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Von Tätern und Opfern

Hugo Stamm am Donnerstag den 6. April 2006

In meinem Beitrag zum Thema „Kampf für die Freiheit“ schrieb ein Blog-Teilnehmer, „ein Opfer wird nur, wer sich dazu machen lässt“. Ein fataler Satz.
Wenn der Teilnehmer recht hätte, würde es bedeuten, dass es im Zusammenleben der Menschen kein Machtgefälle gäbe. Die Realität sieht leider anders aus. Macht ist eine Realität, die Frage der Macht ist ein zentrales Thema. Und Macht kann zu struktureller Gewalt führen. Machtanspruch und verantwortungslose Machtausübung sind die Ursache von vielen Tragödien in der Geschichte der Menschheit.
Wo Macht im Spiel ist, ist Machtmissbrauch möglich. Und bei Machtmissbrauch gibt es Opfer und Täter. Missbräuche können in allen Lebensbereichen stattfinden: In der Politik, in der Wirtschaft, im sozialen Umfeld. Ein Chef, der Mobbing betreibt, wird zum Täter, der Mitarbeiter zum Opfer. Das Opfer kann sich in der Regel nicht oder schlecht wehren, wenn das Machtgefälle zu gross.
Auch in vereinnahmenden Gruppen gibt es Machtmissbrauch und somit Opfer. Die Gruppe hat einen Informationsvorsprung, kann mit suggestiven und tarnenden Mitteln operieren, den Interessenten täuschen, bei ihm eine Sehnsucht erzeugen und dosiert die Angst benutzen, um ein neues Mitglied zu indoktrinieren. Gegen raffinierte Beeinflussung und Vereinnahmungsstrategien sind einzelne Gläubige weitgehend machtlos. Bedingung ist allerdings, dass sie an die Heilsziele der Gemeinschaft glauben und überzeugt sind, dass diese nur das beste für sie will. Es ist ja der Trick der Täter, dass sie ihre Ziele verschleiern, die Opfer täuschen und ihre Machstellung gezielt ausnützen.
Personen, die von radikalen Glaubensgemeinschaften und Sekten mental manipuliert werden, erkennen durch ihre euphorischen Erlebnisse und massensuggestiven Rituale nicht, dass sie in eine Abhängigkeit geraten. Ja, sie empfinden die Einbindung, welche Angehörige zu recht als Abhängigkeit diagnostizieren, als Freiheit.
Es ist die Strategie der Täter, zu behaupten, es gäbe keine Opfer. Männer, die Mädchen sexuell missbrauchen, impfen ihnen Schuldgefühle ein und fördern damit die Abhängigkeit. Das Opfer getraut sich somit nicht einmal, sich den Eltern anzuvertrauen. Das ist auch der Grund, weshalb so viele Missbräuche nie aufgedeckt werden.
Hinter der Behauptung, Opfer würden quasi freiwillig ihre Rolle ausfüllen, versteckt sich eine unmenschliche Ideologie.

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20 Kommentare zu “Von Tätern und Opfern”

  1. Dass Opfer ihre Rolle freiwillig übernehmen, behauptet wohl niemand absolut gesetzt. Dass Opfer Verantwortung übernehmen lernen können/müssen, ist trotzdem auch eine berechtigte Aussage.

    Dass es in vielen Situationen ein Machtgefälle gibt, steht ebenso ausser Frage. Dass sowohl Schüler/Anhänger als auch Lehrer/Gurus damit umgehen lernen müssen, ist essentiell. Dass der Lehrer/Guru/Therapeut/Arbeits-Chef dies zuerst und vor allem tun muss, auch. Dies macht er, indem er seine eigenen Grenzen und Schattenseiten so gut wie möglich kennt und diese auch kommuniziert.

    Das Thema hatten wir hier ja schon mal ausführlich:
    http://hugostamm.kaywa.ch/esoterik/sind-die-opfer-selbst-schuld.html

  2. ~dale villod (pseudonym) sagt:

    Grüezi Herr Stamm

    Ich gehe mit Ihnen einig. Was aber nicht angesprochen wurde, und was ich schlimm finde, ist, dass aus vielen Opfern auch wieder Täter werden.

    Wer im frommen Millieu geschädigt wurde, eine Gehirnwäsche durchgemacht hat, wird im weiteren dazu tendieren, dies als _gut_ hinzustellen. Sonst wäre er ja selber falsch. Und das feststellen würde weh tun. Und dann wird es halt verdammt einfach, die gleiche Gehirnwäsche bei andern zu fordern.

