Schattenboxen der Glaubensgemeinschaften

Hugo Stamm am Samstag, den 30. September 2006

Der Papst empfängt Vertreter muslimischer Gemeinschaften, 28’000 Christen – vor allem Fromme aus Freikirchen – beten in diesen Tagen schweizweit zum Fastenmonat Ramadan für Muslime. Sind das Zeichen der Hoffnung? Kommt die Verständigung unter den Religionsgemeinschaften voran? Dürfen wir vom Religionsfrieden träumen?

Ich bin sehr skeptisch.

Das Hauptproblem, weshalb ein Dialog unter Gläubigen und Glaubensgemeinschaften so schwierig ist, liegt am Absolutheitsanspruch, den alle Heilslehren beanspruchen. Gläubige sind überzeugt, in ihrer Glaubensgemeinschaft die absolute spirituelle oder religiöse Wahrheit gefunden zu haben. (Das gehört zum Wesen von Heilslehren und Dogmen.) Ihre “Wahrheit” ist nicht teilbar.
Ein echter Dialog oder Diskurs setzt aber voraus, dass man offen ist für die Argumente des Gesprächspartners. Dass man sie möglichst vorurteilslos prüft. Dass man bereit ist, die eigenen Ansichten zu überdenken. Und dass man plausible Aussagen in sein eigenes Weltbild zu integrieren bereit ist. Ohne diese Bereitschaft bleibt jede Diskussion an der Oberfläche stecken.

Doch diese Bereitschaft bringen strenggläubige Personen nicht auf. Sie verschanzen sich hinter ihrer Heilslehre und betrachten fremde Glaubensvorstellungen zum vornherein als Irrlehre. Statt wirklich zuzuhören, suchen sie beim Gesprächspartner intuitiv Widersprüche. Sie beobachten andere Glaubensgemeinschaften ängstlich aus ihrer Froschperspektive. Seit 30 Jahren diskutiere ich mit Vertretern verschiedener Glaubensgemeinschaften. Noch nie hat sich etwas bewegt. Kritische Argumente prallen an einer unsichtbaren Wand ab. Die Angst, verunsichert zu werden und Glaubenszweifel zu bekommen, führt zu einer heftigen Abwehrreaktion.

Der Dialog unter Religionen ist eine Interaktion auf einer menschlichen Ebene, beim Inhalt der Diskussion geht es aber um eine göttliche Dimension. Diese beiden Sphären liegen weit auseinander und lassen sich nur schwer verbinden. Das führt zwangsläufig zu einem Schattenboxen. Die Vertreter dogmatischer Religionsgemeinschaften können sich zwar auf der menschlichen Ebene verbrüdern, sich respektieren, sich sogar richtig mögen.

In der Sachdiskussion – und nur hier lassen sich Vorurteile und Ressentiments nachhaltig abbauen – gibt es keine Kompromisse. Jesus bleibt Jesus, Mohammed bleibt Mohammed. Die beiden Religionsstifter sind absolut sakrosankt. Auch wenn sich Christentum und Islam auf Abraham berufen: Eine gegenseitige Akzeptanz der Dogmen ist nicht möglich. Nicht einmal eine sachliche Verständigung. Jesus ist der Sohn Gottes, der die unteilbare göttliche Wahrheit verkündet. Mohammed ist der Prophet Allahs und erhebt den gleichen Anspruch für sich.

Wenn die beiden Weltreligionen auf der religiösen Ebene nicht aufeinander zugehen können, sollten sie sich auf der menschlichen annähern, also respektieren. Doch ein weiteres religiöses Gebot behindert die erforderte Toleranz: Der Auftrag des Missionierens. Der von Gott geforderte Kampf um die Seelen führt zur Vergiftung des Klimas. Die reformierte Kirche hält sich zwar vornehm zurück, die katholische Kirche kommt dem Auftrag aber immer noch nach. Und die Freikirchen missionieren unvermindert aggressiv. (Die charismatischen Glaubensgemeinschaften wachsen weltweit am schnellsten – schneller als der Islam.) Die Frommen aus den Freikirchen geben denn auch offen zu, dass sie mit der aktuellen Gebetsaktion auch Muslime zu Jesus führen wollen.

Unter diesen Vorzeichen kann ein Religionsfriede bestenfalls bei scheinheiligen Treffen der Würdenträger zelebriert werden. Der wahre Geist kommt aber in den Entwicklungsländern in Südamerika, Afrika und Asien zum Vorschein. Und dort herrscht der religiöse Eifer der Fundamentalisten und verblendeten Seelenfänger, die sich im Glauben an ihren göttlichen Auftrag keine Zurückhaltung auferlegen. Das trifft auf die Christen genau so zu wie auf die radikalen Muslime.

Glück und Sinn dank Glaube?

Hugo Stamm am Montag, den 25. September 2006

Wo liegt der Sinn des Lebens? Die Frage provoziert unterschiedliche Reaktionen. Wichtige Ingredienzien für den Lebenssinn sind für viele Menschen der persönliche Glaube und das soziale Umfeld. Die Antworten auf die Frage fallen naturgemäss individuell und entsprechend unterschiedlich aus.

Fragt man nach dem Lebensziel, werden sich die Antworten eher gleichen. Viele werden sagen, sie strebten ein glückliches Leben an.

Bei Gläubigen können sich Lebenssinn und Lebensziel decken. Der Glaube kann Sinn stiftend sein und zum Ziel allen Strebens werden. Ist das nicht ein Idealfall?

