Ich glaube, also weiss ich

Hugo Stamm am Freitag, den 23. Juni 2006

Theoretisch sind wir uns alle einig: Bei metaphysischen Fragen geht es um den Glauben. Die Domäne der Religionsgemeinschaften ist ebenfalls der Glaube. Und wir alle wissen: Glauben ist nicht Wissen.

In der Praxis sieht es aber ganz anders aus: Die allermeisten Glaubensgemeinschaften erheben den Anspruch, die allein selig machende Wahrheit gefunden zu haben.

Wenn alle Glaubensgemeinschaften sich bewusst wären, dass ihre Heilslehre auf dem Glauben beruht, wären sie wohl ein bisschen zurückhaltender, bescheidener und toleranter.

Wir sind uns vermutlich auch einig, dass Spiritualität und Glauben für viele Menschen eine wichtige Stütze sind und Sinn stiften. Sie sind ein Gegengewicht zum Alltag, der vom rationalen Denken bestimmt ist – oder sein sollte. Deshalb sind Fragen nach dem Glauben durchaus wichtig und sinnvoll.

Eklatant ist aber die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei Glaubensgemeinschaften. Alle verkünden Frieden und Nächstenliebe. Sie schwingen sich zur moralischen Instanz auf. Trotzdem sorgen Glaubensgemeinschaften und Gläubige weltweit für Konflikte, die oft in Kriege ausarten.

Die Ursache liegt zu einem grossen Teil eben darin, dass Glaubensgemeinschaften glauben, die metaphysische Wahrheit zu besitzen. Der Absolutheitsanspruch wird zur Falle. Er kann zu radikalem Denken und letztlich zu kollektivem Fanatismus führen. Und dem einzelnen Gläubigen drohen Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen. Diese können eine Spaltung des Bewusstseins und Wahnvorstellungen bewirken.

Wenn also – wie auch in diesem Blog mehrfach geäussert worden ist – viele sagen, mir ist egal, was jemand glaubt, Hauptsache er lässt mich in Ruhe -, dann ist das kurzsichtig. Es könnte nämlich sein, dass jemand in seinem religiösen Wahn mit einem Messer wahllos auf Passanten einsticht. Oder eine Bombe zündet. Was alles schon passiert ist. Und es sollte uns auch nicht gleichgültig sein, wenn fanatische Glaubensgemeinschaften versuchen, labile Menschen zu beeinflussen.

Auch das Schicksal von irre geleiteten Gläubigen sollte uns nicht gleichgültig sein. Erstens hat niemand die Qual einer Neurose oder Psychose verdient, und zweitens werden solche Opfer von fundamentalistischen Religionsgemeinschaften für die Allgemeinheit teuer. Sie fallen aus dem Arbeitsprozess, müssen in psychiatrischen Kliniken behandelt und am Schluss von der IV oder der Fürsorge unterstützt werden.

All dies liesse sich verhindern, wenn sich die Glaubensgemeinschaften bewusst wären, dass sie alle nur daran glauben können, was sie verkünden. Und wenn sie sich eingestehen würden, dass die metaphysische Realität vielleicht ganz anders aussieht, als sie glauben. Dann würden sie eben bescheidener auftreten und vorsichtiger missionieren.

Aber es ist eben eine Krux mit dem Glauben: Viele Gläubige verleugnen seinen eigentlichen Kern und interpretieren ihn zur Wahrheit um. Damit sie endlich auf sicher haben, was sie „nur“ glauben sollten. Bei ihnen hat der Glaube vor allem mit dem Diesseits zu tun: er soll die Existenzängste nehmen. Doch damit biegt man den Glauben für persönliche Bedürfnisse zurecht.

Tod durch Lichtessen

Hugo Stamm am Sonntag, den 18. Juni 2006

Am vorletzten Donnerstag hatte der Anthroposoph Michael Werner einen grossen Auftritt bei der Talk-Show von Kurt Aeschbacher. Er erzählte dem Talkmaster und einem grossen Publikum, er ernähre sich von Licht – anstelle von festen Nahrungsmitteln. Seit vollen fünf Jahren. Er gönne sich höchstens einmal ein Stückchen Schokolade. Was Werner verschwieg – und Aeschbacher nicht thematisierte: Der Anthroposoph ist nicht etwa ein einsamer Lichtesser, sondern der Jünger eines umstrittenen Mediums, der Australierin Ellen Greve alias Jasmuheen (“Duft der Ewigkeit”). Und somit einer von vielen tausend angeblichen Dauerfastern weltweit. Teil einer esoterischen Bewegung.

