Rom hätte besser integrieren sollen

Irgendwann klappte die Integration von Fremden ins römische Reich nicht mehr: Filmszene aus «Gladiator». Foto: Jaap Buitendijk (Keystone, AP, Dreamworks)

Auch dieser Zank begann mit einem Tweet. Arron Banks, ein englischer Multimillionär und Brexit-Propagandist, stellte unlängst auf 140 Zeichen fest: «Es ist wahr, das Römische Reich wurde effektiv durch die Immigration zerstört.»

Prompt blies dem Mitgründer der «Leave EU»-Kampagne ein steifer Wind entgegen. Es meldete sich Averil Cameron, Altertumsexpertin vom King’s College London, mit der ebenso knappen Bemerkung: «Seit wann stimmt das denn? Die Idee ist völlig veraltet. Was hat der denn gelesen?»

Und Mary Beard spotttwitterte: «Sorry, ihr habt vielleicht feste Ansichten, aber ihr Typen kennt die römische Geschichte nicht.» Wozu bemerkt sei, dass Beard, Professorin in Cambridge, nicht nur eine beliebte Fernsehhistorikerin ist in England, sondern gerade auch ein neues Opus Magnum übers Imperium veröffentlicht hat: «SPQR. Die tausendjährige Geschichte Roms».

210 Gründe für einen Untergang

Das Scharmützel zeigte es wieder mal: Historischen Erklärungen ergeht es in der Politik wie jedem Argument sonst. Man kann sie hübsch selektiv einsetzen – und dann fliegen einem sofort irgendwelche historischen Gegenbeweise um die Ohren.

Roms Fall eignet sich dabei als besonders farbiger Setzbaukasten: Der Historiker Alexander Demandt hat einmal 210 Erklärungen aufgelistet, weshalb das Weltreich untergegangen sein könnte, von Aberglauben über Bleivergiftung bis Zweifrontenkrieg. In der neueren Forschung hatte sich dabei die Meinung durchgesetzt, dass Westrom am Ende stark unter Verlagerungen, Wirtschaftsproblemen und inneren Rangeleien litt. Die Germanen, welche im 4. und 5. Jahrhundert hinzuzogen, trafen auf einen tönernen Riesen. Daher eben der Einwurf, Banks’ Tweet sei «völlig veraltet»: «Was hat der denn gelesen?»

Management einer Migrationskrise

Andererseits liess sich der Immigrationsdruck ja nicht ganz abstreiten. Nur: Am Ausmass allein kann es kaum gelegen haben. Es gibt Schätzungen, wonach selbst während der Völkerwanderung der Anteil der jährlichen Einwanderer nicht über ein bis zwei Prozent der Bewohner des Kaiserreichs hinausging. Und Rom war ja gross geworden, indem es fremde Völker anzog, schluckte und assimilierte. Ausgerechnet dies schien am Ende nicht mehr zu klappen. Weshalb?

Eine Teilerklärung besagt, dass es dem späten Reich eben an Offenheit fehlte. Und dass es es deshalb nicht einmal mehr schaffte, eine Migrationskrise zu managen.

Krachende Niederlage

Akut wurde diese Krise im Jahr 376, als in kurzer Zeit Zehntausende Menschen an der Donau auftauchten. Es waren Goten, die vor den Hunnen ins Gebiet des heutigen Bulgarien geflüchtet waren. Brav baten sie die römischen Behörden darum, die Reichsgrenze übertreten zu dürfen. Flavius Valens, Kaiser in Ostrom, erlaubte es schliesslich: Die Flüchtlinge sollten in garstigen Balkan-Gegenden als Bauern angesiedelt werden. Doch bald kam es zu Schikanen durch korrupte Beamte, zu Wucher durch Händler, zu Plünderungen durch die Ansässigen. Kinder und Frauen wurden entführt. Man liess die Fremden hungern.

Nach und nach widersetzten die sich. Dann begannen sie ihrerseits zu plündern. Andere germanische Grüppchen schlossen sich an, auch entlaufene Bergwerkssklaven. Nach knapp zwei Jahren war das Fass voll: Kaiser Valens zog mit seinen Legionen zur Strafexpedition. Auf dem Gebiet der heutigen Türkei kam es zum Showdown – es wurde zur krachenden Niederlage der Römer: 20’000 Legionäre sollen in der Schlacht von Adrianopel gestorben sein, unter ihnen der Kaiser selbst. Noch nie seit der Schulbuch-Schlacht im Teutoburger Wald (9 nach Christus) hatten die nördlichen Völker den Römern derart den Meister gezeigt.

Man nennt es Parallelgesellschaft

Jetzt war an Integration nicht mehr zu denken. Jetzt waren die Neulinge definitiv ein Fremdkörper. Wahrscheinlich breiteten sich die Ressentiments gegen die barbari weiter aus – und auf deren Seite wuchs das Selbstbewusstsein. Der neue Kaiser Theodosius gestand den Goten und ihren Verbündeten ein eigenes Gebiet an der Donau zu. Formell gehörte dieses zwar noch zum Reich, aber dort konnten die Migranten weitgehend frei von den Gesetzen der alten römischen Elite schalten und walten. Das hatte es noch nie gegeben.

Wo früher Assimilation war, entstand das, was man heute eine Parallelgesellschaft nennen würde. Und eine Generation später erwuchsen aus dieser Parallelgesellschaft auch die Feldzüge, die etwa 410 zur Plünderung von Rom führten. Ob Adrianopel der entscheidende Wendepunkt war, ist strittig. Aber etwas zeigt dieser Einzelfall vielleicht: Wie eine lange Tradition der Offenheit und Integration in einen Teufelskreis von gegenseitigen Ressentiments kippen kann – mit fatalen Folgen.