Die Insel der Iron Ladies

Keine Politikerin zum Kuscheln: Die britische Premierministerin Margaret Thatcher im Mai 1975. Foto: Hulton Archive, Getty Images

«Genug ist genug.» Mit verbaler Entschlossenheit antwortete Theresa May auf die jüngsten Bluttaten in London: «Enough is enough.» Grossbritannien sei dem Extremismus zu lange zu tolerant begegnet, sagte die Premierministerin in einer ersten Reaktion, nun müsse Schluss sein damit. Die Briten sind es durchaus gewohnt, dass eine Regierungschefin in ihrem Namen solche martialischen Töne von sich gibt, es ist Teil ihrer Geschichte: Man denke nur an Margaret Thatcher. Die Tory-Regierungschefin führte die Royal Navy unter anderem mit dem Ausspruch in den Falklandkrieg: «Niederlage? Ich anerkenne dieses Wort nicht.»

Thatcher übernahm Ende der Siebzigerjahre die Führung von Grossbritannien, als sich ein dramatischer wirtschaftlicher Niedergang abzeichnete. Die Gewerkschaften der Schwerindustrie, des Bergbaus und des Verkehrs erpressten die politische Führung, um mit Streiks ihre Sonderinteressen auf Kosten des Mittelstands durchzusetzen. Dann brach die «Iron Lady», wie sie typischerweise genannt wurde, die Macht der Syndikalisten. Und sie leitete Strukturreformen ein, von denen später New Labour unter Tony Blair profitieren konnte.

Schon Victoria kannte keine Niederlage

Im Einzelfall wie bei der Privatisierung der Eisenbahnen schoss Thatcher zwar über das Ziel hinaus; zudem war sie keine Politikerin zum Kuscheln. Aber ohne ihr Regnum wäre das Vereinigte Königreich heute ein anderes Land.

Margaret Thatcher war die erste Premierministerin in Europa. Vor ihr konnten Frauen höchstens in südlicheren Zonen die Zügel der Regierung in die Hand nehmen, etwa in Indien (Indira Gandhi, 1960), Israel (Golda Meir, 1969) oder Argentinien (Isabel Perón, 1974). Dass Europas Bahnbrecherin dann aus England kam, war kein Zufall: Die Inselnation hatte schon manche Herrscherin erlebt.

Queen Victoria regierte von 1837 bis 1901. Foto: Keystone

Denn in der Geschichte Grossbritanniens bestimmten politische Frauenfiguren des Adels die Entwicklung entscheidend mit. Königin Viktoria prägte das 19. Jahrhundert und verlieh gleich einem ganzen Zeitalter ihren Namen. Der Einfluss der Krone war damals zwar bereits viel geringer als in früheren Jahrhunderten, aber die Queen gestaltete die Aussenpolitik von Premierministern wie Lord Palmerston wesentlich mit – zu einer Zeit, als das Königreich die weltweit dominierende Macht war.

Mehr noch: Victoria neigte in ihren jungen Jahren den liberalen, reformerischen Kräften zu, ehe sie im Alter zur reaktionären Regentin mutierte. Dabei setzte sie bereits den Tonfall, der dann bei Regierungschefin Thatcher nachhallte: «Wir sind nicht interessiert an den Möglichkeiten einer Niederlage», schrieb sie etwa dem Politiker Alfred Balfour während des Burenkriegs 1899: «Sie existieren nicht.»

«Good Queen Bess»

Auch die «Good Queen Bess» gab ihrer Epoche den Namen: Königin Elizabeth I., in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Amt, führte die Nation durch das «Elisabethanisch» genannte Zeitalter. Und sie war in der Auseinandersetzung mit Kontinentalmächten wie Spanien die bestimmende Akteurin. Ihr Sieg über die Armada mag historisch weniger bedeutsam sein, als er den Zeitgenossen damals erschien: Egal, Elizabeth I. ging in die Geschichte ein, wobei sie unter anderem das Bonmot prägte: «Männer führen Kriege. Frauen gewinnen sie.»

Sie hatte in ihren jungen Jahren sogar die Grösse gehabt, sich mit der katholischen Opposition zu versöhnen. Später liess sie die Romtreuen allerdings ebenso meucheln, wenn diese zu laut beteten. Dieselbe Härte bewies ihre katholische Vorgängerin Maria I., genannt «Bloody Mary»: Sie mochte ihre protestantischen Untertanen nur, wenn sie am Galgen sachte im Wind baumelten.

Die Erfahrung mit Herrscherinnen hat tiefe historische Wurzeln. Auf dem europäischen Kontinent kannte der Adel fast überall nur eine männliche Nachfolgeregelung, teils bis in die heutige Zeit. Auf der Insel hatten die Männer zwar ebenfalls einen Vorrang. Wenn indes direkte Nachfahren fehlten, kamen die Frauen schon im Mittelalter zum Zug. Diese Regel der familiären Erbfolge wurde auch in der berühmten «Bill of Rights» von 1689 festgelegt.

Die erste englische Königin hiess übrigens Matilda d’Anjou. Die Tochter von Heinrich I. liess 1141 ihren Cousin auf dem Thron, Stephan von Blois, gefangen nehmen und wurde für einige Monate englische Regentin. Stephans Vasallen verscheuchten sie jedoch nach kurzer Zeit aus der Sonne. Immerhin, damals wusch die Stauffacherin hierzulande Windeln.

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