Die spirituellen Sucher träumen davon, das kosmische Licht – was immer dies sein soll – in “Prana”, in göttliche Energie, umzuwandeln und die Transmutation zum höheren Wesen zu vollziehen. Und sie glauben, in Zukunft ohne Nahrungsmittel auszukommen.

Der Lichtnahrungsprozess hat einen ideologischen Hintergrund. Esoteriker glauben, das Wassermannzeitalter sei angebrochen und der spirituelle Mensch mutiere nun rasch zu einem höheren Wesen. Das sei auch mit körperlichen Veränderungen verbunden (Hirnanhangsdrüse wächst, DNA-Struktur wird von zwei auf 12 Stränge vergrössert [genetische Veränderung!]) usw. Diese Transformation müsse mit dem Lichtnahrungsprozess initiiert werden. Dann werde der Mensch zum übersinnlichen, ja göttlichen Wesen, das sich vom heiligen kosmischen Licht ernähren und dieses in Kalorien umwandeln kann. Und schon haben wir wieder Übermenschen – wie sie uns schon bei den Scientologen begegnet sind.

Jasmuheen propagiert das gefährliche Ritual in ihrem Buch „Lichtnahrung“. Kernstück ist der 21-Tage-Prozess. In der ersten Woche der Fastenkur dürfen die Absolventen nichts essen und keinen Tropfen Flüssigkeit zu sich nehmen. Nicht einmal den Speichel dürfen sie schlucken. In den Wochen zwei und drei dürfen sie zwar wieder triken, aber weiterhin keine feste Nahrung zu sich nehmen – ausser eben Licht…

Das Ritual ist eine Gratwanderung mit Todesgefahr, warnen Ärzte. Für Jasmuheen ist das kosmische Licht jedoch “die Nahrungsquelle für das kommende Jahrtausend”, wie der Untertitel ihres Bestsellers verkündet. Es sind denn auch verschiedene Todesfälle dokumentiert. Jasmuheen sagte dazu, der Tod eines Menschen sei ohnehin vorbestimmt. Der eine stirbt bei einem Unfall, der andere beim Lichtnahrungsprozess und der dritte an Altersschwäche – also dann, wenn es die „innere Uhr“ vorsieht.

Doch nicht genug. Jasmuheen hat ein weiteres (er)schlagendes Argument. Angesichts der Chance, den Welthunger zu überwinden müsse man solche Vorfälle in Kauf nehmen.

So ist es halt in der Welt der Lichtesser: Millionen Arme hungern, und wir Übersättigten bringen uns in Gefahr, indem wir nicht trinken und nicht essen.

Natürlich überleben (zum Glück) die allermeisten Absolventen des Lichtnahrungsprozesses. Doch Langzeitschäden erleiden vermutlich alle. Eine Woche ohne Flüssigkeit dahinzuvegetieren, ist schädlich. Die meisten Erdbebenverschütteten sterben nach fünf Tagen an Dehydrierung. Für die Leber und teilweise auch andere Organe ist die Dehydrierung ein extremer Stress, der die Funktion beeinträchtigen kann.

Auch mehrere hundert Schweizer haben bereits versucht, ihren Körper auf Lichtnahrung umzuprogrammieren. Auch bei uns bieten Esoteriker Lichtnahrungskurse an, Dutzende von “Lichtessern” haben sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, um Absolventen beim 21-Tage-Prozess zu unterstützen. Jasmuheen bezeichnet sie als spirituelle Krieger. Den Krieg gegen den Tod ficht aber die Leber aus. Und sie wird nicht gefragt, ob sie die Tortur über sich ergehen lassen will.

Hubbards Superwelt

Hugo Stamm am Mittwoch, den 14. Juni 2006

Ich bin erstaunt über das grosse Interesse an Scientology. Ich dachte, die Diskussion über die Gruppe sei erschöpft. (Ich habe vor 25 Jahren ein Buch über Scientology geschrieben und wohl über 100 Artikel dazu veröffentlicht.) Nun, wenn dem nicht so ist, liefere ich gern einen weiteren Beitrag.

Martin Schmid stellt in seinem intelligenten Beitrag gute Fragen. Nur: Wer die Bücher von Hubbard und viele Kursunterlagen gelesen hat, erkennt rasch, dass da kein philosophisches, anthropologisches oder entwicklungspsychologisches Konzept dahinter steht. Man tut Hubbard und den Scientologen zu viel Ehre an, wenn man nach Tiefgründigem sucht. Vielmehr ist seine Lehre ein Sammelsurium aus Science fiction, trivialen Weltanschauungen, unvergorenen psychologischen, philosophischen und pseudowissenschaftlichen Ansichten. Vieles hat Hubbard abgekupfert.

