Die Torheit der Regierenden

History Reloaded

Das schlechteste französische Staatsoberhaupt aller Zeiten? Ach wo! Foto: Kamul Zihnioglu (Reuters)

Früher war alles besser, auch die Politiker. Schauen Sie sich doch nur mal diesen Bundesrat an, vergleichen Sie ihn mit früher: Kurt Furgler! Willy Ritschard! Oder … Nun gut, so viele Denkmal-Figuren gab es da auch nicht.

Aber trotzdem, betrachten wir die Sache international: Heute Trump, früher Kennedy! Hie Merkel, damals Adenauer!

Da findet man sich also gleich wieder bestätigt von einem Essay, der am Montag in der «Neuen Zürcher Zeitung» erschien: Es fehle an herausragenden Staatslenkerinnen und -lenkern, so die Analyse des Politologen Stephan Bierling. Der Westen zerlege sich selbst, «nicht nur, aber auch wegen seines überforderten Führungspersonals». Und weiter: «In Zeiten, in denen die Europäer und Amerikaner einen Roosevelt, Churchill, de Gaulle oder Adenauer brauchen würden, bekommen sie Cameron, Hollande und Trump.»

Mechaniker der Macht

Offenbar sei die Personaldecke für die Spitzenämter selbst in alten Demokratien sehr dünn, so Bierling. Der Professor für internationale Politik in Regensburg nannte auch diverse Gründe dafür, zum Beispiel: Heutigen Politikern fehle die spezielle Erfahrung, welche epochale Umbrüche und dramatische Kriegszeiten einst geschaffen hatten. Oder: Die Art der Auswahl sorge dafür, dass jetzt eher Mechaniker der Macht nach oben kämen – keine Staatslenker, die strategisch zu denken gelernt haben.

Und mitschuldig sind, natürlich, die Medien: Politiker seien heute dauerüberwacht wie nie zuvor, womit viel verlorengehe. «Spontanität, Formulierungslust, Ironie, Originalität werden zum Risiko, aus Angst sprechen Politiker noch öfter in Phrasen als ohnehin schon.»

Ein beklemmender Befund – zumal Bierling mahnt, dass charismatische Politiker jetzt nötiger wären denn je: «Allein sie können die schalen Rezepte der Populisten entlarven, die verunsicherten Bürger vom Wert der Demokratie überzeugen und den Westen im Kampf gegen seine Feinde zusammenhalten.»

Gute Informationen, schlechte Entscheide

Müssen wir also ganz bang in die Zukunft blicken? In diesem Blog suchen wir ja eher Halt in der Vergangenheit, und dort findet sich tatsächlich ein bedeutendes Werk zum Thema. Es stammt von Barbara Tuchman, einer der berühmtesten Historikerinnen Amerikas, verstorben 1989: «Die Torheit der Regierenden». Schon der Titel sagt allerhand.

Tuchman erkannte das Phänomen, dass die Staatslenker verblüffend oft Fehler begehen, die geradezu bescheuert sind. Gemeint sind nicht etwa Fehler, die man erst im schlaueren Rückblick erkennt. Nein: Die politische Geschichte der Menschheit ist voll von Wahnwitz, den bereits die Zeitgenossen durchschauten. Es gab klare, erkennbare Alternativen. Und die Fehler richteten sich direkt gegen die Interessen der Regierenden und ihres Landes.

Barbara Tuchman schildert dies beispielsweise anhand der Renaissance-Päpste: Sie waren nicht fähig, über die nächste Intrige, die nächste Orgie und den nächsten Bankrott hinaus zu planen – weshalb es den Reformatoren um Luther, Zwingli und Calvin leicht fiel, ihre Kirche zu erschüttern.

Weiter erwähnt Tuchman die Regierung in London, die nach 1770 auf lächerlichen, völlig unbedeutenden Steuern für ihre Kolonien in Neuengland beharrte: Grossbritannien verlor Amerika.

Und mit Wonne widmet sich die Historikerin dem Vietnamkrieg, wo die US-Regierung eisern in eine Katastrophe stapfte, vor der Asienkenner, Strategen und auch Militärs quasi per Dauerfeuer warnten. An der Spitze stand unter anderem ein gewisser John F. Kennedy.

Idiotie ist zeitlos

Politiker fällen also selbst mit besten Informationen groteske Entscheide – immer wieder. Die Staats-Idiotie ist nicht an eine Epoche, einen Ort oder eine Regierungsform gebunden: «Sie ist zeitlos und universell», resümiert Tuchman. Die Gründe können wir hier nur andeuten: Ein Punkt wäre die Angst, einen Fehlentscheid zurückzunehmen. Ein anderer: Engstirnigkeit. Frustrierend ist jedenfalls die generelle Lektion aus der «Torheit der Regierenden»: «In der Regierungskunst, so scheint es, bleiben die Leistungen der Menschheit weit hinter dem zurück, was sie auf fast allen anderen Gebieten vollbracht hat.»

Eine Einsicht, die selber historisch ist. Denn bereits 1813 schrieb John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten: «Während alle anderen Wissenschaften vorangeschritten sind, tritt die Regierungskunst auf der Stelle; sie wird heute kaum besser ausgeübt als vor drei- oder viertausend Jahren.»

Dies hiesse aber umgekehrt, dass die heutige Politikergeneration doch nicht miserabler ist als ihre Vorgänger. Ihr Problem wäre eher, dass wir sie kritischer sehen als gewisse Herren, von denen es nur noch Ölgemälde oder Schwarzweissfotografien gibt.

