Gotteserfahrungen

Hugo Stamm am Samstag, den 25. März 2006

Mir wird immer wieder vorgeworfen, ich sei nicht befugt, über spirituelle oder religiöse Themen zu schreiben, da ich unfähig sei, übersinnliche Erfahrungen zu machen. Gläubige Leser sprechen mir die spirituelle Kompetenz rundweg ab. Sie erwarten von ihren Gesprächpartnern ein Glaubensbekenntnis, weil sie wissen wollen, woran jemand glaubt.
Ich werde mich hier nicht outen, denn es spielt keine Rolle, woran ich glaube. Mir geht es darum, Missbräuche aufzuzeigen und die Leser zu sensibilisieren. Würde ich ein Glaubensbekenntnis abgeben, käme ich erst recht in Teufels Küche. Wenn ich mich beispielsweise als Spiritist oder Schamane zu erkennen geben würde, könnten mich die strenggläubigen Christen in eine Schublade stecken. Er kritisiert uns, weil er ein Heide ist und die germanische Spiritualität propagieren will, würde mir vorgeworfen. Und wäre ich Mitglied einer Freikirche, würden die Esoteriker erklären, ich vertrete mit meiner Kritik persönliche Interessen.
Nur so viel: Ich befasse mich seit über 30 Jahren mit religiösen Gruppen und Fragen. Da kann man vermutlich davon ausgehen, dass mich metaphysische und spirituelle Fragen sehr interessieren. Doch ich mache sie nicht zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion.
Da mich viele Blog-Teilnehmer gern belehren (und bekehren) möchten, habe ich einen Vorschlag: Schreibt Eure Gotteserfahrungen und spirituellen Schlüsselerlebnisse in prägnanter Form in den Blog. Vielleicht können wir auf diese Weise das gegenseitige Verständnis etwas fördern und müssen uns für einmal nicht gegenseitig kritisieren. (Es ist natürlich trotzdem erlaubt, auf einzelne Beiträge zu antworten.) Und vielleicht gewinne ich dabei auch ein paar neue Einsichten. (Wer seine persönlichen Erlebnisse nicht öffentlich kund tun möchte, kann ein Pseudonym wählen.) Ich bedanke mich schon im voraus für Eure Beiträge.

Kampf für die Freiheit

Hugo Stamm am Mittwoch, den 22. März 2006

Viele Leser fühlen sich durch meine kritischen Texte angegriffen, manche Reaktionen fallen heftig aus. Ich führe einen Feldzug gegen alle möglichen Glaubenskonzepte und spirituelle Erkenntnisse, werfen sie mir vor. Und gelangen zur Überzeugung, ich sei ein „gottloser“ Mensch ohne Einfühlungsvermögen.

Ich gebe es zu: Der Vorwurf der Intoleranz trifft mich. Toleranz ist für mich die Voraussetzung für Emanzipationsprozesse. Deshalb ist es mir ziemlich egal, was jemand glaubt. Das ist seine Privatsache. Und ich respektiere die verfassungsmässig garantierte Glaubens- und Kultusfreiheit. Ich lasse mich bei meiner Aufklärungsarbeit ja gerade vom Gedanken der geistigen Freiheit leiten. Doch genau diese Freiheit versuchen viele radikale Glaubensgemeinschaften und spirituelle Gruppen einzuschränken. Sie missionieren und drängen den Neugierigen mit fragwürdigen suggestiven Mitteln ihre Weltanschauung, ihren Glauben oder ihr spirituelles Konzept auf.

Ich will niemanden von seinem Glauben abbringen, niemanden von irgend etwas überzeugen (ausser natürlich dem Freiheitsgedanken). Vielmehr versuche ich anhand von Missbräuchen aufzuzeigen, wie wichtig die geistige Autonomie ist.

Freiheit und Glauben müssen nicht in Widerspruch zueinander stehen. Auch als gläubiger Mensch kann ich dem Freiheitsprinzip nachleben. Man ist kein Ketzer, wenn man kritische Fragen stellt. Es muss auch in Glaubensgemeinschaften erlaubt sein, Autoritätspersonen und Dogmen zu hinterfragen. Wo dies nicht möglich ist, herrschen sektenhafte Strukturen vor.

