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Sind die Opfer selbst schuld?

Hugo Stamm am Montag den 6. Februar 2006

In der Diskussion um meine letzte Kolumne greift Martin Schmid in seinem hochintelligenten und spannenden Beitrag im letzten Abschnitt ein wichtiges Thema auf: Die Selbstverantwortung der Klienten. „Es sind nicht einfach die bösen Meister, die ihre Schüler missbrauchen. Das können sie nur, weil sich die Schüler und Klienten zum Missbrauch anbieten“, schreibt Schmid.

Bei Vorträgen und Diskussionen schütteln oft viele Leute den Kopf, weil sie nicht verstehen können, dass jemand einem Scharlatan auf den Leim kriechen kann. Ich gebe zu, dass es für Aussenstehende schwer nachvollziehbar ist. Diese sehen nur das schreckliche Endresultat und vergessen, dass Verführer Meister ihres Faches sind und ihre Opfer nach allen Regeln der Kunst einseifen oder einlullen. Die suggestiven, teilweise hypnotischen Methoden verfehlen ihre Wirkung nicht. Dabei bewirtschaften die Täter geschickt die Sehnsucht und Angst der Klienten. Wer Hilfe sucht und sich einem solchen Setting aussetzt, müsste sehr stark und mit einer riesigen Portion Selbstbewusstsein gesegnet sein, um sich der Bewusstseinkontrolle entziehen zu können. Das Hauptproblem der Klienten liegt ja gerade darin, dass sie in einer Krise stecken und sich Hilfe ersehnen. Somit konzentrieren sie sich nicht auf einen möglichen Missbrauch, sondern ausschliesslich auf die hilfreichen Signale.

Meine Erfahrung mit Hunderten von Opfern zeigt, dass sich unter ihnen recht viele Persönlichkeiten mit einem gesunden Selbstwertgefühl befinden. Kritische Personen, die konfliktfähig sind und sich im privaten Umfeld gut behaupten und wehren können. (Dies trifft auch auf die TA-Leserin zu, die ich in der Kolumne beschreibe.) Wir vergessen dabei gern, dass wir gelernt haben, helfenden Personen gegenüber Vertrauen zu entwickeln (den Eltern, Lehrern, Geistlichen, Therapeuten usw.) Ohne Vertrauen ist seelische Heilung kaum möglich. Viele Klienten fallen deshalb bei Heilern reflexartig in ein Autoritätsverhalten. Die Idee, sie könnten ausgenützt oder gar missbraucht werden, käme ihnen nicht im Traum. Somit sind sie offen für suggestive Manipulationen. Und diese wirken bei einem Klima der Vertrautheit verdammt gut. Wir Menschen sind leichter zu beeinflussen, als uns lieb ist. Nur wer das weiss und damit rechnet, kann sich optimal schützen.

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