Die wundersame Kraft des Pendels

Hugo Stamm am Montag, den 27. November 2006

Das Pendeln gehört zu den Grundprinzipien des New Age oder der Neo-Esoterik. Es kann angeblich die viel besungenen Energien und Schwingungen „messen“. Das Pendel soll sogar auf Schwingungen reagieren, die physikalische Messgeräte nicht wahrnehmen können.

Der klassische Anwendungsbereich des Pendels ist das Aufspüren von Wasseradern. Esoteriker, die unter Schlafstörungen leiden, verdächtigen in erster Linie unliebsame Wasseradern, die unter dem Schlafzimmer verlaufen und störende Strahlen aussenden sollen. Pendler orten praktisch in allen Wohnungen Wasseradern und empfehlen standardmässig, das Bett in einer andern Ecke des Schlafzimmers zu platzieren. (Sie müssen schliesslich eine Massnahme empfehlen, um ein Honorar verlangen zu können.)

Dabei kümmern sich weder die von Schlafstörungen geplagten spirituellen Sucher noch die Pendler um geologische Erkenntnisse. Solche eng begrenzte Wasseradern sind sehr selten und finden sich höchstens in Gebieten mit geschichteten Kalkfelsen. Doch das kümmert die Pendler wenig. Sie orten selbst in Häusern Wasseradern, die an einem Seeufer stehen. Dort gibt es – was auch Laien einleuchtet – nichts als einen grossen Grundwassersee. Und sicher keine Wasseradern.

Der Glaube an das Pendel und die Wasseradern ist so weit verbreitet, dass selbst Leute daran glauben, die kein ausgesprochenes Faible für Esoterik haben. Solche “Energiegesetze” sind schon fast Allgemeingut im kollektiven Bewusstsein geworden. Wer sie anzweifelt oder als Aberglaube bezeichnet, wird mitleidig belächelt. Dabei kümmert es die Esoteriker nicht, dass selbst die feinsten Messgeräte keine solche Schwingungen messen können. Doch mit Physik wollen Esoteriker nichts zu tun haben. Diese Disziplin stammt aus dem verschmähten Reich des Materiellen.

Einer wollte es allerdings genau wissen und rückte dem Phänomen des Pendelns und anderen übersinnlichen „Gesetzen“ mit empirischen Methoden zu Leibe. Der bekannte amerikanische Magier und Trickexperte James Randi versprach allen Medien, Magiern, Esoterikern und Pendlern eine Million Dollar, wenn es ihnen gelingt, ein übersinnliches Phänomen unter empirischen Bedingungen vorzuführen. Randi glaubt, dass solche Rituale lediglich Tricks sind oder auf Selbsttäuschungen beruhen.

Kürzlich stellten sich in Deutschland sechzig Pendler und Personen mit angeblich übersinnlichen Kräften dem Test, der an der Universität Würzburg stattfand. Zuerst durften die Pendler und Magnetopathen bei einem «offenen» Versuch das Prozedere ausprobieren. Und es funktionierte. So schlugen beispielsweise die Pendel immer im richtigen Moment an. Nun konnte der Doppelblindtest beginnen.

Kandidat Johann Grüner erklärte, er könne die Aura von Pflanzen mit dem Pendel ausloten. Er wählte einen Blumenstock mit besonders starker Ausstrahlung. Dieser wurde jeweils unter einem von zehn Kübeln versteckt. Grüner hatte dreizehn Versuche. Jedes Mal schlug das Pendel wunschgemäss bei nur einem Eimer kräftig aus. Die Auswertung des Tests fiel aber ernüchternd aus. Grüner verzeichnete keinen einzigen Treffer, das Pendel hatte immer bei einem leeren Kübel reagiert.

Kandidat Karl-Heinz Reuter behauptete, er könne mit seiner Wünschelrute Wasseradern aufspüren. Für den Test standen ihm zehn zugedeckte Wassereimer zur Verfügung, doch nur einer war gefüllt. Bei seinen dreizehn Versuchen schlug die Rute jeweils zuverlässig bei einem Kübel an. Trotzdem war das Resultat vernichtend: Reuter hatte nicht einen Treffer gelandet. Der Pendler war konsterniert. Randi kann die Million behalten, alle Kandidaten erlebten Pleiten.

Geld als Religionsersatz

Hugo Stamm am Dienstag, den 21. November 2006

Das Fieber um die Euro Millionen und den Lotto-Jackpot von 288 Millionen Franken hat eine tiefe Sehnsucht der Massen nach einem materiellen Wunder an den Tag gelegt. Deutschschweizer zahlten letzte Woche die Rekordsumme von 21,5 Millionen Franken ein. Ein Phänomen.