Mit meinen Texten versuche ich, die Leser in dieser Hinsicht zu sensibilisieren. Dies ist gerade in Glaubensfragen wichtig. Wohl in keinem andern Lebensbereich ist die Sehnsucht nach Heil und Erlösung so gross. Nirgends sonst ist die Möglichkeit der Beeinflussung grösser. Um nicht von euphorischen Gefühlen mitgerissen und von spirituellen Autoritätspersonen instrumentalisiert zu werden, brauchen wir gerade in Glaubensfragen die geistige Freiheit. Nur so können wir prüfen, ob eine Gemeinschaft seriös ist oder ob sie mit verdeckten Methoden versucht, uns in eine Scheinwelt zu locken und in eine Abhängigkeit zu ziehen.

Fromme aus Freikirchen werfen mir vor, ich sei gar nicht berechtigt, in Glaubensfragen zu urteilen, denn ich hätte keinen Massstab. Es gäbe nur eine wahre Richtschnur, nämlich die Bibel. Es gibt aber auch das Prinzip der geistigen Freiheit als Leitlinie. Wenn ich die vielen Missbräuche im spirituellen und religiösen Bereich erlebe, dann regt sich bei mir auch der Gerechtigkeitssinn. Denn religiöse Manipulation ist für mich Freiheitsbeschränkung. Ich möchte die Leser ermuntern, sich gegen einseitige Beeinflussung und Beschneidung der Freiheit zu wehren.

Kindliche Paradiesvisionen

Hugo Stamm am Samstag, den 18. März 2006

Wissenschaft und Technik haben unsere Welt in den vergangenen 50 Jahren radikal verdinglicht. Unser Weltbild ist nüchtern geworden, wir haben uns zu rational denkenden Wesen entwickelt, die sich in einer hochtechnischen und auf materielle Effizienz ausgerichteten Alltagsrealität zurechtfinden müssen. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse prägen zunehmend unser Bewusstsein, viele Geheimnisse sind entzaubert worden. Wir müssen uns immer mehr von Illusionen verabschieden. Es besteht die Gefahr der emotionalen Öde. Deshalb sind die „coolen Typen“ hype, mit der Spass- und Eventgesellschaft versuchen wir, die Defizite auszugleichen.

Religiöse und spirituelle Heilskonzepte werden als wirkungsvolles Rezept gegen die grassierende Coolness gepriesen. Tatsächlich erleben wir die Renaissance einer neuen Religiosität. Die Grosskirchen leeren sich zwar, dafür boomen die Kleingruppen unterschiedlichster Couleur. Ich habe gegen 1000 solcher Zirkel und Bewegungen im Archiv. Und das Feld der Parallelreligionen wächst ungebremst weiter. Die kalte Welt fördert die Sinnsuche. Viele fahren mit dem Einkaufswagen durch die Regale des spirituellen Supermarktes und stellen je nach Stimmung die aktuellen Ingredienzien für den neuen Tag zusammen. Mal sind es Tarotkarten, dann ein Barockengel aus hellblauem Glas, ein Buch über Schamanismus, ein Heilstein, eine astrologische Prognose, ein Rückführungsseminar, eine Jenseitssession oder ein Lichtnahrungsprozess.

Erstaunlich ist die Diskrepanz der rational geprägten Alltagsrealität und der archaischen Mythen religiöser Heilsvorstellungen. Hindus fahren im Hightech-Auto zum Tempel und beten kitschige Fratzen von bösen Dämonen an. Ein Esoteriker, der bei Contraves Teile für ein Raumfahrzeug konstruiert, lernt am Abend im Engelseminar seinen persönlichen pausbäckigen Schutzengel kennen und verehren. Ein Computerspezialist wohnt am Samstag in einer Freikirche einem Exorzismusritual bei. Die Managerin einer Hightechfirma tanzt bei der Sonnenwendfeier im Wald um ein Feuer, fühlt sich als Hexe und umarmt Bäume.