    So wie ich es kenne, haben einige Leute verlernt, kritisch zu sein. Zweifel waren verboten. Kommt nun jemand mit – evtl. berechtigten Zweifeln – könnte dies das eigene Bild einstürzen lassen. Darum werden Zweifel dann gleich als schlecht hingestellt. Und die Gehirnwäsche geht weiter. Aus Opfern werden Täter. (Selbstverständlich funktioniert das auch mit weit schwereren Delikten.)

    Muss / darf / soll / kann man Mitleid haben mit Tätern, weil sie selber wahrscheinlich auch Opfer sind?

    Einen angenehmen Abend an alle.
    ~dale villod

  3. Andreas sagt:

    Guten Morgen, Herr Stamm. Ja, Ihre Aussage trifft den Nagel auf den Kopf. Gute Analyse.
    Bin gespannt, wieviele Blogger auch diesmal wieder alles falsch verstehen und uminterpretieren.
    Freundliche Grüsse,
    Andreas.

  4. Sam sagt:

    Ich bin Mitglied einer Freikirche. Fühle mich nicht als Opfer (bin ich deshalb Täter?) – habe meine Kritik schon sehr oft einbringen können. Bewege mich also in Kreisen, in denen manche Leute zu wenig kritisch hinterfragen. Wohl gerade wegen dem “Frei” in Freikirche? Das “Frei” bedeutet halt, dass praktisch jedermann mit einer mehr oder weniger fundierten Lehre Gehör finden kann.

    Ich bin der Meinung, den Glauben zu haben – wenn er so gelebt wird/werden würde, wie Jesus es vormachte wäre essentiell wichtig für Menschen. Das “Frei” in Freikirche hat meiner Meinung nach durchaus seine positiven Seiten. YMMV – Your mileage may vary.

    Ich frage mich aber, was wirklich dafür getan werden kann, dass mehr kritisch hinterfragt wird. Es ist ja das eine, von aussen darüber zu schreiben wie Herr Stamm (gut!). Bei vielen “Freikirchlern” selber besteht aber von vornherein Ablehnung gegen jegliche Kritik (aus dem Hause Stamm) – die nächsten Kommentare werden das wohl zeigen.

    Gibt es konkrete Schritte, die “in der Szene” umgesetzt werden müssten? (Frage an alle). Wie kann man eine gesunde Kritik- und Hinterfrag-Kultur IN DER SZENE fördern?

    Gruss,
    Sam

  5. Sandro sagt:

    Wieso erkenne ich in ihren Texten immer wieder Parallelen zu rechtspopulistischen Volksparteien?

  6. Opfer sagt:

    Ein Opfer wird nur,wer sich dazumachen lässt.

    Herr Stamm,

    ich bin dankbar, dass Sie hierauf noch etwas schreiben.
    Hätte man uns früher gesagt, was uns beim Eintritt in eine Freikirche alles an Grausamem passieren könnte,wir hätten gesagt, dass das nicht sein könne. Sekten, ja, da konnten wir uns noch vorstellen, dass Führer es fertigbringen, Familien auseinanderzureissen, aber doch nicht Geistliche.
    Nun, wir wurden eines Besseren belehrt.
    Wir haben im Juni 2002 die Flucht aus einer verreinnahmden christlichen Bewegung ergriffen, doch was danach kam kann schlimmer nicht sein und hat in christlichen Kreisen Empörung ausgelöst.

  7. Sind wir nicht alle zig-fach beides in unserem Leben?
    Täter (schwarz) und Opfer (weiss)..?
    Die Fragestellung nach Tätern und Opfern ist eigentlich nur auf den ersten Blick eindeutig beantwortbar. Dem genaueren Betrachter präsentiert sich meist ein sehr viel subtileres Bild, welches die Grenze zwischen Weiss und Schwarz verwischt.
    Der Schlusssatz “Hinter der Behauptung, Opfer würden quasi freiwillig….” trifft sicher bei physischer und psychischer Gewalt weitgehend zu. Was aber den gösseren Teil des Textes betrifft, so bin ich der Meinung das man sich seine Rollen im Leben schon aktiv mitaussucht. Und das die Weiss-Schwarzmalerei dem Leben in keinem Aspekt gerecht werden kann. Wer nur Weiss und Schwarz kennt, beraubt sich der Farbe und engt sich selber unnötig ein. Dabei ist es an der Zeit, Engpässe zu überwinden und wieder die weiten Ebenen aller Möglichkeiten als Mensch zu beschreiten.

    rjk

  8. studi sagt:

    sehr geehrter herr stamm,

    kann es sein, dass sie diese aussage meinem kommentar entnommen haben? wenn ja: einmal mehr bin ich über ihr talent erstaunt, aussagen und fakten aus ihrem kontext herausgerissen zu interpretieren.