Wenden wir uns zuerst der irrationalen Seite der Massenhysterie zu. Alle Spieler klammern sich an die Hoffnung, die sich statistisch gesehen nie erfüllen kann. Und somit sinn-los ist. Würden sich die Spieler mit einem plastischen Beispiel ausmalen, wie gering die Gewinnchance ist, würden sie wohl keinen müden Franken mehr investieren. Ein Beispiel: Sie gehen in New York in ein Restaurant und hängen ihre schöne Lederjacke an die Garderobe. Beim Verlassen des Lokals realisieren Sie, dass ein anderer Gast irrtümlicherweise mit Ihrem guten Stück heimgegangen ist. Sie möchten dieses aber zurück und suchen den Mann, der die Jacken verwechselt hat. Sie nehmen die Telefonbücher von New York zur Hand und suchen nach dem Zufallsprinzip aus den Millionen von Anschlüssen eine Nummer heraus und wählen sie. Die Wahrscheinlichkeit, den „neuen Besitzer“ Ihrer Jacke am Apparat zu haben, ist etwa gleich gross wie die Chance, den Jackpot zu knacken. Kurz: Kein Mensch käme auf die Idee, den Versuch mit dem Telefonbuch zu starten, um seine Jacke wieder zu finden. Aber Millionen spielen Lotto im Glauben, irgend einmal den Jackpot zu knacken. Eine klassische Form von Aberglauben. Oder Verblendung. Kurz: Die Sehnsucht nach dem grossen Reichtum schaltet das rationale Denken aus. Ähnlich verhält es sich bei der religiösen Verblendung bei Sekten.

Ein weiterer Grund, weshalb das Lottospiel sinn-los ist: Wir alle kennen die Geschichten der Gewinner von Lotto-Millionen: Die meisten verarmen, weil sie mit dem Geld nicht umgehen können oder über den Tisch gezogen werden. Das Hauptproblem: Sie vollziehen einen Identitäts- und Rollenwechsel von einem Moment auf den andern, ohne in die neue Rolle als reiche Person hineingewachsen zu sein. Diese Leute sind ein Beweis dafür, dass plötzlicher Reichtum häufiger ein Problem als ein Segen ist.

Das Lotto-Fieber ist aber vor allem ein Indiz dafür, dass Reichtum heute eine religiöse Dimension angenommen hat und ein Religionsersatz geworden ist. Wir wissen zwar, dass Geld nicht glücklich macht, doch alle haben Gewinn und Reichtum als die grosse Sehnsucht verinnerlicht. Geld wird zunehmend als spirituelle Grösse wahrgenommen. Die Sinnsuche verlagert sich ommer mehr vom Ideellen zum Materiellen. Erstaunlich dabei ist, dass der Realitätsbezug dadurch nicht grösser wird. Das Irrationale zeigt sich auch in der Sehnsucht nach dem materiellen Heil. Topmanager und Superreiche scheffeln in der Regel weiterhin mit aller Kraft Millionen, auch wenn sie wissen, dass sie ihr Vermögen in diesem Leben nicht veprassen können.

Der irrationale Herdentrieb der Lottospieler überdeckt eine durchaus diskutierenswürdige Frage: Gäbe es auch eine Möglichkeit, mit 288 gewonnen Millionen glücklich zu werden?

Die Sterne lügen nie

Hugo Stamm am Mittwoch, den 15. November 2006

Einladung bei Freunden. Bankleute, Journalisten, Lehrer diskutieren angeregt über die Charaktereigenschaften ihrer Kinder. Die Gastgeberin, eine attraktive Psychologin, wirft ein, ihr Sohn sei ein typischer Widder. Willensstark, kämpferisch, energisch, kreativ (Feuerzeichen!). Betretenes Schweigen. Einige schauen sich verstohlen an. Wer will schon einer Psychologin widersprechen, die über den Charakter ihres Sohnes analysiert?

Für Skeptiker ist die Astrologie ein gesellschaftlich sanktionierter Aberglaube. Was kümmert es die unendlich weit entfernten Himmelskörper, was wir Menschen hier unten auf dem Miniplaneten Erde so alles anstellen? Was sollen die verschiedenen Gestirne, welche die 12 Sternbilder bilden, miteinander zu tun haben? Schliesslich haben sie nur aus unserer Froschperspektive eine vermeintliche Verbindung. (Dreidimensional gesehen liegen sie teilweise sehr weit auseinander.) Als wären alle Himmelskörper auf die Erde ausgerichtet.

Es gibt weitere Fragezeichen. Weshalb spielen Ort und Zeitpunkt der Geburt eine Rolle? Wenn schon, wäre wohl der Zeitpunkt der Zeugung entscheidend. (Dieser lässt sich bekanntlich nicht bestimmen.) Bei Geburten spielen Zufälligkeiten eine Rolle, die sich schlecht mit den astrologischen „Gesetzmässigkeiten“ in Einklang bringen lassen. (Astrologen bezeichnen die Astrologie als Wissenschaft. Die –Vorzeige-Astrologin Elisabeth Teissier hat schliesslich eine Doktorarbeit über die Astrologie geschrieben.) In ihrem Dilemma sprechen viele Astrologen vom entscheidenden Faktor der Erfahrung. Deshalb nennen sie ihre Disziplin psychologische Astrologie.