Im Alltag leben wir in einer hochmodernen Welt und programmieren unser Bewusstsein nach rein rationalen Kriterien. In der spirituellen und religiösen Welt dominieren hingegen Mythen aus der grauen Vorzeit. Da herrschen Gottesbilder, wie sie kleine Kinder entwerfen. Und wir versinken gern in eine esoterisch-spirituelle Sphäre, die mehr an eine paradiesische Märchenwelt erinnert, als an ein differenziertes mystisches Konzept.

Können wir ungestört in derart gegensätzlichen Welten leben und nach Belieben hin und her switchen? Kann man eine Synthese vollziehen, ohne eine geistige Spaltung zu provozieren? Oder hat es etwa damit zu tun, dass sensible Spirituelle oder Fromme nach einem euphorischen Gotteserlebnis oder einem ekstatischen Ritual gelegentlich psychotische Reaktionen erleben?

Kluft zwischen Gott und Welt

Hugo Stamm am Dienstag, den 14. März 2006

Fromme charismatische Christen sind überzeugt, dass der Heilige Geist allgegenwärtig ist und sein gutes Werk an jenen vollbringt, die den rechten Glauben haben und sich als „wahre Christen“ entpuppen. Jesus ist ihr treuer Begleiter und beschützt sie. Und wenn doch einmal etwas schief geht, interpretieren sie es als Strafe Gottes für unkorrektes Verhalten, als Prüfung oder als Sabotage des Satans.

Auch esoterisch Interessierte haben klare Vorstellungen, wie die spirituelle Welt beschaffen ist. Sie glauben, die Gesetze der „anderen Realität“ zu kennen und die übersinnlichen Energien für sich nutzbar machen zu können. Spirituelle Meister behaupten, sie seien hellsichtig, telepatisch begabt und könnten mit den kosmischen, göttlichen Kräften kommunizieren. Sie sind quasi – nach eigener Ansicht – fähig, das Evangelium fortzuschreiben.

Das esoterische Publikum glaubt an solche Phänomene. Die Teilnehmer lernen in Workshops, über die spirituellen Energien nach Belieben zu verfügen. Sie glauben letztlich, erleuchtet zu werden, also göttliche Fähigkeiten zu erlangen. In Rückführungsritualen wandern sie zurück in frühere Leben und machen angebliche karmische Belastungen aus. (Eine Zwischenbemerkung: Viele Esoteriker entdecken, dass sie in einem früheren Leben Cleopatra waren. Auf der Welt tummeln sich momentan mehrere Tausende wiedergeborene Cleopatras…)

Oder nehmen wir die positiven Denker. Sie glauben, durch mantramässige Suggestion und Selbstprogrammierung alles und jedes erschaffen oder manifestieren zu können. Wenn ich zum Beispiel meinem Bankkonto jeden Abend vor dem Einschlafen viel Energie zukommen lasse, wird es automatisch wachsen, sind sie überzeugt. Denn alles, was ich im Geist kreiere, wird sich im Materiellen verwirklichen.

Fromme Christen wie Esoteriker machen sich die religiösen oder spirituellen Phänomene verfügbar. Gott greift ihrer Meinung nach täglich und überall in die Welt ein, der Heilige Geist wirkt in der Alltagsrealität. Er ist stets zu unseren Diensten, kontrolliert und belohnt uns. Oder er lässt es zu, dass uns der Satan bestrafen kann. Das Gottesbild der Frommen entspricht weitgehend unseren Sehnsüchten, Ängsten und unserem begrenzten Bewusstsein.

Ähnlich verhält es sich mit der spirituellen Welt. Die „andere Realität“ ist ein Abbild unserer Bedürfnisse und Wünsche. Die übersinnlichen Energien sind so beschaffen, dass sie sich angeblich optimal zur Befriedigung unserer handfesten Erwartungen eignen.

Erstaunlich ist, dass sich viele religiöse und spirituelle Phänomene nur schwer mit unseren menschlichen Erfahrungen und Erkenntnissen in Deckung bringen lassen. Zwischen der weltlichen Realität und den übersinnlichen Ideen klafft ein unüberwindlicher Graben. Deshalb müssen wir viele kognitiven Erkenntnisse verdrängen, um religiöse und spirituelle Konzepte ungetrübt verinnerlichen zu können.

Wenn Gott aktiv in den Alltag der Menschen eingreifen würde, könnte er angesichts der Ungerechtigkeiten und des Leidens von Millionen kaum mehr ruhig schlafen. Und wenn medial begabte Esoteriker tatsächlich göttliche Botschaften von den kosmischen Hierarchien empfangen könnten, müssten ihre prophetischen Prognosen die Menschheit vor manchem Unheil bewahren.

Vorwurf des sexuellen Missbrauchs

Hugo Stamm am Mittwoch, den 8. März 2006

In letzter Zeit melden sich vermehrt verzweifelte TA-Leser bei mir, die fast identische Geschichten erzählen. So auch heute wieder. Ein Vater erzählte, seine 25-jährige Tochter beschuldige ihn aus heiterem Himmel des sexuellen Missbrauchs. Er habe sich an ihr vergriffen, als sie noch ein Kind gewesen sei. Der Leser war vor den Kopf gestossen. Seine Tochter will ihn bei der Polizei anzeigen, berichtete er. Sie habe den Kontakt zur Familie von einem Tag auf den andern abgebrochen. Auch zu ihrer Schwester.

Was der Leser weiter berichtet, ist beinahe klassisch, die Muster gleichen sich: Junge Frauen, die in einer Sinnkrise stecken oder psychische Probleme haben, suchen bei Geistheilern, spirituellen Meistern, esoterischen Therapeutinnen, Medien usw. Rat und Hilfe. Als Therapie bieten diese Meditationen, Seminare oder spirituelle Rituale an. Im Gegensatz zur Psychotherapie, die oft mehrere Jahre dauert, sollen die spirituellen Methoden schnelle und wirksame Erfolge bringen, wird den Klienten versprochen. In den Augen der Geistheiler und Medien sind psychische oder psychosomatische Symptome Ausdruck spiritueller Defizite.

In vielen Fällen helfen die alternativen Methoden aber nicht, weshalb die Anbieter in Argumentsnotstand kommen. Und wenn sich persönliche Probleme wie Ängste und depressive Verstimmungen nicht lösen lassen, gibt es in vielen esoterischen Kreisen eine Standardantwort: Die Verstrickungen oder traumatischen Erlebnisse seien so gravierend, dass selbst alternative Methoden nicht richtig greifen würden. Dann muss ein sexueller Übergriff vorliegen, behaupten viele Heilerinnen. Erstaunlicherweise folgt die Bestätigung der eigenartigen Diagnose auf dem Fuss. Ich sehe den Missbrauch in Deiner Aura, lautet dann die Antwort. Oder ich habe die Botschaft von den aufgestiegenen Meistern auf medialem Weg empfangen.

Der oben erwähnte TA-Leser bat seine Tochter um ein klärendes Gespräch. Dabei gab sie zu, sich nicht an die angeblichen sexuellen Übergriffe erinnern zu können. Er habe sie missbraucht, als sie geschlafen habe. Auf den Einwand des Vaters, dann wäre sie doch sicher erwacht, wusste die Tochter keine Antwort. Auch das Gespräch mit der Mutter verlief ergebnislos. Diese erklärte ihrer Tochter, dass sie es bemerkt hätte, wenn sich der Vater an ihr vergriffen hätte. Als sie realisierte, dass die Mutter ihrem Vater mehr Glauben schenkte, brach die Tochter den Kontakt abrupt ab.

„Spirituelle Diagnosen“ zu stellen und diese als reine Tatsachen darzustellen, ist eine Anmassung. Ausserdem bezichtigen die „Therapeutinnen“ wahllos Personen eines schweren Verbrechens, die sie nicht kennen. In ihrer Selbstüberschätzung und spirituellen Verblendung stellen sie reine Spekulationen als Tatsachen dar. Ich kenne viele solche Beispiele. Es gibt auch Väter, die zu Gefängnisstrafen verurteilt worden sind – wahrscheinlich zu Unrecht.

Mir ist bewusst, dass es viele sexuelle Übergriffe in Familien gibt. Ich bin sehr dafür, dass Töchter bei handfestem Verdacht ihre Väter einklagen. Es ist für mich aber ein übler Missbrauch, wenn spirituelle Meister oder weibliche Medien ihren Klientinnen den vermeintlichen Missbrauch einreden und als „Beweis“ dafür spirituelle Argumente anführen. Doch zur Rechenschaft ziehen lassen sich die „Therapeuten“ leider nicht. Verantwortlich sind nur die Personen, die sich manipulieren lassen.

