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Plattenkiste Vol. 34: Deerhunter

Benedikt Sartorius am Donnerstag den 13. Juni 2013

Die zu Beginn ärgerlichste Platte des bisherigen Jahres ist mittlerweile eine meiner Liebsten: «Monomania» von Deerhunter. Deshalb: Wiedermal eine Plattenkiste für diese grosse Band.

Sie sind die träumende Gitarren-Band der Gegenwart: Deerhunter um den musikbesessenen Posterboy Bradford Cox und den Gitarristen Lockett Pundt. Auf ihrer fünften Platte «Monomania» erinnert sich die Band aus Atlanta an die Nacht, ans Rebellentum und an die Popgeschichte. Doch die schimmernde Eleganz, die ihre grosse Echokammer-Platte «Halcyon Digest» und das labyrinthisch-drogenselige Doppelalbum «Microcastle/Weird Era Continued» ausgezeichnet haben, scheint auf «Monomania» verschwunden. Vielmehr frönt das umbesetzte Quintett dem dreckigen und speckigen Pub-Rock’n’Roll, der zunächst arg befremdlich, weil zu flüchtig hingeschmissen wirkt.

«Nocturnal Garage» nennen Deerhunter diese abgetakelte, unmittelbar aufgenommene Rock-Spielart, die spätestens in der zweiten Hälfte ihre grossen Momente entfaltet: Traumwandlerisch, wie die Band mit «Sleepwalking» eines der schönsten Gitarren-Lieder dieses Jahres erspielt, wie Cox auf dem Boot des «Dream Captain» mitsegeln will, und wie das dröge Gerocke von «Pensacola» im Albumkontext dann doch noch Sinn ergibt.


Schliesslich steigt mit dem Titeltrack
die Band ins Finale dieser klug aufgebauten Platte: Das Schlagzeug drischt, die Gitarren übersteuern, die Stimme schreit «Monomaniamonomaniamonomania», bis das Trommelfell platzt und die Flucht aus diesem Trip mit dem aufheulenden Motorrad gelingt. Der Rausch hat ein Ende und nur der Sänger und eine Lottergitarre bleiben verloren zurück, ehe über das Dasein Bilanz gezogen wird: «For a month I was punk / I rembered all my drunk», heisst es in «Punk (La Vie d’Antérieure»), denn die Maske des Draufgängers, die Cox zu Beginn des Albums trägt, ist hier, am Ende der Nacht, gefallen.

So ist «Monomania» eine Platte, die viel mehr enthält als nur hingeworfene Songskizzen. Es ist ein Dokument einer widerborstigen Band, die in immer neue Rollen schlüpft, und der Rock’n’Roll-Geschichte immer wieder aufregende und bewegende Kapitel hinzufügt.
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Deerhunter spielen am 30.10. freundlicherweise im Fri-Son. Eine kurzfristige Reise nach England ist dennoch noch immer nicht aus allen Traktanden gefallen – auch wegen diesem Mix.

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Ein Kommentar zu “Plattenkiste Vol. 34: Deerhunter”

  1. Herr Sartorius sagt:

    Man kann es auch patenmässig übersetzen, wie es mir mit dieser Platte ergangen ist: