Die Sterne sind entlarvt

Hugo Stamm am Sonntag, den 14. Mai 2006

Passen nun Widder besser zu Steinböcken oder zu Jungfrauen? Oder hat eine Beziehung mit einer Waage vielleicht doch bessere Zukunftschancen? Doch was macht der Widder, wenn er einer intelligenten, fröhlichen und hübschen Fisch-Frau begegnet und sich Hals über Kopf verliebt? Soll er dann die Sterne fragen? Soll er ihnen glauben, wenn sie ihm ins Ohr flüstern: „Widder mit Fisch? Behüte Gott. Da kannst Du die Scheidung eingeben, bevor Du ihr den Ring an den Finger gesteckt hast.“
Ein Forschungsteam aus Deutschland und Dänemark wollte es wissen, wie es sich wirklich mit den Sternen und Sternzeichen verhält. Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Geburtsmonat, dem Sternzeichen und den Charakterzügen?
Professor Peter Hartmann von der Universität Arhus und seine Kollegen sammelten Daten und Informationen von über 15’000 Menschen, die sie aus verschiedenen Datenbanken bezogen. Ihre Resultate sind ernüchternd. Persönlichkeitsmerkmale seien nicht abhängig von Sternzeichen, erklären sie ohne Wenn und Aber. Die Zeit der Geburt sage nichts über die Charaktereigenschaften aus.
Das Resultat erstaunt zwar nicht wirklich, ist aber für einen Grossteil der Bevölkerung ein herber Dämpfer. Denn fast die Hälfte glaubt an die Macht der Sterne oder an die Sternzeichen. Tendenz steigend. Ich zweifle allerdings, dass sich diese von der wissenschaftlichen Studie verunsichern lässt. Gegen den Glauben an die Kraft der Gestirne ist kein (Vernunfts-)Kraut gewachsen. Warum? Weil es eben ein Glaube ist. Und der lässt sich nicht erschüttern. Auch nicht von den ausgewerteten Daten von 15’000 Personen. Und schon gar nicht von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Schliesslich würde ihr Weltbild zusammenkrachen, wenn sie die Hoffnung auf die Sterne verlieren würden. Schliesslich würde sich auch der Glaube an die Horoskope verflüchtigen. Somit wären viele Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte vergeblich gewesen. Und das Geld für die „Analysen“ aus dem Fenster geworfen. Und man müsste sich eingestehen, einem Aberglauben gehuldigt zu haben. Das wären schmerzliche Erkenntnisse. Deshalb glaubt man lieber, dass sich astrologische Erkenntnisse eben nicht mit wissenschaftlichen Methoden verifizieren lassen. Und so bleibt die Kirche im Dorf – oder eben im Sternenhimmel.
Gebildete Astrologen gehen sofort zum Gegenangriff über. Sie erklären, frühere Untersuchungen hätten gezeigt, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen den Charaktereigenschaften und dem Sternzeichen gebe. Was sagen die Wissenschafter um Peter Hartmann dazu? Die früheren Studien hätten nur kleine Probandengruppen untersucht und deshalb keine statistisch relevanten Resultate hervorbringen können.
Warum soll man nicht an die Sterne oder den Einfluss der Sternzeichen glauben? Das ist doch harmlos, sagen viele, auch nicht Sternen-Gläubige. So einfach ist es leider nicht. Die Gefahr besteht, dass die Sterndeuter sich von Horoskopen abhängig machen, ihr Verhalten auf die Aussagen der Astrologen ausrichten und die Verantwortung an eine „höhere Macht“ abgeben. Viele befragen vor schwierigen Entscheiden die Sterne. Statt auf ihre Gefühle zu hören und die Lebenserfahrungen beizuziehen, überlassen sie die Entscheide den Astrologen oder den Sternen. Wobei wir bei meinem Lieblingsthema wären: Die geistige Freiheit ist vielleicht das wichtigste Gut, das es zu kultivieren und zu schützen gilt.
Wie sagen doch die Astrologen? Sterne lügen nicht. Kunststück: Sie können ja gar nicht reden.

Glaube: Eine Frage der Gene?

Hugo Stamm am Sonntag, den 7. Mai 2006

Zwei Brüder wachsen in ländlichem Milieu in einer katholischen Familie auf. Die Eltern sind „durchschnittliche“ Katholiken und besuchen gelegentlich den Gottesdienst. Sie bezeichnen sich aber nicht als besonders fromm. Und sie lassen ihren beiden Söhnen viel Freiraum – auch in religiösen Belangen.

Der jüngere entwickelte schon als Jugendlicher eine kritische Haltung dem Glauben gegenüber. Mit 20 Jahren bezeichnete er sich als Atheist, mit 30 als Agnostiker. Auf die Frage: „Gibt es einen Gott?“ pflegt er zu sagen: Niemand hat ihn gesehen, niemand kann seine Existenz nachweisen, und mit Spekulationen halte ich mich nicht auf. Es interessiert mich schlicht nicht.

Der Ältere wurde Messdiener und ging auf dem Schulweg oft in die Kirche, um eine Kerze anzuzünden. Als junger Mann trat er ins Kloster ein und wurde Jesuiten-Pater.