Angst schränkt die Freiheit ein

Hugo Stamm am Freitag, den 3. März 2006

Glauben und Angst sind unheilige Geschwister. Im Windschatten von Ideologien, religiösen Heilsrezepten und spirituelle Konzepte segelt stets die Angst mit. Zwar versprechen alle Gurus, Meister und Propheten die geistige, religiöse oder spirituelle Befreiung, oft auch die absolute Freiheit, doch die Frohbotschaft marschiert durchwegs einher mit der Drohbotschaft.

Ein paar Beispiele.

Christen, die kein gottgefälliges Leben führen und sündig werden, verpassen das Seelenheil. Ihnen wird mit der Apokalypse, dem Fegefeuer oder der Hölle gedroht. In vielen Freikirchen lauert sogar der Satan hinter Büschen und Hausecken. Die Bedrohung wird greifbar.

Auch im Koran finden sich viele Drohbotschaften, im Hinduismus gibt es Hunderte von bösen Geistern und Dämonen, die es täglich zu besänftigen gilt – zum Beispiel mit Opfergaben. Und wer karmische Belastungen auf sich lädt, wird im nächsten Leben dafür bestraft: Er kommt in einer tieferen Kaste zur Welt.

Dass in traditionsreichen Glaubensgemeinschaften, deren geistige Wurzeln mindestens 1500 Jahre alt sind, das Angstprinzip enthalten ist, lässt sich mit dem damaligen Weltbild erklären. (Deshalb hat die evangelisch-reformierte Kirche die Drohbotschaften schon zu einem guten Teil aus den Kirchen verbannt.) Erstaunlich ist aber, dass die „modernen“ esoterischen Erlösungsprinzipien den alten Zopf übernommen haben. Spirituelle Gemeinschaften und Meister kennen ebenfalls ein „Strafsystem“. Wer nicht meditiert, übersinnliche Rituale betreibt oder das höhere Bewusstsein entwickelt, vegetiert als dumpfer Geist auf der grobstofflichen Ebene. Er hat nie die Chance, erleuchtet zu werden und den Wiedergeburtszyklus zu durchbrechen.

Wer Angst hat, kann nie frei werden. Ich werde oft gefragt, ob es denn keine guten Sekten gebe. Meine Antwort: Nur Gemeinschaften, in denen ein Klima der Angstfreiheit herrscht, sind auch frei von sektenhaften Aspekten.
Weshalb regiert denn in fast allen Glaubensgemeinschaften und spirituellen Kreisen – mehr oder weniger ausgeprägt – die Furcht? Es ist in erster Linie eine Macht- und Geldfrage. Über die Angst können Menschen diszipliniert werden. Glaubensgemeinschaften, in denen das Freiheitsprinzip das höchste Gut ist, müssen damit rechnen, dass sich die Mitglieder die Freiheit herausnehmen, lautstark Kritik zu üben, Protest anzumelden und locker den Austritt zu geben, wenn sie sich nicht mehr wohl fühlen.
Die Krux liegt darin, dass sich die religiösen oder spirituellen Fundamente nicht in Einklang mit den kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen der modernen Zivilisationen bringen lassen. Aufklärung, Emanzipationsbestrebungen und Eigenverantwortung führen zu individuellen und sozialen Freiheiten. Angst hingegen hemmt den Prozess der Bewusstseinserweiterung. Die weltlichen und religiösen Entwicklungen driften immer weiter auseinander.

Kopftuch in der Schule

Hugo Stamm am Montag, den 27. Februar 2006

Seit dem Streit um die Karikaturen von Mohamed ist die Frage nach der Integration von Moslems in der westlichen Welt aktueller denn je. An Stammtischen wird lautstark gefordert, die Zuwanderer sollen entweder unsere Gepflogenheiten übernehmen oder sich wieder dorthin verziehen, wo sie hergekommen sind.