    opfer ist nur, wer sich dazu machen lässt – stimmt insofern, als dass jeder selber schuld ist, wenn er sein hirn an der garderobe abgibt. gerade sie, der sie doch so sehr wert auf den begriff der aufklärung legen, sollten doch von der menschlichen selbstverantwortung tief überzeugt sein…

    machtgefälle gibt es überall. aber in einige geben wir uns bewusst hinein. nehmen wir z.b. mal die anhänger der katholischen kirche: sorry, was einem da alles (oftmals entgegen der bibel oder entgegen historischer tatsachen) alles zum glauben à la “vogel friss oder stirb” alles vorgesetzt wird, ist wohl das hinterletzte.

    aber wieso scheint sich daran niemand zu stossen? könnte es sein, dass die katholische kirche einen zu grossen gesellschaftlichen rückhalt hat, als dass man sie so offen angreifen könnte? oder wäre es anbetrachts der anzahl von potentiellen opfer nicht vielmehr an der zeit, darüber zu sprechen, anstatt sich auf kosten religiöser randgruppen über machtmissbrauch u.ä. auszulassen?

    mit dem finger zeigen ist immer einfach… vor allem auf minoritäten.

    aber nun mal zurück zum thema: opfer ist nur, wer sich dazu machen lässt. stimmt. stimmt aber nur bedingt. sind diese machtgefälle, die sie so beschwören, oft nur luftschlösser. wer, ausser dem staat, hat schon tatsächlich autorität über mich? nur derjenige, dem ich die autorität durch implizite oder explizite zustimmung gewähre (john locke lässt übrigens grüssen).

    wie schon in den kommentaren erwähnt wurde, sind wir alle sowohl täter als auch opfer. opfer deshalb, weil wir nach der oft leider nur scheinbaren sicherheit von schirmherren suchen. täter deshalb, weil wir alle schlussendlich machtgeil sind (und macht ist ja bekanntlich davon abhängig, dass man sie über jemandem zur anwendung bringen kann).

    und schlussendlich kommen wir wieder einmal mehr zu ein und demselben punkt, wie auch schon bei anderen ihrer blog-einträge… manche fühlen sich offenbar wohl, wenn man ihnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben. andere wiederum nicht.

    wir menschen haben individuelle bedürfnisse… und nur, weil das bedürfnis nach freiheit und das bedürfnis nach sicherheit (und den damit oft verbundenen festen regeln) nicht gleich ausgeprägt ist, sollte man seine persönlichen vorstellungen hierzu nicht auf andere projezieren.

    aufklären ist ja gut und schön… sie sollte aber jedem die freiheit lassen, für sich selbst zu entscheiden, was für ihn/sie gut ist oder nicht. und in welche machtgefälle er/sie sich hineinbegibt.

    ich bin selbst kein fan von charismatischen freikirchen und lasse mir nicht besonders gerne sagen, was ich zu denken oder zu glauben hätte. aber andere leute (inkl. offensichtlich vielen katholisch gläubigen menschen) möchten klare richtlinien, die sie dann befolgen können oder eben nicht.

    ich war jahrelang mitglied einer charismatischen gemeinschaft… und habe trotzdem nicht verlernt, für mich selbst zu denken.

    so, und nun frage ich sie einmal mehr: wieso können sie es nicht lassen, andauernd die art und weise, in der sie ihren aufklärungs-kreuzzug betreiben, rechtfertigen zu versuchen?

    ich wünschte mir wieder mal etwas mehr substanz – denn substanz ist für mich nicht, wenn man ein zitat ausserhalb seines ursprüngliches kontextes falsch zu interpretieren und zu verreissen.

    mfg,
    studi

  9. Opfer sagt:

    @ studi,

    ich bin nicht der Ansicht dass Opfer nur ist, wer sich dazu machen lässt und sein Hirn an der Garderobe abgibt.
    Nehmen wir mal an, ein Mensch wächst in einer vereinnahmenden Freikirche auf, hat nie etwas ausser seiner Gruppe kennengelernt und ist zu 100% überzeugt, dass nur seine Gruppe “heilig” ist. Nun stossen Aussenstehende zu dieser verreinnahmenden Freikirche. Tochter oder Sohn der Neuankömmlinge verliebt sich in das Mitglied, das von Geburt an nichts anderes kannte.
    Die Eltern merken inzwischen, dass die Bewegung sehr verreinnahmend ist sektierische Tendenzen hat und distanzieren sich von der Bewegung.
    Und nun werden sie zu Opfern! Kinder werden fein säuberlich gegen die Eltern aufgewiegelt sodass es zum Kontaktabbruch kommt und dies oft über Jahre, in vielen Fällen sogar für immer und dies im Namen Gottes!
    Also studi, es kann tatsächlich sein, dass man unfreiwillig Opfer wird. Hoffe Du verstehst was ich meine.
    Was noch öfters vorkommt ist, dass ein Ehepartner sich gegen den Machtmissbrauch und Manipulation wehrt doch der andere fühlt sich wohl in einer verreinnahmden Gruppe. Sobald sich der “Hinterfrager” von der Bewegung (ob charismatisch oder nicht) zu lösen versucht, wird er oft zum Ofer, weil dann der andere Ehepartner gegen ihn aufgewiegelt wird was schon zu Scheidungen und Psychiatrieeinlieferungen führte.