Die beiden Brüder mögen sich gut. Sie unternehmen zusammen oft Bergtouren. Kommen sie an einem Kreuz vorbei, kann sich der Agnostiker eine ironische Bemerkung nicht verkneifen. Und auch dem Mönch kommt gelegentlich eine humorvolle, religiös aber nicht ganz korrekte Bemerkung über die Lippen, wenn er seinen Herrn am Kreuz sieht. Und er frotzelt: Ein Leben ohne spirituelle Erfahrungen ist trostlos, und ein Kosmos ohne Gott wie ein schwarzes Loch.

Zwei Brüder, von den gleichen Eltern gezeugt und in der gleichen Familie, Schule und Kirchgemeinde sozialisiert, entwickeln sich geistig in konträre Richtungen. Wie ist das möglich? Oder anders herum: Weshalb werden die einen Menschen religiös oder gar streng gläubig, während für andere religiöse Gefühle eine unbekannte Grösse bleiben?

Ein Geheimnis, das weitere Fragen aufwirft: Sind religiös empfindende Menschen empathischer als areligiöse? Flüchten vor allem labile oder ängstliche Personen in den Schoss einer vermeintlich rettenden Glaubensgemeinschaft? Oder fehlt den areligiösen die Vorstellungskraft oder gar Phantasie? Ist mangelnde Spiritualität ein Charakterdefizit oder Ausdruck einer besonderen Realitätsbezogenheit? Zählen spirituell besonders tief empfindende Menschen zur geistigen Elite, weil sie mit einem speziellen Sensorium ausgestattet sind? Oder sind sie leichter verführbar? Sehnen sich besonders stark nach der Erlösung, weil sie sich rauen Diesseits verloren fühlen?

Wie auch immer. Bedenklich scheint mir zu sein, dass Gläubige jeder Couleur spirituelle und religiöse Empfindungen zur moralischen Norm erheben. In ihren Augen sind Personen, denen eine Frömmigkeit abgeht, erbarmenswerte Geschöpfe, die auf ewige Zeiten verloren sind, weil sie die Erleuchtung oder das Himmelreich verpassen werden. Dabei lassen sie exakt jene Demut und Bescheidenheit vermissen, die sowohl Esoterik wie Christentum predigen. Der Drang, sich über andere zu erheben, scheint ein urmenschlicher Instinkt zu sein, der sich nicht um Glaubensfragen kümmert.

Und was wäre, wenn das religiöse Empfinden eine Frage der Gene wäre? Der amerikanische Makrobiologe Dean Hamer behauptet, der Glaube sei – unabhängig von der Religion – eine Frage des Hirns und der genetischen Beschaffenheit. Er fand heraus, dass ein bestimmtes Gen in zwei Varianten vorkommt. Träger der einen Version neigen nach seinen Forschungen zu starken spirituellen Emotionen. Wer die 2. Variante in sich trägt, bewege sich lieber auf der rationalen Ebene.

Gestützt wird die Beobachtung durch den Umstand, dass eineiige Zwillinge sehr ähnliche religiöse Empfindungen entwickeln. Und das selbst dann, wenn sie nicht im gleichen Milieu aufwachsen. Danach wäre der Glaube an Gott die Folge einer biochemischen Reaktion.

Sind Naturwissenschafter die wahren Feinde Gottes? Oder sind sie einfach unfähig, religiös zu empfinden und wollen ihre rationalen Erkenntnisse zur Religion oder Heilslehre machen?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und den Aufschrei der Empörung in Grenzen zu halten: Ich glaube nicht, dass man religiöse oder spirituelle Empfindungen auf genetische Voraussetzungen oder chemische Prozesse reduzieren kann. Dazu ist unser Bewusstsein zu komplex. Die These von der genetischen Prägung ist aber ein Hinweis darauf, dass unsere Gefühle das Produkt aus einem wunderbaren Zusammenspiel von Körper Geist und Seele sind. Die religiösen genau so wie die „platonischen“ und sexuellen.

PS: Ich habe im Beitrag mit dem Titel „Relative religiöse Wahrheit“ geschrieben, die moderne Esoterik gehe unter anderem auf die Hermeneutik zurück. Das war ein Verschreiber. Seither nimmt Studi diesen immer mal wieder als Beweis für meine fachliche Inkompetenz. Zur Erklärung: Die Geheimlehre Hermetik geht auf den spätantiken Mystiker Hermes Trismegistos zurück. Und mit Hermeneutik schlug ich mich schon vor rund 35 Jahren im Studium herum. Ganz unbekannt ist mir der Unterschied grundsätzlich nicht…

Pferdegottesdienst

Hugo Stamm am Dienstag, den 2. Mai 2006

Im Evangelischen Pressedienst wurde ein Artikel verbreitet, der den ersten Pferdegottesdienst beschreibt. Für einmal enthalte ich mich eines Kommentares. Ich werfe nur ein paar Fragen auf: Feiern Menschen einen Gottesdienst im Beisein ihrer geliebten Pferde? Oder geht es um die Liebe der Menschen für ihre Tiere? Werden die Pferde gesegnet, damit sie ein langes, gesegnetes Leben haben? Sollen die Tiere vermenschlicht werden? Werden sie nach der Segnung in den Himmel kommen?

