Guru Blocher im Himmel

Hugo Stamm am Donnerstag, den 1. Februar 2007

22. Oktober 2007. Christoph Blocher klopft an die Himmelspforte. Im Türspion huscht ein Schatten vorbei.

„Wer bist Du?“, ertönt es aus der Gegensprechanlage.

„Ich bin der Boss der SVP.“ Petrus öffnet das Tor einen Spalt und mustert Blocher misstrauisch.

„Warum begehrst Du Einlass? Du bist ja noch voll im Saft.“

„Die Bundesversammlung hat mir gestern den Schuh gegeben, heisst. abgewählt. Die Linken und Netten haben Angst vor mir.“

„Herrgott, kennst Du eine SVP?“, fragt Petrus in Richtung Himmelsthron.

Aus dem Hintergrund erschallt eine tiefe Stimme: „Das ist doch die Spirituelle Vaterlands Partei des Gurus Blocher.“

„Ist der koscher?“, fragt Petrus.

„Gurus eigentlich nie, doch der Blocher hat immer so schön gesungen in der Kirche. Den können wir im Chor der Cherubinen bestens gebrauchen.“

„Kannst Du mir sagen, weshalb Gott Dich einen Guru nennt?“, fragt Petrus Blocher.

„Vermutlich, weil ich der Führer der SVP war.“

„Haben Dich denn Deine Anhänger als Heilsbringer verehrt?“

„Verehrt schon, aber Heilsbringer? Ich glaube nicht.“

„Das sagen alle Gurus, die bei uns anklopfen. Hast Du eine Heilslehre verkündet?“

„Nicht direkt, wir hatten nur ein Parteiprogramm.“

„Versprach es die Erlösung von den irdischen Leiden?“

„Schon, schliesslich haben die Kommunisten und Sozialisten das Volk mit Abgaben und Reglementen geknebelt.“

„Dann gab es bei Deiner SVP auch Rituale und soziale Kontrollen?“

„Wenn Du Wahlen gewinnen willst, brauchst Du schon Schlachtrufe, Arbeitspläne und Einsatzbrigaden, die den Mitgliedern auf die Finger schauen und ihre Arbeit kontrollieren. Sonst hast Du bald einen Hühnerstall wie bei den Grünen.“

„Und wie stets mit dem Geld? Finanzieren die Mitglieder Deine Sekte?“

„Die Reichen werden schon zur Kasse gebeten. Schliesslich ist das Missionieren neuer Mitglieder teuer, und die Wahl- und Abstimmungskämpfe kosten ein Vermögen.“

„Und ihr tanzt auch um das goldene Kalb?“

„Goldenes Kalb? Oh, das ist eine gute Idee. Kannst Du mir Dein Handy geben? Ich will meinen Parteichef Ueli Maurer telefonieren, er soll unser Wahlkampfziege Zottel mit Goldfarbe besprayen.“

Wenn das Schicksal zuschlägt

Hugo Stamm am Donnerstag, den 25. Januar 2007

Sag mir, wie Du es mit dem Schicksal hältst, und ich sage Dir, woran Du glaubst.

In Abänderung eines Bonmots möchte ich die Diskussion über den Glauben ausweiten und die Frage nach dem Schicksal stellen. Die Idee kam mir nach einem Kinobesuch. In „Babel“ erzählt Regisseur Alejandro González Iñárritu folgende ergreifende Geschichte:

Ein reicher Manager aus Tokio verbringt in Marokko Jagdferien. Vor der Heimreise schenkt er seinem lokalen Führer die Flinte. Dieser verkauft sie einem Bauern, der abgelegen in der der Bergwüste lebt. Der Bauer gibt das Gewehr seinen beiden Söhnen im Alter von ca. 12 und 14 Jahren mit, wenn sie mit der Ziegenherde umherziehen. Bei Schiessübungen auf längere Distanzen verfehlen sie konstant das Ziel. Sie glauben, das Gewehr tauge nichts. Als sie eines Tages in der Ferne einen Touristenbus entdecken, macht der Jüngere eine Zielübung und drückt ab. Plötzlich stoppt der Bus.

Eine amerikanische Touristin, die nach einem Streit mit ihrem Mann gelangweilt in die öde Landschaft schaut, bricht plötzlich zusammen. Die Kugel hat ihre Schulter durchschlagen, sie blutet stark. Das nächste Spital ist vier Stunden entfernt. Der Chauffeur fährt zum nächsten Dorf, der Ehemann alarmiert die Botschaft und fordert einen Krankenwagen an. Der Tierarzt näht die Wunde zu, um die Blutung zu stillen. Ohne Lokalanästhesie.

