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Keine Wiederkehr des Religiösen

Hugo Stamm am Mittwoch den 4. August 2010

In den Medien war in letzter Zeit oft von der Wiederkehr des Religiösen die Rede. Beobachter der religiösen Szenen glauben, eine neue Besinnlichkeit ausgemacht zu haben. Ausserdem zeigen viele Menschen einen Überdruss gegenüber Wissenschaft und Technik. Und die Konsumwut lasse manche auf neue «weiche» Werte wie Glauben und Spiritualität besinnen. Ausdruck davon sei auch die Tendenz «zurück zur Natur».

Stimmen diese subjektiven Wahrnehmungen? Meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen lassen mich zweifeln. Ich bin vielmehr der Überzeugung, dass die Bedürfnisse nach religiösen oder spirituellen Betätigungen und Lebenszielen recht konstant bleibt, also nicht zunimmt.

Viele Personen wollen sich nicht kritisch mit Glaubensfragen auseinandersetzen. Zweifel könnten das Bewusstsein grundsätzlich erschüttern. Ausserdem ist die kritische Hinterfragung religiöser Dogmen ein anstrengender geistiger Prozess, der verunsichert und oft auch mit schmerzlichen Prozessen verbunden ist. Viele Menschen haben zwar keinen intensiven Bezug mehr zu einer Glaubensgemeinschaft, sie fürchten sich aber auch vor den Antworten, die kritische Fragen auslösen könnten.

Was passiert dann mit den vielen Christen, die der reformierten und katholischen Kirche den Rücken kehren? Sie glauben entweder weiterhin an den christlichen Gott oder schustern sich in synkretistischer Manier ein eigenes Glaubenskonzept oder eine spirituelle Heilsvorstellung zusammen. Wie in vielen sozialen Bereichen zeigt sich auch im Religiösen eine Individualisierung. Immer mehr nehmen sich die Freiheit heraus, sich selbst im Kosmos der modernen Spiritualität zu orientieren. Davon profitieren vor allem fernöstliche Heilskonzepte wie der Buddhismus und esoterische Strömungen.

Ein Umfrage in Deutschland unterstützt meine Thesen. Einerseits verliert der Glaube, in dem Menschen sozialisiert worden sind, an Bedeutung. Die Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg ergab folgendes Resultat: Die Aussage „Religion ist wichtig im Leben, um glücklich und zufrieden zu sein“ bejahten 48 % der Italiener, 32% der Finnen, 31 % der Russen (!) und Engländer, 26 % der Franzosen und 25 % der Schweizer. Das ist erstaunlich wenig.

Andererseits sagen die Zahlen wenig über die religiösen oder spirituellen Empfindungen der Mehrheit aus. Diese ist indifferent und befasst sich kaum intensiv mit Glaubensfragen. Sie ist auch weit davon entfernt, sich als Atheisten zu empfinden. Unter dieser Mehrheit dürften sich viele befinden, die eine agnostische Haltung pflegen, ohne zu wissen, was ein Agnostiker ist. Die Forscher kommen denn auch zum Resultat, dass keine Wiederkehr der Religion zu beobachten sei.

Langfristig wird die Religiosität aber höchstwahrscheinlich abnehmen. Junge Leute, die nicht mehr in Familien aufwachsen, in denen religiöse Werte vermittelt und Rituale gepflegt werden, entfremden sich rasch. Vor allem für die christlichen Glaubensgemeinschaften ist dies keine erfreuliche Perspektive.

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