Hier nun der Artikel:

In der Manege stand ein hohes Birkenkreuz vor einem schlichten Tisch-Altar. Daneben eine Kutsche, die dem ehemaligen Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen als Kanzel dienen sollte. Das war die Kulisse für den ersten Pferdegottesdienst, der auf der internationalen Fachmesse “Hansepferd” in Hamburg gefeiert wurde. Unter den knapp 300 Besuchern in der neuen Showhalle A 3 auf dem Messegelände der Hansestadt waren auch zwei Dutzend Pferde.

“Wir wollen uns gemeinsam besinnen auf ein wunderbares Mitgeschöpf”, sagte Eberhard Fellmer, Ehrenpräsident des Hamburger Landesverbandes der Reit- und Fahrvereine zur Begrüßung. Zuvor hatten die Jagdhornbläser “Fürst Bismarck” standesgemäße Fanfaren zum Einzug der Pferde in die Gottesdienst-Halle geblasen. Wenn Gott das Pferd bei seiner Schöpfung vergessen hätte, würde Wesentliches fehlen auf der Welt, fügte Fellmer hinzu.

“Pferde haben eine Seele”, sagte Adolphsen in seiner Kutschenkanzel. Sie seien zudem treu, voller Liebe und “einer der wunderbarsten Partner des Menschen”. Dies bestätigte auch Hinrich Romeike, Reiter-Olympiasieger von 2004, der gemeinsam mit dem Ex-Hauptpastor in der Kutsche saß. Man müsse einem Pferd “nur in die Augen schauen”, sagte er. Dann könne man seine Sanftmut und seine Freundlichkeit sehen.

Auch Peter Kreinberg, Western-Reiter und Pferdezüchter, nannte die Pferde “sanfte Wesen”, die alles mit sich machen ließen. Man habe mit ihnen Kriege geführt, Kontinente erobert und sie als Arbeits- und Reittiere genutzt. Heute seien sie vor allem “Freizeit- und Sportpartner”, wollten aber auch als solche behandelt werden, nämlich: möglichst gut.
Die Pferde trabten während des Gottesdienstes im Kreis in der Manege herum, zum Teil mit, zum Teil ohne Reiter. Als einige von ihnen während der Predigt erstmals zu wiehern begannen, wurden sie aus der Halle geführt.

Die Anregung zu dem ungewöhnlichen Ereignis war von den “Hansepferd”-Veranstaltern gekommen. Und Adolphsen war “begeistert” darauf eingegangen: Hatte er doch auch im Michel schon wiederholt zu Tiergottesdiensten geladen. Dazu waren jedoch nie Pferde erschienen.
Affinitäten zum Thema hat der Gottesmann auch: Einer seiner Söhne war Sprecher der Olympia-Mannschaft der Vielseitigkeitsreiter in Athen, ein anderer Sohn ist Fachtierarzt für Pferde.