Der Ehemann telefoniert der Haushälterin – eine illegal eingereiste Mexikanerin – und teilt ihr mit, dass er und seine Frau später heimkehren würden – falls überhaupt. Denn seine Frau schwebe in Lebensgefahr. Die Mexikanerin ist dadurch gezwungen, die beiden kleinen Kinder des Ehepaares mit zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko zu nehmen. Auf der Heimfahrt mit dem Auto machen die Zöllner Probleme. Der Neffe der Haushälterin verliert die Nerven, gibt Vollgas und durchbricht die Schranken. Auf Wüstenpisten hängt er die Verfolger ab. Um die Haushälterin und die Kinder nicht zu gefährden, setzt der Neffe sie in der Dunkelheit ab. Am andern Morgen entdecken die drei, dass sie im Niemandsland in der Wüste zurückgelassen worden sind. Ohne Wasser. Auf ihren eleganten Festschuhen stolpert die Haushälterin durch den Sand, um Hilfe zu holen. In letzter Minute entdecken patrouillierende Polizisten die Mexikanerin und verhaften sie – weil sie keine Papiere hat.

Die Eltern der beiden ebenfalls geretteten Kinder warten in Marokkos Wüste vergeblich auf das Krankenauto. Die amerikanischen Behörden gehen von einem Terroranschlag aus. Es kommt zu politischen Spannungen mit Marokko, weshalb sich die Rettung um Tage verzögert.

Das Drama setzt sich auch bei der marokkanischen Bauernfamilie fort. Der Vater will mit seinen beiden Söhnen flüchten. Es kommt zur Schiesserei mit der Polizei. Beide Söhne werden von Kugeln getroffen, der ältere wird schwer verletzt.

Kurz: Ein Geschenk (Gewehr) löst eine Kette von Schicksalsschlägen aus. Ein Schicksal, bei dem es um Schuld und Sühne geht.

Was bedeutet Schicksal? Es gibt unzählige Auslegungen und Definitionen, die wohl alle subjektiv gefärbt sind. Ansichten über das Schicksal sagen viel über Glauben und Weltbild der definierenden Personen aus.

Ausserdem ist das Schicksal eng mit dem Glauben verknüpft. Alle Heilslehren befassen sich mehr oder weniger direkt mit der Frage nach dem Schicksal – auch wenn viele den Begriff konsequent ausklammern.

Schicksal bedeutet Vorsehung, Geschick, Los. Schon diese drei Begriffe machen deutlich, dass es verschiedene Sichtweisen gibt.

1. Die Vorsehung deutet auf eine religiöse oder spirituelle Definition hin: Eine höhere Macht hat die Finger im Spiel, sie bestimmt mein „Schicksal“.

2. Das Geschick weist auf den Handelnden hin: Ich bin für mein Schicksal selbst verantwortlich. Getreu dem Glauben von Ursache und Wirkung.

3. Das Los deutet auf eine fatalistische Interpretation hin: Das Schicksal ist das Resultat mehr oder weniger (un)glücklicher Umstände oder Zufälle. In einem gewissen Mass kann ich das Schicksal beeinflussen, bei einem wuchtigen Schicksalsschlag bin ich machtlos. Es gibt keine Schuldigen oder höheren Mächte, die in mein Leben eingreifen.

Lassen sich diese kurzen Definitionen bestimmten Religionen oder Heilslehren zuordnen?

Im Bann des Glaubens

Hugo Stamm am Samstag, den 20. Januar 2007

Die intensive Diskussion über die schwer verständlichen Widersprüche in verschiedenen Glaubensgemeinschaften im letzten Beitrag provoziert geradezu die Frage: Weshalb glauben wir Menschen überhaupt? Woher stammt das Bedürfnis, an höhere Mächte und ein Leben nach dem Tod zu glauben? Woher stammt die Energie dazu?

Tatsache ist, dass Glauben und Hoffnung an metaphysische Phänomene den Menschen umtreiben, seit er ein Bewusstsein von der Zeit hat. Tatsache ist auch, dass der Glaube eine der stärksten menschlichen Energien ist – vor allem, wenn er wahnhafte Züge annimmt. Erinnert seien nur an die religiösen Monumente, die zu den grössten der Welt gehören und in allen Kulturen zu finden sind. (Pyramiden, Tempelstädte, Kultstätten usw.) Hunderttausende von Menschen mussten beim Bau der Sakralbauten ihr Leben lassen.

Auch die Aufklärung hat es nicht geschafft, die Macht des Glaubens zu brechen. Die Religion der Vernunft steht auf verlorenem Posten. Die grösste Gefahr für den Glauben ist vermutlich die wirtschaftliche Prosperität. Wohlstand macht den Menschen zu Gott. Das gesättigte Individuum konzentriert sich auf sich selbst – und erst dann auf Gott. Doch glaubt man den Medien, ist momentan eine Renaissance des Glaubens zu beobachten. (Ich vermute allerdings, dass dies subjektive Empfindungen sind und sich durch Umfragen nicht erhärten liessen.)

