmann

Benedikt Sartorius am Montag den 2. September 2013

Er ist wieder da: der Autor, der mir ärgerliche Lektürier-Stunden, vor allem aber unendlichen Spass beschert. Daniel Kehlmann heisst der nicht mehr ganz junge Weltschriftsteller des immer noch guten «Die Vermessung der Welt», dessen neues Buch «F» ich unweigerlich am Erscheinungstag erstehen musste.

Ich und Kehlmann haben eine sonderbare Beziehung. Denn seit der «Vermessung der Welt» war ich doch einigermassen begeistert und kaufte mir dann pflichtbewusst den Nachfolgeroman «Ruhm», in dem sich der Autor leider zünftig verrennt – mit Geschichten, die so augenscheinlich und plump miteinander verwoben sind, dass sich der ernsthafte Leser zunächst ärgerte. Später stellte sich «der Roman in neun Geschichten» als Fundgrube des unfreiwilligen Humors heraus, als Buch, das zum Allheilmittel in der WG-Buch-Apotheke wurde und immer wieder zum fröhlichen Rezitieren und Lachen einlud.

kehlUnd nun ist er der Autor, der jahrelang an meiner Zimmertür klebte, wieder da. Leider kam ich in «F» noch nicht weit, da Kehlmann nahtlos an «Ruhm» anknüpft, mit Sätzen wie den folgenden: «Martin war es, als hätte sein Dasein sich gespalten. Er sass hier, aber zugleich lag er auf dem Asphalt, reglos und verdreht. Ihm schien sein Schicksal noch nicht ganz entschieden, beides war noch möglich…» Noch besser: «Über die Schaufenster am Strassenrand glitt das Spiegelbild eines Autos: verzerrt, gestreckt, zum Halbrund gekrümmt.» Oder: «Ein Mann war das, der auch ein anderer hätte sein können; ein Mann, der aussah wie irgendeiner der vielen Menschen auf der Strasse, in der Bahn, irgendwo.»

«Ich» oder «er» ist im neuen Kehlmann also einmal mehr ein anderer, das wird für jeden Leser und jede Leserin auf den ersten fünf Seiten klar. Und für jene, die das angedachte Identitätsproblem nicht klar wird, hat der Autor zur Sicherheit auch noch zwei sehr schwer unterscheidbare Zwillinge eingebaut, die ständig dassselbe denken, «auch wenn es sehr kompliziert ist». Kurz, das Buch hält wiederum viel Material für lustige WG-Abende bereit – zur grossen Freude meinerseits.

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7 Kommentare zu “Meistermachwerker Kehlmann”

  1. Herr Sartorius sagt:

    Erfreut darf ich feststellen, dass die jahrelang verschollt geglaubte und leider verpasste Sendung «Durch die Nacht mit Daniel Kehlmann und Josef Hader» auf Youtube gelandet ist. Ein Freudentag:

  2. michael sagt:

    für einen fachgerechten Verriss: NZZaS von gestern lesen.

  3. Yasha Bostic sagt:

    Ihr macht mir Spass, ich habe das Buch am 30. bestellt. Ich freu mich drauf, hab alle Bücher von ihm gelesen und fand “Ruhm” mit Abstrichen sehr gut. Die präsentierten Passagen finde ich witzig – verbehalten den Kontext, aus dem sie gerissen sind.

  4. Newfield sagt:

    Ohne die Kritik jetzt nochmals lesen zu mögen, meine ich mich zu erinnern, dass Herr Ebel neulich im TagesanzeigerBUND sehr zufrieden war «F»:

    http://www.derbund.ch/kultur/buecher/Alles-leer-hier/story/11392857

  5. Herr Sartorius sagt:

    Ich werde mich natürlich durch «F» lesen – und dann allenfalls verschärfen/ganzandersschreiben/revidieren. Die Kritiken lese ich dann wie gewohnt nach der eigenen Lektüre.

  6. Herr Sartorius sagt:

    Der tägliche Kehlmann, heute in der FAZ.

  7. michael sagt:

    also ich hab nach ca. 100 Seiten aufgegeben, v.a. Sprache fand ich unerträglich.