Wo Sklaverei lange ausgeblendet wurde

Auch Schweizer Unternehmerfamilien wie die Eschers und die Guisans waren in die Sklaverei verstrickt. Was lange unter den Tisch gekehrt wurde, kommt jetzt ans Licht.

Ein Grundbesitzer in Brasilien wird von seinen Sklaven getragen. Zeichnung von Jean-Baptiste Debret, 1835. Foto: Getty Images

«Die Literatur wird durchforscht werden», prophezeite 1939 Bertolt Brecht in den Svendborger Gedichten und spielte damit auf deren Klassencharakter an und auf die Frage, wer unter welchen Bedingungen in wessen Interesse worüber schreibt und ob das Elend der Unterdrückten auch wirklich zur Sprache kommt. Heute muss man diese Fragestellung um die koloniale Dimension erweitern. Zum Beispiel bei Gottfried Kellers Roman «Martin Salander» aus dem Jahr 1886.

Der Protagonist des Buchs, aus dem schweizerischen Münsterburg stammend, wird in Brasilien mit dem Anbau und Handel von Kaffee und Tabak sehr reich, und sein Sohn reist ebenfalls nach Brasilien, um dort die väterlichen Geschäfte weiterzuführen. Arnold Salander erweitert den Grundbesitz an geeignetem Pflanzland und findet «für Betrieb und Aufsicht» einen tüchtigen Schweizer, der bald am Geschäft beteiligt werden soll. Was für ein Geschäft? Aufsicht über wen? Wer baute Tabak und Kaffee an? Keller und/oder Salander schweigen.

Als Keller seinen Roman 1886 in der «Deutschen Rundschau» vorabdrucken liess, war die Sklaverei in Brasilien noch in Kraft. Zur Zeit von Salanders erstem (ca. 1859–1866) und zweitem (drei Jahre in den 1870er-Jahren) Brasilienaufenthalt sowie zur Zeit des Wirkens seines Sohnes galt für Brasilien, was der grosse nigerianische Historiker Joseph Inikori in seiner monumentalen Studie «Africans and the Industrial Revolution in England» so ausgedrückt hat: Brasilien war bezüglich Exportproduktion und Demografie «ein afrikanisches Land».

Kein Tabak ohne Sklaven

Aber nicht nur die Literatur wird durchforscht werden, sondern auch die Werbung: In einer Beilage des «Tages-Anzeigers», die online immer noch abrufbar ist, singt der «Grandseigneur der Zigarrenbranche» Heinrich Villiger das Loblied der brasilianischen Tabake. Dabei wird auch die Geschichte abgehandelt und erzählt, wie der portugiesische Seefahrer Pedro Álvares Cabral 1500 Brasilien entdeckte. Die Tabak konsumierenden Indianer kommen vor, erwähnt wird der portugiesische Staatsmann Marquês de Pombal, und die verschiedenen Phasen der Tabakexporte nach Europa werden fachmännisch abgehandelt.

Von 1500 geht es in flottem Tempo über 1570 und 1775 zur Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal im Jahr 1822. Der Abschnitt über die Geschichte endet dann mit Ausführungen über die sandigen Böden und das Klima («Durchschnittstemperaturen von 25 Grad»). Nur die Sklavinnen und Sklaven kommen nicht vor.

Dabei war die Anbauregion des Recôncavo, zu der Villiger langjährige enge Kontakte hatte, eine der dauerhaftesten Sklavenhaltergesellschaften der Neuen Welt. Während dreier Jahrhunderte schufteten dort versklavte Männer und Frauen aus Afrika sowie deren Nachkommen und produzierten auf den sandigen Böden um die Bucht von Bahia Tabak zum Export nach Europa und Westafrika. Sklaven waren es, welche die Tabaksamen aussäten, düngten, die Setzlinge pikierten, die Plantagen bewässerten, das Unkraut jäteten und schliesslich die Tabakblätter ernteten, trockneten und zum Transport verpackten.

Um die Städte Cachoeira, Maragogipe, Nazaré und São Felix entstand im 19. Jahrhundert eine Industrie, welche den Tabak verarbeitete, den die umliegenden Distrikte mit Sklavenpopulationen von 20 bis 70 Prozent produzierten. Dies machte aus dem Recôncavo eine der dichtesten Sklavenbevölkerungen von ganz Brasilien: 1872 betrug sie noch rund 80’000 Sklavinnen und Sklaven. Die Sklaverei wurde in Brasilien ja erst 1888 abgeschafft, just in dem Jahr, als der damals 28-jährige Kaufmann Jean Villiger eine Cigarrenfabrik im eigenen Wohnhaus in Pfeffikon gründete.