Jungianer würden sagen, der Glaube sei ein Archetyp, der sich tief in die Seele oder Gene eingegraben habe. Ich orte die Kraft des Glaubens eher auf der negativen Seite: Triebfeder ist in erster Linie die Angst. Die Angst vor Schicksalsschlägen, die Angst vor dem Tod. Und diese Angst provoziert eine zweite Kraft, die ich ebenfalls kritisch beurteile: Die Sehnsucht. Mit der Sehnsucht nach Erlösung und ein Leben nach dem Tod betäuben wir die Todesängste. Das Leiden im Jammertal soll mit einer Belohnung im Paradies oder im nächsten Leben (Abbau der karmischen Belastung) kompensiert werden. Und wir wissen aus Erfahrung: Gegen die Angst ist die Vernunft auf verlorenem Posten.

Die Sehnsucht nach dem Paradies wird möglicherweise von pränatalen Erfahrungen geprägt. Nach der perfekten Geborgenheit im Mutterleib kommt der Geburtsschock, der mit existenziellen Ängsten verbunden ist. Und die Erfahrungen im Lauf des Lebens sind in der Regel auch nicht dazu angetan, Vertrauen in sich und die Welt zu gewinnen. Das nährt die Sehnsicht nach Geborgenheit und Erlösung. Und nach Wundern.

Was soll denn am Glauben falsch sein? Es besteht die Gefahr, dass Gläubige die Selbstverantwortung abgeben. Dass sie ein realitätsfremdes Weltbild entwickeln. Dass sie den Willen nach geistiger Freiheit verlieren. Um das Chaos auf dieser Welt ein bisschen ordnen zu können, bräuchten wir aber selbstbewusste und vernunftbestimmte Menschen. Ich sehe leider nicht, dass Glaubensgemeinschaften viel dazu beigetragen haben, die Welt menschlicher zu machen. Und der aktuelle „Krieg der Kulturen“ wird ja von radikalen religiösen Kräften mitgeprägt. Besserung ist also nicht in Sicht.

Hallo Himmel

Hugo Stamm am Samstag, den 13. Januar 2007

Lieber Gott, lieber Jahwe, lieber Allah,

heute ist die Zeit der Danksagung. Ich möchte Euch, den Schöpfern des unendlichen Universums, danken. Danken dafür, dass Ihr mich geschaffen und auf die Erde gestellt habt. Damit habt Ihr mir ein grosses Geschenk gemacht.

Der Körper, den ich erhalten habe, ist ein Wunder. Die Krönung ist allerdings der Kopf, den Ihr mir auf den Hals gesetzt habt. Er beherbergt ein phänomenales Organ, das mich staunen lässt. Das Superhirn, das mein privates Universum steuert, ist wohl das komplexeste Gebilde, das wir finden können.

Wenn ich mich in der Welt umschaue und auf mein Leben zurück blicke, dann wird mir klar, dass Ihr gut daran getan habt, mich mit einem solchen Superorgan auszustatten. Denn das Umfeld, das Ihr mir als Spielplatz zur Verfügung gestellt habt, hat es in sich. Manchmal kommt es mir vor, als sei unser Planet eher ein Kampfplatz. Ohne den Supercomputer in meinem Schädel wäre ich heillos überfordert, wenn nicht verloren. Deshalb noch einmal: Danke, liebe Götter.

Bei Eurer weiser Voraussicht, mich gut auszurüsten, erstaunt mich dann doch, wie Ihr Euch präsentiert. Aus Platzgründen konzentriere ich mich auf Dich, Du Gott der Christen. Da bleibe ich oft rastlos zurück. Und ich frage mich, weshalb Du mir ein so komplexes Erkenntnisorgan geschenkt hast, mir aber so viele Rätsel aufgibst, wenn es darum geht, Dich zu erkennen und zu verstehen.

Denn dabei hilft mir mein Grosscomputer nicht weiter. Und wenn ich Deine Eigenpräsentation in der Bibel studiere, machst Du mich vollends ratlos. Warum nur, lieber allwissender Gott, zeigst Du Dich nicht so, dass ich Dich mit meinem Verstand erkennen oder erfassen kann?

Ich gebe Dir ein paar Beispiele. Die Trinität macht mein Hirn oder meinen Verstand ratlos. Was haben der heilige Geist und Jesus in Dir oder in Deiner Identität zu suchen? Lass den heiligen Geist doch einfach neben Dir der heilige Geist sein. Wobei ich, ehrlich gesagt, seit jeher Mühe mit ihm habe. Mir ist nie recht klar geworden, warum es ihn braucht.

Du verlangst von uns Menschen, dass wir auch die andere Wange hinhalten sollen und den Nächsten lieben wie uns selbst. Und sogar unsere Feinde. Und töten dürfen wir schon gar nicht. Trotzdem zieht sich durch das Alte Testament eine Blutspur, die unter anderem von „Deinen Leuten“ gezogen worden ist. Ausserdem waren manche von Deinen Stellvertretern hier auf Erden auch ziemlich blutrünstig. Warum hast Du ihnen nicht das Schwert aus der Hand genommen? Und ausgerechnet Du hast von Abraham verlangt, er solle seinen Sohn töten. Nur um zu erfahren, ob er Dir treu ist. (Warum hast Du nicht in sein Herz geschaut und die Antwort ohne Mordauftrag geholt?)

Warum, lieber Gott, soll Maria Jesus unbefleckt empfangen haben? Hast Du ihr die Freude nicht gegönnt?

Warum ist Jesus von den Toten auferstanden? Wenn Du ihn nicht hättest sterben lassen, wäre das schwer verständliche Ritual überflüssig gewesen.

Und erst die Johannes-Offenbarung. Was Du da den Menschen am Ende der Zeit androhst, die nicht ganz auf Deiner Seite stehen, ist schrecklich. Die Qualen der Ungläubigen sind höllisch. (Es gibt Leute, die haben noch nie von Dir gehört – weshalb sollen sie denn auch Qualen erleiden?) Schmerzt es Dich nicht, wenn Du die Menschen so leiden siehst? Du hast sie doch nach Deinem Ebenbild geschaffen. Und Du bist doch der liebende Vater. Warum kannst Du denn so grausam sein mit Deinen Kindern, die sich vielleicht ein wenig verirrt haben?

Mit diesen Fragen gehöre ich vermutlich auch zu den Abgefallenen. Doch wenn Du mich wegen meines kritischen Verstandes in die Hölle verbannst, dann schickst Du einen Teil von Dir zum Teufel. Weil Du mir mit Deinem eigentümlichen Verhalten nicht die Möglichkeit gegeben hast, Dich zu erkennen.

Ich höre die Gläubigen bereits, die sagen, Gott erfahre man nicht mit dem Hirn, sondern mit den Gefühlen. Sie haben recht. Doch ich weiss auch aus Erfahrung, dass Intuition und Gefühle nicht unfehlbar sind. Besonders in schwierigen Situationen sind sie kein verlässlicher Kompass. Dann können mich nur der kritische Verstand und die Lebenserfahrungen vor Fehlentscheiden oder falschen Erkenntnissen schützen. Deshalb prüfe ich spirituelle Gefühle früher oder später auch mit dem Verstand. Und dann, lieber Gott, rückst Du leider ziemlich weit weg.

Wer glaubt, weiss nicht. Er glaubt

Hugo Stamm am Samstag, den 6. Januar 2007

Ich reagiere bei dogmatischen Glaubenssystemen oder Heilslehren allergisch. Weshalb? Fehlt mir etwa das Glaubensgen? Bin ich ein „verkopfter“, zu sehr auf die Realität bezogener Mensch? Fehlt mir eine emotionale Ebene? Habe ich Angst, loszulassen und mich in die göttliche Dimension fallen zu lassen?

Solche Fragen stellen mir Vertreter von Glaubensgemeinschaften gern, die von sich behaupten, die „einzig wahre“ Heillehre zu vertreten. Und in ihrem triumphierenden Unterton schwingt unüberhörbar die Überzeugung mit, dass ich ein spiritueller Banause sei, der in seiner geistigen Beschränkung die Gottesdimension nicht erfassen könne. Ihr Mitleid springt mich jeweils förmlich an. Was für meine Kritiker den Vorteil hat, dass sie sich in ihrer engen religiösen Welt behaglich einrichten können. Gleichzeitig polieren manche auf meinem Buckel ihr Selbstwertgefühl auf und lassen mich ihre Überlegenheit deutlich spüren.

Ich glaube nicht, dass mir die seelische Kraft fehlt, religiöse Empfindungen wahrzunehmen. Mich stört vielmehr, dass viele Gläubige Geist und Ratio knebeln. Denn viele philosophische und wissenschaftliche Erkenntnisse lassen sich nicht in Einklang mit engen Glaubenskonzepten bringen. Wer zum Beispiel ohne religiöse Brille und mit einem neugierigen freien Geist die Bibel liest und die Geschichte des Christentums studiert, hat zumindest starke Zweifel, dass das Alte und Neue Testament das authentische Gott Wortes ist. Und wer sich mit der Entstehung der Bibel auseinandersetzt, erfährt rasch, dass da nicht neutrale Geschichtsschreiber am Werk waren, die Gottes Wort originalgetreu wiedergegeben haben, sondern dass gläubige Interessenvertreter ein Pamphlet geschrieben haben, das vor allem der Missionstätigkeit dienen soll. (Diese Aufgabe hat die Bibel denn auch hervorragend erfüllt.)

Mein Unbehagen geht aber tiefer. Strenggläubige – egal aus welcher Glaubensrichtung – beschneiden ihr Bewusstsein. Sie müssen die Neugier zügeln und haben Angst vor gewissen überraschenden Erkenntnissen. Es könnte nämlich sein, dass sie mit Hilfe des Geistes oder der Ratio Erfahrungen machen, die im Widerspruch zu ihrer Heilslehre stehen. Sie könnten Zweifel bekommen und die geistliche Obrigkeit mit kritischen Fragen in die Klemme bringen.