Apropos Wissenschaft: Die Chinesen haben die Astrologie vor rund 3000 Jahren erfunden. Nur: Damals gab es noch keine präzisen Messgeräte und Berechnungsmethoden. Die Gestirne wurden deshalb falsch positioniert, was auch falsche Interpretationen nach sich zog. Ausserdem haben sich die Himmelskörper in den vergangenen 3000 Jahren verschoben. Trotzdem halten die Astrologen an den falschen alten Grundlagen fest. Und nun kippten die Astrologen auch noch Pluto aus der Liste der Planeten. Himmel, Herrgott…

Die Astrologie ist heute ein beträchtlicher Wirtschaftszweig. In Italien gibt es kaum einen Fernsehsender, der nicht astrologische Beratungen anbietet. In Deutschland beispielsweise machen 20 000 Astrologen einen Umsatz von rund 800 Millionen Franken. In der Schweiz dürften schätzungsweise 2000 Sterndeuter gegen 100 Millionen umsetzen. Der deutsche Soziologe Edgar Wunder hat herausgefunden, dass in den letzten zehn Jahren “96 Prozent aller Prophezeiungen falsch waren”. Und die restlichen 4 Prozent? Laut Wunder lauter Zufallstreffer.

Doch noch so viele Kuriositäten vermögen die Astrologiegläubigen nicht nachdenklich zu stimmen. Kein Astrologe hat beispielsweise den Anschlag auf die Twintowers am 11. September 2001 voraus gesehen. Sie hatten sich nämlich vom damaligen „positiven Einfluss“ des Jupiters blenden lassen. Er sorge für ein glückliches 2001, hatten sie prophezeit.

Einen astrologischen GAU hatte Teissier 1999 produziert. Die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 hatte sie zu apokalyptischen Aussagen verleitet. «Vieles deutet für den 11. August auf eine kollektive, die gesamte Menschheit betreffende Katastrophe hin, auf Kriegshandlungen, Explosionen oder gar einen Super-GAU.» Sie flüchtete in eine angeblich sichere Gegend. Nie mehr werde sie eine weitere Vorhersage wagen, falls sie sich irren sollte, hatte die akademisch gebildete Sterndeuterin in die Welt hinausposaunt und bei leichtgläubigen Menschen apokalyptische Ängste ausgelöst. Doch nicht nur die Sterne hatten gelogen – Frau Teissier hielt sich auch nicht lange an ihr Versprechen und orakelt munter weiter.

Mit Ironie halten wir uns Gott vom Leib

Hugo Stamm am Freitag, den 10. November 2006

Wir Menschen sind permanent auf der Suche nach der „Wahrheit“. Ganz besonders am Herzen liegt uns dabei die religiöse Erfüllung, schliesslich geht es bei Glaubensfragen um die höhere Bestimmung oder das Sein schlechthin. Wir brauchen „Wahrheiten“, um nicht schutzlos der komplexen Realität ausgeliefert zu sein und uns eine Identität zimmern zu können. Erkenntnisse geben uns eine geistige Heimat. Deshalb verteidigen wir unsere Sicht der Dinge, oder eben unsere zu „Wahrheiten“ erstarrten Erkenntnisse vehement gegen alle „Gegenwahrheiten“. Unsere „Wahrheiten“ sind der Kompass im undurchsichtigen Dschungel. Wir folgen diesem, auch wenn die Nadel nach Süden zeigt und uns in die Irre führt.

Kritische – vor allem: selbstkritische – Geister wissen, dass Wahrheit subjektiv und somit relativ ist. „Wahrheit“ ist für sie „nur“ Wahrnehmung. Wir können die „Wahrheit“ lediglich aus unserer geistigen und wissenschaftlichen Begrenztheit heraus erkennen und definieren. Somit verändert sich die „Wahrheit“ mit unserem Bewusstsein. Bei Beispiel: Für ein Kleinkind sind Erwachsene unfehlbare und allmächtige Wesen. Und nach wenigen Jahren erkennt es, dass diese Erkenntnis ein fataler Irrtum war.

Zu realisieren, dass es „die Wahrheit“ nicht gibt, ist zweifelsfrei eine schmerzliche Erfahrung. Streng Gläubige und Fundamentalisten wehren sich mit Händen und Füssen gegen jede Form der Relativierung von Glaubensfragen. Sie klammern sich an das Absolute, an das Fundament, zum Beispiel an die Bibel.

Wie reagieren aber kritische Geister auf die schwierige Erkenntnis, dass es in der geistigen Welt nur relative „Wahrheiten“ gibt? Sie konzentrieren sich auf den Willen zur Wahrheit. Im Wissen, dass wir lediglich im Nebel der geistigen Erkenntnisse stochern, bescheiden sie sich mit der Annäherung an die Mysterien. Und sie wissen, dass selbst Gott eine „relative Wahrheit“ verkörpert. Denn Gott entsteht für uns dadurch, dass wir ihn denken. Und da unser Denken zwangsläufig subjektiv ist, bleibt unser Gottesbild unscharf.

Wie reagieren kritischen Geister auf die Erkenntnis der begrenzten Wahrnehmung und Wahrheit? Mit Ironie. Und Selbstironie. Mit Ironie verschaffen wir Distanz zum Absoluten.
Durch scheinbare Zustimmung decken wir etwas Negatives auf: dass es nämlich nichts Absolutes gibt. Wir erlauben uns den Luxus, Gott nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Wir machen Witze über ihn, und halten ihn uns ein Stück weit vom Leib. Denn wenn er uns zu nah kommt mit seinem unerfüllbaren göttlichen Ansprüchen, erdrückt er uns. Mit der Ironie halten wir ihn so weit auf Distanz, dass unser Seelenleben einigermassen im Gleichgewicht bleibt. Ironie ist eine Form der Relativierung und Ausdruck von Weisheit.