    Natürlich ist es einfach, sich ohne Schaden aus solch einer Bewegung zurückzuziehen, wenn man da als Einzelperson hinging. Nur wenn Familienmitglieder zurückbleiben und den Kontakt zu den Aussteigern nicht weiter aufrecht erhalten können oder gar Eltern verleugnen müssen, da ist fertig lustig.

  10. Paul Weder (Synonym) sagt:

    Es gibt aus alledem eine sehr einschneidende Erkenntnis, wenn man den Faden weiterspinnt. In jeder menschlichen Gruppierung gibt es automatisch vereinnahmende Tendenzen. Wir können uns leider nur bedingt diesen dauernd entziehen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir uns allezeit und immer wieder über diese Vorgänge bewusst werden.

    Selbst am Arbeitsplatz, in der Politik, in der Wirtschaft, ja sogar zu Hause gibt es vereinnahmende Tendenzen. Zu einer Sekte wird eine Gruppe dann, wenn sie solcherlei Grenzen überschritten hat und die Gruppendynamik dazu misbraucht, den freien Willen eines Individuums zu steuern. Es ist berechtigt und sinnvoll, wenn man immer wieder auf diese Parameter hinweist, eben gerade, weil in der Allgemeinheit die Vorstellung vorherrscht, man müsse so ziemlich alles über sich ergehen lassen.

    Vielfach, und das können wir immer wieder an uns selbst feststellen, sind wir bereit, Kompromisse zu machen. Wenn uns ein Vorgesetzter vor die Wahl stellt, an einer Gruppe auf eine ganz bestimmte Weise teilzuhaben, dann laufen wir schnell Gefahr, gekündigt zu werden, so wir der Bitte nicht nachkommen. Man sieht also bereits an kleinen Beispielen, wie stark wir tagtäglich von vereinnahmenden Tendenzen bestimmt werden, und oftmals eben nicht ausweichen können, auch wenn wir gerne möchten. Es ist also auch hier eine Angelegenheit des sozialen Zusammenspieles und des Masses. Dennoch aber handelt es sich ganz klar auch in solchen Beispielen oftmals um vereinnahmende Tendenzen.

    In einer Welt der Extreme ist es unerlässlich, immer und immer wieder als Pol gegen die vereinnahmenden Tendenzen zu wirken. Diese Arbeit ist niemals abgeschlossen, weil sie niemals einen definitiven Endpunkt erreicht.

    Die Freikirchen haben, genauso wie alle Sekten, die Unart, die Bibel in der Gemeinschaft zu interpretieren. Die Interpretation der Bibel ist jedermanns persönliche Angelegenheit. In der Gemeinschaft werden nur Interpretationen gelehrt, welche vom Individuum ansonsten gar nie gemacht würden.
    Bei religiösen Gruppierungen geht es in den sogenannten Bibelstunden prinzipiell nicht nur um den Erfahrungsaustausch, sondern um den ‚Wissensangleich’. Es ist also auch hier korrekt, wenn man die Freiheitsauffassung über die Gesetze der Bibel stellt, ohne dass man dabei seinen Glauben verlieren muss.

    Viele Studierte sind sehr anfällig für vereinnahmende Tendenzen, weil ihnen niemand gesagt hat, oder man sie nicht gelehrt hat, dass man sich für seine Entscheidungen genauso von der rational-wissenschaftlichen, sektenhaften Auffassung verabschieden muss, um eine richtige Entscheidung fällen zu können. Viele Studierte berufen sich dauernd auf die Gesetze des Verstandes, und vergessen dabei, dass ihnen die Vernunft gänzlich etwas anderes sagen würde. Dafür haben sie aber kein Ohr, weil sie zu stark von ihrem wissenschaftlichen Denken eingenommen sind. Ja, auch die Wissenschaft kann zur Sekte werden, besonders dann, wenn man sie alleinig als Wertmassstab zur Beurteilung nimmt.