Und vielleicht das Schlimmste: Viele „Erkenntnisse“ stammen aus den 1950-er und 1960-er Jahren. (Beispielsweise Atomphysik) Diese sind inzwischen längst überholt. Doch weil Hubbard bei den Scientologen als unfehlbar gilt, werden seine „Weisheiten“ nicht korrigiert, sondern wortgetreu übernommen. Das führt zu eigenartigen Weltansichten und Weltanschauungen. Und dokumentiert die Autoritätsgläubigkeit und die blinde Verehrung.

So wird denn in den Scientology-Broschüren heute noch meist in der Gegenwart von Hubbard geschrieben, als weile er immer noch leibhaftig unter uns. Dabei ist er vor 20 Jahren unter mysteriösen Umständen gestorben. Und in allen grösseren Scientology-Zentren der Welt ist ein Büro für Hubbard eingerichtet, als sei sein Geist dort anwesend. Die zweite Idee dahinter: Er kann sofort in seiner gewohnten Umgebung weiterarbeiten, wenn er denn wieder kommt…

Dass man Hubbard als „Denker“ oder Religionsgründer kaum ernst nehmen kann, zeigt seine Vorstellung vom Ursprung des Menschen. Dazu ein Auszug aus einem der vielen Scientology-Werke. (Wenn Hubbard eine Qualität hatte, dann sicher die des Schnelldenker und Schnellschreiber. Es ist wirklich unglaublich, was er alles zu Papier gebracht hat. Doch leider ist vieles wirr und absurd.)

„Vor 35 Billionen Jahren löste ein böser Fürst namens Xenn das Problem der Überbevölkerung auf einem andern Planeten, in dem er zwei Billionen Thetanen (Anmerkung: scientologischer Begriff für Seele) zur Erde brachte, die zu jener Zeit als Teegeack bekannt waren. Er stopfte sie in Wasserstoffbomben, die er in einem Vulkankrater explodieren liess. Durch die Explosion wurden die Thetanen, an elektrische Kabel angeschlossen, bis hoch in den Himmel geschleudert. Dann wurde ihnen die R6-Bank eingeprägt, sie wurden in ein Flugzeug geladen und wieder auf die Erde geworfen. Schreckliches Unheil ereilte jeden, der diesen Komplott aufzudecken versuchte, bis uns die Aufklärung gelang. Ron (Anmerkung: für Ron Hubbard) wäre fast selbst elend zu Grunde gegangen.; doch irgendwie überlebte er (Anmerkung: vor 35 Billionen Jahren), allerdings völlig zerschlagen. Xenn wurde für sein Verbrechen bestraft, indem er in eine elektrisch geladene Kiste eingesperrt wurde, die in einem Berg im Westen des nordamerikanischen Kontinentes versteckt worden ist. Dort befindet er sich noch heute.“ (seit 35 Billionen Jahren…)

Das Drama der Menschheit führt Hubbard auf jenes ferne Ereignis zurück. Er behauptet, der Thetan habe damals Schaden erlitten. Er könne sich quasi nicht mehr an die früheren Leben erinnern und degeneriere deshalb laufend. Durch die Scientology-Kurse wird Abhilfe versprochen. Die Scientologen wandern auf der Zeitspur zurück in die weite Vergangenheit – von Leben zu Leben. Jahrmillionen. Dabei spüren sie angeblich traumatische Erlebnisse auf, durchleben sie emotional und tilgen diese – Engramme genannten – Dramen aus früheren Leben. (Freud lässt grüssen). Dann kann man quasi Wissen und Erfahrungen aus Hunderten von Leben in die Erinnerung zurückholen, kumulieren und ein Genie werden. Und irgend wann auch unsterblich – und selbst Leben erschaffen.

“Wahrheit” über Scientology

Hugo Stamm am Montag, den 12. Juni 2006

Ich wollte eigentlich nicht auf Scientology eingehen. Doch die Beschönigungen und die hartnäckige Diskussion im Blog animieren mich nun doch, ein paar Informationen zu liefern.

Ich halte mich dabei streng an Zitate. Somit wird mir niemand vorwerfen können, falsche Informationen zu verbreiten, wie die Scientologen seit 30 Jahren behaupten. Und wie dies auch hier im Blog wieder kolportiert wird.

Zur Expansion und zum Machtanspruch ein Zitat von Scientology-Gründer Hubbard: „Wenn jetzt jeder Scientologe in jedem Monat eine neue Person hereinbringen und sie auf dem Weg zur Freiheit starten lassen würde, und wenn dann jede neue Person dasselbe macht, würde das in zwölf Monaten auf VIER MILLIARDEN SCIENTOLOGEN kommen.“ (Soll mich niemand für die sprachlichen Fehler behaften.)