Somit haben wir auch ein Instrument, die religiösen Eiferer zu erkennen. Ihnen fehlt in Glaubensfragen die Ironie, die sie als Blasphemie interpretieren. Von der Selbstironie ganz zu schweigen. Man beobachte nur mal die Gesichtszüge von George W. Bush.

Tötet Geld den Geist?

Hugo Stamm am Freitag, den 3. November 2006

Geld kann Geist korrumpieren. Es gibt wohl kaum jemand, der diese Aussage nicht unterschreiben würde. Manche werden gar mit gutem Gewissen behaupten: Die Erfahrung lehrt uns, dass Geld den Geist recht häufig korrumpiert. Puritaner würden ergänzen: „Immer!“

Besitz – im Sinn eines Vermögens – bindet in aller Regel. Christliche Nonnen und Mönche kennen deshalb keinen Privatbesitz. Sie wollen nicht an irdische Dinge gebunden sein, um ganz frei zu sein in ihrer Konzentration auf das Göttliche oder Spirituelle. Sie wohnen in einfachen Klausen, entsagen weltlichen Lebensweisen und sind ganz auf sich zurück geworfen, um ihr Bewusstsein ungehindert auf Gott ausrichten zu können.

Der Dalai Lama spricht vom Anhaften an säkularen Werten und Vorstellungen. Die Askese ist ein Ritual, um sich von menschlichen Begierden zu lösen. Die moderne Esoterik spricht vom Loslassen.

Die Vertreter der grossen Glaubensgemeinschaften sind sich einig: Wer den Geist rein halten will, muss sich dem Weltlichen bis zu einem gewissen Grad entsagen. Der Spruch „Der Geist ist willig, doch das Fleisch sündig“, kommt nicht von ungefähr.

Nun wissen wir aber auch, dass der Klerus oft nicht den schönen Dingen und Sinnesfreuden abgeneigt ist. Und dass es vielen Geistlichen nicht an weltlichem Reichtum mangelt. Der Vatikan ist kein armer Staat, der Papst und seine Crew nicht ganz frei von Prunk. Auch den Fernsehpredigern in den USA geht es blendend, ihr Vermögen geht in die Hunderte von Millionen. Fromme Christen liefern zehn Prozent ihres Einkommens ab, was den Freikirchen ordentliche Vermögen einbringt. Osho hatte 99 Rolls Royce, Scientology knüpft seinen Mitgliedern bis zu 1000 Franken für eine einzige Kursstunde ab. Und sogar der Dalai Lama lässt sich gern mit dem Helikopter in seine Residenz in Daramsala fliegen. (Korrekterweise sei angefügt, dass er sonst recht bescheiden lebt.)

Ich kann also ganz nüchtern feststellen: Irgend etwas läuft da schief. Theorie und Praxis klaffen weit auseinander. Oder gilt das Gebot von Armut, Demut und Bescheidenheit nur für die subalternen Geistlichen?

Vielleicht erlagen die Propheten, Religionsstifter und Gurus lediglich einem strategischen Denkfehler, als sie die Abkehr von der Welt forderten. Sinnesfreuden sind möglicherweise gar kein Widerspruch zu den religiösen oder spirituellen Erfordernissen. Vielleicht stehen Geld und Geist gar nicht in einem fundamentalen Widerspruch. Vielleicht kann Genuss auch eine Form von Spiritualität sein. Dann wäre der opulente Bischof Wolfgang Haas heiliger als ein sich kasteiender Mönch in seiner kargen Zelle.

Vielleicht sind aber Reichtum und weltlicher Einfluss nur ein Machtinstrument. Vielleicht haben Würdenträger auf der Teppichetage gar nicht die Aufgabe, heilig zu werden, sondern müssen das Territorium verteidigen. Vielleicht leben sie bewusst in weltlichen Sphären, um mit den gleichen Taktiken operieren zu können wie die Politiker. Vielleicht sind die Geistlichen in den obersten Hierarchiestufen schon so heilig, dass sie sich nicht von ihren spirituellen Zielen abbringen lassen, auch wenn ihr Amt viel weltliches Engagement erfordert. Und sie vom Bankett, zur Oper und zum Businesslunch mit Politikern hetzen müssen.

Sind Heilige Übermenschen?

Hugo Stamm am Samstag, den 28. Oktober 2006

Das Ziel religiösen Strebens ist es, in irgend einer Form heilig zu werden. Oder zumindest heil, also ganz, natürlich im spirituellen Sinn. Von dieser Sehnsucht nach übersinnlicher Ganzheitlichkeit sind Hindus genau so beseelt wie Muslime, Juden, Christen oder Buddhisten.

Obwohl dieser Begriff eine zentrale Bedeutung im Leben vieler Menschen spielt, lässt er sich nur schwer fassen. Klare Definitionen gibt es nicht. Heilig zu sein bedeutet, dem Göttlichen zuzugehören, selbst göttlich oder gottähnlich zu sein. Der indische Guru Sri Chinmoy sieht sich auf einer Ebene mit Buddha, Krishna oder Christus. Er nimmt für sich Gottesstatus in Anspruch. Das hindert ihn aber nicht daran, seine göttliche Kraft weltlich unter Beweis zu stellen. Er behauptet, mit geistiger Energie die Materie beherrschen und 3500 Kilogramm mit einem Arm hochstemmen zu können.