  11. Birgit Amsler sagt:

    Hallo Herr Kessler und ihr anderen

    Wir suchen uns unsere Rollen im Leben aktiv aus, da bin ich Ihrer Meinung.
    Nach welchen Kriterien suchen wir sie aus?
    Wieviel übernehmen wir z.B. nur schon von unseren Eltern, ohne dass wir uns dessen bewusst genug sind…ihre Rollen, Schmerzen, Ängste. Natürlich auch das Positive, doch das plagt uns je meistens nicht 🙂
    Wenn wir es verpassen, diese Übernahme zu reflektieren, so, wie es unsere Aufgabe als Erwachsene wäre, machen wir uns wiederum zu Opfern: Ein Teil von uns bleibt in einer Kinderrolle…und ich vermute, dass es dieser Teil ist, der Menschen in die familiären Arme von Sekten, Freikirchen usw. treibt. Ich spreche in keinem Punkt diesen Organisationen ab, sinnvolles tun zu wollen.
    Ein Verbrechen, und nicht nur am Einzelnen, wird es, wenn die Bibel der Weisheit letzter Schluss sein muss. Muss. Damit wird ein Weg in die Selbständigkeit blockiert, der die evolutionäre Entwicklung der Menschheit behindert. Ich staune immer wieder über die Stärke und die Weisheit Einzelner, die sich trotz Religion einen Schritt weiter wagen und sich zusätzlich, denn das eine schliesst das andere nicht aus, mit ihrer eigenen, die Betonung liegt auf “eigenen”, Spiritualiät auseinandersetzen, ihre eigenen Werte prüfen, sich mit ihren eigenen Erfahrungen in kontemplativen Gebet oder der Meditation auseinandersetzen ohne sie zu negieren, mit dem Ziel, sie dann auch wachstumsfördernd zum Wohle aller einzubringen.

    Meine Frage noch an christliche Gläubige: Die Bibel ist nicht vollständig, das ist bekannt. Warum wird sie dann so absolut gesetzt? Weil sie sich genau aus diesem Grund für den Missbrauch anbietet? So wie Jesus für vieles missbraucht wird? Oder Gott?
    Ich als Frau würde gerne mal das Evangelium einer Frau, z.B. der Maria Magdalena lesen.

    Herzliche Grüsse
    Birgit

  12. @ Birgit

    Wenn du das Evangelium nach Maria Magdalena gerne mal lesen würdest, dann ist das keine abwegige Sache, denn das gibt es ja. Es stammt aus den Texten von Nag Hammadi, woher ja auch so interessante Dinge wie das Thomas-Evangelium sind. Ist sicher auch im Internet zu finden…

    Missbrauch geschieht durch Bewusstseinsebenen, nicht durch Religion an sich (und zeigt sich darum auch in allen Gebieten – Politik, Management, Familie etc).

    Eine mythische Bewusstseinsebene (oder rotes Meme in Spiral Dynamics) nimmt nun mal die Bibel oder den Koran wörtlich und lässt keine Interpretation zu. Eine rationale Bewusstseinsebene (oranges Meme) spricht der Bibel oder Gott jegliche Gültigkeit ab. Die katholische Kirche sagt hingegen, es gäbe kein Heil ausserhalb der Kirche (blaues Meme). Sie nimmt die Bibel zwar nicht wortwörtlich, sondern interpretiert – doch diese Interpretation ist absolut gesetzt (Dogma).
    Religion ist natürlich gerne der Hort von Dogmatismus und mythischem Bewusstsein. Doch es gäbe durchaus auch Formen einer „integralen Religion“, aber natürlich nicht auf einem dogmatischen Fundament. (Also im Moment nicht in der katholischen Kirche.)

    herzlich

    Martin

  13. Birgit Amsler sagt:

    In einem Grossteil des Kontextes, in welchem wir aufwachsen, lernen wir, Opfer zu sein. Uns wird von klein auf gesagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Ich möchte an dieser Stelle vor allem auf die Eltern und die Schulen verweisen. Viele Schüler fühlen sich als Opfer des “Systems”, wehren sich- und werden mit Sanktionen fast jenseits der Menschenrechte bestraft. Viele Schüler wehren sich mit ungünstigen Methoden, aber haben sie besseres gelernt? Haben sie von ihren Eltern genug Eigen-Kompetenzen erlernt, mit diesen Konfliktsituationen, die von Macht geprägt sind, umzugehen? (Das können die Lehrer meist auch nicht.) Das dürfte doch eher die Ausnahme sein, sind doch diese Eltern in genau dem gleichen Schulumfeld aufgewachsen und bis auf wenige Ausnahmen angepasst. Denn das wird ja verlangt: “Anpassung”. Ja nicht anders sein.