Oder: „Die Welt hat optimistisch gesehen noch fünf Jahre übrig, pessimistisch gesehen noch zwei. Danach gibt’s einen Knall oder vielleicht nur noch Gewimsel. Eine Handvoll von uns arbeiten sich halb zu Tode, um es zu schaffen. (Anmerkung: Gemeint ist, die Welt vor dem Untergang zu retten.) … Die einzige winzige Chance, die dieser Planet hat, lastet auf ein paar schmalen Schultern – überarbeitet, unterbezahlt und bekämpft – die Scientologen.“

Ein bis zu den höchsten Stufen ausgebildeter Scientologe glaubt, unsterblich zu werden, also ein „operierender Thetan“: Das ist laut Definition von Hubbard „ein Wesen, das Ursache über Denken, Leben, Materie, Energie, Raum und Zeit ist“. Ein solcher Thetan (scientologische Seele) kann also sogar Leben erschaffen.

Weiter: „Niemand kann zur Hälfte innerhalb und zur Hälfte ausserhalb der Scientology sein.“ Ein Engagement muss also total sein. Im gleichen Text schreibt Hubbard: „Wenn wir fehlschlagen, ist es aus. Es ist nicht nur eine Frage des Getötetwerdens. Es ist eine Frage, ein Leben nach dem andern getötet und getötet und getötet zu werden. … Wir sind die Elite des Planeten Erde.“

Und in einem andern Pamphlet bezeichnet er seine Getreuen als die Elite des obersten Zehntels der Bevölkerung.

Weiter: „Die gesamte qualvolle Zukunft dieses Planeten für die nächsten endlosen Billionen Jahre hängt davon ab, was Sie hier und jetzt mit und in der Scientology tun.“

Viele Scientologen lassen sich als Auditoren – eine Art Therapeut – ausbilden. Hubbard zur Ausbildung: „Die richtige Ausbildungseinstellung ist: Du bist hier, also bist Du ein Scientologe. Jetzt werden wir Dich zu einem fachmännischen Auditor machen, was auch immer geschieht. Wir haben Dich lieber tot als unfähig.“

Und: „Die Scientology ist heute die wichtigste Bewegung auf der Erde. … In der Scientology geht die Sonne niemals unter.“

Im Ehrenkodex der Scientologen heisst es unter Punkt 12: „Fürchte nie, einen anderen zu verletzen in einer Sache, die gerecht ist.“

Kurse auf den OT-Stufen kosten bis zu 1000 Franken pro Stunde.

Es gibt Spendenkategorien, die bis hinauf zu einer Million Dollar gehen. Bereits haben mehrere Schweizer diese Maximalspende geleistet.

Mitarbeiter der Scientology-Eliteeinheit Sea-Org. unterschreiben einen Mitarbeiter-Vertrag über eine Milliarde Jahre.

Wozu die Wiedergeburt?

Hugo Stamm am Donnerstag, den 8. Juni 2006

Das Drama des Menschen liegt darin, dass er Gott und seine Seele nicht kennt. Hinter diesen beiden Instanzen verstecken sich die Geheimnisse des Lebens. Optimale Voraussetzungen für Analysen, Spekulationen, Legenden und Mythen. (Da hätten wir sie schon wieder.) Was muss das für ein Schock gewesen sein, als Ärzte den ersten Menschen sezierten und keine Seele gefunden haben. Somit erlangte sie erst recht eine religiöse Dimension. Und heute kümmern sich Psychologie (seelische Störungen) und Glaubensgemeinschaften gleichermassen um dieses schwer definierbare Etwas, das irgendwo zwischen Hirn und Herz angesiedelt ist.

Kampf dem Fanatismus

Hugo Stamm am Sonntag, den 4. Juni 2006

Religion, Spiritualität und Glauben sind seit Jahrhunderten brisante Konfliktfelder. Es gibt wohl keinen anderen Lebensbereich, der so viele Emotionen zu wecken vermag. Und es gibt keine stärkere menschliche Energie als den religiösen Wahn. Und leider ist die Grenze zwischen gesunder Spiritualität und wahnhafter Besessenheit fliessend, der Grat oft schmal.

In keinem andern Lebensbereich sind wir anfälliger, gerät das seelische Gleichgewicht so schnell ins Wanken. Immerhin geht es um die Frage nach dem Sein, dem Lebensinhalt, der Transzendenz, der Metaphysik, also der Zukunft schlechthin.