Jährlich 110 Sklaven aus Afrika

Aber nicht nur die Literatur und die Werbung werden durchforscht werden, sondern auch die Geschichte. Zum Beispiel diejenige der Familie Guisan. Über deren Vorfahren weiss etwa Markus Somm in seiner Biografie des Generals nur zu sagen, dass sie seit 1472 das Bürgerrecht von Avenches besassen und Handwerker, reiche Bauern, Pfarrer, Lehrer, Offiziere und Ärzte hervorbrachten. Kolonialherren kommen nicht vor.

Das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) weiss immerhin von Henri Guisans direktem Vorfahren Jean Samuel Guisan (1740–1801), dass er erst nach Paramaribo (heute Surinam) und dann nach Cayenne (heute Französisch-Guayana) auswanderte, wo er Hauptmann in französischen Diensten wurde und als Chefingenieur für hydraulische Arbeiten zuständig war. Von Sklaverei kein Wort.

Herr Hunderter Sklaven: Jean Samuel Guisan.

Dabei waren es Sklaven, die für ihn die Kanäle und Polder gruben und in der von ihm verwalteten Gewürzplantage arbeiteten. Für seine Plantage L’Espérance schloss er einen Vertrag über die jährliche Lieferung von 110 Sklavinnen und Sklaven aus Angola und von der Goldküste ab. Sein Onkel Nicolas David Guisan (ca. 1727–1781) – über den das HLS schweigt – war Mitbesitzer und Verwalter von nicht weniger als acht surinamesischen Kaffee- und Zuckerplantagen mit Hunderten von Sklaven. In seinem Testament verfügte Nicolas David Guisan die Freilassung einer gewissen Nanetta Gerarda Guisan (ca. 1771–1852), welche er als leibliche Tochter anerkannte. Sie war vermutlich aus einer Beziehung Guisans mit seiner Sklavin Johanna la Liberté hervorgegangen.

Es besteht jedoch durchaus Anlass zur Hoffnung: Die Leitung des HLS ist sich der kolonialen weissen – oder besser: schwarzen – Flecken bewusst und ist gewillt, diesen Mangel demnächst anzugehen. Heinrich Villiger antwortete auf einen offenen Brief bezüglich seiner «sklavenfreien» Tabakwerbung mit Höflichkeit und Offenheit und kündigte an, sich persönlich mit der Beziehung der Schweiz zur Sklaverei eingehender zu befassen. Landauf, landab wird an grossen Indiennes-Ausstellungen (Prangins, Neuenburg, Zürich) thematisiert, dass diese Schweizer Textilien die Währung des Sklavenhandels waren.

Und dank der kubanischen Plantage «Buen Retiro» (auf der wohl eine schwarze versklavte Cousine von Alfred Escher gelebt hat) ist dafür gesorgt, dass auch das Zürcher Escher-Keller-Jubiläumsjahr nicht zu einem schönen Rückzug auf sich selbst wird.

45 Kommentare zu «Wo Sklaverei lange ausgeblendet wurde»

  • Jessas Neiau sagt:

    Das war mir bisher gar nicht bekannt, dass nicht seit Anbeginn in allen Staaten der Welt dasselbe (nämlich das heutige Schweizer) Recht gegolten hat. Ebensowenig übrigens wie die kleingeistige Vorstellung, dass dieses Recht zu jeder Zeit das weltweit alleinseligmachende war oder naja, hätte sein können, wenn der Rest der Welt denn etwas davon gewusst oder sich den Teufel darum geschert hätte.

  • Egger sagt:

    Herr Fässler, heute es gibt noch viele Sklaven, vor allem Sklavinnen. Islamisten bedienen sich vor allem bei den Christen (z. B. Boko Haram, usw.). Und das im Namen Allahs. Christliche Organisationen haben schon viele Sklaven/innen frei gekauft. Das hindert die Schweiz nicht diese Länder weiter mit Beiträgen zu unterstützen. Ihr Artikel ist sicher interessant (historisch gemeint), aber dass es heute (trotz UNO, Menschenrechtsrat, Menschen- und Völkerrecht) noch Sklaven/innen gibt, ist ein einziger Skandal. Wir leben im Jahr 2019.