    Uns wird also gesagt, was wir zu tun haben. (Im Falle der Schüler heisst es, sie müssen zur Schule gehen, es gibt die Schulpflicht. Gleichzeitig ist zu sehen, dass sie nicht müssen: In vielen Schulen fehlen tagtäglich ca. dreissig % der Schüler, die damit das Gegenteil beweisen.) Manche Eltern rühmen sich damit, streng zu sein. Doch oft heisst das nichts anderes, als dass sie den Kindern ihren Willen aufzwingen, damit ein gesundes Mass an Führung übersteigen und ihre eigenen Kinder für ihre Machtzwecke missbrauchen. Wo sind diese Eltern in die Schule gegangen? Mit welchen Kompetenzen erziehen sie ihre Kinder?

    Und so laufen die Täter-Opfersequenzen nonstop in allen Schichten und Vermischungen.
    Um sich in der “Szene”, welche doch so häufig einen Familienersatz darstellt, (und dass bereits in den Familien das Hinterfragen oft nicht gestattet ist, erwähnte ich bereits), kritisch zu behaupten, braucht es Selbstvertrauen.(Wäre dies vorhanden, würde man nicht in solche Umfelder geraten). Um zu bemerken, dass man Nachschulung in Sachen “Leben” nötig hätte, braucht man Selbstvertrauen; denn sich selber zu hinterfragen braucht Mut.
    Diese Nachschulung kann in jedem Alter geschehen! Was es braucht, sind entsprechende, angstfreie Lernfelder.
    Noch sinnvoller wären Schulsysteme, die Kompetenzschulungen beinhalten und Nachschulungen in diesem Umfang deshalb nicht mehr nötig wären. Dies wäre denn auch eine der besten Sektenprävention.

    Ich glaube, die Diskussion um Täter-Opfer-Täter hilft nicht so sehr weiter und ich möchte deshalb die Opfer- und Täterthematik von einer anderen Seite her ansprechen.

    Speziell wer als Kind Opfer von sexuellen Straftaten wurde, also Opfer von Erwachsenen, die ihre Verantwortung nicht wahrgenommen haben, braucht später als ebenfalls Erwachsener viel Selbstvertrauen, um überhaupt eine Therapie in Betracht zu ziehen. Und an dieser Stelle möchte ich allen Opfern Mut machen, sich diesen Teil des Selbstvertrauens zuzugestehen! Denn ohne ihn wären sie, je nachdem, was geschehen ist, vielleicht nicht mehr am Leben, dieses Selbstvertrauen hat sie weitergezogen, es liegt nur nicht offen da. Wer als Opfer lebt, ist sehr stark!
    Opfer und sich dessen bewusst zu sein, ist eine doppelte Last. Manche Opfer wissen darum, dass sie ihre Wunden u.U. weitergeben und sind deshalb achtsamer, verantwortungsvoller als “normale” Menschen. Das ist anspruchsvoll und macht müde…man sucht Unterstützung: Hier gilt es, die Kompetenz zu entwickeln, sich nicht weiterhin als Opfer anzubieten.
    Opfer müssen wissen, dass sie Opfer sein dürfen, sich nicht schämen müssen. Auch wenn sie die vielzititerte Verantwortung für ihr Leben übernehmen, bleiben sie Opfer. Man kann nur aus der Opferrolle herauskommen, die man oft gewohnheitsmässig lebt.
    Opfer bleiben Opfer der damals geschehenen Tat- sie lässt sich nicht ungeschehen machen. Die Frage ist die nach dem Leidensdruck.
    Opfer leiden solange, bis sie den Tätern Empathie geben können. Damit ist die Frage beantwortet, ob man Tätern “Mitleid” geben kann. Mitleid kommt von “mit-leiden”, und das wird niemandem nützen. Alle Täter haben ihre Gründe und wollen verstanden werden; sie outen sich mit ihrer Tat. Auch wenn diese Aussage natürlich keinesfalls die Tat entschuldigt.

    Mitgefühl ist ein dienlicheres Wort. Denn auch Täter sind Menschen, die Respekt und Liebe verdienen. Täter müssen lernen, für ihre Opfer Empathie zu entwickeln, damit ihre Wunden, die durch die Tat entstanden sind, damit ihre eigenen Schmerzen, durch welche die Tat oft erst entstanden ist, erkannt werden und zu heilen beginnen können. Viele Täter leiden unter ihrer Tat, das geht oft vergessen.
    Vergessen wir bei aller Diskussion nicht: Es geht hier um Menschen und um Menschlichkeit. Nicht darum, wer Recht hat. Ich bin der Meinung, dass sich mit Menschlichkeit und Liebe die Gewaltspirale verlangsamen lässt. Ich muss damit nicht recht haben….