Der deutsche Papst versucht zwar krampfhaft, den christlichen Glauben mit der Vernunft zu ergründen und in Einklang zu bringen. Dass ausgerechnet dieser an den Dogmen klebende Geistliche die Vernunft zu seinem Zeugen machen will, zeigt nur, dass er geistig nicht frei ist und die Widersprüche verdrängt. Wenn er in Glaubensfragen redlich wäre, würde er erkennen, dass sich der Glaube der Vernunft entzieht. Wenn sich Glaube mit Ratio und Vernunft erfassen und analysieren liesse, wäre es kein Glaube mehr, sondern eine auf dem Verstand basierende Erkenntnis.

Ich bin nicht gegen den Glauben. Ich erwarte nur, dass Gläubige sich eingestehen, dass sie eben „nur“ glauben. Dass sie den Glauben als das nehmen, was er ist, nämlich eine gefühlsmässige, nicht zu beweisende Überzeugung. Und dass jeder Glaube auf unsicheren Annahmen beruht. Und dass ihr Glaube ein Irrtum sein kann.

Eine solche Einsicht würde zu Bescheidenheit führen. Die Gläubigen würden ihren eigenen Glauben relativieren. Christen müssten sich vielleicht eingestehen, dass die Juden mit ihrer Interpretation der Heilsgeschichte der Wahrheit vielleicht mindestens so nahe kommen wie sie selbst. Und dass Mohamed vielleicht auch ein tief religiöser Prophet war, der manches mindestens so gut verstanden hat wie Jesus.

Diese Bescheidenheit und Unsicherheit würde zu einer Entkrampfung führen. Mancher Konflikt zwischen Religionsgemeinschaften könnte aus der Welt geschaffen werden, Terrorismus würde einiges an Aktualität verlieren.

Vielleicht wäre es noch wichtiger, dass wir bei einem entkrampften Umgang mit dem Glauben unser Bewusstsein von falschen Vorstellungen und Aberglauben befreien könnten. Nur so wären wir frei, Erkenntnisse ohne Selbstzensur zu machen. Das würde zu mehr Freiheit und weniger Abhängigkeit führen. Was zugegebenermassen ein Gräuel für Machtmenschen aller Couleur wäre, die uns dank unserer Scheuklappen wunderbar beeinflussen und teilweise manipulieren können.

Menschsein im 2007

Hugo Stamm am Samstag, den 30. Dezember 2006

In diesen festlichen Tagen hauen die Reichen und Schönen in St. Moritz – und in anderen mondänen Ort – auf den Putz, dass sich die Balken und biegen und die Fassade der Nobelherberge Palace blättert. Es wird der entfesselte Hedonismus zelebriert. Im Kings Club, der Disco des Palace, kostet eine Flasche Dom Perignon 1400 Franken, wie Hannes Nussbaumer im heutigen Tages-Anzeiger berichtet. Die Privatjets starten und landen im nahen Flughafen wie nervöse Bienen. Die „Schnee“-Konzentration im Urin ist höher als auf den Pisten, wie frühere Abwasserproben gezeigt haben. Ohne Pelz geht Frau nicht aus. Die Diskussion um das Leiden der Pelzlieferanten hat St. Moritz noch nicht erreicht. Die Edelboutiquen werden gestürmt, als gehörte Gold zum Notvorrat im drohenden 3. Weltkrieg.

Am Jahresende wird das eigene Ego noch einmal auf dem Hochaltar des Konsumtempels zelebriert. Der homo sapiens des 21. Jahrhunderts hat ein Glaubensgen entwickelt, das ihn selbst als Messias erkennen lässt. Jeder sein eigener kleiner Gott. Und je protziger der Auftritt, desto heller der Gottesglanz.

Die Reichen und denen, die sich wie Reiche verhalten, möchte ich vor ihrem champagnernassen Übergang ins neue Jahr auf ein kleines Detail ihres Verhaltens aufmerksam machen. Wer sich in Gesellschaft in Szene setzt, will auffallen und gesehen werden. Doch wenn alle sich auf das Gesehenwerden konzentrieren, schaut keiner mehr. Also sieht keiner die neue Freundin mit den Model-Massen, das teure Collier, den Rolls, den braunen Teint von den Südsee-Ferien…

Laut Hegel ist die geistige Anstrengung, die Welt zu begreifen, die wirksamste Kraft der Veränderung. Ein Blick auf das silvesterliche St. Moritz zeigt zwar, dass sich die Welt verändert. Aber kaum im hegelschen Sinne einer geistigen Veränderung. Das „Gottesgen“ steht dem Geist im Weg.