Die Kraft des positiven Denkens

Hugo Stamm am Donnerstag, den 27. April 2006

Die esoterische Weltsicht basiert über weite Teile auf den Vorstellungen des „positiven Denkens“. Was die wenigsten wissen, die den Begriff in harmloser Weise als durchaus sinnvolle Aufmunterung brauchen: Hinter dem unscheinbaren Allerweltsbegriff versteckt sich ein komplettes spirituelles Konzept, das sich optimal an die wirtschaftlichen und sozialen Ziele unserer Gesellschaft anpasst: Wie in unserem Alltag sind auch beim positiven Denken Effizienz, Erfolg und Egozentrik die zentralen Werte. Die Suggestivmethode erweist sich als angeblicher Zauberstab, mit dem sich auf „geistigem Weg“ und ohne Anstrengung angeblich alles auf der spirituellen und vor allem materiellen Ebene erreichen lässt. Es geht also beim eigentlichen positiven Denken nicht darum, mit Optimismus den Alltag zu bewältigen, sondern es beinhaltet ein Heilsystem, mit dem sich utopische Wunschvorstellungen vermeintlich mühelos realisieren lassen.
Beim positiven Denken geht es darum, unser Bewusstsein mit suggestiven Kräften zu programmieren. Das Credo: Wir sind, was wir denken, und die Welt lässt sich mit der geistigen Kraft des positiven Denkens beliebig bewegen. Wenn ich im Geist eine positive Welt kreiere, dann wird sich mir diese genau so manifestieren.
Für positive Denker funktioniert die Psyche wie ein Computer, den man programmieren kann. Doch das Unbewusste löscht keine Eindrücke, auch wenn man tausendmal die Delete-Taste drückt.
Vater des positiven Denkens ist der Amerikaner Joseph Murphy. Er hat unzählige Bücher dazu geschrieben. Er behauptet, die suggestive Methode garantiere Reichtum und Wohlstand. Alles, was wir in Gedanken visualisierten, verwirkliche sich in der materiellen Welt. Autos, Häuser und Wolkenkratzer waren laut Murphy einst lediglich Ideen oder Gedankenimpressionen im Geist eines Menschen, die ins Unterbewusstsein gesickert und später realisiert worden seien. Für ihn ist „Wohlstand eine Geisteshaltung“. Beim positiven Denken werde das Wachbewusstsein des Menschen von seinem Unterbewusstsein aktiviert, und „das Gesetz der Anziehung setzt Reichtümer zu ihm in Bewegung – aussersinnlich, geistig und materiell“, behauptet Murphy, ohne das Phänomen näher zu erklären.
Um reich zu werden, muss man sich laut Murphy nicht anstrengen, alles lässt sich im Schlaf erreichen. Beim Hinübergleiten soll ein Wort „festgehalten“ und wiederholt werden, nämlich der Begriff „Wohlstand“. „Reichtum ist eine gute Gewohnheit, Armut dagegen eine schlechte – das ist der ganze Unterschied zwischen Reichtum und Armut“, schreibt der Millionär Murphy in einem Anfall von Zynismus. Und er erklärt die Armut für eine geistige Krankheit.
Der Vater des positiven Denkens übergiesst alle Menschen mit Hohn und Verachtung, die ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit verdienen. Der Guru des positiven Denkens behauptet, im Schweisse des Angesichts zu Reichtum zu kommen sei lediglich eine zuverlässige Methode, früh auf dem Friedhof zu landen. Es sei völlig unnötig, seine Kräfte auf diese Weise zu verschwenden. “Wer sich reich fühlt, wird reich.”
Das positive Denken ist eine geistige Zwangsmethode. Die propagierten Effekte wie ein vollkommen angstfreies Leben, ewige Harmonie, absolute Gesundheit und Reichtum sind unreife Ziele und widersprechen allen Lebenserfahrungen. Hier werden kindliche Paradiesvisionen gezüchtet. Positive Denker können eine emotionale Regression erleiden. Es führt letztlich zu Narzissmus, Egoismus und zu einer Selbstvergottung.
Der Schweizer René Egli bringt es in seinem Buch „Das Lola-Prinzip“ auf den Punkt. Er schreibt: “Wir sind eins mit Gott. (…) Also: wir werden nicht sein wie Gott, wir sind Gott! (…) Entweder wir sind hier und jetzt Gott – oder wir werden es niemals sein. Wir sind Gott. Jetzt. Wir haben lediglich vergessen, dass wir Gott sind.” Die Geschichte lehrt uns aber, dass Menschen, die sich göttliche Fähigkeiten zugemessen haben, kein Segen für die Menschheit waren.

Blog für die Leser

Hugo Stamm am Sonntag, den 23. April 2006

In verschiedenen Beiträgen beklagen sich Blog-Teilnehmer, dass ich nicht auf ihre Argumente reagieren würde. Sie versuchen, einen Dialog zu provozieren und erwarten eine Antwort.

Mein Schweigen hat nichts mit Desinteresse oder Feigheit zu tun. Ich gebe gern zu, dass es mich bei manchen Beiträgen in den Fingern juckt, in die Tast zu greifen, um schwer nachvollziehbare Anwürfe oder Unterstellungen zu kontern. Ich unterdrücke solche Reflexe aus den folgenden Überlegungen heraus:

1. Ich betrachte den Blog als Diskussionsplattform für Interessierte. Ich will nicht als Schiedsrichter auftreten, sondern als Ideenlieferant. Hier sollen die Leserinnen und Leser die Regisseure sein und in einen Dialog miteinander treten können. Gerade für eine Zeitung finde ich diese Form eine wichtige Ergänzung, denn im Blatt findet meist eine Einweg-Kommunikation statt. Die Journalisten erklären die Welt (oder versuchen es), die Leser können nur noch nicken oder die Faust im Sack machen. Zwar gibt es noch die Leserbriefseite, doch dort sind die Möglichkeiten begrenzt. Die Beiträge müssen kurz sein, der Platz ist beschränkt, und die Leserinnen und Leser können nur noch reagieren, aber nicht kommunizieren.

2. Würde ich einzelne Beiträge kommentieren, würde ich wohl heftige Kritik provozieren. Viele würden mir Rechthaberei und Intoleranz vorwerfen. Als Verwalter des Blogs sässe ich immer am längeren Hebel.

3. Da ich in einem sensiblen Themenbereich publiziere, bei dem alle Menschen persönlich betroffen sind und sich als Fachfrau oder Fachmann fühlen, trete ich mit meinen Artikeln und Büchern vielen Menschen auf die Zehen. Kritisiere ich beispielsweise extreme Formen der Esoterik, erhalte ich Applaus von den Freikirchen. Thematisiere ich im nächsten Artikel Freikirchen, hagelt es Kritik von jenen, die mir eine Woche zuvor applaudiert haben.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ich mit meinen Beiträgen provoziere und viele Leser verärgere. Das trägt mir dann „Qualifizierungen“ wie Sektenguru, Fanatiker oder Sektierer ein. Würde ich regelmässig auf einzelne Blog-Beiträge reagieren, würde ich solche Vorurteile bestätigen.

Es ist nicht immer leicht, gehässige und verletzende Beiträge über mich lesen zu müssen, in denen ich als dummer Ignorant hingestellt werde. Manche fragen mich auch, weshalb ich mir dies antue. Wie ich oben ausgeführt habe, mache ich es aus Überzeugung. Ich will den Leserinnen und Lesern eine Diskussionsplattform bieten. Es würde mich aber freuen, wenn meine schärfsten Kritiker anerkennen würden, dass ich im Blog zeige, dass Toleranz für mich kein Fremdwort ist.