Zu allem Elend kommt hinzu, dass es in Glaubensfragen keine Kompromisse gibt. Entweder ist eine Heilskonzept wahr – oder kreuzfalsch. Entweder ist ein Prophet der Gesandte Gottes – oder ein Scharlatan. Entweder beten wir den richtigen Gott an – oder eben ein Phantom.

Ausserdem enthält der Absolutheitsanspruch weiteres Konfliktpotenzial. In allen anderen Lebensbereichen sind wir auf Kompromisse, Verhandlungen, Diskurse angewiesen. Seelisches Wohl gibt es sonst nur bei Ausgleich, Toleranz, Verständnis, Kompromissbereitschaft.

Als weitere Krux kommt der Missionsdrang hinzu. Es liegt im Wesen von Religionsgemeinschaften, ihre religiöse „Wahrheit“ – über eine Million Glaubensgemeinschaften erheben den Anspruch darauf – der ganzen Menschheit angedeihen zu lassen. Der angebliche Missionsauftrag führte schon zu unzähligen Kriegen und internationalen Konflikten. Hunderttausende mussten deswegen ihr Leben lassen. Der aktuelle Fundamentalismus – von den Islamisten bis zu den christlichen Fundis – ist Ausdruck davon. Führte im letzten Jahrhundert der ideologische Streit zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu den grössten internationalen Spannungen, birgt heute der Konflikt zwischen der westlichen und der arabisch-islamischen Welt das grösste Gefahrenpotenzial. Die internationalen Spannungen enthalten heute also ein starkes religiöses Moment. Und wenn religiöse Aspekte in der Politik eine wichtige Rolle spielen, wird es noch ungemütlicher.

Der Absolutheitsanspruch in Glaubensfragen belastet das menschliche Bewusstsein stark. Deshalb ist die Gefahr der Manipulation, Radikalisierung und Fanatisierung sehr gross. Und deshalb sind Diskussionen, wie sie in diesem Blog geführt werden, sehr wichtig. Nur durch Diskurse und Erkenntnisse werden die Gefahren der religiösen Verblendung bewusst. Nur so wird den religiösen Eiferern vielleicht klar, dass es besonders in religiösen Fragen Toleranz braucht, um ein Zusammenleben menschlich gestalten zu können. Wenn ich beispielsweise an die islamistischen Hassprediger denke, wünschte ich mir manchmal, man könnte das Missionieren grundsätzlich verbieten. Obwohl ich eigentlich Verbote gar nicht schätze…

Erklärungsnot

Hugo Stamm am Donnerstag, den 1. Juni 2006

Bei grossen Katastrophen geraten Mitglieder vieler Glaubensgemeinschaften in einen Argumentationsnotstand, da sie auch „weltliche“ Ereignisse religiös interpretieren wollen oder müssen. Zufall oder Schicksal gibt es kaum, alles gehorcht einer höheren Ordnung oder folgt einem höheren Sinn. Auch ein Unglück.

Wie schwierig der Umgang mit solchen Ereignissen ist, zeigte sich beim Tsunami. Oder aktuell beim schweren Erdbeben auf Java vor ein paar Tagen.

Bei kleineren Ereignissen lässt sich immer eine Erklärung finden: Eine schwere Krankheit oder ein Unfall lassen sich als Prüfung, Strafe Gottes oder karmische Säuberung darstellen. Bei Katastrophen, die wahllos die Menschen ganzer Landstriche – inklusive unschuldiger Kinder betrifft – wird die religiöse Argumentation schwierig. Nicht alle Bewohner eines Erdbebengebietes können karmisch schwer belastet gewesen sein oder nach christlicher Vorstellung schwere Schuld auf sich geladen haben.

Wie ratlos geistliche Oberhäupter angesichts unfassbarer Ereignisse reagieren, zeigte Papst Benedikt XVI bei seiner Polenreise. Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau fragte er: «Wo war Gott in jenen Tagen. Warum hat er geschwiegen?»

Statt auf die eigene Schuld – auch der der Kirche – hinzuweisen, sagte der Papst, über das deutsche Volk habe «eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheissung der Grösse, des Wiedererstehens der Ehre der Nation (. . .) mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte». Als seien die Nazis Fremde gewesen.

Wäre es nicht an der Zeit, zu anerkennen, dass es für gewisse Ereignisse keine religiösen Erklärungen gibt?