Diese evolutionäre Entwicklung ist offenbar an mir vorbei gerauscht. Ich vermag einfach keine Freude am Prunkvollen zu empfinden. Manchmal komme ich mir schon fast asozial vor. Der Blick für die Fassade ist bei mir unterentwickelt. In intellektueller Bescheidenheit suche ich lieber das Nahe, Direkte, Authentische. Vielleicht bin ich blöd. Oder beschränkt. Oder einfach nur noch ein bisschen menschlich? Zu meiner Entschuldigung hoffe ich, dass das Menschliche im neuen Jahr nicht als unmenschlich bewertet wird.

In diesem Sinn ein Prost auf ein 2007, in dem wir hoffentlich nicht ganz vergessen, dass wir besser nicht Gott werden wollen.

Und allen Bloggern ein herzliches Dankeschön für die vielen Emotionen, die Ihr mit Euern zum Teil wunderbaren Kommentaren ausgelöst habt. Einiges in der Netzdiskussion mag virtuell sein, die Gefühle sind echt.

Die heil(ig)e Familie

Hugo Stamm am Samstag, den 23. Dezember 2006

Weihnachten, Fest der Liebe, Fest der Familie. Wir kennen das Leitmotiv. Wir wissen aber auch, dass diese Tage für sehr viele sehr belastend sind. Denn die schöne heilige Familie ist ein Mythos. Ein Mythos, der nicht aus den Seelen zu verbannen ist. Er belebt die Sehnsucht nach Geborgenheit und der heilen Welt. Auch wenn die ganze Welt weiss, dass die heile Familie ein Ding der Unmöglichkeit ist. Deshalb gibt es selten so viele Familienstreits und leidende Menschen wie an Weihnachten.

Was tun? Weihnachten abschaffen? Unmöglich. Lieber Streit als ein Abschied von diesem archaischen Mythos. Es könnten ja wieder bessere Zeiten anbrechen…

Bei den vielen Scheidungen? Den Patchwork-Familien? Bei den unerfüllbaren Erwartungen?

Ganz zu schweigen vom ökonomischen Druck, macht doch der Detailhandel einen grossen Teil des Jahresumsatzes vor Weihnachten.

An Weihnachten prallen Sehnsucht und Wirklichkeit gnadenlos aufeinander. Und weil die Erwartungen viel zu hoch sind, ist die Gefahr des Streits und des Absturzes besonders gross.

Die Zeit der intakten Familien ist längst vorbei – wenn es sie denn überhaupt je gegeben hat. Nicht viele schaffen es, den Lebenspartner ein Leben lang wirklich zu lieben. An Weihnachten kommen dann oft Erinnerungen an die „schöne alte Zeit“ hoch. Ausgerechnet dann ziehen wir unbewusst und zwangsweise Bilanz, wenn wir doch das harmonische Familienleben zelebrieren sollten oder möchten. Da braucht es nur noch einen Funken, und die seelische Explosion ist kaum mehr zu verhindern. Kein Wunder, bei so viel Feuer am Christbaum.

Sollen wir den guten alten Zeiten nachtrauern? So gut, wie es uns die Grosseltern gern weis machen, waren sie nie. Das zeigt uns schon die Bibel, auf die wir uns an Weihnachten berufen. Da ist zum Beispiel die idyllische Familie im Stall von Bethlehem, die unter keinem kirchlichen Christbaum fehlen darf.

Doch schauen wir näher hin. Auch das war schon eine Patchwork-Familie. Denn Joseph war gar nicht der leibliche Vater des kleinen Jesu, wie uns vermittelt wird.

Auch schon an der Wiege der Menschheit lief in Sachen Familie nicht alles rund, wie uns das Alte Testament beweist. Die Gründung der Familie war die Folge des wohl grössten Sündenfalls. Gott hat im Paradies keine Kinder geschaffen. Dies taten Adam und Eva erst nach dem Biss in den Apfel der Erkenntnis und dem Rauswurf.

Ausserdem ziehen sich Familientragödien durch das ganze Alte Testament. Und von Abraham verlangt Gott sogar, seinen eigenen Sohn zu töten – als Glaubensbeweis. Was auch nicht gerade als fürsorgliche Familienpolitik betrachtet werden kann.

Man darf also auch an Weihnachten Familienstreits austragen, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Denn man kann sich entschuldigend auf die Bibel berufen.

Vielleicht gibt es weniger Aggressionen und Konflikte, wenn man sich bewusst ist, dass Familie schön sein kann, aber oft ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich wünsche allen streitbare Weihnachten.

Shiva, der Zerstörer

Hugo Stamm am Samstag, den 16. Dezember 2006

Der Besuch indischer Tempel – als Reminiszenz meiner Indienreise – ist immer wieder eindrucksvoll. Die Tempelfeste sind laut, reich an Rhythmus und wirken archaisch. Das Sakrale kommt sehr weltverbunden daher.

Die vielen Gõtter scheinen für die Gläubigen fassbar zu sein. Quasi der etwas andere Nachbar von nebenan. Das Göttliche wirkt auf menschliche Dimensionen zurecht gestutzt. Den Göttern kommt nicht der absolute Status zu wie ihn die Buchreligionen kennen.