Ich möchte diese grundsätzlichen Gedanken nutzen, um allen zu danken, die sich gelegentlich auf den Blog verirren. Ganz besonderen Dank all jenen, die regelmässig vorbei schauen oder gar mit ihren Ideen und Gedanken das Forum bereichern. Im grossen und ganzen bin ich erfreut über die hohe Qualität der Diskussionsbeiträge. Ich kann ihnen versichern, dass ihre Beiträge Beachtung finden. Täglich klicken sehr viele Leserinnen und Leser den Blog an.

Kinder in Sekten

Hugo Stamm am Mittwoch, den 19. April 2006

Freudiges Ereignis bei der Familie Cruise: Toms junge Frau Katie Holmes hat ein Mädchen zur Welt gebracht. Damit haben „TomKat“ ihr Liebesglück mit der Geburt von Suri – so soll das Mädchen heissen – besiegelt.
Wie gross das Glück für das Kind sein wird, wird die Zukunft zeigen. Im Moment darf es sich wohl einfach glücklich schätzen, dass es noch ganz im Hier und Jetzt lebt. Und dass es nichts über den religiösen Hintergrund seiner Eltern weiss. Sonst würde es sich vielleicht hintersinnen.
Tom Cruise ist eine glühender und bekennender Scientologe. Und seine Frau wurde es auch, nachdem sie sich in den Schauspieler verliebt hatte. Liebe soll blind machen, sagt der Volksmund. (Manchmal hat er sogar recht.)
Somit ist das Schicksal von klein Suri (Prinzessin) besiegelt. Mindestens vorläufig. Das Mädchen wird scientologisch erzogen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Es hat keine Wahl. Dass ihm die Eltern damit wohl einen Bärendienst erweisen werden, weiss es (noch) nicht.
Was bedeutet eine scientologische Erziehung? Das Kind bekommt wohl eine Scientologin als Nanny. Dann wird es schon bald in den „Genuss“ von Kinder-Dianetik kommen, eine Art scientologischer Therapie. Es wird auf der Zeitspurt zurückwandern durch frühere Leben, 100’000 Jahre, vielleicht 1 Million Jahre. Dabei wird es nach so genannten Engrammen suchen, traumatischen Erlebnisse aus früheren Leben. Man wird ihm weis machen, dass ein böser Fürst Xenu uns vor etwa 75 Millionen Jahren geistig verkrüppelt hat. Es wird glauben, dass unsere Thetane (Seelen) von einem fernen Planeten eingewandert sind. Und man wird ihm eintrichtern, dass Errettung und Erlösung nur denjenigen zukommen werden, die (teure) Kurse bei Scientology belegen. Ja, wird man ihm sagen, wenn du schön brav die Schriften von Ron Hubbard studierst und Kurse absolvierst, dann wirst du ein Genie, dann winkt dir die Unsterblichkeit.
Und es wird natürlich eine Scientology-Schule besuchen oder von Scientology-Lehrern Privatunterricht erhalten. Somit schliesst sich der ideologische Kreis: Das Mädchen wird die Welt ausschliesslich durch die scientologische Brille erfahren. Und diese Brille ist mit Gläsern bestückt, welche die Welt total verzerren.
Und was passiert, wenn es diese Brille eines Tages ablegen will, um die Welt einmal mit blossen Augen zu betrachten?
Ein Lied davon könnte ein 15-jähriges Mädchen singen, das zusammen mit den Eltern in einer fernöstlichen Gurugemeinschaft aufgewachsen ist. Es hat jahrelang meditiert und für die Gruppe gearbeitet. Die Schule besuchte es nie. Dann gingen dem Vater die Augen auf, er verliess die Gruppe. Er wollte unbedingt, dass seine Tochter wenigstens einen Teil des Schulwissens nachholen konnte. Doch die Richter gaben das Sorgerecht der Mutter. Als das Mädchen zwölf war, begann es zu rebellieren. Es wollte die Gruppe verlassen. Doch es musste realisieren, dass es ohne Schulabschluss in der Gesellschaft verloren war. So liess es sich von seiner Mutter weich klopfen und kehrte bald wieder in den Schoss der Gruppe zurück. Durch die Indoktrination und Entfremdung von der Umwelt hatten ihm die Eltern die Zukunft verbaut.
Die Chancen für das kleine Mädchen von Tom Cruise und Katie Holmes dürften besser sein. Es wird berühmt werden und muss sich keine Existenzsorgen machen. Doch die Eltern rauben ihm die geistige Freiheit, bevor es richtig denken kann. Leider gibt es kein Gesetz, das Kindern erlaubt, die Eltern wegen geistiger oder religiöser Manipulation einzuklagen.