Starre Glaubenskonzepte

Hugo Stamm am Montag, den 29. Mai 2006

Das Wesen aller Glaubensgemeinschaften liegt darin, dass sie sich auf die geistige, spirituelle oder religiöse Autorität eines Verkünders stützen. Religionsgemeinschaften gehen immer auf einen Initianten zurück, der von metaphysischen Visionen beseelt ist oder war.
Die Konzentration auf einen spirituellen oder religiösen Führer führt zwangsläufig zu hierarchischen Strukturen. Diese können sehr flach sein, doch die geistige Autorität steht immer an der Spitze und wird als Vorbild verehrt. Das hierarchische System perfektioniert hat beispielsweise Ron Hubbard, der Gründer von Scientology: Er hat seine grosse Organisation straff durchstrukturiert. Und war damit zumindest im weltlichen Bereich erfolgreich. Mindestens finanziell.
Es scheint, als seien die meisten Glaubensgemeinschaften resistent gegen moderne Geistesströmungen. Gebildete Menschen auf der ganzen Welt sind sich weitgehend einig, dass die geistige Emanzipation des Individuums und die Demokratisierung der Gemeinwesen die grossen Ziele der Zukunft sein müssen. Nur so lässt sich mehr Gerechtigkeit erreichen und Empathie erzeugen.
Die allermeisten Glaubensgemeinschaften zeichnen sich aber nicht durch die Kultivierung von Emanzipations- und Demokratisierungsprozessen aus. Es scheint gar, als würden sich die Entwicklungen in den politischen und religiösen Bestrebungen entgegen laufen.
Das hat in erster Linie damit zu tun, dass Glaubenskonzepte nicht “verhandelbar” sind. Es gehört zum Kern von Glaubensgemeinschaften, dass sie ihre Heilslehre als unverrückbare Wahrheit betrachten. Deshalb ist in den zentralen Fragen keine Korrektur möglich, ein Diskurs sinnlos.
Auch junge spirituelle Zirkel oder Glaubensgemeinschaften kennen eine hierarchische Ausrichtung oder autoritäre Strukturen. Und die Mitglieder, die sonst in allen Lebensbelangen demokratische und emanzipatorische Entwicklungen fordern und durchsetzen möchten, akzeptieren die starren Strukturen als gottgegeben.
Trotzdem begreife ich nicht, weshalb in Glaubensgemeinschaften kaum je über die zentralen Inhalte der Glaubenslehre diskutiert wird. Ich habe sogar den Eindruck, als mache vielen Gläubigen nur schon der Gedanke daran Angst. Sie betrachten Zweifel und Kritik als Sünde.
Trotz allem sei die Frage gestellt: Weshalb kann sich ein Glaubenskonzept nicht entwickeln? Wieso können neue Erfahrungen und Erkenntnisse nicht in eine Heilslehre einfliessen? Schliesslich sind auch im mystischen oder spirituellen Bereich Entwicklungen möglich, die den Horizont erweitern und religiöse Dogmen in neuem Licht erscheinen lassen können.
Ich vermute, dass wir die Antwort auf solche Fragen nicht im religiösen Bereich suchen müssen, sondern eher im menschlichen. Wir haben Angst vor der Vergänglichkeit und dem steten Wandel. Alles bewegt sich rasend, und wir müssen immer schneller rennen, um den Entwicklungen in allen Lebensbereichen halbwegs folgen zu können. Da halten wir uns gern an einem unverrückbaren, erratischen Block, der wie ein Fels in der Brandung steht und unvergänglich ist: Die Heilslehre. Wie heisst es doch in der Bibel: Du bist Petrus der Fels, auf den ich meine Kirche bauen will.
Und es gibt noch zwei weitere wichtige Aspekte, weshalb sich die meisten Glaubensgemeinschaften nicht bewegen: Macht und Autoritätsgläubigkeit. Doch das ist ein Thema, das ich mir für einen andern Blog-Beitrag aufsparen möchte…