    • Jean-Jaques Schweizer sagt:

      Einerseits richtig, andererseits komplett beschämend, wie Sie die Thematik alleine auf den (vermeindlich bösen) Islam abschieben und das Christentum als ach so herrlich darstellen versuchen. Erstens hat das Christentum noch viel mehr ausgebeutet und versklavt in der Geschichte und zweitens ist die Sklaverei weltweit verbreitet! In christlichen, hinduistischen, muslimischen etc. Ländern! Auch in der CH heute! Was glauben Sie, all die ausländischen, armen Frauen, welche für ein Butterbrot im hiesigen Prostitutionsgewerbe arbeiten müssen, tun das freiwillig?! Selbiges im Nanny-Gewerbe etc. Informieren Sie sich mal über die heutige Sklaverei in unseren Staaten!
      Allah bedeutet übrigens nichts anderes als Gott, also werden die Gräueltaten fälschlich im Namen Gottes legitimiert.

  • Leonhard Fritze sagt:

    Über Schweizer, die HEUTE von schweizerischen Behörden systematisch misshandelt werden ohne Grund, lesen wir dann in 200 Jahren. Diese Art der Geschichtsaufarbeitung ist wahrlich die preiswerteste.

    • Ernst Gabathuler sagt:

      Die Schweiz, ein Folterstaat? Warten Sie nicht, bis Historiker Ihr „Wissen“ aufdecken, ich möchte davon nicht erst in 200 Jahren lesen. Raufen Sie sich zusammen und tragen Sie alles an die Öffentlichkeit.

  • Rüdiger sagt:

    Ach kommen sie. Was machen nun all die nicht-rassistischen Schweizer, die immerzu beschwören, keine Rassisten zu sein, wenn sie das Wort Neger benutzen. U.a. wird da nebst dem Argument, man seie kein Rassist, auch noch „die Schweiz hat nichts mit dem Kolonialismus zu tun gehabt“ zum Besten gegeben. Was machen nun all die Schokoküsse-essenden 1291ler???

  • werner boss sagt:

    Interessant finde ich, dass zum Beispiel auch Einheimische dazu verwendet wurden die „Besseren “ Damen auf die Alpen zu tragen! Nur „finden“ dann unsere Historiker zu diesem Thema natürlich keine Bilder. Ja es soll sogar Hochjagten gegeben haben, wo der gutbetuchte Jäger ab der “ Senfte“ wie dieses Traggerät hiess , zum Schuss kam. Manipulitis lässt wieder einmal grüssen.

  • Gerhard Engler sagt:

    Zitat Fässler: „David Guisan (ca. 1727–1781) – über den das HLS schweigt“. Herr Fässler, hier sind Sie schon fast demagogisch. Sie hätten auch schreiben können: „über den im HLS nichts zu finden ist“. Mit Ihrer Formulierung insinuieren Sie, dass die Autoren des HLS absichtlich nichts über David Guisan geschrieben haben, was nicht stimmt.

  • Jörg Egger sagt:

    Bedenklich ist das man das Thema nicht in der Vergangenheitsform diskutieren kann. Sklaverei ist immer noch existent.

  • Cédric Ruckstuhl sagt:

    Es ist falsch, Menschen von damals an den Trends, Moden und Masstäben von heute zu messen. Damals war Sklaverei etwas völlig normales. Heute ist allgemein akzeptiert, dass sie etwas schlechtes ist. Aber damals war eben genauso allgemein akzeptiert, dass sie eine übliche Wirtschaftsform war.

    • Markus Eberhard sagt:

      Sehe ich auch genau so.

    • Stig Förster sagt:

      Was Sie hier schreiben, ist völlig falsch. Seit dem 18. Jahrhundert gab es eine wachsende Antisklavereibewegung. 1815 wurde der Sklavenhandel international verboten. Seit den 1830er Jahren wurde Sklaverei in den meisten Kolonien abgeschafft. Brasilien, Kuba und die US-Südstaaten waren die schwarzen Schafe. Wer dort investierte, wusste sehr wohl, dass seine Geschäfte international geächtet und zutiefst unmoralisch waren. Wenn Schweizer Unternehmer (neben anderen) trotzdem als Sklavenhalter auftraten, handelten sie nach zeitgenössischen Maßstäben kriminell. Es ist interessant, dass sie dafür in der Schweiz nicht strafrechtlich verfolgt wurden, obwohl Sklaverei in der Schweiz schon damals verboten war.