Anders herum: Sind Agnostiker oder Atheisten dazu verdammt, vergeblich nach Sinn und Glück zu suchen?

Für fromme und strenggläubige Menschen ist ein Dasein ohne tiefen Glauben ein sinnloses Leben. Und ein Leben ohne Sinn kann für sie nie ein glückliches Leben werden.

Ungläubige müssen ihr Glück aus irdischen Sphären tanken. Ist das ein oberflächliches Glück?

Offenkundig ist, dass Glauben allein nicht glücklich macht. Sonst würde wohl niemand Gott oder sonst eine transzendente Macht anzweifeln. Und wenn man die oft griesgrämigen oder verhärmten Zeugen Jehovas sieht, die ihr schweres Los von Haustür zu Haustür schleppen, kommen Zweifel auf, ob der Glaube ein wunderbarer Glückbringer ist. Aber auch in Gottesdiensten der katholischen oder reformierten Kirchen begegnen einem nicht nur zufriedene oder gar glückliche Gesichter.

Fromme aus Freikirchen werden einwenden, es brauche eben den richtigen Glauben, um glücklich zu werden. Dies sei nur mit der Wiedergeburt im Schoss der richtigen Gemeinde möglich.

Glauben ist nicht nur eine Befreiung von Angst und Sünde, sondern auch mit Lasten verbunden. Es ist ein Kampf gegen das angeblich Böse und die Versuchung. Es ist ein Kampf gegen Zweifel und Ängste, die hohen Anforderungen nicht erfüllen zu können und von Gott fallen gelassen zu werden.

Haben Agnostiker und Atheisten doch mehr Chancen, glücklich zu werden, weil sie unbeschwerter durchs Leben wandeln können? Oder hängt das Glück vielleicht nur von der Dosis an Hormonen ab, die der Körper ausschüttet? Das wäre dann „demokratisch“: Gläubige und Ungläubige hätten die gleichen Chancen, glücklich zu werden.

Der Papst und sein Mohammed

Hugo Stamm am Dienstag, den 19. September 2006

Die Diskussion um die Aussagen von Papst Benedikt XVI. zieht immer weitere Kreise. Die Hoffnungen des deutschen Pontifex, der Kelch werde rasch an ihm vorbeiziehen, hat sich nicht erfüllt. Er hat eine Krise zwischen zwei Weltreligionen provoziert, die politische Dimensionen annimmt. Dies ist besonders gravierend, weil sie in eine Zeit politischer Spannungen zwischen islamischer Staaten und dem Westen fällt. (Naher Osten, Irak, Afghanistan, Iran usw.) Und weil der Glaubensstreit Terroristen neue Argumente liefert, Attentate zu verüben.

Wird Benedikt das Wort im Mund verdreht? Wird er falsch interpretiert? Oder war er „nur“ naiv? Nehmen die Islamisten seine Rede als Vorwand, den Keil zwischen der islamischen und der christlich-westlichen Welt tiefer zu treiben?

Entscheidend ist nicht das ominöse Zitat, entscheidend ist der Grundtenor der päpstlichen Vorlesung. Besonders aussagekräftig ist der Titel: „Glaube, Vernunft und Universität“. Der Grundtenor der Rede war eindeutig. Der Papst drückte in seiner gewundenen Akademikersprache aus, dass der christliche Glaube im Generellen und der katholische im Speziellen die einzige Heilslehre (universal) sei, die auf der Vernunft aufbaue oder vernunftbezogen sei. Dabei war er bei seinem Lieblingsthema, das er als früherer Glaubenshüter des Vatikans jahrelang beackert hatte: Die Vorrangstellung der katholischen Kirche zu zementieren. Und den Ausschliesslichkeitsanspruch zu markieren.

Dass Benedikt der XVI. dabei einen byzantinischen Kaiser als „Richter“ anrief, der vor urdenklicher Zeit erklärt hatte, Mohammed, habe «nur Schlechtes und Inhumanes» in die Welt gebracht, macht die Sache nicht besser. Er zitierte den Kaiser, weil er dessen Ansicht und Geisteshaltung teilt. (Der Vortrag handelte ja nicht von der Beziehung des Christentums zum Islam in byzantinischer Zeit.)

Man darf dem Papst sicher nicht unterstellen, er habe bewusst einen Konflikt provoziert. Und man muss den Islamisten entgegenhalten, dass sie völlig unverhältnismässig reagieren. Aber man muss Benedikt XVI. schon fragen, ob er denn nicht geahnt habe, was seine Rede in der islamischen Welt auslösen könnte. Schliesslich hat der Streit um die Karikaturen gezeigt, dass ein kleiner Funke das Pulverfass zum Explodieren bringen kann.

Wie konnte der Papst offenen Auges in diese gut sichtbare Falle tappen? Meines Erachtens wurde er Opfer seiner selbstherrlichen Überzeugung, der christliche Glaube sei allen anderen Heilslehren überlegen. Er hat als Ratzinger gesprochen und nicht als Papst. Als Ratzinger, der im Herzen immer noch der Hardliner und Ideologe ist.

Bei der ganzen Diskussion wurde ein Detail ausser Acht gelassen: Ist der katholische Glaube tatsächlich so vernunftbezogen, wie der Papst behauptet? Manche Dogmen lassen Zweifel aufkommen.