Es gibt aber auch sehr angesehene Geistliche, die quasi einen Heiligenstatus beanspruchen. Der Dalai Lama lässt sich als Seine Heiligkeit ansprechen. Der Papst ist der Heilige Vater.

Heilige sind also vollkommene Wesen im religiösen Sinn. Sie bilden für uns Suchende das Scharnier im Grenzbereich zwischen Himmel und Erde. Ihr Bewusstsein ist angeblich in idealer Weise auf die transzendente Sphäre ausgerichtet. Sie sind von dieser Welt, leben aber nur bedingt in ihr, weil sie ihr Leben auf die religiösen Erfordernisse ausrichten.

In der katholischen Kirche ist der Papst jeweils der aktuelle „Guru“. Er thront auf dem Heiligen Stuhl. Bei Matthäus lesen wir über Petrus, den „ersten Papst“: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ Der Papst ist der Nachfolger von Petrus und wird als Stellvertreter Christi auf Erden verehrt. Er ist – zumindest in Glaubensfragen – unfehlbar.

In fernöstlichen Heilssystemen, in denen es keinen personalen Gott gibt, ist der Heilige ein Erleuchteter, der angeblich das universale oder göttliche Bewusstsein erlangt hat. Und die Gläubigen unterwerfen sich dem Meister oder Guru, der sie zur Erleuchtung führen soll. Nur durch die geistige Führung ist die Erleuchtung angeblich erreichbar.

Ich frage mich oft, was von den hohen geistlichen Würdenträgern und Gurus übrig bleiben würde, wenn sie aus ihrem „heiligen Umfeld“ gerissen und ihrer spirituellen Autorität beraubt würden. Würde man ihre Erleuchtung trotzdem wahrnehmen? Wären sie auch ohne die Verehrung durch ihre Anhänger die grossen Weisen, als die sie dargestellt werden?

Oder noch deutlicher: Sind Heilige und Erleuchtete auch in weltlichen Belangen „göttliche Wesen“? Die Erfahrungen zeigen uns, dass dem nicht so ist. Bischöfe missbrauchen gelegentlich Kinder sexuell, Gurus halten sich ein Harem, um sich weltlich zu vergnügen, „unweise“ Päpste schüren mit ungeschickten Formulierungen ungewollt Religionskonflikte. Spirituelle Meister indoktrinieren und entwürdigen Anhänger usw.

Das führt zwangsläufig zur Frage: Sind Heilige und Erleuchtete nur in religiösen und spirituellen Belangen erhaben und weise? Warum können sie ihre Göttlichkeit nicht auch auf der menschlichen Ebene umsetzen? Oder: Kann jemand im religiösen Sinn heilig sein und gleichzeitig an sozialer Inkompetenz leiden? Kann ein Guru erleuchtet sein und göttliche Attribute für sich in Anspruch nehmen, als Mensch aber mehr als allzu menschlich reagieren? Müssten nicht gerade die „Heiligen“ auch menschlich vorbildlich sein, immerhin ist für sie die Ganzheitlichkeit ein wichtiges Gebot ihres Erleuchtungsanspruches. Oder sind Heilige nur Kraft ihrer Funktion und Erleuchtete dank ihrer Verehrung durch die Anhänger „göttliche Wesen“? Ich vermute, dass es sich bei vielen „Heiligen“ und „Erleuchteten“ so verhält. Bei zu vielen.

Alles Sekte – oder was?

Hugo Stamm am Samstag, den 21. Oktober 2006

Das Wort Sekte stammt von secta – abspalten. Tatsächlich gab es früher neben den Weltreligionen praktisch nur Splittergruppen, die auf Konfrontation mit der Mutterkirche gegangen waren und sich „reformiert“ hatten. Paradebeispiel ist Luther. Der Reformator ist allerdings eine Ausnahme: Er ergriff die Flucht nach vorn und sprengte die Dogmen und Herrschaftssysteme der Mutterkirche. Die meisten Abspaltungen passierten indes aus einer fundamentalistischen Mentalität heraus. Die konservativen Gläubigen wollten die Zuwendung zur Welt verhindern und die Gebote Gottes nach dem ursprünglichen Wort leben. Beispiele dafür sind die Wiedertäufer. Und aus heutiger Sicht die Freikirchen.

In den letzten Jahren hat sich die Situation radikal verändert. In den 70er-Jahren hatte ich um die 60 Gemeinschaften im Archiv, die sich ausserhalb der Landeskirchen bewegten, heute gegen 1000. Das religiöse Feld hat sich in den letzten 30 Jahren förmlich atomisiert. Und nur die wenigsten sind Sekten im ursprünglichen Sinn, also abgetrennte Gruppen. Die allermeisten sind Neugründungen, also keine Satelliten eines Muttergestirns.

Diese Gruppen und Zirkel wedeln heftig mit dem Duden, wenn es jemand wagt, sie als Sekte zu bezeichnen. „Wir haben uns nicht abgespalten, also sind wir keine Sekte“, wehren sie sich.