So einfach geht das nicht. Moslems haben selbstverständlich das Recht, ihre Religion auszuüben und Bräuche zu pflegen. Wenn sie allerdings unerbittlich an der religiösen Pflichtenlehre Scharia festhalten, dann klaffen unüberbrückbare Klüfte zwischen unserem freiheitlichen gesellschaftlichen Konzept und der moslemischen Weltanschauung.

Die individuelle Freiheit ist ein Grundpfeiler unseres Selbstverständnisses. Strenggläubige Moslems leben aber ihre Dogmen nicht nur in der Mosche oder beim Gebet, sondern wenden die Glaubensgrundsätze auch im Alltag konsequent an, wie es die Scharia verlangt. Die islamischen Gesetze gelten auch in gesellschaftlichen Belangen als Richtschnur. Es gibt keine Trennung von säkularer und religiöser Welt.

Unser westlicher Lebensstil widerspricht vor allem bei den moralischen Vorstellungen der Scharia. Für strenggläubige Moslems ist unsere Gesellschaft ein Ort der permanenten Versuchung und Verführung. Das erklärt auch, weshalb sich viele Moslems gegen die Integration in unsere „sündige Welt“ wehren. Aus ihrer Sicht ist das auch verständlich. Es macht deshalb wenig Sinn, die älteren Einwanderer „bekehren“ zu wollen.

Anders sieht es meines Erachtens bei ihren Kindern aus, die hier zur Schule gehen. Sie wachsen in unsere Kultur hinein. Deshalb sollten wir von ihren Eltern verlangen, dass sie unsere Gepflogenheiten wenigstens teilweise akzeptieren. Dazu gehören beispielsweise der Turnunterricht und das Klassenlager. Wenn andersgläubige Schüler nicht daran teilnehmen dürfen, werden sie ausgegrenzt. Und Kinder haben nun mal den gesunden Drang, zur Gemeinschaft zu gehören und akzeptiert zu werden. Die Lehrer sollten unbedingt mit den Eltern sprechen und ihnen die negativen Konsequenzen aufzeigen.

Ich bin auch dagegen, dass Mädchen in der Schule ein Kopftuch tragen. Sie werden dadurch noch mehr zu Aussenseitern. Und wenn sie und ihre Eltern erleben, dass man auch ohne Kopftuch ein guter Moslem sein kann, wird die Selbstverantwortung gestärkt. Sie lernen eher, Entscheide zu fällen und nicht alle Handlungsanweisungen aus der Scharia zu beziehen. Vielleicht setzt ganz sanft ein Bewusstseinsprozess ein. Und die Kinder stellen zu Hause Fragen, die sich strenggläubige Moslems nie zu stellen wagen. Die Eroberung der Freiheit ist immer ein schmerzhafter Prozess. Man kann aber das Freiheitsbewusstsein trainieren wie einen Muskel. Und nach jedem Muskelkater steigt die Leistung. Und die Freude über die neu gewonnene (geistige) Autonomie. Das gilt aber nicht nur für Moslems, sondern für uns alle. Denn wer nicht ständig für die Freiheit kämpft, kann sie eines Tages verlieren, ohne es zu realisieren.

Alles nur Suggestion?

Hugo Stamm am Dienstag, den 21. Februar 2006

Religiöse Rituale können ganze Sturzbäche an Glückshormonen auslösen. Mit geschlossenen Augen und verklärtem Gesicht die erhobenen Arme im Takt eines Gospelsongs zu wiegen – was für ein emotionales Schaumbad! Überhaupt ein charismatischer Gottesdienst mit kräftigen Worten des lautstarken Predigers, der erklärt, Jesus sei gerade hier anwesend: Eine Wucht!

Oder im Kreis von erwartungsfrohen Gleichgesinnten im Schneider- oder Lotussitz eine Meditation absolvieren, die ein attraktives Medium mit sonorer Stimme leitet: Die Energien fliessen wie nie. Oder ein Hexenritual zur Sonnenwende an einem Feuer im Wald. Oder bei einer Rückführung die Entdeckung, in einem früheren Leben Kleopatra gewesen zu sein. Oder ein Tatra-Seminar, in dem wir lernen, die Sexualität in spirituelle Energie umzuwandeln. Solche religiösen oder spirituellen Gemeinschaftserlebnisse lassen uns Grenzen sprengen und in neue Dimensionen vorstossen. So jedenfalls kommt es uns vor.