      • Cédric Ruckstuhl sagt:

        @Stig Förster
        „…sie handelten nach damaligen Masstäben kriminell…“ + „…in der Schweiz nicht strafrechtlich verfolgt…“
        Sie schreibens ja selber: Diese Menschen wurden in der Schweiz nicht belangt, also war es wohl nicht so weit her mit einer angeblich ablehnenden oder gar kriminalisierenden Haltung gegenüber der Sklaverei. Wenn man es wirklich für unerträglich unmoralisch oder gar kriminell gehalten hätte, hätte man etwas dagegen getan.
        .
        Es stimmt hingegen, dass es eine Antisklavereibewegung gab. Dass es Gegner gab, heisst indes noch lange nicht, dass deren Haltung allgemeingültig war.
        Die Sklaverei wurde übrigens nicht wegen dieser Gegenbewegung abgeschafft, sondern aus wirtschaftlichen Gründen: Sie war schlicht nicht mehr rentabel.

    • Gerhard Engler sagt:

      @Ruckstuhl: Und sollte man deshalb nicht darüber berichten? Geschichte sollte nicht werten, aber offen legen.

      • Cédric Ruckstuhl sagt:

        @Engler
        Legen Sie mir keine Worte in den Mund. Ich habe mich mit keinem Wort gegen eine neutrale Berichterstattung ausgesprochen. Sondern die Feststellung getroffen, dass ein Werturteil mit den Masstäben von heute über Ereignisse in früheren Epochen unwissenschaftlicher, ahistorischer Unsinn ist.
        Ich gebe Ihnen recht, dass Geschichte nicht so, wie das hier gemacht wurde, moralisch werten sollte.

      • Stig Förster sagt:

        Herr Ruckstuhl, Ihre historischen Kenntnisse sind offenbar begrenzt. Es wurde in der Tat sehr viel gegen Sklaverei getan. Die Royal Navy hat seit 1815 auf den Weltmeeren den Sklavenhandel hart bekämpft. Ab den 1830er Jahren wurde die Sklaverei im Empire überhaupt abgeschafft. Und schließlich ging es im Amerikanischen Bürgerkrieg gerade auch um den Kampf gegen Sklaverei. Dabei war Sklaverei durchaus lukrativ, wie ja die Beispiele Schweizer Unternehmer zeigen. Ihre Verharmlosungen gehen also an den Tatsachen vorbei. Übrigens: Ende des 19. Jahrhunderts benutzten die europäischen Kolonialmächte den Kampf gegen Sklaverei als Vorwand für die Aufteilung Afrikas. Die Moral ließ sich also auch mißbrauchen.

      • Cédric Ruckstuhl sagt:

        @Stig Förster
        Sie haben es immer noch nicht verstanden. Der Umstand, dass einige gegen die Sklaverei waren, heisst noch lange nicht, dass es diese nicht mehr gab. Wenn es sie nicht mehr gegeben hätte, hätte es ja auch keine Gegner und Gegenaktivitäten mehre gegeben. Logisch, oder?
        Geschichte ist eben mehr als ein paar Jahreszahlen auswendig lernen.

  • Jean Roth sagt:

    Wann hat denn eigentlich die Leibeigenschaft in CH geendet? Wir reden viel von Sklaverei bei „den andern“ – nur nicht von ähnlichen Zuständen bei uns ! Warum?

    • Gerhard Engler sagt:

      Im Buch „Der Schmied von Göschenen“ (historischer Roman von Robert Schedler von 1919) ist Leibeigenschaft durchaus ein Thema. Und dieses Buch habe ich in den 70er Jahren in der Schule gelesen. Meines Wissens wird über Leibeigenschaft auch in den aktuellen Geschichtsbüchern in Schweizer Schulen berichtet. Über die Involvierung von Schweizern in den internationalen Sklavenhandel jedoch nicht.

    • Meieriesli sagt:

      Theoretisch müsste die Leibeigenschaft 1798/99 geendet haben mit der durch Napoleon erzwungenen Helvetik. Damals wurden sowohl die Patrizier (der CH-Adel) abgeschafft als auch die Untertanengebiete in vollberechtigte Kantone umgewandelt bzw. in sie integriert.