    Herzliche Grüsse
    Birgit Amsler

  14. @Sam

    Du fragst nach konkreten Schritten, die Kritikkompetenz in der „Szene“ zu fördern. Martin Luther hat das ja auch schon probiert, als einer der populäreren Vertreter von vielen…
    Die Frage ist: Wie kann man Entwicklung fördern, ohne all die Fehler zu machen, die bis jetzt zuhauf gemacht wurden? Missionieren, indoktrinieren, annektieren, abspalten, dogmatisieren, einhergehend mit Intoleranz, Arroganz, messianischem Bewusstsein, Märtyrertum etc…
    Gandhi sagte: „Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.“

    Wahre Veränderung oder das Auftauchen einer neuen Kompetenz kommt von innen heraus und wird vermutlich durch Resonanz (verbunden mit einem kreativen Impuls, der aus der evolutionären Dynamik des Bewusstseins kommt) gefördert.
    [Das ist keine streng wissenschaftliche Aussage, ich bin mir dessen bewusst. Die Proteste und Zurechtweisungen können sich gewisse Blogger also sparen. Wie geschieht Entwicklung? Niemand hat dazu bis jetzt eine Antwort, die fundiert ist. Dass Entwicklung geschieht, ist erwiesen. Aber wie, das weiss man nicht.]
    Darum, damit Resonanz entstehen kann, „selbst die Veränderung sein“.
    „Von innen heraus“ bedeutet nicht, dass es im Aussen keine Trigger gibt, klar gibt es die. Doch Bewusstsein ist sich noch zu wenig lange bewusst, dass Bewusstseinsentwicklung geschieht, und darum ist die Datenmenge konkreter Beobachtungen noch relativ klein. Die Interpretation geschichtlicher Ereignisse zeigt, dass oft Notwendigkeit ein solcher Trigger ist, und diese Notwendigkeit ist oft eine Katastrophe. Dann geschieht zuerst eine Regression auf eine niederere Bewusstseinsstufe (siehe Amerika nach 9/11), danach eine Entwicklung (siehe vielleicht Amerika in naher Zukunft, wer weiss…)

    Resonanz ist natürlich nicht nur etwas, das die Entwicklung fördert. Erzkonservative Fundamentalisten können in Resonanz sein ebsno wie aufgeklärte Geister, die ihre Aufklärung absolut setzen, und damit Entwicklung verhindern. Sie können das aber nur, solange eine genügend grosse Menge auch in Resonanz mit ihnen ist. Genauso mit der Kirche, mit Freikirchen und Sekten. Es muss ja Leute geben, die darauf einsteigen, die in Resonanz sind. Sobald es nicht mehr genug Leute hat, handelt es sich um Auslaufmodelle.

    herzlich

    Martin

  15. studi sagt:

    @birgit amsler:

    wegen der absolutierung der bibel als “wort gottes”: spätestens seit der aufklärung scheiden sich die lehrmeinungen darüber, ob die bibel 1:1 wort gottes sei, oder ob in der heiligen schrift das wort gottes enthalten ist, in form von berichten über das wirken gottes an den menschen und sein reden zu ihnen. an der verbalinspiration der bibel (d.h. dass jedes einzelne i-tüpfelchen genau so von gott beigesteuert wurde), glauben heute nur vergleichsweise weniger.

    dass diese these jedoch nach wie vor anhänger findet, liegt in ihrer einfachheit: wenn die bibel 1:1 gottes anweisungen für unser leben wiedergibt, müssen wir selbst wesentlich weniger verantwortung für unser leben übernehmen, da wir dann ja nur “dem wort gottes gehorchen”.

    sie spielen auf die vollständigkeit der bibel an: die bibel ist tatsächlich vergleichsweise in einem erstaunlichen ausmass mit historischen quellen zu belegen. andere, ähnlich alte religiöse schriften sind in einer solchen überlieferungsdichte ansonsten nicht zu finden. das ist meines erachtens aber auch gar nicht das problem…

    die frage ist wahrscheinlich viel mehr, ob man sich auf eine reflektierte leseweise der bibel einlässt, in der man nach dem jeweiligen “sitz im leben” eines textes fragt, um ihn zumindest halbwegs in dem zusammenhang zu verstehen, für welchen er gedacht wurde. denn dann muss wieder jeder einzelne für das, was er/sie glaubt wieder selbst verantwortung übernehmen. damit geht ein gewisser grad einer scheinsicherheit verloren, welche viele menschen zu schätzen scheinen und sich deshalb lieber sagen lassen, wie sie die bibel zu verstehen haben.