Politiker sind vermutlich wie die Jugend von heute – nämlich so missraten wie niemals zuvor. Der Philosoph Sokrates musste das bekanntlich schon im 5. Jahrhundert vor Christus feststellen.

8 Kommentare zu «Die Torheit der Regierenden»

  • Raimondo Ballisti sagt:

    Warum kommt niemanden auf die Idee, dass wir ein neues System brauchen? Warum beharrt man auf sogenannte „Führungskräfte“, die die alleinige Verantwortung tragen sollen? Trump, Putin, Erdogan, May, Hollande, Merkel, usw. ? Ist die Zeit der „Führungsteam“ nicht eingebrochen? Wir in der Schweiz haben 7 Bundesräte, die sich untereinander abstimmen müssen, d.h. ein Kompromiss suchen sollten , die die meisten der Einwohner unter sich scharen sollte. Politik war damals ein „robustes“ System, d.h. duldete Fehler ohne zusammenzubrechen. Heutzutage haben die Entscheidungen grössere Tragweite, und somit sollten in Gremien besschlossen werden. Eine mit 50,1 % getroffene Entscheidung zeigt eine zu grosse Uneinigkeit, um auf langer Sicht „richtig“ zu sein. Teams vs. Boss!

  • Rudolf Wildberger sagt:

    In der Politik kommen seit jeher die Machttechniker nach oben oder (oft vermeinlich) leicht steuerbare Figuren werden von Strippenziehern im Hintergrund nach vorne geschoben. Strategisches Denken, und Überblick ist da eher zufällig. Die heute angeblich bessere Information hilft da auch nicht weiter, wenn diese nicht eingeordnet werden kann. Das Einzig was da ein wenig Abhilfe schaffet ist breite demokratische Kontrolle, denn Politiker sind bestechbar, ein gaanzes Volk nicht. Um zu erschweren, dass eine Mehrheit Rattenfängern nachläuft, ist eine Bildungssystem nötig, das Wissen vermittelt und nicht nur die richtig Gesinnung. Denn wer nichts weiss, muss alles glauben.

  • seebueb sagt:

    Taten sollen an den damit verbundenen Zielen gemessen werden. Primärziel des Vietnamkriegs war, gemäss Dominotheorie den Fall von Südvietnam zu verhindern. Aus militärischer Sicht war der Vietnamkrieg deshalb ein Erfolg, die Meinung der Zivilgesellschaft ist diesbezüglich reichlich unerheblich. Das mag zynisch scheinen, ändert jedoch nichts an der Sichtweise und damit (aus Sicht der Entscheidungsträger) an den Tatsachen an sich.
    .
    Das setzt natürlich voraus, dass die Dominotheorie stimmt, doch dürfte es äusserst schwer fallen, dieses These schlüssig und rational zu widerlegen. Das führt dazu, dass die selbstreferenzielle militärische Sichtweise keinerlei Grund produziert, von dieser Sichtwiese abzurücken.

  • Peter Schneider sagt:

    Die Zeiten sind nicht die Gleichen. Die Macht der Regierungen ist durch die Globalisierung stark eingeschränkt worden. Heute muss den Vorgaben der Wirtschaft und deren Vertretern gefolgt werden. Dann kommt noch die Dauerüberwachung der Medien dazu.

  • Peter Meier sagt:

    Wieviele europäische Politiker und Königshäuser glaubten allen Ernstes, dass Afrika ihr Besitz sei. Im Kongo wurden durch die Belgier über 10 Millionen abgeschlachtet (siehe Dokfilm Schatten über dem Kongo), in Nordafrika rund 1 Million durch die Franzosen. Alles in der Meinung wir sind im Recht, wir dürfen das. Was für eine Tragödie, was für eine unsägliche Dummheit, von Gibtaltar bis zum Nordkap.

  • Eulenspiegel sagt:

    Die knappe Mittelmässigkeit der politisch Verantwortlichen ist wohl Schuld an unserem Leid. Es braucht jedoch keine strategischen Übermenschen um Führungsaufgaben erfolgreich umzusetzen. Viel mehr fehlt es den Lobby finanzierten Marionetten an Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Menschlichkeit.

    • Alexander Wetter sagt:

      Ihr letzter Satz sagt alles und zutreffend – die Politik ist schlichte korrupt auf allen Ebenen weil die Politiker in ihrem Ehrgeiz käuflich sind. Auch in der Schweiz, selbstverständlich.

  • Mad Maxli sagt:

    Man kann auch „Game of thrones“ lesen. Es ist beängstigend, wie sehr die heutige Politik darin gespiegelt wird, mal mehr, mal weniger, aber immer irgendwie: Populismus, Lügen, Intrigen, Seilschaften, alternative Fakten oder Auslegungen von Fakten, Fake News, Manipulation, Eigennutz, Clan-Denken, Machtgier, Egoismus, Unfähigkeit, Gewalt, Geld, Krieg, Kollateralschaden, you name it… jedenfalls immer ausgehend vom Establishment, zu Lasten des normalen kleinen Brügers, der Manipuliermasse… Man muss es darwinistisch sehen. Warum soll die erste uns bekannte Form intelligenten Lebens gleich erfolgreich sein? Das Leben als solches wird seinen Weg schon finden, sehr wahrscheinlich aber ohne die heutigen Menschen. Dont worry, be happy and enjoy the show.

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