Der Mythos Tell

Hugo Stamm am Donnerstag, den 25. Mai 2006

Die Diskussionsbeitraege und Antworten auf meinen Text ueber die Mythen fordern mich zu einer Replik heraus. Da ich fern meines PCs bin, faellt er vergleichsweise kurz aus.
Funktion und Wirkung von Mythen sind mir durchaus bewusst. Ich weiss also, dass es Metaphern und Gleichnisse sind, die Unerklaerliches und Geheimnisvolles in Bilder packen und begreifbar machen wollen. Trotzdem schein es mir wichtig, Mythen zu hinterfragen und ihre Wirkung zu untersuchen. Nicht alle sind nuetzlich oder kulturell bereichernd. Viele Mythen verklaeren die Realitaet oder schuetten sie sogar zu.
Ein kurzer Exkurs: Von Mythen und Maerchen gehen eine enorme Kraft aus, ja eine starke Suggestion, wie viele Beitraege richtig erklaeren. Die Bilder und Symbole brennen sich auf geheimnisvolle Art in unseren Erfahrungsschatz ein und praegen unser Empfinden und unser Weltbild. Ja, sie umschiffen offenbar den Filter des Bewusstseins und schmuggeln sich direkt ins Unbewusste. Und praegen somit wieder unser Bewusstsein. Deshalb sollten wir genau pruefen, welche Mythen bereichernd sind und welche uns unheilvoll beeinflussen.
Nehmen wir als Beispiel unseren guten, alten Willhelm Tell. Er praegt vor allem bei patriotischen und konservativen Menschen das Bild vom mutigen, unbeugsamen Mann (natuerlich nicht von einer Frau – in den Mythen sind fast immer die Maenner die Helden, was die Kinder schon in den Maerchen eingeimpft bekommen. Und wenn beispielsweise ein Maedchen wie die Goldmarie zur Heldin wird, dann hoechstens als fleissiges Hausmuetterchen.)
Bei vielen Eidgenossen praegt Tell wohl unser Bild der Schweiz staerker als die historischen Fakten oder der aktuelle politische, gesellschaftliche oder kulturelle Zustand unseres Landes. Deshalb auch der Aufschrei nach der Veroeffentlichung des Bergier-Berichtes. Fuer viele Patrioten ist denn auch Christoph Blocher ein aktuelles Sinnbild fuer Tell. Auch Blocher wehrt sich angeblich gegen unsinnige Vorschriften (Hut gruessen zu Tells Zeiten) und gegen die Classe politique. Es ist aber absurd, wenn ein Milliardaer zum modernen Tell hochstilisiert wird. Der Mythos Tell wird zur Perversion.
Tell ist allgemein ein verhaegnisvoller Mythos geworden. Er suggeriert, dass ein einzelner Held das Schicksal einer ganzen Gemeinschaft mit einer Heldentat zum Guten wenden kann. Helden aber sind mir suspekt – in allen Schattierungen. Und da wir Eidgenossen in den Augen vieler Patrioten auch ein bisschen Tell sind, betrachten wir uns als mutiger als andere Europaeer. Und schon kultivieren wir Feindbilder. Sollen uns die boesen (europaeischen) Voegte ja nicht auf die Pelle ruecken, sonst werden wir den Tell in uns wecken und heldenhaft zurueckschlagen. So praegt Tell unser Bewusstsein und Selbstwertgefuehl als Individueen und “Willensnation” weiterhin stark.
Die Realitaet der Tellensoehne sieht aber anders aus. Wir sind uebergewichtig, wohlstandsverweichlicht, materialistisch, egoistisch duckmaeuserisch usw. Zivilcourage ist nicht des Schweizers Staerke. Wir machen lieber die Faust im Sack, als dass wir zum Pfeil greifen. Ein bisschen Tell sind wir hoechstens am Stammtisch.
Tell fuehrt uns also auf eine falsche Faehrte. Sein Mythos suggeriert Heldentum, wo viel Durchschnittlichkeit und Feigheit den Alltag bestimmen. Deshalb sollten wir den Tell-Mythos hinterfragen und rasch relativieren. Wie auch viele andere Mythen.