Mit diesem sprachlichen Trick können sie ihren Kopf aber nicht aus der Schlinge ziehen. Es gibt zwei Hauptgründe:

1. Das Wort leitet sich nicht nur von secta ab, sondern auch von sequi, also Folge, Nachfolge. Eine Gruppe kann also auch eine Sekte sein, wenn sie einer Idee oder Person folgt. Und da praktisch alle neu gegründeten Gruppen einer Führungsgestalt oder Guru folgen, der den Zirkel gegründet hat, trifft die Definition von Sekte auch auf sie zu.

2. Viel wichtiger ist aber die sozialpolitische Entwicklung. Die Entfremdung von den Grosskirchen ist im breiten Rahmen erst durch die Individualisierung der Gesellschaft und Emanzipation des Individuums möglich geworden. Dadurch wurde die Sehnsucht, auch in metaphysischen Fragen die Selbstverantwortung zu übernehmen, entfacht. Somit war das Biotop geschaffen, in dem Gurus und selbst ernannte Propheten ihre Sektenpflänzchen setzen konnten.

Mein Archiv ist beredtes Zeugnis dieser Entwicklung. Darin finden sich esoterische Zirkel, neureligiöse Bewegungen, christlich fundamentalistische Gemeinschaften, Guru-Gruppen, fernöstliche Heilsgemeinschaften, Ufo-Gruppen usw., die klar vereinnahmenden Charakter zeigen, also Indoktrination und Bewusstseinskontrolle anwenden. Und: Es gibt selbst Psychogruppen mit Sektentendenz, die das Heil versprechen, ihre Klienten und Therapeuten aber in eine Abhängigkeit ziehen.

Sektenhafte Tendenzen machen sich zunehmend in Lebensbereichen bemerkbar, die mit Religion nichts am Hut haben. Bei Psychogruppen beispielsweise nimmt die Überzeugung, mit der richtigen psychologischen Lehre und den eigenen Therapieformen den Menschen aus seiner Dumpfheit befreien zu können, Glaubenscharakter an. Er wird zum Religionsersatz und zur Heilslehre.

Ich will die zunehmende Sektenmentalität in vielen Lebensbereichen – beispielsweise auch in der Wirtschaft – nicht weiter ausführen, sondern Euch den Ball zuspielen:

Wieso neigen wir zur sektenhaften Lebensweise?

Wo lässt sich diese beobachten?

Wie könnte man Gegensteuer geben – falls dies erwünscht ist?

Woher stammt die Sehnsucht nach dem absoluten Heil?

Wieso sehnen sich so viele Zeitgenossen danach, sich als Guru aufzuspielen?

Ist Gott tot?

Hugo Stamm am Sonntag, den 15. Oktober 2006

Nachdem wir uns beim Thema Kreationismus versus Evolutionstheorie so richtig warmgelaufen haben und schon fast zur Höchstform aufgelaufen sind, wollen wir nun das Meisterstück schmieden.

Bisher haben wir den monumentalen Diskussionskomplex mehrfach umkreist, ohne ins Zentrum vorzustossen. Doch nun ist die Schonzeit vorbei, weshalb ich die ultimative Frage stelle: Wer oder was ist GOTT? Wie stellen wir uns diesen Gott vor? Oder gibt es ihn überhaupt?

Zuerst ein kurzer Blick in die Entwicklung der Gottesbilder: Heute sind Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften der Feind aller Götter. Früher, als die Menschen noch in Höhlen hausten, beteten sie Mond und Sonne an. Es folgte der Animismus mit Geistern und Göttern, bis dann die Buchreligionen den Monotheismus mit einem personalen Gott schufen.

Über Jahrhunderte war die Vorstellung vom lebendigen, lieben Gott in der jüdischen, arabischen und christlichen Welt der unbestrittene und zentrale Glaubensinhalt. Wer es im Mittelalter in der christlichen Welt wagte, die Existenz Gottes in Zweifel zu ziehen, musste damit rechnen, auf dem Scheiterhaufen zu landen. Und da die „gewöhnlichen“ Gläubigen die Bibel nicht lesen durften und kaum gebildet waren, blieb ihnen keine Wahl, als den Worten des schulisch gebildeten Klerus Glauben zu schenken.

Doch dann kam die Demokratisierung der Bildung und in Ansätzen die politische Emanzipation der Bevölkerung. Die geistige Freiheit des Individuum führte zu ungeahnten Entwicklungen. Gleichzeitig machten uns Philosophen und Naturwissenschafter mit neuen spektakulären Erkenntnissen über den Aufbau der Welt und die Komplexität der Natur vertraut.

Plötzlich erschien der monotheistische Gott in einem neuen Licht. Einerseits war da die komplexe Struktur der Materie mit seinen Atomen und Molekülen und besonders das Wunder unseres Hirns. Auf der anderen Seite der liebe Gott im Himmel, der uns als Vaterfigur präsentiert wird. Und so klaffen die religiöse und die wissenschaftliche Welt weit auseinander.

Da Glaubenskonzepte unverrückbare Heilslehren sind, bleibt Gott trotz aller Erkenntnisse so, wie er uns in der Bibel vermittelt wird. Da können uns die Wissenschaften noch so viele Erkenntnisse servieren, die den christlichen Gott alt aussehen lassen. Unser Bewusstsein von der Welt verändert sich radikal, doch Gott bleibt Gott. Freie Geister sind indes nicht mehr bereit, die Diskrepanz zu akzeptieren. Deshalb sagen sie mit Friedrich Nietzsche: Gott ist tot.