      In der Praxis, und je nach Lesart, hat sie jedoch bis ins 20.Jh. angedauert, siehe bspw die Verdingkinder. Im Grunde fallen auch die Kinder der Landstrasse im weiteren Sinn in dieses Kapitel, vielleicht sogar die pharmazeutischen Versuche an Insassen der psychiatrischen Kliniken, die bis vor ca. 50 Jahren durchgeführt wurden (bspw Ronand Kuhn in Münsterlingen) und wo vermutet wird, dass sie teilweise tödlich endeten.

  • Ruedi Ballmer sagt:

    Auch heute noch nähen Quasi-Sklaven unsere Kleider. Wesentliche Elemente der Globalisierung sind damals wie heute die selben.

  • Jan Holler sagt:

    Über die Eschers hat es vor einigen Jahren schon einmal einen ähnlichen Artikel gegeben. Was ist danach geschehen? In Erinnerung bleiben die immer selben Ausreden und Relativierungen: Man muss die damalige Zeit verstehen, es ist aus dem Kontext gerissen, es war damals üblich, andere waren noch schlimmer, so schlimm war es bei den Schweizern nicht, wer sind wir, heute so über die Vergangenheit zu urteilen, es solle doch jeder vor seiner eigenen Türe kehren, das sind nur unbestätigte Gerüchte, es war nicht Alfred Escher, sondern sein Vetter, usw. usf.
    Noch heute wird in der Schule kein Wort über die Kollaboration von Teilen der Schweizer Regierung und Ämter mit den deutschen Nationalsozialisten verloren. – Genauso wenig wie heute über die Ausbeutung der Menschen in armen Rohstoffländern.

    • Jon Caduff sagt:

      Es geht nicht darum, Sklaverei gut zu heissen oder zu verurteilen. Tatsächlich muss man das Ganze im Rahmen der damaligen Zeit sehen. Man sollte nicht heutige Massstäbe zur Bewertung von Handlungen heranziehen, die im 19. Jahrhundert geschehen sind.
      Es war damals üblich Sklaven zur Bewirtschaftung von Plantagen heranzuziehen, also tat man es. Ob die Sklaverei von den oben erwähnten Herren als ungerecht empfunden worden ist, oder nicht, lässt sich vermutlich nicht mehr feststellen.
      Was aus meiner Sicht wichtig ist, ist, dass solches nicht verschwiegen oder schön geschrieben wird. Die für mich wichtige Erkenntnis daraus: Wir waren nicht besser, aber auch nicht schlechter als die übrigen Kolonialländer.

      • Jan Holler sagt:

        „Man sollte nicht heutige Massstäbe zur Bewertung von Handlungen heranziehen, die im 19. Jahrhundert geschehen sind.“ – Aber sicher doch! Kant schrieb im 18. JH in der Abhandlung ‚Von den verschiedenen Rassen der Menschen‘: „Die Klasse der Weißen ist nicht als besondere Art in der Menschengattung von der der schwarzen unterschieden; und es gibt gar keine verschiedene Arten von Menschen“.
        Man wusste damals genau, was man tat. Man wusste genau, dass es unethisch und unmoralisch ist. Die Ausrede „es waren damals andere Zeiten“ ist nichts wert.
        Und es geht überhaupt nicht darum, das eigen begangene Unrecht mit dem von anderen begangenen Unrecht zu relativieren, wie Sie das im letzten Satz tun. Das ist nur die übliche Schuldabwehr (wie eingangs beschrieben).

      • André Hafner sagt:

        Schon Anfangs des 18. Jahrhunderts war die Anti-Sklaverei-Bewegung in England sehr einflussreich. Und dass die Abolitionisten in den USA Sklaverei nicht akzeptierten, was schliesslich 1861 zum Bürgerkrieg führte, ist wohl überall bekannt.

        Es war also nicht so, dass Sklaverei damals „einfach üblich und akzeptiert“ war.

      • Ralf Schrader sagt:

        Es gibt keine absolute Moral. Moral entsteht in einer Kultur unabhängig von Wissen und Meinungen und jede Moral vergeht auch wieder.

        Die Menschen um 2100 werden sich um barbarische Medizin mit Organtransplantationen entsetzen. Noch mehr wird die orale Kontrazeption die Menschen der Zukunft entsetzen, denn die ist auch nach heutiger Kenntnis eine ausserordentliche Form der Selbstvergiftung ohne nennenswerten Gewinn.

