Logo

Blutleerer Buddhismus

Hugo Stamm am Freitag den 8. Juni 2012
Ein freundliches Gesicht, aber nicht ganz von dieser Welt: Der Dalai Lama. (Bild: AFP)

Ein freundliches Gesicht, aber nicht ganz von dieser Welt: Der Dalai Lama. (Bild: AFP)

Die Krise der christlichen Kirchen in den westlichen Ländern manifestiert sich in den aktuellen Skandalen. Imageprobleme und bröckelnde Glaubwürdigkeit führen zu vermehrten Austritten. Die Zahlen aus Zürich demonstrieren die Tendenz eindrücklich: Waren 1970 noch 94 Prozent Mitglied einer Landeskirche, sind es heute nur noch 62 Prozent.

Werden die Abtrünnigen Agnostiker oder Atheisten? Wohl nur eine kleine Minderheit. Denn die Summe der religiösen Bedürfnisse nimmt kaum ab. Vielmehr basteln viele ihre eigene Heilslehre aus übersinnlichen Versatzstücken, in erster Linie esoterischen. Oder sie werden bekennende Buddhisten. Der Hype um den Dalai Lama, der bei Auftritten im Westen als Gott-König verehrt wird und von hohen Politkern empfangen, macht die Faszination gegenüber dem Buddhismus deutlich.

Der Buddhismus hat zweifellos ein freundliches Gesicht. Er ist keine eigentliche Religion, sondern eher eine spirituelle Weltanschauung oder ein Lebensweg. Sympathisch ist auch, dass die Buddhisten ohne Gott auskommen. Der historische Buddha hat richtig erkannt, dass Gier, Hass und Verblendung die Menschen antreibt. Und dass diese drei Attribute viel Leid in die Welt bringen. Heute müsste die Liste noch durch die Macht ergänzt werden.

Um dieses Leiden zu überwinden, hat Buddha radikale Verhaltensregeln aufgestellt. So soll man keine Lebewesen töten, nichts annehmen, was einem nicht gegeben wird (die Bettelmönche setzen das Gebot um), keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen ausüben, nicht lügen, keine berauschenden Substanzen konsumieren.

Diese edlen Fähigkeiten soll Buddhisten durch Meditation erlangen. Sie sollen sich frei machen von allen äusseren Bindungen und Bedürfnissen und die innere Leere anstreben. Letztlich geht es um die Überwindung des Ich, von dem die Gier ausgeht. Konsequent ausgeführt, endet dies in der restlosen Entsagung gegenüber der grobstofflichen Welt. Ziel ist das bedingungslose Eintauchen in die geistige Welt.

Was in der Theorie als sehr ehrenwert und erstrebenswert erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als lebensfremd und unrealistisch. Das alltägliche Leben wird abgewertet, als schlecht dargestellt. Da der Mensch voll Gier und Hass ist, muss er sich kasteien. Statt zu lernen, mit den Trieben und hedonistischen Bedürfnissen umzugehen, muss er sie verdrängen und durch Meditation überwinden. Im Grunde genommen ist es eine Art Gehirnwäsche, wenn auch eine sympathische, weil sie das Böse aus der Welt verbannen will. Doch es bleibt eine Autosuggestion, die etwas Manipulatives hat.

Noch wichtiger ist aber die Frage: Will ich mich einseitig auf die geistige Welt konzentrieren? Will ich die grobstoffliche Realität als Herd allen Übels, als Quelle des Bösen definieren? Ist es sinnvoll, diese Wertzuteilung vorzunehmen, diese Spaltung bewusst voranzutreiben? Will ich so konsequent die innere Leere suchen, das Bewusstsein ruhig stellen und letztlich mein Ich aufgeben?

Nein, das will ich nicht. Mein Ich macht mich aus. Und dieses Ich muss sich auch in der Welt behaupten, die voll von Gier, Hass und Macht ist. Denn die innere Leere haust schliesslich auch irgendwo, nämlich in meinem Bewusstsein, in meinem Körper. Und dieser will gefüttert werden, gepflegt, sonst zerfällt er und liefert nicht mehr die Grundlage, die es für die Meditation braucht. Ein Buddhist mit höllischen Zahnschmerzen schafft es kaum mehr, sich auf sein Inneres zu konzentrieren.

Die Natur ist ein Wunder, ich will mich nicht von ihr abkehren oder sie gar als Quelle gefährlicher Begierden verteufeln. Sinne und Gefühle sind die stärksten Quellen des Lebens, diese will ich nicht durch permanente Meditation zähmen oder gar ruhig stellen. Ich will mich nicht in mir verkriechen, ich will auch mit der Welt kommunizieren, in sie hinaus wirken. Das Innere und das Äussere bedingen einander, das eine kommt ohne das andere nicht aus. Beide können sich wunderbar ergänzen, wenn sie in einem gesunden Gleichgewicht sind. Diese Aspekte vernachlässigt der Buddhismus sträflich. Wer nur die innere Leere sucht, wird blutleer.

Ich zweifle auch den Sinn des Gleichmutes an, den Buddhisten anstreben. Natürlich ist es wunderbar, wenn ich selbst einen Schicksalsschlag stoisch hinnehme und als unbedeutendes Phänomen der äusseren Welt betrachte. Doch es besteht die Gefahr, dass mich das gleiche Schicksal erneut ereilt, wenn ich mich nicht dagegen wehre und Vorkehrungen treffe.

Ich will mit der äusseren Welt kommunizieren, ich will mich einmischen. Wenn Ungerechtigkeiten passieren, will ich aufbegehren, den Missbrauch anprangern. Und diese passieren, auch wenn die ganze Welt meditiert oder buddhistisch geworden ist.

« Zur Übersicht