Endzeitfieber

Hugo Stamm am Freitag, den 15. September 2006

Die Frage nach der Endzeit treibt alle Religionsgemeinschaften um. Die Terminierung der Apokalypse ist das zweite grosse metaphysische Geheimnis – neben der Frage nach dem Leben nach dem Tod. Beim Sterben geht es um das Schicksal des Einzelnen, bei der Endzeit um die Zukunft der Gattung Mensch. Und seines Planeten Erde.

Auffällig ist, dass die christlichen Glaubensgemeinschaften am stärksten im Endzeitfieber leben. Das Johannes-Evangelium mit seinen Schreckenszenarien kurbelt die Phantasie der Gläubigen an. Und so legitimieren viele Glaubensgemeinschaften ihre Existenz mit der Frage nach der Endzeit.
Die bekannteste Endzeitgruppe sind die Zeugen Jehovas. Der Amerikaner Charles Tazé Russell hat 1881 die Gemeinschaft gegründet, um die angeblich kurz bevorstehende Endzeit zu verkünden und die Leute aufzurütteln. Die Zeugen nannten sich Bibelforscher, weil sie glaubten, aus dem alten Testament den Zeitpunkt der Apokalypse erforschen zu können. (Es gibt zahlreiche unspezifische Hinweise.) Russell sagte den ersten Untergang für 1914 voraus. Trotz Pleite prophezeiten die Zeugen weitere Endzeitdaten. Sie hätten die Bibel falsch interpretiert, erklärten die „Propheten“ nach jeder Panne. Nun lassen sie sich nicht mehr auf die Äste hinaus und behaupten „nur“ noch, wir würden in der Endzeit leben. Das heisst: Die Zeugen Jehovas präparieren sich mental täglich neu für den Ernstfall, der schon morgen eintreffen könnte.

Ähnlich halten es viele Freikirchen. Sie nennen zwar keine konkreten Daten, mahnen die Gläubigen aber auch, permanent bereit für das letzte Gefecht gegen den Satan zu sein. Es gibt ganze Bibliotheken an Endzeitliteratur. Etliche dieser Bücher erreichen in den USA eine Millionenauflage.

Die drohende Endzeit wird von radikalen christlichen Fundamentalisten als Disziplinierungsinstrument benutzt. Ein Beispiel: Prediger warnen die Gläubigen im Gottesdienst vor dem Kinobesuch. Erstens diene das nur der Unterhaltung und sei Zeitverschwendung. Zweitens könnte eine erotische Szene gezeigt werden, welche die Phantasie beflügle. Das wäre eine Sünde. Und wenn zu diesem Zeitpunkt Jesus wiederkehren würde, wäre der Erregte verloren und würde nicht gerettet.

Die Mormonen haben ihr Endzeitprogramm gar im Namen verewigt: Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage.

Auch Fiat Lux ist eine klassische Endzeitgruppe. Gründerin Erika Bertschinger, besser bekannt als Uriella, ist fleissige Produzentin von Endzeitszenarien. Vor allem um die Jahrhundertwende hat sie Schreckensvisionen verbreitet, die nicht eingetroffen sind.

Die Endzeitvorstellung löst bei Frommen und Gläubigen oft grosse Ängste aus und beflügelt die Fantasie unheilvoll. Ausdruck davon sind die Massensuizide im Sektenumfeld. Die Sektenführer Jim Jones, David Koresh, Shoko Asahara (Aum), Jo Di Mambro (Sonnentempler), Marshall Applewihte usw. begründeten den Massensuizid ihren Gläubigen gegenüber mit der angeblich bevorstehenden Endzeit. Sie versprachen den Opfern die Erlösung.

Erstaunlich ist, dass all die falschen Propheten auch dann in Amt und „Würde“ bleiben, wenn sich ihre Prognosen als Flop erweisen. Die Erfahrung zeigt, dass selbst ein offensichtlicher Betrug nicht reicht, um den Gläubigen die Augen zu öffnen und sie aus der sektenhaften Verblendung zu befreien.

Nehmen wir Uriella als Beispiel. Sie interpretierte ihre Flops in eine Tugend um. Sie habe so lang und so intensiv zu Jesus gebetet, bis er die Endzeitszenarien verschoben habe. Nun hätten die Gläubigen von Fiat Lux mehr Zeit, weitere Seelen vor dem Untergang zu retten.

Wieso stürzten die Zwillingstürme ein?

Hugo Stamm am Montag, den 11. September 2006

Exakt vor fünf Jahren schreckten uns Horrorbilder auf. Flugzeuge rasten ins WTC, die Türme fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Wir haben zwar schon vor einem Monat über Verschwörungstheorien diskutiert, doch ich möchte aus aktuellem Anlass noch einmal darauf zurück kommen. Denn die Diskussion nimmt ein ungeahntes Ausmass an. Ich schalte deshalb einen Artikel meines Kollegen und Amerika-Korrespondenten Peter Haffner auf, der heute im Tages-Anzeiger erschienen ist.

“Amerika ist das Land, wo die Dämonen blühn: Elvis Presley lebt, John F. Kennedy wurde von der CIA ermordet, die Mondlandung war fingiert. Verschwörungstheorien sind Teil der amerikanischen Populärkultur seit je. Die Staubschwaden des Trümmerfeldes vom World Trade Center waren noch nicht verzogen, da wollten manche schon wissen, dass das Weisse Haus hinter der Attacke stand. Dessen Ziel war es, meinen sie nun, das amerikanische Volk zum Feldzug im Nahen Osten zu mobilisieren und es gleichzeitig seiner Bürgerrechte zu berauben.