Einfacher haben es die westlichen spirituellen Sucher, die mit fernöstlichen Heilsvorstellungen, vor allem dem Buddhismus, liebäugeln. Für sie, wie auch für die Theosophen und modernen Esoteriker, ist Gott eine Form von Energie. Wie alles im Kosmos. Allerdings eine spezielle Energie, eine universelle, die in einer besonderen Frequenz schwingen soll. Damit ist ihr Gott wandelbar. Er kann sich parallel zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterentwickeln und muss sich auch nicht vor der Quantenphysik fürchten.

Doch: Was taugt ein Gott, der eigentlich keiner ist?

Und: Wie lange hält sich der christliche Gott, der aus wissenschaftlicher Perspektive quer in der Landschaft liegt?

Schöpfung muss kein Widerspruch zu Darwin sein

Hugo Stamm am Donnerstag, den 12. Oktober 2006

Ich bin in einer alten SonntgsZeitung (16.4.06) auf interessantes Interview gestossen, das den Streit zwischen Kreationisten und Vertretern der Evolutionstheorie aus einer neuen Perspektive beleuchtet. Der Journalist Max Rauner hat den päpstlichen Astronomen George V. Coyne über Glauben und Wissenschaften befragt. Der Jesuit und Wissenschafter vertritt den Standpunkt, dass Urknall und Schöpfungslehre kein Widerspruch sein müssen.

Coyne kann den Spagat aber nicht ohne Abstriche bei der Genesis machen. Die Schöpfungsgeschichte ist für ihn eine Metapher. Dabei wagt er es, einen offenkundigen Widerspruch mit klaren Worten zu benennen. Die biblische Beschreibung von der Schaffung des Menschen bezeichnet Coyne als eine wunderschöne Geschichte, aber keine Wissenschaft. Die Bibel sei zwischen 2000 v. Chr. und 200 n. Chr. von vielen Autoren aus unterschiedlichen Kulturen geschrieben worden. Coyne wörtlich: “Sie enthält eine Menge Wahrheiten, aber keine wissenschaftliche Wahrheit. Am ersten Tag machte Gott das Licht, und am vierten Tag schuf er die Sonne und die Sterne. Nur, mit Verlaub, wo zum Teufel kam am ersten Tag das Licht her, wissenschaftlich gesprochen?”

Auf die Frage, ob es sich dabei vielleicht um das Echo des Urknalls (Hintergrundstrahlung) gehandelt haben könnte, reagiert Coyne ähnlich unwirsch: “Das ist absurd. Die Hintergrundstrahlung wurde in den Sechzigerjahren entdeckt, ein Autor der Genesis konnte das nicht voraussehen.”

Trotz dieser wissenschaftlichen Skepsis gegenüber der Genesis, verbannt Coyne die Bibel nicht ins Reich der Märchen und Legenden. Auf die Frage, ob Gott ausserhalb des Universums sei, antwortet Coyne: „Sowohl ausserhalb als auch innerhalb. Er wirkt im Universum durch seinen Geist. Gott ist ewig, was immer das heisst. Wir haben Schwierigkeiten mit dem Begriff der Ewigkeit, weil wir in der Zeit leben. Deshalb können wir uns auch nicht vorstellen, dass Zeit und Raum erst im Urknall ihren Anfang nahmen. Es gibt kein «vor dem Urknall».

Hat Gott den Urknall geschaffen?
Ja. Aber das war kein singulärer Akt, sondern es ist eine kontinuierliche Schöpfung. Aber das ist ein Glaubensbekenntnis, keine Wissenschaft. Der Urknall benötigt nicht unbedingt einen Gott.

Stephen Hawking sagte: Wenn es keinen Anfang gab, gibt es auch keinen Platz für Gott.
Falsch. Gott ist keine Randbedingung des Universums. Man kann die Existenz Gottes nicht mit Hilfe der Quantenphysik widerlegen – noch kann man sie beweisen. Die Wissenschaft ist gegenüber religiösen, philosophischen und theologischen Schlussfolgerungen absolut neutral.

Fühlen Sie sich als katholischer Astronom und forschender Katholik innerlich zerrissen?
Jeden Morgen wache ich auf und zweifle. Eins ist sicher: Wir werden nie die richtige Vorstellung von Gott und seiner Beziehung zum Universum haben, wenn wir nicht das Universum, so gut es geht, wissenschaftlich erforschen.

Ist Darwin ein Feind der Bibel?

Hugo Stamm am Samstag, den 7. Oktober 2006

Fromme Christen haben weltweit ein neues Kampffeld entdeckt. Mit allen nur erdenklichen Waffen ziehen sie gegen Charles Darwin, den Erfinder der Evolutionstheorie, in den Krieg. Der begnadete Forscher, der seit über 100 Jahren den wohlverdienten Ruhestand im Himmel genossen hat, bekommt die aktuellen terrestrischen Erschütterungen heftig zu spüren.

Was ist passiert? Die Frommen haben entdeckt, dass Darwin eine Gefahr für die Bibel ist. Denn der Begründer der Evolutionstheorie behauptet keck, der Mensch stamme vom Affen ab. Dabei steht doch in der Bibel unmissverständlich geschrieben, dass Gott Adam und Eva vor 4000 oder 6000 Jahren geschaffen hat. (Wobei Eva aus der Rippe Adams entstanden ist.)

