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Esoterische Flugstunde

Hugo Stamm am Samstag den 2. März 2013
Energieströme gesucht: Besucher an der «Lebenskraft 91», der damals dritten Esoterikmesse in Zürich. (Bild: Keystone)

Energieströme gesucht: Besucher an der «Lebenskraft 91», der damals dritten Esoterikmesse in Zürich. (Bild: Keystone)

Der Zeitgeist lässt die christlichen Kirchen links liegen. Gläubige tun sich zunehmend schwer, das Seelenheil auf die Erlösung am Jüngsten Tag auszurichten. Die Vorstellung von der Erbsünde, die lebenslange Sühne und Busse verlangt, ist speziell für die jüngeren Generationen weder sexy, cool noch geil.

Ausserdem sind viele kirchliche Institutionen angestaubt, die Gottesdienste kein Event mit Erlebnischarakter. Viele suchen die Erfüllung im Hier und Jetzt, als Rückversicherung klammern sie sich an die Idee von der Wiedergeburt. Deshalb verabschieden sie sich immer mehr von den Landeskirchen – und pilgern zur jährlichen Esoterikmesse im Zürcher Kongresshaus: Zum 25. Mal veranstaltet Angelika Meier dieses Wochenende die Show, die unter dem Titel «Lebenskraft» läuft. Die rührige Sinnsucherin bietet als Alternative zum christlichen Glauben übersinnliche Phänomene an und lockt die Messebesucher in eine glitzernde Parallelwelt, die scheinbar alle irdischen Grenzen sprengt und ein Fenster zum spirituellen Kosmos öffnet.Tatsächlich überflügelt die Esoterik die Landeskirchen in allen äusseren Belangen. Wer in die Züspa für übersinnliche Sucher eintaucht, erlebt eine Seelenmassage, bei der alle Sinne stimuliert werden. Der Jahrmarkt der spirituellen Wunder erzeugt eine wohlige Atmosphäre. Wenn sich unzählige Wahrsager, Handleser, Geistheiler und Verkäufer esoterischer «Wahrheiten» auf engem Raum versammeln, erleben die Besucher angeblich ein besonders dichtes Energiefeld und eine prickelnde Aura: Esoterik als emotionales Schaumbad.

Der Mensch findet, was er sucht

Doch was ist dran an dieser magischen Welt? Nüchtern betrachtet, findet sie nur im Kopf statt. Oder in der inneren Mitte, wie die Messebesucher sagen würden. Die Sehnsucht nach dem geheimen Wissen (Esoterik) und der Erleuchtung führt zu Projektionen, bei denen die Einbildungskraft eine wichtige Rolle spielt. Es ist eine alte Weisheit: Der Mensch findet, wonach er sucht. Wer sich lang genug einredet, er habe direkten Kontakt mit seinem Schutzengel, wird zuerst seine Energie und dann den Luftzug seines Flügelschlages spüren und ihn schliesslich leibhaftig durch das Fenster fliegen sehen. Das einstige Geheimwissen ist heute ein Milliardenmarkt, bei dem höchstens noch der Kontostand der 30 000 Heiler und der ähnlich vielen Esoterikanbieter in der Schweiz geheim ist.

Reduziert man die christliche Heilslehre und die Esoterik auf ihren Kerngehalt, nähern sich die beiden ungleichen Disziplinen aber ungewollt an. Auch wenn sie unterschiedliche Heilsvorstellungen propagieren und Rituale pflegen, so leben beide von der Sehnsucht nach Befreiung und Erlösung. Entschlackt man die Lehre von den übersinnlichen Phänomenen, bleibt nichts als nackter Glaube. Denn auch in der Esoterik gibt es keine beweisbaren Grundsätze. Deshalb ist oft die Angst der Antrieb, sich spirituell zu betätigen. So gesehen ist Esoterik eine Ersatzreligion.

Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied, nämlich im Weltbild. Esoterik ist die Lehre von der Selbstbefreiung. Sie suggeriert, der Mensch könne sich durch Seminare und Rituale spirituell befreien und Teil der göttlichen Hierarchie werden. Das führt oft zur Selbstvergottung. Und so werden auch dieses Jahr Tausende Besucher auf dem Markt der Illusionen finden, was sie suchen.

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