        Um 1900 wurden in allen europäischen Zoos auch Menschen aus den Kolonien gezeigt. In den psychiatrischen Kliniken waren bezahlte Führungen üblich, bei denen Patienten in Käfigen gezeigt wurden. Die wieder wussten, für welche Darstellungen sie von den Wärtern eine Belohnung bekamen und haben das entsprechend gespielt. Niemand hielt das für unethisch.

      • Jon Caduff sagt:

        @Holler und Hafner: Natürlich weiss ich, dass im 19. Jahrhundert auch Leute dafür plädierten, die Sklaverei abzuschaffen. Darum geht es mir auch nicht. Es geht mir darum, darauf hinzuweisen, dass das, was wir heute als richtig und selbstverständlich erachten, zu früheren Zeiten nicht zwingend als ebenso selbstverständlich und richtig erachtet wurden. Die Leute im 19. Jahrhundert waren bzgl. der Sklavenfrage einerseits mit der katholischen Kirche, die den theoretischen Unterbau zur Rechtfertigung der Sklaverei geliefert hat, als auch mit der Meinung der Abolitionisten konfrontiert.
        Ist vielleicht vergleichbar heute mit der Frage, ob hier wohnende Ausländer ein Stimmrecht haben sollen oder nicht. Es ist eine offene Diskussion ohne klaren Konsens.

      • Jan Holler sagt:

        Caduff: Wer ist wir? Nur diejenigen, die die Geschichte geschrieben haben? Nur diejenigen, die ein illegitimes Rechtssystem etabliert haben? Also die selben, die von diesen Umständen profitiert haben? Und all diejenigen (bspw. Christus), die gehören nicht dazu?
        Auch heute erachten es Menschen als „selbstverständlich richtig“, bspw. die Menschen in Afrika, Südamerika und anderswo auszubeuten. (‚Wenn wir nicht, dann machen es andere‘). Es gibt auch kein Gesetz dagegen (vgl. Konzernverantwortungsinitiative). Hier nicht und anderswo nicht. Ist es damit richtig und gerecht?
        Nein! Ihre Argumentation lässt sich immer und jederzeit auf jede Vergangenheit, sei es 200 Jahre oder 20 anwenden und ist genau darum wertlos und schlicht falsch.

      • Jon Caduff sagt:

        @Holler: Leider haben Sie immer noch nicht erfasst, worauf ich hinaus will. Um es einmal klar zu stellen: Ich will den Einsatz von Sklaverei durch obgenannte Wirtschaftsführer weder gutheissen, noch verurteilen (dazu fehlt mir das entsprechende Fachwissen). Ich wollte lediglich auf den methodischen Fehler hinweisen, historische Handlungen bzgl. Ethik mit HEUTE geltenden Massstäben zu bewerten. Es steht Ihnen frei, solche Handlungen ethisch zu bewerten, aber dann müssen Sie dies anhand von DAMALS geltenden Massstäben tun, und das waren eben nun mal andere, als wir heute haben.

      • Jan Holler sagt:

        Caduff: Heutige Massstäbe? Ich habe darauf hingewiesen und nachgewiesen, dass die moralischen und ethischen Kategorien schon damals bestanden haben und bekannt waren. Kant war auch nicht der erste. Sie hingegen behaupten etwas, ohne den Nachweis für die Richtigkeit dessen zu belegen. „waren nun halt mal anders“… Eben nicht! Und dass man wusste, dass man Unrecht beging (nicht unbedingt rechtlich, sondern moralisch), zeigt sich auch daran, dass man schon damals und die darauf folgende Zeit alles unternommen hat, dass so wenig wie möglich dieser Teil der Unternehmensgeschichten ans Licht der Öffentlichkeit kommen.
        Von mir aus können sich sich aufs geltende Recht von damals berufen, aber nicht aufs Nichtwissen der damaligen Zeit!

      • Meieriesli sagt:

        Herr Holler, Sie schliessen aus dem heute +/- allgemein anerkannten Anspruch, dass die Menschenrechte allgemein gültig sind, dass die Idee unmittelbar mit ihrer Entwicklung durch alle hätten akzeptiert werden sollen. Wer das nicht tat, ist in Ihren Augen automtisch schuldig.

        Damit be- und verurteilen Sie die Vergangenheit aus einer ex-post Position heraus. Sie nehmen quasi die Entwicklung des 18. und 19. Jh. vorweg und verlangen.