Übersinnliche Erlebnisse sind spezielle Momente im Leben. Wir sehnen uns solche Situationen herbei. Und fragen uns selten, was dabei abgeht. Eine rationale Auseinandersetzung mit solchen Phänomenen könnte das emotionale Erleben stören. Doch wie bei jeder (sehr verständlichen) Sehn-Sucht wäre ein bisschen Ursachenforschung kaum fehl am Platz.

Viele spirituelle Sucher gelangen zur Überzeugung, dass das Glücksgefühl Ausdruck der spirituellen Entwicklung sei. Wenn Gläubige bei einem charismatischen Gottesdienst ausflippen, glauben sie in ihrer Euphorie, ihrem Jesus besonders nah zu sein und in seiner Gnade zu stehen. Für sie ist die Euphorie Ausdruck der richtigen Frömmigkeit und eine Belohnung von Jesus. Viele fromme Frauen gestehen denn auch freimütig, dass Jesus ihr „erster Liebhaber“ ist, also dem eigenen Ehemann den Rang abläuft.

Ähnlich verhält es sich bei spirituellen Ritualen. Die Teilnehmer interpretieren die emotionalen Highlights als Beweis der raschen spirituellen Entwicklung. Das Glücksgefühl während eines Rituals interpretieren sie als weiteren grossen Schritt zur Erleuchtung.

Solche Interpretationen können verhängnisvoll sein. Spirituelle oder religiöse Rituale sind hoch suggestiv, vor allem, wenn sie mit einer grossen Sehnsucht und hohen Erwartungen verbunden sind. Ausserdem wird die euphorische Stimmung durch das Gemeinschaftserlebnis gefördert. Gegen solche Erlebnisse ist nichts einzuwenden, ich gönne sie allen. Doch allfällige Fehlinterpretationen können sich negativ auswirken. Sie führen oft zu einer Überschätzung der eigenen spirituellen Fähigkeiten. Und – verbunden damit –in eine Scheinwelt. Deshalb ist es auch bei religiösen oder spirituellen Erfahrungen sinnvoll, gelegentlich Vernunft und Verstand als Kontrollinstanz einzusetzen. Sonst droht eine religiöse Verblendung, die zu unliebsamen psychischen Reaktionen führen kann. Schon mancher, der in spirituelle Grenzbereiche vorgestossen ist, provozierte schmerzhafte psychotische Symptome.

Rückfall ins geistige Mittelalter

Hugo Stamm am Freitag, den 17. Februar 2006

Es scheint, als fresse die Aufklärung in jüngster Zeit ihre eigenen Kinder auf. Und das zur Unzeit.

Geistige Wissenschaften, wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften haben im letzten Jahrhundert aufgeräumt mit vielen abstrusen Vorstellungen und Anschauungen. Psychologische Erkenntnisse bewiesen zum Beispiel, dass unsere Vorfahren viele bedrohliche Phänomene falsch interpretiert hatten. Nehmen wir die Aggressionen. Diese wurden ehemals als Produkt dämonischer oder okkulter Kräfte interpretiert. So galten früher im Christentum psychische Depressionen und Psychosen als satanische Besessenheit, die mit Exorzismusritualen „therapiert“ wurden. Naturvölker „befreien“ psychisch Kranke heute noch mit Voodoo-Ritualen.

Dank der psychologischen Erkenntnisse wissen wir heute, dass damit der Teufel mit dem Belzebub ausgetrieben wird. Statt Heilung erfahren die Kranken eine weitere Dramatisierung: Die Vorstellung, dass Dämonen den eigenen Körper besetzen, verstärkt die Angst, falls keine Spontanheilung eintritt. Und wenn die Angst grösser wird, verstärken sich oft die Krankheitssymptome.