Fünf Jahre nach dem Terroranschlag vom 11. September hat die Bewegung «9/11 Truth», wie sich die Verschwörungstheoretiker nennen, an Boden gewonnen und selbst in der akademischen Welt Fuss gefasst. Die «Scholars for 9/11 Truth», eine Gruppe von rund fünfzig Professoren verschiedener Universitäten, stellen die offizielle Version der Ereignisse in Frage, die dokumentiert ist im akribischen Bericht der Untersuchungskommission. Im Zentrum der Debatte steht die Frage, weshalb die Türme wirklich kollabiert sind. Die Zweifler meinen, die Feuersbrunst nach dem Einschlag der Flugzeuge sei nicht Ursache genug gewesen; erst im Innern der Gebäude deponierte Sprengsätze hätten das bewirkt.

Steven E. Jones, Physikprofessor an der Brigham Young University, hat die These der «kontrollierten Sprengung» wissenschaftlich zu untermauern versucht. Der 57-Jährige gilt als Spezialist auf dem umstrittenen Gebiet der kalten Fusion. Dass er ein strenggläubiger Mormone und früherer Anhänger von Präsident Bush ist, trägt in der Bewegung nur zu seinem Ruf bei. Es ist auch auffallend, dass die Akademiker, die der von ihm geführten Gruppe angehören, mehrheitlich aus den Geisteswissenschaften stammen, vor allem aus theologischen und philosophischen Fakultäten.

Es gehört zur Paradoxie von Verschwörungstheorien, dass sie ihren Anhängern umso glaubhafter erscheinen, je mehr sie von offizieller Seite widerlegt werden. Wer zum Gegenbeweis antritt, macht sich verdächtig, selber Teil der Verschwörung zu sein. Und jede Lüge oder Halbwahrheit, die Politiker in die Welt setzen, festigt die Überzeugung, dass sie niemals die Wahrheit sagen. Die Generation junger Amerikaner, die in der Bush-Ära aufwächst, kann sich über einen Mangel an solch frustrierenden Erfahrungen nicht beklagen.

Dass sie für Verschwörungstheorien besonders empfänglich ist, zeigt die erstaunliche Erfolgsgeschichte des Films «Loose Change»; eine Dokumentation über die Ereignisse des 11. September 2001, die nahe legt, dass der Terroranschlag ein «inside job» war. Regisseur ist der 22-jährige Dylan Avery. Er hat den 80-minütigen Film im April letzten Jahres auf seinem Laptop produziert – für 2000 Dollar. Im MTV-Stil geschnitten, besteht «Loose Change» grösstenteils aus Schnipseln aktueller Berichte verschiedener Fernsehstationen an jenem denkwürdigen Tag. Millionen haben sich das Werk im Internet angesehen, Zehntausende die DVD gekauft, und derzeit wird an der dritten Fassung des Streifens gearbeitet, um sie einem der grossen Studios zu verkaufen.

Gemäss einer Meinungsumfrage vom vergangenen Mai glauben 42 Prozent aller Amerikaner, dass die Untersuchungskommission kritisches Beweismaterial unterdrückt oder nicht gewürdigt hat. Ganze 36 Prozent glauben, die Regierung habe den Anschlag gewollt, um im Nahen Osten intervenieren zu können.

Zu den Merkwürdigkeiten der amerikanischen Vorliebe für Verschwörungstheorien gehört die Tatsache, dass Regierungsangelegenheiten wohl nirgendwo in der Welt so transparent sind wie in den USA. Selbst über die Interna der Bush-Regierung, die es in der Geheimniskrämerei für amerikanische Verhältnisse zu einem Rekord gebracht hat, wissen wir mehr als etwa über die des Schweizer Bundesrates. Wie kommt es, dass selbst das Intimleben eines Inhabers des Oval Office en détail publik wird, doch nie jemand der wohl mehreren Hundert Personen, die in einer gross angelegten Verschwörungsaktion mitbeteiligt sein müssten, etwas ausplaudert? Die Frage wird von Verschwörungstheoretikern übergangen. Sie sind geblendet von der Logik ihrer Fiktion, die einfach, einleuchtend und nicht so verwirrend ist wie die Realität selber.”

www.seeloosechange.com

Immer sind die Kinder die Opfer

Hugo Stamm am Montag, den 4. September 2006

Ferrarivernichter hat in seinem Kommentar einen interessanten Fall aufgegriffen, den ich aufnehmen und zur Diskussion stellen möchte. Es geht um eine christlich-fundamentalistische Hamburger Familie mit sechs Kindern. Die Eltern weigern sich seit Jahren, ihre Kinder in eine staatliche Schule zu schicken. Für radikale Fundamentalisten sind öffentliche Schulen das Aktionsfeld des Satans. Da werden die Schülerinnen und Schüler nicht explizit christlich erzogen, da ist alles viel zu säkular, Mädchen zeigen aufreizend ihre Bauchpartie, da hat es viele Muslime in der Klasse, und es wird Darwin mit seiner Evolutionstheorie gelehrt. Wo doch die Welt vor etwa 6000 Jahren von Gott in sechs Tagen erschaffen worden ist.

Nun sind die Eltern aus Deutschland geflüchtet. Unterschlupf hat die Familie in einem christlichen Freizeitheim am Wolfgangsee (Österreich) gefunden. “Ich habe der Familie ,Asyl’ gewährt, die wird ja durch ganz Europa gejagt”, sagt der 74-jährige Leiter des Heims, ebenfalls ein Frommer.