Blinder Glaube an die Mythen

Hugo Stamm am Samstag, den 20. Mai 2006

Seit ich mich intensiver mit Glaubensfragen befasse, beobachte ich ein seltsames Phänomen. In spirituellen und religiösen Fragen gibt es ein ehernes Gesetz: Je älter eine Erkenntnis ist, desto grösser sein Wahrheitsgehalt. Besser vielleicht: Je älter eine Idee oder ein Konzept ist, desto ehrfürchtiger gehen wir mit ihnen um. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir mit jedem Jahrhundert ein bisschen mehr erstarren.
Das ist erstaunlich. Denn in allen andern Lebensbereichen wird die Halbwertzeit von Erkenntnissen, Theorien und Traditionen immer kürzer. Auch bei den Geisteswissenschaften. Doch in Glaubensfragen ist das Alter ein Wert an sich. Als ob die Glaubwürdigkeit von den Jahrringen abhangen würde. Angesichts der altehrwürdigen „Weisheit“ wagen wir es nicht einmal, kritische Fragen zu stellen. Schliesslich hat die Erkenntnis Jahrhunderte überdauert… Gegen Mythen und Aberglauben – wenn er denn schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat – sind Vernunft und Ratio machtlos. Als gebe es ein geistiges Gesetz, wonach Überlieferungen, Legenden und Mythen heilig seien. Sie geniessen eine „göttliche Aura“. Wer an ihrem Lack kratz, begeht Verrat oder macht sich gar der Blasphemie schuldig. Da ich meine Unschuld längst verloren habe und in den Augen vieler des Teufels bin, kann ich das Tabu brechen, ohne noch tiefer in die Hölle zu rutschen.
Ein paar Beispiele solcher Mythen: Schamanen aus früheren Zeiten hatten noch eine enge Verbindung zur Natur und konnten spirituelle Energien und Heilkräfte vielfältig nutzen, glauben wir unbesehen. Oder die Hexen: Sie sind für Esoteriker mystische Wesen, welche die magischen Kräfte nutzen konnten. Und Druiden, die verehrten Priester der Kelten, verfügten angeblich über das geheime Wissen, das uns modernen Menschen abhanden gekommen ist. Oder die alten Ägypter waren nicht nur die genialen Erbauer der Cheops-Pyramide und der Sphinx, sie waren auch in spirituellen Belangen erleuchtete Meister. Deshalb pilgern viele Esoteriker nach Ägypten, um die spirituelle Aura meditierend in sich aufzusaugen.
Auch die Buddhismuswelle lebt vom Mythos, dass alte Lehren und Erkenntnisse mehr spirituelle Tiefe enthalten als jüngere Lehren. Deshalb geniesst bei uns der tibetische Buddhismus besondere Wertschätzung. Und den Kabbalisten, den jüdischen Mystikern, wird nachgesagt, sie hätten das geheime Wissen entdeckt, das sich hinter Thora verstecke. Ähnlich verhält es sich bei den sagenumwobenen Tempelrittern, den angeblichen Hütern des heiligen Grals.
Ich weiss nicht, ob Druiden, Tempelritter oder Schamanen aussergewöhnliche spirituelle Fähigkeiten hatten. Es ist durchaus denkbar. Aber ich weiss, dass die Quellenlage so dürftig ist, dass wir die Frage nicht schlüssig beantworten können. Das ist auch gut so für die „Weisen“: So können wir die Mythen wunder züchten, bis sie in den Himmel wachsen. Sind sie dort angelangt, entziehen sie sich ohnehin unserer geistigen Kontrolle. Und nähren unsere Sehnsucht nach der Vollkommenheit wie eine Börsenkurve, die endlos steigt.
Ich bestreite nicht, dass manche alte religiöse oder spirituelle Traditionen oder Heilslehren eine Faszination ausüben und tiefe Weisheiten enthalten können. Doch sie sind auch nicht davor gefeit, kitschige Mythen, unhaltbare Geisteskonstrukte, fragwürdige spirituelle Dogmen usw. zu enthalten. Das trifft auf die Weltreligionen genau so zu wie beispielsweise auf die Hermetik, die Theosophie, die Astrologie oder Anthroposophie. Wir neigen sogar dazu, nackten Aberglauben als bemerkenswerte spirituelle Erkenntnis zu bewerten, wenn sie ein paar hundert Jahre alt sind.
Ein Beispiel: Die moderne Esoterik beruft sich im Kern auf die Erkenntnisse von Helena Petrowna Blavatsky. Das Medium behauptete, es sei medial begabt und könne „Durchsagen“ von den aufgestiegenen Meistern, Avataren oder Geistwesen – also göttlichen Autoritäten – empfangen. Somit kommt ihren „kosmischen Botschaften“ ein angeblich absoluter Wahrheitsgehalt zu. Um den ungläubigen, spirituellen Suchern einen Beweis für ihre sensationellen Botschaften zu liefern, zeigte sie ihren Anhängern Briefe, welche die aufgestiegenen Meister ihr übergeben hätten. Die schriftlichen Botschaften lagen jeweils am Morgen in einem abgeschlossenen Schrank. Die staunende Jüngerschaft war fasziniert. Doch als der Kasten einmal verschoben wurde, entdeckten die Jünger einen Schlitz auf der Rückseite des Schrankes. Die Botschaften waren offensichtlich fingiert worden. (Was man ja auch ohne diese Entdeckung hätte wissen müssen.) Doch Blavatsky war inzwischen so bekannt, dass der Betrug nicht mehr ins Gewicht fiel. Die Anhänger der von Blavatsky 1875 gegründeten Theosophie (theosophia = Weisheit Gottes oder Weisheit der Götter, verstanden als das Göttliche im Menschen) lebten geistig schon so in ihrer Scheinwelt und waren so fasziniert, dass für sie die „Wahrheit“ nicht von einem solchen Detail abhangen konnte.
Erstaunlich ist, dass wir bei philosophischen Erkenntnissen mit der Lupe nach Widersprüchen suchen, in spirituellen Belangen aber nicht so genau hinsehen mögen. Es könnte die Sehnsucht nach der Erlösung und der Erleuchtung stören.