    @opfer:

    tatsächlich bin ich selbst in einer charismatischen freikirche aufgewachsen. meine eltern besuchten diese kirche, und andere familienmitglieder zeitweise ebenfalls. dennoch habe ich aus irgend einem grund nie verlernt, selber zu denken und hatte stets das bedürfnis, zu hinterfragen, was ich glauben sollte. ihre these vom sozialen umfeld ist meines erachtens grundsätzlich hinfällig, weil sie zu sehr vom individuum abhängig ist.

    wer wirklich selber denken will, kann das auch. wer sich sein eigenes denken verbieten lässt, gibt damit implizit die zustimmung, dass andere macht über ihn/sie haben.

    ohne irgendeine form von zustimmung (implizit oder explizit) kann kein mensch von natur aus macht über einen anderen haben. denn derjenige, über den die macht ausgeübt wird, hat jederzeit das recht, sich mit den nötigen mitteln zur wehr zu setzen. und wer sich nicht wehrt, macht sich meines erachtens zumindest bis zu einem gewissen grade selbst zum opfer.

    @all:

    ich halte es nicht für angebracht, jedes mitglied einer religiösen randgruppe zum vornherein in ein opfer-täter-schema einzuordnen. würden wir dies im geschäftsleben machen, müssten wird daraus fatale schlüsse ziehen und allesamt zu eremiten werden.

    ausserdem fühlt sich nicht jeder, der von herrn stamm als opfer bezeichnet wird, sich selbst auch als solches. wer sich als opfer fühlt, soll sich wehren. und den anderen sei gewährt, so zu leben, wie sie es offenbar für richtig erachten, ohne dass sie von journalisten mit (zwar sicher gut gemeinten, aber leider inkonsequent umgesetzten) aufklärerischen motiven als opfer stigmatisiert und entsprechend diskriminiert werden, was sie dann tatsächlich zu opfern macht.

    aufklärung in ehren… aber sie sollte nicht mit ähnlich unreflektierten und absoluten kategorien vorgehen, wie diejenigen, die sie zu bekämpfen sucht.

  16. Beat sagt:

    Hugo Stamm verurteilt in seinem Blog die Aussage, Opfer würden sich selber zum Opfer machen. Ich kann dies nur teilweise verstehen.

    Ich bin, dies nur als ergänzende Information, kein Angehöriger einer Weltreligion, suche keinen Halt in einer Freikirche oder Sekte und bin grundsätzlich skeptisch, was organisierte Ideologien betrifft.

    Man kann sicherlich über genaue Umstände diskutieren, ich halte es jedoch für viel zu einfach, einem “Opfer” jegliche Selbstverabtwortung abzusprechen. “Jeder ist seines Glückes eigener Schmied”, besagt ein gängiges Sprichwort. Ist es nicht äusserst naiv zu glauben, ein Mensch könne sich Glück aktiv erarbeiten, Unglück hingegen werde ihm nur von aussen zugefügt?

    Menschen treffen Entscheidungen. Dies tun sie zu jeder Zeit. Es gibt solche, die sich dessen bewusst sind, und andere, die sich dessen zwar ebenfalls bewusst sind, aber die Verantwortung für gefällte Entscheidungen viel lieber auf dritte abschieben. Welche der beiden Typen einfacher lebt, liegt auf der Hand – welche jedoch bewusster und entsprechend besser lebt, ist die zu klärende Frage.

  17. Truth sagt:

    @Sandro
    Hugo Stamm und rechtspopulistische Kreise haben eines gemeinsam: Beide kennen die absolute Wahrheit und glauben, über den einzig richtigen Massstab zu verfügen.

  18. Birgit Amsler sagt:

    @Martin

    Wie sehen diese Formen einer integralen Religion aus? Wo sind sie am ehesten zufinden?

    Herzliche Grüsse
    Birgit

  19. Liebe Birgit

    Das werde ich dir mal privat beantworten.

    herzlich

    Martin

  20. Peter Berger sagt:

    Herr Stamm zeichnet in seinem Blogeintrag ein Schwarz-Weiss-Bild mit starken Konturen. Das ist nicht allzu schwierig; denn lasse ich in einem Bericht jedwede Tatsachen, auf die sich meine Ausführungen beziehen, einfach weg, kann ich über meinen Gegenstand schreiben was ich will. Meine Darstellung bezieht sich ja auf nichts konkretes.

    Bei Herr Stamm sind es “die Sekten” im grossen und ganzen. Wovon sprechen Sie Herr Stamm? Von etwas Konkretem? Von etwas, das Sie gehört haben? Von etwas, das Sie erlebt haben? Mir drängt sich der Verdacht auf, dass Sie manchmal mehr eine Vorstellung in ihrem Kopf, als die Realität da draussen beschreiben.

    Zum Glück sehen die Blog-Schreiber das Thema etwas differenzierter. Und das ist gut so. Die Ausführungen von studi sind wirklich interessant. Da geht es um etwas wirkliches.