Seit die frommen Christen und Freikirchler in den USA zum Sturm auf den armen Darwin geblasen haben, geraten Universitäten und Schulen unter Druck. Die militanten Verteidiger der Bibel möchten Darwin aus den Schulbüchern verbannen. Es gibt sogar Bestrebungen, auf Gesetzesebene gegen den Erfinder der Evolutionslehre und seine „blinden Gefolgsleute“ wie Wissenschafter, Gelehrte und Lehrer vorzugehen. Die Frommen in den USA sind mit ihrer PR-Kampagne so erfolgreich, dass heute 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung glauben, es gebe die Erde erst seit ein paar tausend Jahren. Schliesslich könne die Bibel nicht lügen.

Da selbst die frommen Christen Skrupel haben, Darwin gegen die Bibel auszuspielen, greifen sie zu einem PR-Trick. Sie lassen bei ihrer „Aufklärungsarbeit“ ihr heiliges Buch anfänglich aus dem Spiel und nennen die biblische Schöpfungslehre oder den Kreationismus Intelligent-Design-Theorie. Was heissen soll: Ein intelligentes Wesen muss das Wunder Erde und das noch grössere Wunder Mensch kreiert haben. So etwas Phantastisches kann nicht durch banale Zufälligkeiten auf der Zellebene entstanden sein, glauben sie. Um den Wissenschaftern nicht Gott als Gegenpol zum Darwinismus entgegenhalten zu müssen, sprechen sie „neutral“ von einem intelligenten Designer.

Wie fast alles, was in den USA Erfolg hat, schwappt auch die Theorie vom intelligenten Design nach Europa und in die Schweiz. Bei uns bemüht sich neben den Freikirchen vor allem der Verein Pro Genesis, Darwin gegen die Wand zu fahren. Pro Genesis will eine Arche Noah bauen und in einer Art biblischem Disneyland zeigen, wie Gott den Menschen und die Tiere erschaffen hat.

Es gibt auf der Welt kaum einen ernst zu nehmenden Wissenschafter, der an der Evolutionstheorie zweifelt. Man kennt zwar noch nicht alle Tricks und Geheimnisse der Natur und etliche Fragen sind noch offen, doch das Darwinsche Grundprinzip hat sie bewährt. Das kümmert die Frommen nicht, es auf der wissenschaftlichen Ebene mit den Gelehrten aufzunehmen. Sie wollen mit den Waffen der Wissenschafter beweisen, dass die Bibel nicht irrt und der intelligente Designer die Erde vor 6000 Jahren in sechs Tagen geschaffen hat.

Nun ist es durchaus so, dass sich auch Wissenschafter irren können. Es kann mal eine Null auf der Strecke bleiben, oder zuviel angehängt werden. Doch die Kreationisten liegen mit ihrem intelligenten Design Lichtjahre von den Zahlen der Wissenschafter entfernt. Die Geologen, Paläontologen, Biologen usw. sind sich nämlich einig, dass die Erde vor etwa 4,5 Milliarden Jahren entstanden ist. Und dass das Leben auf unserem Planeten seit mindestens 2,5 Milliarden existiert. (Während zwei Milliarden Jahren gab es nur Mikroorganismen.) Fazit: Einer muss sich gründlich irren. Entweder der intelligente Designer oder die Wissenschafter.

Die Frommen und Kreationisten haben natürlich auch Wissenschafter auf ihrer Seite. Diese schreiben fleissig Bücher, in denen sie mit wissenschaftlichen Argumenten belegen wollen, dass die Lehre Darwins nicht stimmen kann. Das Problem ist nur, dass sie vor allem als Gläubige nach wissenschaftlichen Erkenntnissen suchen. Sie spüren im riesigen Patchwork der Evolutionstheorie jene blinden Flecken auf, die noch der Erkenntnis harren. Diese Schwachstellen beschreiben sie akribisch. Dabei lassen sie bei ihrer „Forschung“ die vielen, vielen Puzzleteile aus, welche Darwin bestätigen.

So umschiffen sie die Haupterkenntnis der ernsthaften Wissenschafter. Die erklären, dass alle lebenden Organismen auf unserer Erde Gemeinsamkeiten aufweisen, die ohne den Evolutionsgedanken nur sehr schwer zu erklären wären. Dazu gehören die universelle Verbreitung des genetischen Codes und der identische Energiestoffwechsel. Auch der Energiehaushalt der Zellen bei Tieren und Pflanzen ist aus einer früheren Evolutionsstufe der Bakterien hervorgegangen. Das ist nur möglich, wenn es eine kontinuierliche Entwicklung von den Einzellern bis zu den Primaten gegeben hat.

Und so fragt man sich, ob denn die Frommen nicht besseres zu tun haben, als viel Geld und Geist für den Kampf gegen die Evolutionstheorie zu verwenden. In Wirklichkeit geht es ihnen um alles oder nichts: Würde die Bibel der wissenschaftlichen Überprüfung nicht Stand halten, könnte ihr ganzes Heilskonzept zusammenkrachen. Und der Himmel würde auf die Erde stürzen.