Die frommen Eltern hatten ihre Kinder bisher zu Hause unterrichtetet. Dagegen liefen die Schulbehörden seit langem Sturm. Nun hatten die Eltern Angst, die Behörden könnten ihnen das Sorgerecht entziehen. Der Vater war bereits eine Woche lang in Erzwingungshaft gesteckt worden.

Die Flucht an den Wolfgangsee verlief nicht problemlos. Der Motor des geborgten Wohnmobils gab den Geist auf. Die Unerstützung aus dem frommen Lager klappte aber problemlos. Die Familie erhielt rasch ein Ersatzauto, um die Reise fortzuführen.

Die Hamburger Eltern sind nicht Einzelkämpfer, sondern können auf die Unterstützung eines frommen Netzwerks zählen. Laut “Welt am Sonntag” ist der Widerstand der Familie gegen die Schulbehörde vielmehr Teil einer groß angelegten Strategie. Die Familie wird von der Anwältin Gabriele Eckermann vertreten. Deren Ehemann Armin sitzt dem Verein “Schulunterricht zu Hause” (schuzh) vor. Einem Verein, der zum “weltweiten Netz einer Glaubensbewegung” gehören soll, die sich “Homeschooling” nennt. Ziel des Vereins sei “offiziell die Förderung der Vermittlung schulischen Wissens in häuslicher privater Unterrichtung unter Zugrundelegung christlicher-biblischer Maßstäbe”.

Unter www.schuzh.de wird im Internet erklärt, wie das gehen soll. So heißt es auf die Frage “Warum Schulunterricht zu Hause?”: “Schulunterricht zu Hause ermöglicht Eltern, ihren Kindern eine ihren körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten entsprechende Bildung zu geben.” Und an anderer Stelle: “. . . die ständige Einbindung der Eltern ermöglicht höchste Lernqualität und -ergebnisse”.

Laut “Welt am Sonntag” wird die “Homeschooling-Bewegung” inzwischen auch von Sektenbeauftragten kritisch beobachtet. Zwar gebe es bislang nur rund 500 Familien bundesweit, die den Kampf gegen das staatliche Schulsystem aufgenommen hätten, doch der Zulauf, den obskure Sekten, Wunderheiler und Glaubensableger derzeit erführen, ließe die Experten aufhorchen.

Der Fall zeigt, wie machtlos Behörden gegen religiös verblendete Leute sind. Der Glaube ist für die Eltern wichtiger als das Wohl der Kinder. Sie lassen ihre Zöglinge weitgehend in der Isolation aufwachsen. Ausserdem zeigen die Vorfälle, dass es bei Sektenphänomenen fast immer unschuldige Opfer gibt.

Ich werde bei meiner Aufklärungsarbeit immer wieder gefragt, weshalb ich den Willen von Sektenanhängern nicht respektieren würde. Das tu ich sehr wohl. Doch ich weiss aus Erfahrung, dass immer auch Unbeteiligte betroffen sind. Driftet beispielsweise ein Elternteil in eine vereinnahmende Bewegung ab, kommt es fast immer zur Scheidung. Auch wenn die Beziehung der Partner gut war. Auch dann sind die Kinder die Hauptbetroffenen. Ausserdem leidet die ganze Familie (Grosseltern, Geschwister) mit, weil eben der Kontakt erschwert wird oder abbricht. Ganz abgesehen davon kann es einer Gesellschaft nicht egal sein, wenn sich Leute radikalisieren, fanatisieren, entfremden und versuchen, Unbeteiligte in solche zu locken oder ziehen.

Der faschistoide Guru

Hugo Stamm am Mittwoch, den 30. August 2006

Osho, oder Bhagwan, wie er sich früher nannte, galt als der sanfte Guru. Sein liebliches Gesicht, der wallende Bart und die listigen Äuglein liessen die Herzen vieler Anhängerinnen schmelzen. Und da in den Bhagwan-Kommunen und –Ashrams lange Zeit die freie Liebe propagiert und praktiziert worden war, zog er auch männliche spirituelle Sucher an, die damals noch nicht so viel Übersinnliches oder Esoterisches am Hut hatten. Hei, wie ging es lustig her und zu bei den erleuchteten Devotees des extravaganten Gurus aus Poona.

Bhagwan war ein heller Kopf. Er hatte zwar viele spirituelle und philosophische Weisheiten aus allen Epochen zusammengeklaubt, aber seine neue Mischung aus alten fernöstlichen Weisheiten und westlich hedonistischer Denkweise liess viele Althippies durchstarten.

Der indische Guru war überdies ein schlauer Fuchs und Meister der Provokation. Seine spirituelle Bewegung eine Sekte? Ach wo! Er band, wie er vorgab, seine Anhänger nicht an sich. Er warf ihnen sogar an den Kopf: Selber blöd, wer mir glaubt, mir nachfolgt oder mir gar einen Rolls Royce schenkt. (Die Devotees taten es trotzdem. Als er starb, war er stolzer Besitzer von 99 Edelkutschen. Er hätte gern 365 gehabt. Damit er jeden Tag in einen andern Rolls hätte steigen können. Verständlich. Bei einer täglichen Fahrt von 400 Metern von seiner Residenz zur Buddha-Hall. Und zurück.) Je mehr er seine Jünger auslachte und anschwieg – in Oregon beliebte es dem Guru, jahrelang zu schweigen -, desto frenetischer jubelten sie ihm am Strassenrand zu, wenn er in seinem Rolls vorbeischwebte.