Ein weiteres bemerkenswertes Phänomen ist auch Shiva. Er ist der Gott der Zerstörung und steht auf der gleichen Stufe wie Brahma, der Erschaffer und Erhalter. Ein zerstörender Gott? Bei den monotheistischen Religionen undenkbar. Doch die altindischen Schriften sind diesbezüglich sehr weise. Tatsächlich ist das Vergehen so wichtig wie das Entstehen. Sonst gäbe es weder Wachstum noch Entwicklung.

Der Tod ist folglich bei den Hindus weniger tabuisiert oder verdrängt als bei uns. Er gehört zum Alltag. Die “Trauer”farbe ist denn auch weiss.

Augenfällig ist auch, dass es im Hinduismus keine Strukturen und Hierarchien gibt. Der Glaube ist in der Gesellschaft verankert und braucht keine “Animatoren”.

Die westliche Welt interessiert sich aber weniger für die Götter und gesellschaftliche Verankerung des Hinduismus, sondern für die Wiedergeburt. Doch hier zeigt sich der Widerspruch zur westlichen Denkart und zu unserem individualistischen Bewusstsein auf eklatante Weise. Die Esoterikszene beruft sich gern auf die alten religiösen Traditionen aus dem fernen Osten. Sie interpretiert diese aber freizügig nach unseren westlich-konsumistischen und auf Effizienz getrimmten Bedürfnissen um. Im Hinduismus ist die Wiedergeburt eine Mühsal. Hindus wollen aus dem Zyklus ausbrechen. Auf die Erde zurückzukommen, ist schon fast eine Strafe. Für Esoteriker hingegen ist es ein Rezept gegen die Todesangst. (“Ich komme als karmisch geläutertes Wesen zurück. Der Tod ist nur der Übergang zu einem schönerem Leben in einem höheren Bewusstseinszustand…”)

Die Theorie enthält auch einen Aspekt der Selbstvergottung. Ich muss als spiritueller Sucher nicht wie beim christlichen Glauben auf die Erlösung HOFFEN, ich kann mich durch Meditation und Abbau von Karma selbst befreien. Somit bin ich mein eigener Erlöser. Und ich habe wie bei einer Versicherung die Gewissheit, für alle Eventualitäten abgesichert zu sein. West meets Ost – wie immer mit einem Touch von Ausbeutung.

Ein Vorteil hat die Verklärung der östlichen Mystik aber doch. Zehntausende pilgern nach Indien, um einen Guru zu besuchen oder in einem Ashram zu meditieren. Neben dem Guru profitiert auch die lokale Bevölkerung: Guesthäuser, Taxifahrer, Restaurants. Das ist Entwicklungshilfe auf die grobstoffliche Art. Immerhin.

Religion als Illusion?

Hugo Stamm am Sonntag, den 10. Dezember 2006

Die komplexe Realität setzt unserem Geist und unserem Bewusstsein permanent enge Grenzen. Wer selbstkritisch und mit offenen Augen sich und die Welt beobachtet, erlebt auf schmerzliche Weise dauernd Limiten. Allein schon beim Versuch, die Wirklichkeit, das Selbst, das Sein und andere philosophische oder religiöse Phänomene in Worte zu fassen, scheitern wir immer wieder grandios. Unsere Sprache ist zwar ein wunderbares Instrument, doch sie schafft es nur ansatzweise, die Wirklichkeit adäquat abzubilden. Sprache ist abstrakt und eine Reduktion. Man versuche nur einmal, Gefühle zu beschreiben. Es wird immer Stückwerk bleiben.

Philosophen unternehmen seit Jahrhunderten den Versuch, die Wirklichkeit abzubilden und füllen dabei Bibliotheken. Und weil sie der Gefahr der Reduktion entgehen wollen, formulieren sie derart komplizierte Gedanken und Sätze, dass nur “Eingeweihte” von sich behaupten können, beispielsweise einen Hegel wirklich zu verstehen. Trotz der eindrücklichen sprachlichen Durchdringung der philosophischen Phänomene nimmt kein ernst zu nehmender Denker für sich in Anspruch, die Wahrheit formuliert und zwischen Buchdeckel geklemmt zu haben.

Der Kontrast zur primären religiösen oder spirituellen Literatur ist augenfällig. Diese drückt sich meist in einfachen Bildern oder Gleichnissen aus. Und erhebt trotzdem in der Regel den Anspruch, die (religiöse) Wahrheit
schlechthin abzubilden.

Das führt oft zu einer Reduktion der Realität und des Bewusstseins. Und zu einer naiven Form des Glaubens, der eine Synthese zur weltlichen Realität nicht verträgt, weil sonst das religiöse Weltbild in sich zusammenstürzt. Um den Widerspruch scheinbar aufzulösen, wird gern die spirituelle Dimension abgespalten.

