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Sind Wissenschaften die Totengräber der Religionen?

Hugo Stamm am Montag den 10. Juni 2013
Ein Wissenschaftler arbeitet an der ETH Lausanne am «Human Brain Project», das versucht ein komplexes Modell des menschlichen Gehirns zu kreieren.

Ein Wissenschaftler arbeitet an der ETH Lausanne am «Human Brain Project», 29. Januar 2013. (Keystone/Jean-Christophe Bott)

In der Diskussion um religiöse Fragen tauchte in diesem Forum immer wieder der Vorwurf an die Naturwissenschaften auf, sie konkurrenzierten die transzendentalen Vorstellungen von Glaubensgemeinschaften. Ausserdem würden viele Atheisten oder Skeptiker ihre «Gott ist tot»-Ideologie mit den modernen Erkenntnissen der Neurologie, Astronomie, Physik usw. begründen. Zwischen den Zeilen schimmert immer mal wieder der Verdacht durch, die Wissenschaften hätten einen Anspruch, der schon fast religiöse Züge trage. Deshalb drängt sich die Frage auf: Erheben die Wissenschaften einen religiösen Anspruch? Oder sind sie gar die Totengräber der Religionen?

Es besteht kein Zweifel, dass die traditionellen Religionen ein antiquiertes Weltbild zeichnen. Die Verfasser von Bibel, Thora, Koran, Bhagavat Gita usw. konnten gar nicht anders, als die Welt so darzustellen, wie sie sich nach ihrem Wissensstand präsentierte. Wir wissen heute, dass vieles nachweislich falsch ist, was in diesen Schriften steht. Zum Beispiel, dass die Erde eine Scheibe ist und das Zentrum des Universums. Ausdruck davon ist auch der Streit um die Frage, ob Gott die Welt erschaffen hat und die Evolutionstheorie von Darwin ein Irrtum sei.

Der Vorwurf an die Wissenschaften, sie gebärdeten sich mit einem religiösen Impetus oder verstünden sich gar als Ersatz-Religion, ist an den Haaren herbeigezogen. Sie stammen vor allem von fundamentalistischen oder dogmatischen Gläubigen, die nicht wahrhaben wollen, dass mit Hilfe von wissenschaftlichen Erkenntnissen religiöse Widersprüche aufgedeckt werden können. Sie klammern sich an die Bilder ihrer Heilstheorie, weil sie fürchten, ihr Glaube könne an Glaubwürdigkeit verlieren.

Ihre Verblendung ist oft so gross, dass sie nicht erkennen, dass Wissenschaften dynamische und relative Lehren sind. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nicht in Stein gemeisselt. Neue Erkenntnisse lösen die alten ab oder ergänzen sie. Im Gegensatz zu den Religionen findet ein Wettbewerb um die besten Erkenntnisse statt. Alles ist im Fluss. Selbst bei den Geisteswissenschaften wird um die besten Ideen gekämpft. Deshalb gibt es verschiedene Strömungen und Richtungen in Philosophie, Psychologie und Soziologie. Wobei hier anzumerken ist, dass manche Denkrichtungen dogmatisch erstarren, weil sie auf eine zentrale Figur ausgerichtet sind. Man denke zum Beispiel an C. G. Jung.

Wenn also Glaubensgemeinschaften die Wissenschaften pauschal angreifen, steht als Motiv immer eine eigene Schwäche dahinter. Es ist die Angst, die eigene Heilslehre, die angeblich von Gott inspiriert ist, könnte ins Wanken geraten.

Ich will aber die Natur- und Geisteswissenschaften nicht idealisieren. Wir haben zu viele Missbräuche erlebt. Es gibt auch genügend arrivierte Wissenschaftler, die mit aller Macht versuchen, neue Erkenntnisse zu unterdrücken, weil sie Angst haben, ihre Leaderposition zu verlieren. Doch das hat nichts mit pseudoreligiösem Gebaren zu tun, sondern mit allzu menschlichen Schwächen: Die Stars wollen Einfluss und Macht nicht verlieren. Doch auf die Dauer setzen sich neue Erkenntnisse immer durch.

Das wiederum heisst nicht, dass alle neuen Erkenntnisse richtig sind. Es heisst schon gar nicht, dass die Anwendung der neuen geistigen Errungenschaften nützlich oder sinnvoll sind. Es zeigt nur, dass alles relativ ist, nicht wie bei den Religionen. Wenn aber Vertreter von Glaubensgemeinschaften die Wissenschaften als Feind des Religiösen betrachten oder ihnen gar pseudoreligiöse Absichten unterstellen, haben sie nicht nur einen Splitter im Auge, sondern einen ganzen Balken. Richtig ist aber, dass die Wissenschaften viel dazu beitragen, dass traditionelle Glaubensgemeinschaften an Glaubwürdigkeit und Einfluss eingebüsst haben.

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