        Dass vermutlich die Mehrheit damals funktionale Analphabeten waren, wischen Sie dabei völlig ungeniert unter den Tisch. Auch heute noch dürften die weit überwiegende Mehrheit Kant, Hegel, etc bestenfalls dem Namen nach kennen.

        PS:
        Die letzte CH-Hungersnot passierte vor 200 Jahren. Wer am verhungern ist, hat besseres zu tun als Kant zu lesen.

    • Jon Caduff sagt:

      @Holler: Jetzt überschätzen Sie sich aber doch etwas. Nachgewiesen haben Sie schon mal gar nichts. Nur weil Kant irgendwann mal irgendetwas geschrieben hat, heisst das noch lange nicht, dass das auch rezipiert worden ist, oder auch nur allgemein bekannt ist. Des weiteren: Wie ich meinerseits bereits festgestellt habe, hat es auch zu der Zeit (wie übrigens zu allen Zeiten, in denen Sklaven gehalten wurden) Rechtfertigungsschriften gegeben, die Sklavenhalterei befürworteten. Und was das Geheimhalten anbelangt: Da war gar nichts geheim. Sklavenhandel war ein so grosser Handelszweig, dass man das gar nie hätte geheim halten können. Jeder, der damals Zucker konsumiert, Tabak geraucht oder Schokolade getrunken hat, hat genau gewusst, dass diese Güter mit Sklavenarbeit erzeugt worden sind.

      • Jan Holler sagt:

        „Nur weil Kant irgendwann mal irgendetwas geschrieben hat“? Schon für die Stoiker waren alle Menschen Brüder: ein Gesetz, ein Recht, ein Staat, für alle. Philosophie ist (auch) Rezeption des vorher Gedachten.
        Wenn Sie über die Geschichte der Escherfamilie gelesen haben, haben Sie sicher auch gelesen, ich zitiere: „…Als grosser Liberaler und Pionier der Moderne hätte sich Escher am Umstand der unfreien Arbeitskraft stören müssen. Davon ist jedoch nichts bekannt, auch sein Vater äusserte sich nie öffentlich zum Thema. Dabei kannte der Erbauer des Belvoir-Guts das Unrecht aus eigener Anschauung, hatte er doch Kuba 1803 besucht“
        https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Alfred-Eschers-Erbe-gruendet-auf-Sklavenarbeit/
        Siehe auch: „Das Magazin“, glaube vom Herbst 2017.

      • Jon Caduff sagt:

        @Stoller: Und die Stoiker haben gleichzeitig Sklaven gehalten, da halt eben die Einwohner einer eroberten Stadt als Kriegsbeute galten. Im übrigen könnte es sein – ich weiss es aber nicht – dass die alten Griechen eine etwas andere Vorstellung als wir heute davon hatten, wer nun als Mensch gilt und wer nicht.

        Zu Ihrem Zitat:
        „…Als grosser Liberaler und Pionier der Moderne hätte sich Escher am Umstand der unfreien Arbeitskraft stören müssen…“. Diese Auffassung kann man teilen oder auch nicht, zumindest aber – und darauf wollte ich ursprünglich hinaus – liegt hier kein methodischer Fehler mehr vor, indem heutige Ethik auf frühere Taten angewendet wird. Ich setze dabei (implizit) voraus, dass Liberalismus zur Zeit Eschers tatsächlich Sklaverei als nicht akzeptabel betrachtet hat.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Rückblickend kann man die Menschheit für sehr Vieles verurteilen. Ist auch in Ordnung, denn jede Zeit urteilt ja nach ihren eigenen Kriterien. Doch was bringt’s tatsächlich? Dieses ewige Schuldaufladen aufgrund längst vergangener Tage? Und der Moral-Finger gegen Leute/Unternehmen, deren heutige Repräsentanten nichts mit dieser Vergangenheit zu schaffen hatten?
    Ja, ja. Den Leuten ein schlechtes Gewissen einjagen. Uns allen vorlügen, dass wir einzig auf dem Buckel von Sklaven reich geworden wären usw.
    Beschäftigt euch doch bitteschön um all das Unrecht in heutiger Zeit. Das könnten wir ändern. Daran könnten wir arbeiten. Die Vergangenheit immer wieder mit geänderten Moralanschauungen durchzukauen, hilft niemandem was.

    • Dominik Kohler sagt:

      Es ist durchaus in Ordnung, sich mit aktuellen Problemen zu beschäftigen, aber um diese besser zu verstehen, hilft halt manchmal ein Blick in die Vergangenheit.

