Zürichs Böögg: Der sehr wacklige Wetterprophet

Das Zürcher Sechseläuten – live übertragen vom Schweizer Fernsehen SRF nicht nur in der Deutschschweiz, sondern auch in der Romandie mit französischem Kommentar – ist nicht nur ein Höhepunkt zürcherischer, ja eidgenössischer Festkultur. Ein journalistischer Leckerbissen ist auch die Live-Berichterstattung öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehsender über die Verbrennung des Böögg. Sowohl Fernsehmoderatoren wie auch ihre Kolleginnen und Kollegen aus den Zeitungsredaktionen wetteifern in der Interpretation, wie gut oder schlecht der kommende Sommer wohl sein werde – gemessen an der Explosionsgeschwindigkeit des ausgestopften Wattenmanns.

1944: Die Wattepuppe stürzt in den See

Verglichen mit der Geschichte der Zürcher Zünfte, deren alte Linie auf das Mittelalter zurückgeht, ist der Böögg und seine Verbrennung eine wesentlich jüngere Erscheinung. Ab 1868 wurde jedes Jahr im Chratz-Quartier ein Böögg verbrannt – der Scheiterhaufen war damals am Bürkliplatz. Noch vorher verbrannten Kinder und Jugendliche Strohpuppen zur Feier von Tagundnachtgleiche. 1902 fand das Autodafé für den Böögg erstmals auf dem Sechseläutenplatz statt, dies aber nicht in lückenloser Reihenfolge bis heute. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Platz umgepflügt und im Rahmen der Anbauschlacht für die Nahrungsmittelproduktion genutzt. Obwohl von 1940 bis 1944 kein Sechseläutenumzug, wie wir ihn heute kennen, durchgeführt wurde, mochte man nicht auf eine Böögg-Verbrennung verzichten. Die Verbrennung fand damals im Hafen Enge statt beziehungsweise hätte dort stattfinden sollen: 1944 stürzte die Wattepuppe in den See, wo sie wieder herausgefischt wurde und – nunmehr als Wasserleiche – mottenderweise der Kremation zugeführt wurde.

Als der Böögg vom Mast flog

Lange vor der legendären Böögg-Bauperiode unter dem Chefkonstrukteur Heinz Wahrenberger – sie endete 2015 nach einem halben Jahrhundert – mussten die Zürcher schon einmal unendlich lange auf den Urknall warten: 1923 wollte und wollte das Feuer wegen des starken Regens nicht brennen, sodass man eine Stunde warten musste.

Am Sechseläuten 1993 entging der Böögg den Flammen durch einen Sturz. Schliesslich musste der Kopf von Hand ins Feuer geworfen werden. Foto: Keystone

Am Sechseläuten 1993 entging der Böögg den Flammen durch einen Sturz. Schliesslich musste der Kopf von Hand ins Feuer geworfen werden. Foto: Keystone

Besonders peinlich war das Sechseläuten 1993, als die Puppe samt Plattform vom Mast flog und von einer Gruppe von Bodenpersonal händisch ins Feuer zurückgetragen werden musste. Anwesend waren die Ehrengäste aus Basels Regierungs- und Stadtrat, nicht zu reden vom «Basler Daig» … Heinz Wahrenberger setzte dem nächsten Böögg 1994 in einem Anflug von Selbstironie einen Helm auf, doch – Gott straft sofort – auch dieser stürzte von der Stange.

Der geklaute Bögg

Rechtsnotorisch bekannt wurde der Böögg vom Sechseläuten 2006. Noch bevor dieser in die Schalterhalle der ZKB transportiert werden konnte, klauten Autonome die berühmteste Puppe Zürichs aus der Garage des Bööggbauers: eine Entführung. Das Zentralkomitee der Zünfte Zürichs (ZZZ) konnte die perfide Freiheitsberaubung geschickt parieren, indem der Stellvertreter des Knallböögg, der jährlich als letztes Sujet am Kinderumzug mitfährt, mit tödlichen Krachern geladen wurde und diesmal sicher aufbewahrt wurde bis am Sechseläutenmorgen.

Am Kinderumzug fuhr stattdessen der zweite (wesentlich kleinere) Ersatzböögg mit, der vorher in der guten Stube einer sechseläutenbegeisterten Zürcherin residiert hatte. Seither ist dieses Bööggli übrigens wieder repatriiert (der Aufenthaltsort ist streng geheim).

Der entführte Böögg tauchte dann an einer revolutionären Feier im «Chreis Cheib» auf, wo ihn die Stadtpolizei sicherstellte und – notabene nach dem Sechseläuten – in die Stadtgärtnerei überführte. Die Entführer hatten inzwischen aber sämtliche pyrotechnischen Artefakte aus dem Wattenmann entfernt, was mehrere Jahre später vor Bundesstrafgericht behandelt wurde. Offenbar wollte die angeklagte Aktivistin die grossen Kracher für Aktionen ausserhalb der Legalität nutzen.

Scheiterhaufen unter Polizeischutz

Mit der Rettung durch die Stadtpolizei hatte die Böögg-Posse noch kein Ende. Die autonomen Aktivisten entwendeten den bereits vorher um die Knallkörper erleichterten Wattenbeutel zum zweiten Mal.

Dieser politische Angriff auf den Böögg war übrigens nicht der erste seiner Art: 1921 zündete ein von Kommunisten angestachelter Lümmel den Scheiterhaufen kurz nach dessen Errichtung an. So ist es also kein Wunder, dass die Aufschichtung der Rutenbündel ab Sechseläuten-Montagmorgen um 6.00 seit Jahrzehnten unter Polizeischutz (inklusive Hund) stattfindet.

Was die Verlässlichkeit der Zürcher Kultfigur als Wetterbarometer angeht, so ist der Böögg eher eine Witzfigur, wie einige Daten zeigen: 2015 explodierte der Knallkopf nach über 20 Minuten intensiven Umritts. Dennoch stieg der Thermometer an 54 Tagen über 25 Grad. Aber solche Prognoseflops haben eine lange Tradition: 1956 kam das grosse Bumm in weniger als 4 Minuten. Der nachfolgende Sommer fand an mickrigen 26 Sommertagen statt. Anders 1970: Nach 40 Minuten bis zum Knall folgten drei Monate später 51 Hitzetage.

Entsprechend klar ist auch das Ergebnis einer Studie von Meteo Schweiz von 2006: Die obersten Schweizer Wetterfrösche stellten fest, es lasse sich «kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Brennzeit des Böögg und der durchschnittlichen Sommertemperatur beziehungsweise der Anzahl an Sommer- sowie Hitzetagen feststellen».

Und dennoch: Es lebe des Böögg’s Big Bang, hoffentlich kurz nach 6.

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