Relative religiöse Wahrheit

Hugo Stamm am Donnerstag, den 13. April 2006

Leben bedeutet Bewegung. Bewegung ist eine der wenigen Konstanten in unserem Dasein. Alles bewegt sich, alle Lebensbereiche unterliegen einer permanenten Entwicklung. Ursache ist unter anderem die Zeit, die uns die Entwicklung aufzwingt. Sie bringt die Unruhe in unser Leben. Wir unterscheiden uns von den Tieren unter anderem dadurch, dass wir mit einem Bewusstsein der Zeit und somit der Veränderung ausgestattet sind. Doch wie vieles im Leben, kennt auch das Gesetz der Bewegung und Entwicklung eine Ausnahme: Die Religion oder den Glauben.

Warum eigentlich? Spirituelle oder religiöse Konzepte oder Heilsvorstellungen gehören im weitesten Sinn zu den Geisteswissenschaften. Auch Philosophie und Metaphysik befassen sich mit den Fragen nach Gott, dem Lebenssinn und dem Leben nach dem Tod. Für Philosophen ist die geistige Entwicklung selbstverständlich. Neue Erkenntnisse ergänzen und verändern Denkschulen und philosophische Richtungen laufend. Nur die grossen traditionellen Glaubensgemeinschaften sind immun gegen die geistigen Entwicklungen der Menschheit.

Die existenzielle Erfahrung der permanenten Bewegung und Entwicklung in allen Lebensbereichen stösst also bei religiösen Fragen an unerwartete Grenzen. Warum soll dieses Gesetz ausgerechnet bei der vielleicht zentralsten Frage des Lebens ausser Kraft gesetzt sein?

Mir ist natürlich bewusst, dass jede Glaubensgemeinschaft überzeugt ist, dass ihre Heilslehre der unverrückbaren Wahrheit entspricht. Die Wahrheit kann natürlich keiner Entwicklung unterliegen. Wirklich nicht?

Ich vermute, dass Heilskonzepte und Gottesbilder Hilfskonstrukte unserer geistig beschränkten Möglichkeiten sind. Wir können mit unserem Geist die universalen Dimensionen nie vollständig durchdringen. Deshalb klammern wir uns an die Überlieferungen, denen wir die Qualität einer göttlichen Inspiration beimessen.

Die christlichen Fundamentalisten machen es vor. Für sie ist die Bibel das unumstössliche Wort Gottes. Auch wenn die Evangelien teilweise erst Jahrzehnte nach dem Tod von Jesus aufgeschrieben worden sind. Sie akzeptieren auch nicht, dass das Neue Testament aus der aktuellen Lebenssituation der Urchristen heraus geschrieben worden ist und die Gleichnisse und Metaphern in die heutige Zeit übersetzt werden müssten.

Selbst die Esoteriker sind letztlich Fundamentalisten. Ihre zentralen Glaubenssätze gehen auf die Hermeneutik, den Hinduismus, den Buddhismus und die Theosophie zurück und sind teilweise sehr alt. Daran ändern auch die jüngeren Disziplinen nicht. Auch Schamanismus, Druidentum, germanische Heilsvorstellungen usw. sind alte Traditionen.

Tatsächlich gibt es kaum moderne religiöse Heilskonzepte, die ernst genommen und als seriös bezeichnet werden können. Und jüngere Glaubensgemeinschaften vertreten meist sehr spekulative Vorstellungen und weisen Sektencharakter auf.

All diese Erfahrungen führen wohl dazu, dass heute viele kritische Geister, für welche die geistige Freiheit ein wichtiges Gut ist, sich mit den traditionellen Glaubensgemeinschaften schwer tun. Vielleicht müssen wir auch die religiösen Heilskonzepte als relative oder subjektive Wahrheiten betrachten. Wie wir es bei Metaphysik und Philosophie als selbstverständlich betrachten.

