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Der Sühnetod von Jesus

Hugo Stamm am Freitag den 2. April 2010

In der Wochenzeitschrift Idea, einem Blatt aus der freikirchlichen Szene, fand ich diese Woche einen erstaunlichen Artikel. „Ist Gott unmenschlich?“, fragte die fromme Publikation.

Der Text dokumentiert, dass sich selbst strenggläubige Christen manchmal fragen, wie biblische Texte und Gleichnisse auf uns moderne Menschen wirken. Offensichtlich beschleicht auch sie manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn sie die Metaphern ohne Glaubensscheuklappen lesen. Deshalb suchen sie rasch eine Rechtfertigung und „sinnvolle“ Erklärung für unverständliche Bilder. Ein Beispiel, das gut zu Ostern passt:

Der deutsche Theologe Klaus Baschung untersucht die Argumente des Atheismus und formuliert die These so: Für Atheisten gäbe es perverse Phantasien, deshalb auch perverse Religionen. Religionen, die Menschenopfer forderten, seien perverse Religionen. „Der Höhepunkt des Perversen ist die Vorstellung von einem Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, um seinen Zorn zu befriedigen“, resümiert Baschung die atheistische Argumentation. Der Sühneopfertod sei Kern des Glaubens. Brutaler könne Religion nicht sein. „Vom Blut des gekreuzigten Jesus gehen Blutspuren zu seinen Anhängern und machen sie blutrünstigt“, fasst er die atheistische Auffassung etwas gar eigenwillig zusammen. Wer ein Menschenopfer anbete, bahne weiteren Menschenopfern den Weg.

Dann liefert der Theologe die christliche Antwort auf die brutalen Bilder. Er nimmt das Beispiel der Opferung Isaaks, wonach Gott Abraham befiehlt, seinen Sohn als Treuebeweis umzubringen. Baschung erklärt, es sei Gott darum gegangen, den Menschen klar zu machen, sie sollten Menschenopfer durch Tieropfer ersetzen. Menschenopfer würden in der ganzen Bibel entschieden abgelehnt.

Isaak sei eine besondere Figur, auf ihm hätten die Verheissungen Gottes an Abraham geruht. Entscheidend sei die Frage: Nimmt Gott seine Verheissung zurück? Gott bleibe sich also treu. Er bleibe auch den Menschen treu, die sich ihm zuwendeten. „Wer genauer nachdenkt, erkennt in der schlimmen Erfahrung des Abraham das menschliche Antlitz Gottes“, schreibt der Theologe.

Als weiteres Beispiel führt er die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ an. Das sei kein Aufruf zur Rache. „Sie mahnt vielmehr, ein Vergehen nicht übermässig zu bestrafen. Strafe dürfe nicht über die Tat hinausgehen.

Weiter thematisiert Baschung das Gleichnis, wonach Gott die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die Gott hassen. Wer Gott aber lieb habe und die Gebote halte, dürfe mit seiner Barmherzigkeit rechnen. Der Theologe interpretiert es so: Die Barmherzigkeit sei grösser als die Heimsuchung. Die Barmherzigkeit sei quasi universell, die Heimsuchung beschränke sich auf drei bis vier Generationen.

Ich unterlasse es, die Interpretation zu kommentieren. Auffallend ist aber, dass der Theologe keine Erklärung zum grössten Opfer gibt: Dem Sühnetod von Jesus.

Ich wage es deshalb, ein paar Gedanken zu Ostern anzustellen.

Wir betrachten die Ostergeschichte immer aus unserer menschlichen Perspektive: Gott hat seinen eigenen Sohn geopfert, um uns zu retten. Jesus starb den Sühnetod. Ich habe aber die Ostergeschichte in der Kirche noch nie aus der Perspektive von „Täter“ oder Opfer gehört. Zum Beispiel: Gott hat seinen Sohn von Menschen ermorden lassen. Oder: Jesus wurde ohne dessen Einwilligung ans Kreuz genagelt. (Warum hast du mich verlassen, rief Jesus Gott an, bevor er ermordet wurde.)

Und: Mir ist bisher nicht aufgefallen, dass durch den Sühnetod von Jesus die Welt entscheidend menschlicher geworden ist. Geschweige denn göttlicher. Es wäre interessant, wie Theologe Baschung dieses Gleichnis deuten würde.

Ich wünsche trotzdem allen Bloggerinnen und Bloggern schöne Ostern.

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