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Die Krux mit der Homöopathie

Hugo Stamm am Sonntag den 2. April 2006

Wir organisieren unseren Alltag streng nach wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen. Die von Esoterikern als besonders spirituell gepriesene Natur funktioniert zumindest auf der “grobstofflichen Ebene” bedingungslos nach den “Naturgesetzen”. Ein Stein fällt immer in der gleichen Geschwindigkeit und immer zu Boden. Auch ein energetisch aufgeladener Heilstein macht da keine Ausnahme.
Würde die Natur in der äusseren Erscheinung nicht ausnahmslos streng wissenschaftlich funktionieren, wären unsere Tage gezählt. Flugzeuge kämen reihenweise vom Himmel, wir würden mit unseren Autos überraschend Bekanntschaft mit Bäumen und Mauern machen, und die Fernsehgeräte würden gelegentlich explodieren und unsere Wohnungen in Brand setzen.
Die Homöopathie versteht sich als medizinische Disziplin und will als wissenschaftlich fundiert anerkannt werden. Schaut man sich die Theorie der Tinkturen und Globuli etwas näher an, kommt allerdings Skepsis auf. So behaupten Homöopathen etwa, je mehr sie ihre Mittel verdünnen würden, desto grösser sei die Wirkung. Sie sprechen von Potentzierung durch Verdünnen. Ein solches Gesetz kennt die Natur aber nicht. Wenn wir gern süssen Sirup haben, erhöhen wir die Konzentration. Und wenn die Kopfschmerzen nach einer Tablette nicht nachlassen, schlucken wir eine zweite. Unser Leben funktioniert nach dem Prinzip: Wo nichts drin ist, kommt nichts raus.
Die Homöopathie hingegen verdünnt ihre Mittel endlos. Oft so lang, bis kein Molekül mehr in einem Fläschchen zu finden ist. Bei einer Potenzierung D 19 enthält ein ganzer See voll homöopathisches Mittel kein einziges Elementarteilchen der Ausgangslösung mehr.
Die Homöopathen belehren uns, dass ihre Tinkturen durch die Verdünnung die Informationen der heilenden Substanzen übernehmen würden. Auch für diese Erklärung findet sich in der Natur kein entsprechendes Gesetz. Dieses Phänomen konnte bisher nirgends beobachtet oder nachgewiesen werden. Das wäre nämlich fatal, denn wir könnten unser Wasser vermutlich nicht mehr trinken. Dieses ist in den letzten Hunderttausenden von Jahren immer wieder mit giftigen Stoffen in Berührung gekommen und wäre wohl nicht mehr geniessbar, wenn es fremde Informationen aufgenommen hätte.
Trotz meiner Skepsis weiss ich, dass Globuli wirken. Empirische Studien haben den Beweis eindeutig erbracht. Ich vermute, dass wir die Erklärung nicht auf der wissenschaftlichen Ebene suchen müssen, sondern auf der psychosomatischen: Der Placeboeffekt ist bei homöopathischen Produkten offenbar besonders gross.
Homöopathen wehren sich aber vehement gegen die Placebotheorie. Sie verweisen darauf, dass homöopathische Mittel auch bei Tieren wirken würden. Dagegen lässt sich einwenden, dass Untersuchungen über die Wirkung von Medikamenten bei Tieren sehr schwer und meist nur über Labortests zu bewerkstelligen sind. Ausserdem heilen die allermeisten Krankheiten von selbst. Wer will da urteilen, ob eine Spontanheilung vorliegt oder die Globuli gewirkt haben?
Homöopathen erklären die Wirkung ihrer Tinkturen nach wie vor mit wissenschaftlichen Argumenten. Das scheint mir angesichts der Tatsache, dass ihre Begründungen allen bekannten Erkenntnissen widersprechen, wissenschaftlich unredlich. Die Homöopathen sollten dazu stehen, dass es keine befriedigende wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen Homöopathie gibt.
Wie lässt sich die grosse Akzeptanz der Homöopathie in der Öffentlichkeit erklären? Würde man eine Strassenumfrage machen, wäre das Resultat ernüchternd. Wohl die wenigsten Anwender kennen das Prinzip näher. Ausserdem faszinieren uns oft die unerklärbaren und spektakulären Phänomene mehr als die bekannten.

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