Heiler gegen Ärzte

Hugo Stamm am Montag, den 10. April 2006

Der Beitrag über die Homöopathie hat gezeigt, dass alternative Heilmethoden die Leser in zwei Lager teilt. Diese Erfahrung mache ich seit vielen Jahren. Was mir besonders auffällt: Die Diskussion nimmt oft die Qualität eines Glaubenskrieges an. Deshalb interessiert und beschäftigt mich das Phänomen mit wachsender Aufmerksamkeit.
Auffallend ist die Vehemenz, mit der viele Vertreter alternativer Disziplinen ihr Interessengebiet verteidigen. Dafür habe ich durchaus Verständnis. Wenn sie aber mit einem Kriegsvokabular pauschal auf die Schulmedizin und Pharmaindustrie eindreschen, offenbaren sie einen missionarischen Eifer. Um nicht sogleich einen Sturm der Entrüstung auszulösen, stelle ich meine Haltung vorweg: Es gibt in allen erwähnten Bereichen unseriöse Anbieter und Exponenten, Missbrauch findet sich bei allen Disziplinen, auch der Schulmedizin und der Pharmaindustrie. Eine pauschale Verteufelung zeigt nur, dass die Kritiker Feindbilder kultivieren, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden.
Traditionelle Medizin und die Alternativen Methoden gegeneinander auszuspielen, macht keinen Sinn. Ich kenne viele Beispiele, bei denen Heiler den Tod ihrer Patienten verschuldeten, weil sie diese nicht an die Schulmedizin „ausliefern“ wollten. Ein Beispiel: Eine 23-jährige Frau mit starken Ohrenschmerzen suchte einen Heiler auf. Dieser gab ihr Tinkturen aus Naturheilkräutern. Die Schmerzen wurden immer unerträglicher und weiteten sich auf den ganzen Kopf auf. Die junge Frau wagte es nicht, Schmerzmittel zu schlucken. Das sei Chemie, sagte der Heiler. Chemie störe die Energieflüsse und schwäche die Selbstheilkräfte. Nach zehn Tagen hielten die Eltern die Schmerzensschreie ihrer Tochter nicht mehr aus und riefen gegen ihren Willen den Notfallarzt. Dieser wies sie sofort in ein Krankenhaus ein. Doch es war zu spät, die junge Frau starb nach wenigen Stunden.
Die Obduktion ergab, dass die Patientin eine Mittelohrenentzündung hatte, die sich zur Hirnhautentzündung auswuchs. Hätte sie rechtzeitig Antibiotika geschluckt, würde sie heute noch leben. (Es gibt aber auch Vertreter der Naturheilkunde, die dies allen Ernstes bestreiten.)
Ich selbst benutze Medikamente nur im äussersten Notfall. Zum Beispiel bei gefährlichen Infektionen oder mörderischen Schmerzen. (Was zum Glück selten vorkommt.) Und in diesen akuten Situationen helfen Naturheilmittel eben nicht gut genug. Nebenbei gesagt: Es gibt verschiedene Krankheiten, bei denen herkömmliche Medikamente lebensrettend wirken können.
Ich wage die These, dass bei leichteren chronischen Krankheiten der Körper der beste Arzt ist und Medikamente nicht braucht – auch keine Naturheilmittel. Bei gravierenden akuten Krankheiten geht es (leider) oft nicht ohne chemischen Einsatz.
Ich erwarte von den Verfechtern der Naturheilkunde mehr Wille zur „ganzheitlichen“ Betrachtungsweise. Sie monieren, dass die Medikamente Nebenwirkungen hervorrufen würden. Das trifft durchaus zu und ist bedauernswert. Doch wenn die Alternative der Tod ist, dann sind die Nebenwirkungen der Medikamente wohl immer das kleinere Übel. Ganz abgesehen davon, dass auch Naturheilmittel Nebenwirkungen zeigen. Alles, was wir einnehmen, hat Nebenwirkungen. (Wenn auch oft nur in sehr geringem Mass.) Die Natur einseitig zu verklären, zeugt nicht von geistiger Unabhängigkeit. Wenn ich Tollkirschen oder Fliegenpilze esse, können die „Nebenwirkungen“ tödlich sein. Aber selbstverständlich nehme ich bei leichten Krankheiten auch lieber Naturheilprodukte als herkömmliche Medikamente.
Die pauschale Verteufelung der traditionellen Medizin ist auch aus einem andern Grund kurzsichtig. Jährlich flicken die Chirurgen in der Schweiz Tausende von Unfallopfern (Verkehr, Arbeit, Sport) auf wunderbare Weise zusammen. Oder: Wer geht schon bei einem akuten Blinddarm zu einem Heiler? Viele Esoteriker fluchen zwar jahrein und jahraus über die „verbrecherischen Götter in Weiss“, sind aber sehr froh, wenn ihnen der Neurologe bei einer Hirnblutung die Kalotte öffnet und damit womöglich das Leben rettet.

Von Tätern und Opfern

Hugo Stamm am Donnerstag, den 6. April 2006

In meinem Beitrag zum Thema „Kampf für die Freiheit“ schrieb ein Blog-Teilnehmer, „ein Opfer wird nur, wer sich dazu machen lässt“. Ein fataler Satz.
Wenn der Teilnehmer recht hätte, würde es bedeuten, dass es im Zusammenleben der Menschen kein Machtgefälle gäbe. Die Realität sieht leider anders aus. Macht ist eine Realität, die Frage der Macht ist ein zentrales Thema. Und Macht kann zu struktureller Gewalt führen. Machtanspruch und verantwortungslose Machtausübung sind die Ursache von vielen Tragödien in der Geschichte der Menschheit.
Wo Macht im Spiel ist, ist Machtmissbrauch möglich. Und bei Machtmissbrauch gibt es Opfer und Täter. Missbräuche können in allen Lebensbereichen stattfinden: In der Politik, in der Wirtschaft, im sozialen Umfeld. Ein Chef, der Mobbing betreibt, wird zum Täter, der Mitarbeiter zum Opfer. Das Opfer kann sich in der Regel nicht oder schlecht wehren, wenn das Machtgefälle zu gross.
Auch in vereinnahmenden Gruppen gibt es Machtmissbrauch und somit Opfer. Die Gruppe hat einen Informationsvorsprung, kann mit suggestiven und tarnenden Mitteln operieren, den Interessenten täuschen, bei ihm eine Sehnsucht erzeugen und dosiert die Angst benutzen, um ein neues Mitglied zu indoktrinieren. Gegen raffinierte Beeinflussung und Vereinnahmungsstrategien sind einzelne Gläubige weitgehend machtlos. Bedingung ist allerdings, dass sie an die Heilsziele der Gemeinschaft glauben und überzeugt sind, dass diese nur das beste für sie will. Es ist ja der Trick der Täter, dass sie ihre Ziele verschleiern, die Opfer täuschen und ihre Machstellung gezielt ausnützen.
Personen, die von radikalen Glaubensgemeinschaften und Sekten mental manipuliert werden, erkennen durch ihre euphorischen Erlebnisse und massensuggestiven Rituale nicht, dass sie in eine Abhängigkeit geraten. Ja, sie empfinden die Einbindung, welche Angehörige zu recht als Abhängigkeit diagnostizieren, als Freiheit.
Es ist die Strategie der Täter, zu behaupten, es gäbe keine Opfer. Männer, die Mädchen sexuell missbrauchen, impfen ihnen Schuldgefühle ein und fördern damit die Abhängigkeit. Das Opfer getraut sich somit nicht einmal, sich den Eltern anzuvertrauen. Das ist auch der Grund, weshalb so viele Missbräuche nie aufgedeckt werden.
Hinter der Behauptung, Opfer würden quasi freiwillig ihre Rolle ausfüllen, versteckt sich eine unmenschliche Ideologie.