    • La Blanc sagt:

      Ich stimme mit Ihnen überein. Solange wir billigsten Ramsch aus Billiglohnländern und Diktaturen einkaufen., sind wir keinen Deut besser. Heute sind wir die modernen Sklavenhalter. Das kann jeder von uns verändern.

    • Thomas Hartl sagt:

      Der Blick zurück erinnert uns daran, dass auch unserer Taten von künftigen Generationen beurteilt werden wird. Das verhilft zu einer langfristigeren Perspektive, zeigt unsere Verantwortung und gibt den Rechten von Menschen, die in 50 oder 100 Jahren geboren werden eine grössere Bedeutung.

      • Ralf Schrader sagt:

        Der Blick zurück rechtfertigt keine nachträgliche Bewertung nach heutigen Massstäben. Es gelten immer die Moral und die Gesetze der Zeit der Handlung. Sklaverei oder Rassismus waren bis vor kurzem nicht unmoralisch.

        So stehen auch wir nur unter Aufsicht und Bewertung der normativen Werte Mitteleuropas und des beginnende 21. Jahrhunderts. Die meisten davon sind langfristig und überregional nicht zu rechtfertigen. Hier und heute aber doch.

        Für alle nichteuropäischen und alle Kulturen vor dem 21. Jahrhundert zählen unsere Werte nicht.

      • Thomas Hartl sagt:

        @Ralf Schrader: «Die meisten davon sind langfristig und überregional nicht zu rechtfertigen. Hier und heute aber doch.» – Erkennen sie hier kein Widerspruch, oder zumindest ein Handlungsbedarf?

      • Ralf Schrader sagt:

        @Thomas Hartl

        Da ist kein Widerspruch. Kapitalismus, Marktwirtschaft, Wettbewerb sind ausserordentlich unmoralisch, lassen sich derzeit aber aus objektiven Gründen nicht abschaffen. Aber in vielleicht schon 50 Jahren werden die Menschen sagen, wie konnte man nur so barbarisch sein und Menschen miteinander wettbewerben lassen und nach Leistung zu entlohnen. Ganze Völker um der Wirtschaft willen ruinieren.

        Es ist kein Widerspruch, wenn die historische Situation, welche nicht vom Himmel gefallen ist und von Menschen nicht zu beeinflussen ist, moralische Lösungen rigoros ausschliesst. Was wäre eine moralische Lösung im Nahen Osten die auch machbar ist? Es gibt keine. Nur so, wie es ist, ist es ausserordentlich barbarisch und unmoralisch.

    • Sherlock Holmes sagt:

      Der Rückblick und das „Schuldaufladen“ ist notwendig, weil es immer noch Bevölkerungsgruppen gibt, welche die Vergangenheit verherrlichen und gerade über solche ungangenehmen Gegebenheiten in der eigenen Geschichte und Geschichtsschreibung grosszügig hinwegsehen.

      • Meieriesli sagt:

        Gerade mit dem Schuldaufladen und Fremdschämen verhindern Sie mit Sicherheit die Erhöhung der Akzeptanz in gewissen Kreisen. Wahrscheinlich erreichen Sie genau das Gegenteil vom Beabsichtigten.

        Mal völlig abgesehen davon, dass es sowohl nutzlos als auch irrational ist, sich für etwas zu schämen was vor Hundert Jahren geschehen ist. Nur woran man selbst Anteil hatte, ist Scham möglicherweise angebracht.

    • Jack Stoffel sagt:

      Rothacher: „Uns allen vorlügen, dass wir einzig auf dem Buckel von Sklaven reich geworden wären usw.“
      Indem Sie Ihr Sätzchen mit „wir“ bzw. „uns“ formulieren, tun Sie ungefragt so, als ob ich und andere Ihrem Geflunker zustimmen würden. Aber:
      2. Mir hat der Autor nichts vorgelogen (er hat nur geschrieben, was er in den Quellen gefunden hat).
      3. Ich bin nicht reich geworden, schon gar nicht dank der Sklaverei.
      Also lassen Sie gefälligst willkürliche Vereinnahmungen. Sie sind nicht das Sprachrohr der Allgemeinheit.

      Noch was: Wo hat der Autor im von Ihnen erwähnten Zusammenhang das Wörtchen „einzig“ (bzw. ein Synonym davon) verwendet?

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