Für ihn war alles nur ein Spiel, ein netter Joke. Mindestens in seinen Lectures. Worte sind ja so geschmeidig. Sie fliessen leicht über die Lippen. Und man hört es gern, wenn einer brillant zu formulieren weiss.

Doch bei Bhagwan klafften die spirituellen Unterweisungen und die grobstofflichen Anforderungen tüchtig auseinander. Der liebliche Guru mit den verschmitzten Äuglein konnte ganz schön bissig werden. Dann war es vorbei mit den einlullenden übersinnlichen Schalmeien. Und wenn seine rechte Hand Sheela zur Geissel griff, rannten die Osho-Krieger zu den Maschinengewehren und sicherten das Osho-Gelände mit scharfer Munition ab.

Den wahren Geist offenbarte Bhagwan in seinem Buch “Die goldene Zukunft”. Darin entwickelt er ein neues Gesellschaftsmodell. Was er propagiert, grenzt an Diktatur. Und hat faschistoide Anleihen.

Beispiele: Wählen darf in “Osho-Land” nur, wer einen Meditationskurs nach bhagwa(h)nscher Art absolviert hat. Gläubige anderer Religionen müssen umerzogen werden, damit sie vom Aberglauben befreit werden. Wählbar ist nur, wer die Matur (Abitur) hat und durch die Osho-Schule gegangen ist. Uneingeschränkte Bürgerrechte haben also nur Osho-geeichte Individuen. Gute Nacht Demokratie, Solidarität, Gleichheit. Ganz zu schweigen von den Menschenrechten.
Zur Fortpflanzung: In Zukunft dürfen nur künstlich befruchtete Kinder zur Welt gebracht werden. Vorher werden die Gene der Samen und Eier getestet. Osho wörtlich: „Künstliche Besamung ist die einzige wissenschaftliche Methode, um das beste Kind zu finden. ‚Ich bin der Vater’ – diese alte Vorstellung müssen wir aufgeben. Wir müssen umlernen: ‚Ich habe das beste Kind ausgesucht’ – das sollte der Stolz des Mannes sein.“ So können Missbildungen vermieden werden. Familien sind laut Osho überholt, Kinder sollten in speziellen Kommunen aufwachsen.

Und jetzt kommt’s knüppeldick: Behinderte werden „in den ewigen Schlaf geschickt“, wie Bhagwan die Euthanasie verräterisch sanft umschreibt. Sprich: Umgebracht. „Und es ist gar kein Problem dabei: nur der Körper löst sich wieder in die Elemente auf, die Seele sucht sich einen andern Mutterschoss. Nichts wird zerstört.“

Da wundert es auch nicht, dass in Bhagwan-Ashrams Kinder sexuell missbraucht worden sind. Von der angeblich spirituellen Superelite.

Dabei gelten Bhagwan und seine Anhänger bei uns als pionierhafte, sanfte, originelle und kreative spirituelle Sucher. Und noch heute sind Hunderte von „Therapeuten“ tätig, die Bhagwans Methoden anwenden.

Gott verehren und leiden

Hugo Stamm am Freitag, den 25. August 2006

Ich habe meine bisherigen Beiträge thematisch einigermassen abgerundet und jeweils mehr oder weniger deutlich Stellung bezogen. Das führte dazu, dass ich damit vor allem zustimmende oder ablehnende Kommentare provozierte. Der Raum für eigene Betrachtungen und differenzierte Stellungnahmen wurde eingeschränkt. Deshalb möchte ich eine neue Form versuchen.

Konkret: Ich enthalte mich beim neuen Beitrag der Meinung. Ich beschreibe möglichst wertfrei ein paar Situationen und stelle Fragen. Vielleicht wird die Diskussion dadurch noch lebendiger und vielfältiger.

Das Thema: Anbetung, Leiden und Busse tun.

In den meisten Glaubensgemeinschaft ist die Verehrung Gottes, eines Propheten, Heilsverkünders oder Gurus ein zentraler Bestandteil des Glaubens. So werfen sich beispielsweise Gläubige vor ihrem fernöstlichen Meister nieder. Oder katholische Bischöfe legen sich vor dem Papst auf den Boden. Weiter: Zehntausende Devotees legen die Hände unter dem Kinn zusammen und verneigen sich vor dem indischen Guru Sai Baba, der sich als göttlich bezeichnet. Schon der Begriff Devotee enthält das Element der Verehrung. Diese ist die Vorstufe der Anbetung. Die Scientologen verehren ihren Gründer Hubbard, in dem sie – obwohl er vor über 20 Jahren verstorben ist – permanent in der Gegenwartsform von ihm sprechen und in jedem Zentrum ein Büro eingerichtet haben, das für ihn reserviert ist.

Eng damit verbunden ist das religiöse Ritual des Leistens von Busse und das Leiden. Pilger in Jerusalem geisseln sich am Karfreitag in Jerusalem und tragen ein Kreuz durch die Via Dolorosa. Katholiken kriechen auf den Knien über den grossen Platz von Lourdes. Eine Art von Busse ist auch der Abbau von karmischer Belastung im Hinduismus. Es ist verboten, den Aufstieg in eine höhere Kaste im aktuellen Leben zu vollziehen. Das Leiden muss auf sich genommen werden. Viele Religionsgemeinschaften kennen die Enthaltsamkeit in zahlreichen Formen: Von der Keuschheit über die Ehelosigkeit bis zu Askese.