Die Krux mit der Homöopathie

Hugo Stamm am Sonntag, den 2. April 2006

Wir organisieren unseren Alltag streng nach wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen. Die von Esoterikern als besonders spirituell gepriesene Natur funktioniert zumindest auf der “grobstofflichen Ebene” bedingungslos nach den “Naturgesetzen”. Ein Stein fällt immer in der gleichen Geschwindigkeit und immer zu Boden. Auch ein energetisch aufgeladener Heilstein macht da keine Ausnahme.
Würde die Natur in der äusseren Erscheinung nicht ausnahmslos streng wissenschaftlich funktionieren, wären unsere Tage gezählt. Flugzeuge kämen reihenweise vom Himmel, wir würden mit unseren Autos überraschend Bekanntschaft mit Bäumen und Mauern machen, und die Fernsehgeräte würden gelegentlich explodieren und unsere Wohnungen in Brand setzen.
Die Homöopathie versteht sich als medizinische Disziplin und will als wissenschaftlich fundiert anerkannt werden. Schaut man sich die Theorie der Tinkturen und Globuli etwas näher an, kommt allerdings Skepsis auf. So behaupten Homöopathen etwa, je mehr sie ihre Mittel verdünnen würden, desto grösser sei die Wirkung. Sie sprechen von Potentzierung durch Verdünnen. Ein solches Gesetz kennt die Natur aber nicht. Wenn wir gern süssen Sirup haben, erhöhen wir die Konzentration. Und wenn die Kopfschmerzen nach einer Tablette nicht nachlassen, schlucken wir eine zweite. Unser Leben funktioniert nach dem Prinzip: Wo nichts drin ist, kommt nichts raus.
Die Homöopathie hingegen verdünnt ihre Mittel endlos. Oft so lang, bis kein Molekül mehr in einem Fläschchen zu finden ist. Bei einer Potenzierung D 19 enthält ein ganzer See voll homöopathisches Mittel kein einziges Elementarteilchen der Ausgangslösung mehr.
Die Homöopathen belehren uns, dass ihre Tinkturen durch die Verdünnung die Informationen der heilenden Substanzen übernehmen würden. Auch für diese Erklärung findet sich in der Natur kein entsprechendes Gesetz. Dieses Phänomen konnte bisher nirgends beobachtet oder nachgewiesen werden. Das wäre nämlich fatal, denn wir könnten unser Wasser vermutlich nicht mehr trinken. Dieses ist in den letzten Hunderttausenden von Jahren immer wieder mit giftigen Stoffen in Berührung gekommen und wäre wohl nicht mehr geniessbar, wenn es fremde Informationen aufgenommen hätte.
Trotz meiner Skepsis weiss ich, dass Globuli wirken. Empirische Studien haben den Beweis eindeutig erbracht. Ich vermute, dass wir die Erklärung nicht auf der wissenschaftlichen Ebene suchen müssen, sondern auf der psychosomatischen: Der Placeboeffekt ist bei homöopathischen Produkten offenbar besonders gross.
Homöopathen wehren sich aber vehement gegen die Placebotheorie. Sie verweisen darauf, dass homöopathische Mittel auch bei Tieren wirken würden. Dagegen lässt sich einwenden, dass Untersuchungen über die Wirkung von Medikamenten bei Tieren sehr schwer und meist nur über Labortests zu bewerkstelligen sind. Ausserdem heilen die allermeisten Krankheiten von selbst. Wer will da urteilen, ob eine Spontanheilung vorliegt oder die Globuli gewirkt haben?
Homöopathen erklären die Wirkung ihrer Tinkturen nach wie vor mit wissenschaftlichen Argumenten. Das scheint mir angesichts der Tatsache, dass ihre Begründungen allen bekannten Erkenntnissen widersprechen, wissenschaftlich unredlich. Die Homöopathen sollten dazu stehen, dass es keine befriedigende wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen Homöopathie gibt.
Wie lässt sich die grosse Akzeptanz der Homöopathie in der Öffentlichkeit erklären? Würde man eine Strassenumfrage machen, wäre das Resultat ernüchternd. Wohl die wenigsten Anwender kennen das Prinzip näher. Ausserdem faszinieren uns oft die unerklärbaren und spektakulären Phänomene mehr als die bekannten.