Kurz: Religion und Kultur vertragen sich schlecht und sind selten kompatibel. Dabei müssten sie sich eigentlich ergänzen. Deshalb sollten wir einen neuen Glauben erfinden, der geistig auf dem Niveau der Zeit ist oder kulturellen Entwicklung ist…

Müsste man nicht ehrlicherweise den Versuch, Glauben in Worte zu fassen, aufgeben? Sind die Veden, die Bibel, der Koran, die Thora usw. Buecher, welche die Realitaet noch mehr reduzieren als philosophische Werke? Oder verstecken sich hinter ihren Metaphern eine “hoehere” Wahrheit, wie sie philosophische Ansaetze nicht zu fassen vermoegen? Oder muessten wir eigentlich zugeben, von der religioesen Wirklichkeit noch weniger Ahnung zu haben als von der saekularen?

Preis der Freiheit

Hugo Stamm am Sonntag, den 3. Dezember 2006

In vielen Beiträgen haben wir mehr oder weniger direkt über Fragen der Freiheit diskutiert. Dabei zeigte sich immer wieder, dass der Kampf um die Freiheit oft der Knackpunkt des Lebens oder des Seins schlechthin ist. Ich versuche deshalb für einmal, das Thema nicht zu umkreisen, sondern ins Zentrum zu stossen, indem ich verschiedene Facetten des schwierigen Begriffs antippe.

Freiheit ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Den einen macht Freiheit Angst, andere können nicht genug davon bekommen. Vor allem aber: Jeder und jede versteht unter der Freiheit etwas anderes.

Wie goss ist eigentlich der Freiraum des Einzelnen? Freiheit setzt die Möglichkeit voraus, auswählen zu können. In vielen Lebensbereichen erleben wir aber vor allem Zwang. Der Körper setzt uns enge Grenzen. Er lässt uns zwar oft eine Wahlfreiheit, doch meistens gibt es nur einen “sinnvollen” oder “vernünftigen” Weg, wenn uns körperliche Autonomie und Gesundheit als Lebensprinzip wertvoll sind. Völlerei empfinden viele als Lustgewinn. Auch das Rauchen und der Konsum von Drogen – von Alkohol bis Kokain – ist für manche mit einer Steigerung der Lebensqualität verbunden.

Dabei wissen wir alle, dass Triebverzicht in vielen Lebenssituationen die bessere oder zumindest nachhaltigere Lösung ist. Die Vernunft verlangt nur allzu oft die Einschränkung der Sinnes- und Lebensfreuden. Das Gute oder Begehrte ist meist ungesund – zumindest im Übermass.

Das mussten schon Adam und Eva erfahren. Der Apfel der Erkenntnis führte dazu, dass sie aus dem Paradies gewiesen worden sind. (Damals galt schon die Erkenntnis als lustvolles Laster… Diese Zeiten sind zum Glück vorbei.)

Auch in der Arbeitswelt sind die Wahlmöglichkeiten heute meist beschränkt. Und im sozialen Umfeld endet meine Freiheit meist dort, wo ich die Freiheiten meiner Mitmenschen tangiere. Das trifft selbst auf die Beziehung zu, die ohne Rücksicht und Kompromiss zum Autoritätssystem verkommt. Oder im Desaster endet.

Bleibt der Kampf um die geistige Freiheit. Dieser ist immer mit Anstrengung und Selbstverantwortung verbunden. Deshalb wählen viele den einfachen Weg und ordnen sich einer Autorität unter, welche einem viele Entscheidungen abnimmt. Davon profitieren vor allem sektenhafte Gemeinschaften.

Um einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, schlägt der Buddhismus die Loslösung von allem vor, was bindet. Das Anhängen am Materiellen verhindert danach die geistige Freiheit. Frei von Zwängen ist nur, wer sich frei macht von Bindungen, sagt auch der Dalai Lama.

Die buddhistische Lösung ist radikal und funktioniert nur bedingt. (Was beweist, wie komplex und widersprüchlich unsere Realität oder das Leben schlechthin sind.) Mönche beispielsweise lösen sich so weit vom Materiellen, dass sie auch nicht für den Lebensunterhalt sorgen dürfen. Deshalb ziehen sie jeden Morgen von Tür zu Tür und erbetteln sich ihre Tagesration Reis und Gemüse. (Der Dalai Lama isst angeblich aber auch Würste und Schokolade, weil er Gemüse nicht verträgt.)

Der Körper setzt also auch dem grossen spirituellen Meister Grenzen.) Und auch die Mönche wären verloren, gäbe es nicht Leute, die ihr “Anhangen an der Materie” zelebrieren und Reis anbauen würden.

Ist der radikale Weg der buddhistischen Mönche der richtige? Kann die einseitige Fixierung auf das Spirituelle zur Freiheit führen? Gehört nicht auch der Körper zum „Freiheitssystem“? Ist Freiheit nicht vor allem eine Frage der Balance, weil radikale Lösungen der menschlichen Seele selten gut bekommen? Oder sind das faule Kompromisse übersättigter Wohlstandsmenschen?