Dient die Verehrung der Persönlichkeitsbildung? Fördert sie den Glauben? Macht sie die eigene Beschränkung und Begrenztheit bewusst? Bricht sie falschen Stolz? Hilft sie, über den spirituellen Führer Gott besser erfahren zu können? Bereitet sie die Erleuchtung oder Erlösung vor?

Helfen das Busse tun und das Leiden die Entlastung des Gewissens? Wirken Busse und Leiden befreiend? Fördern sie die Glaubenskraft? Oder festigen sie die Bindung zu Gott, dem Guru oder Propheten? Fördern sie neue Einsichten und religiöse Erfahrungen? Werden die Gläubigen geläutert?

Sexualität und Glauben

Hugo Stamm am Sonntag, den 20. August 2006

Sexualität ist bei den meisten Glaubensgemeinschaften ein zentrales Thema. Das ist erstaunlich. Denn die Sexualität ist eigentlich etwas sehr Intimes und Individuelles. Und hat mit Glauben nicht allzu viel zu tun, müsste man meinen.

Ein paar wenige Beispiele sollen die Verstrickung von Glauben und Sexualität zeigen: Nonnen und Mönche der indischen Gurugemeinschaft Hare Krishna werden am Ende des Lebens nicht erlöst, wenn sie sich nicht enthaltsam leben. So jedenfalls hielt es der Gründer Swami Prabhupada fest. (Heute ist das Dogma etwas gelockert, weil die Bewegung wegen des Zölibats einen Anhängerschwund erlebte.)

Doch wir müssen nicht so weit gehen: In den katholischen Klöstern ist Enthaltsamkeit ein Gebot. (Auch wenn wohl die wenigsten dieses einhalten können.) Und der Zölibat der katholischen Pfarrer ist sprichwörtlich. Dass er eher ein Fluch als ein Segen ist, beweisen die Skandale. Und die vielen unehelichen Kinder.

Auch viele Freikirchen disziplinieren ihre Gläubigen über Verhaltensregeln. Sexualität vor der Ehe gilt als Sünde, Homosexualität ohnehin. Verschiedene charismatische Freikirchen bieten Seminare für Homosexuelle an, in denen sie „geheilt“ werden sollen. Diese erinnern fast schon an Umerziehungsprogramme. Der Grundtenor: Sexualität dient der Fortpflanzung und nicht der Lust. Doch damit wird sie zur Disziplinierung der Gläubigen missbraucht.

Selbst zahlreiche buddhistische Heilslehren und Klöster tun sich schwer mit der Sexualität. Viele Mönche und Nonnen sollten ebenfalls enthaltsam leben. Sie versuchen, die körperliche Sexualität spirituell zu kompensieren. Mit Hilfe der Meditation und geistigen Konzentration vollziehen sie einen geistigen Orgasmus, der ein Feuerwerk im Hirn auslösen und viel, viel länger anhalten soll als der sexuelle.

Viele esoterische und theosophische Gemeinschaften interpretieren die (körperliche) Sexualität als spirituelle Disziplin. Für sie ist die Sexualität eine übersinnliche Energie, die den geistigen Aufstieg fördern und die Erleuchtung begünstigen soll. Das führt oft zur Promiskuität und zur Unterdrückung der Frauen, die sich den Männern zur Verfügung halten müssen. Wer sich verweigert, gefährdet angeblich das Gruppenwohl und seine eigene spirituelle Entwicklung. Dass die „freie Liebe“ mehr mit Triebbefriedigung denn spiritueller Entwicklung zu tun hat, müsste eigentlich auf der Hand liegen. (Und mit Freiheit hat der Zwang zum Beischlaf ohnehin nichts zu tun.)

Ein eindrückliches Beispiel für spirituell verklärte Sexualität ist auch der schwere Missbrauch, den Lea Saskia Laasner hat über sich ergehen lassen müssen. Mit übersinnlichen Argumenten wurde sie von einem perversen Guru schon mit 13 Jahren geschändet. (Die Erfahrungen hat sie im Buch „Allein gegen die Seelenfänger“ festgehalten.)

Womit wir beim indischen Guru Bhagwan (später nannte er sich Osho) wären. Leas Guru und sein Medium waren ursprünglich Osho-Anhänger und haben sich später selbständig gemacht. Was sich früher in den Bhagwan-Kommunen abgespielt hat, ist menschenverachtend. Da wurden auch Kinder missbraucht. Die Bhagwan-Gruppen sind quasi die Brutstätten der spirituell verbrämten Sexualität. Über die vielen Bhagwan-Therapeuten, die sich später selbständig machten, griff die Unsitte auf andere Gruppen der Esoterik-Szene über. Ein endloses Tummelfeld für Männer, die auf der „freien Wildbahn“ vermeintlich zu kurz kamen.

Wer seine sexuellen Bedürfnisse verantwortungsvoll auslebt und respektvoll mit seinem Partner verkehrt, ist in der Regel eine ausgeglichene Persönlichkeit. Dazu braucht es einen hohen Grad an Emanzipation und Bewusstsein. Wer danach strebt, hat meist auch in andern Lebensbereichen klare Ansichten und versucht, sein Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Kurz: Er verfügt über einen ausgesprochenen Freiheitsdrang. Dogmen und von aussen aufgedrängte Verhaltensregeln schränken seinen freien Geist ein, weshalb er kritisch auf Normen reagiert, die Glaubensgemeinschaften aufstellen.