Heute schmeissen viele Zeitgenossen die Errungenschaften der Aufklärung auf die Müllhalde der Geschichte. Der Aberglaube kehrt mit grosser Wucht zurück. Viele Menschen sind enttäuscht, dass die Wissenschaften ihre Versprechen vom baldigen Paradies auf Erden nicht einhalten konnten. Die Krebsraten steigen, Aids bekommen wir nicht in den Griff, die Vogelgrippe kann sich zur Pandemie ausweiten usw. Und die Globalisierung konnte Armut und Hunger auch nicht beseitigen. „Göttlich“ wurden wir Menschen nur bei der Eroberung des Weltalls. Doch davon haben die meisten Menschen nichts.

Krisen, Ängste und Unsicherheiten sind der beste Nährboden für Fundamentalismus und Aberglauben. Ausdruck davon ist unter anderem der grassierende christliche Fundamentalismus in den USA, aber auch in der Schweiz. Und die Verquickung von Glauben und Politik. So haben die Freikirchen Georg W. Bush zum Sieg verholfen, der bekanntlich selber ein Frommer ist. Und auch bei den Wahlen in Züricher Gemeinden legten EVP und EDU zu. Es gilt: In Krisenzeiten flüchten viele Verunsicherte zurück zu den Wurzeln, in die vermeintlich heile Welt.

Von der abergläubischen Tendenz profitieren auch die radikalen Formen der Esoterik. Man traut der „grobstofflichen“ Welt nicht mehr und flüchtet in die spirituelle.

Müssen wir Aberglauben, Fundamentalismus und spirituelle Spekulation wie ein Naturgesetz hinnehmen? Lässt sich die Krise der Aufklärung – siehe Karikaturenstreit – bremsen? Gibt es Rezepte, um zumindest den schlimmsten Formen des Aberglaubens entgegen zu wirken? Müssen wir einfach weiter aufklären, und die Tendenz der Anti-Aufklärung zu überwinden?

Wo bleibt das Wassermann-Zeitalter?

Hugo Stamm am Samstag, den 11. Februar 2006

Die Esoteriker haben uns vor bald 50 Jahren das Wassermann-Zeitalter versprochen. Im Gegensatz zum auslaufenden „brutalen“ Fische-Zeitalter versprachen uns die spirituellen Sucher eine neue Epoche, in der wir Menschen das höhere Bewusstsein erlangen würden. Und so besang das Musical Hair in den 1970-er Jahren euphorisch den „acuarios“. Im neuen Zeitalter würde sich die Menschheit auf spirituelle Werte besinnen und zu sanften Wesen mutieren, verkündeten die Esoteriker.

Doch seit das Wassermann-Zeitalter angebrochen ist, dreht sich die Spirale der Gewalt und Konflikte immer schneller. Die Zahl der Krieg steigt laufend, der Terrorismus bedroht die westliche Welt, der Nahost-Konflikt eskaliert, Irak und Iran sind brandheisse Herde, und der Karikaturenstreit zeigt, wie feindlich sich die arabische und westliche Welt gegenüberstehen. Man stelle sich vor: Die Ressentiments und Vorurteile in den beiden Kulturen sind so gross, dass ein paar (schlechte) Zeichnungen reichen, um die politische Weltbühne zu erschüttern. Wie wünschte man sich in diesen gefährlichen Tagen einen „Wassermann“, der die hasserfüllten Gemüter auf ihre spirituellen Werte verpflichten und ihre Gemüter besänftigen würde. Doch das Wassermann-Zeitalter ist ebenso eine Illusion wie viele andere esoterische Heilsvorstellungen.

Der „Wassermann“ bescherte uns nicht ein sanftes Bewusstsein, sondern einen See voller Aberglauben. Trotz Aufklärung, wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Fortschritten greift der Aberglaube rasend schnell um sich. Tatsächlich neigt der Mensch in Krisenzeiten dazu, sich eine Scheinwelt zu bauen, in die er flüchten kann, wenn die Ängste und Schmerzen zu gross werden. Dann vergisst er, was ihm geholfen hat, ein kulturelles Wesen zu werden.

Ein gerüttelt Mass an Aberglauben tragen in unsicheren Zeiten auch radikale Esoteriker bei, die eben glauben, das Schicksal der Menschheit hange von der Konstellationen der Gestirne ab. Dabei müssten wir uns gerade in heiklen Situationen auf unsere Vernunft stützen und nicht auf einen „Wassermann“ hoffen.