Oder anders herum: Viele Glaubensgemeinschaften verfechten klare Wertvorstellungen bezüglich Sexualität, um die Gläubigen mental zu kontrollieren. Die selbst ernannten Propheten und Gurus wissen, dass Gläubige, die einen befreiten (und verantwortungsvollen) Umgang mit der eigenen Sexualität pflegen, an der geistigen Freiheit schnuppern. Und wer auf den Geschmack gekommen ist, will den Freiheitsgedanken auch auf andere Lebensbereiche ausweiten. Das heisst nicht, dass er deshalb nichts mit Glauben oder Spiritualität zu tun haben will. Aber er wird Glaubensgemeinschaften meiden, die ihm zu viele Regeln und Normen aufdrängen. Und die ihm dreinreden bis hin ins Bett.

Kommerzialisierung des religiösen Marktes

Hugo Stamm am Montag, den 14. August 2006

In der Wirtschaft, aber auch in der Politik und im säkularen Leben spielen wirtschaftliche Aspekte eine dominante Rolle. Expansion, Existenzsicherung und Vermögensbildung sind zentrale Triebfedern menschlichen Handelns. Unser Denken wird über weite Strecken bestimmt von Geld- und Besitzfragen. Das ist oft notwendig, häufig aber auch anstrengend. Vor allem auch, wenn man bedenkt, dass das Glück eigentlich mehr vom Sein denn vom Haben abhängt.
Das Schaffen von Mehrwert gehört zum Alltag wie das Amen zur Kirche. Und da darf man auch schon mal über die Stränge hauen. Schliesslich haben wir ja noch den Sonntag. Er ist reserviert für die Besinnung, die Pflege des Immateriellen, des Religiösen und Spirituellen. Wirklich?

Seit sich der religiöse Markt diversifiziert, ist auch die spirituelle Welt keine Oase des Geistigen mehr, die uns vor materieller Macht und Gier schützt. Die neureligiösen Bewegungen halten nicht viel von der Trennung von Geld und Geist. Der spirituelle Markt hat sich diesbezüglich tüchtig säkularisiert. Religiöser Service muss heute genau so berappt werden wie ein Wellnessprogramm. Das Heil gibt es nur gegen Cash. Das materielle Denken macht weder vor einem Tempel, Ashram oder einer Kirche halt. (Ausnahmen bestätigen die Regel.)

Das Beispiel von Scientology haben wir in diesem Blog ausführlich beschrieben. Für neue Teilnehmer sei wiederholt, dass es Hunderttausende von Franken kosten kann, wenn man clear werden und die OT-Stufen erklimmen will. Die Sekte kennt auch Spendenstufen bis zu einer Million Dollar. Aber auch esoterische Workshops und Seminare sind in der Regel sehr teuer. Auch das spirituelle Heil – so man es überhaupt findet – kann Zehntausende Franken kosten. Ausserdem ist ein richtiger Markt entstanden, der Heilsteine, Duftwässerchen, Aurosoma-Fläschchen, Pendel und ein grosses Sortiment an Apparaturen und Messgeräte anbietet. Ganz zu schweigen vom Büchermarkt. In den 90-er Jahren betrug der Umsatz an Waren und Serviceleistungen im Esoterikmark über eine Milliarde Franken.

Legendär ist auch Bhagwan (später: Osho). Als er Gicht hatte, zog er aus dem feuchten Poona in die Wüste von Oregon, und seine Anhänger zauberten eine feudale Oase hervor. Und sie schenkten ihm 99 Rolls Royce, mit denen er von seiner Residenz zur Buddhahall fuhr. Täglich 400 Meter hin, 400 Meter zurück. Sein Ziel: Für jeden Tag eine neue Karosse. Der Tod verhinderte den Plan.

Auch die Freikirchen, die sich gern als die wahren Glaubensgemeinschaften und barmherzigen Samariter darstellen, sind bei ihren Geldforderungen nicht eben bescheiden. Sie verlangen – getreu dem Alten Testament und den Worten Jesu im Neuen Testament – den zehnten Teil des Einkommens von ihren Gläubigen. Das ist sehr viel. Dabei übersehen die Freikirchen, dass wir daneben noch Steuern zahlen, mit denen schliesslich auch soziale Werke unterstützt werden.
Dieses sture Festhalten am Zehnten schafft Ungerechtheiten. „Christlich“ wäre ein Sozialtarif. Ein Alleinstehender, der ein Einkommen von 100’000 Franken hat, kann den Zehnten leicht verkraften. Ein Handwerker, der eine siebenköpfige Familie (Freikirchler haben aus religiösen Gründen oft viele Kinder) ernähren muss, kann kaum zehn Prozent des Einkommens erübrigen. Liefert er den Zehnten nicht ab, plagen ihn moralische Ängste, weil er Gottes Willen nicht erfüllt.

Kurz: Der Glaube, die religiöse oder spirituelle Sphäre sei frei vom materiellen Denken, ist eine Illusion. Der religiöse Markt wird zunehmend kommerzialisiert. Die Raffgier vieler spiritueller Lehrer und Gurus zeigt sich an den massiv übersetzten Seminargeldern. Aber auch viele Heiler verlangen exorbitante Honorare. Auch im Spirituellen herrscht zunehmend das Bewusstsein vor: Was nichts kostet, ist nichts wert. Geld und Geist – oft zwei Seiten der gleichen Medaille.