Lob der sozialen Bewegungen

«Wenn Frau will, steht alles still»: Am Schweizer Frauenstreik vom 14. Juni 1991 gingen Hunderttausende auf die Strasse wie hier auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Das laufende Wahljahr steht stark im Zeichen der Klima- und der Frauenfrage. Zu Hauptthemen wurden sie erst, als Zehntausende von Jugendlichen auf die Strasse gegangen waren und Frauen begonnen hatten, einen landesweiten Streik für den 14. Juni zu planen. Ein Überblick über die letzten 190 Jahre zeigt: Kein Faktor hat in der Schweiz den politischen und gesellschaftlichen Fortschritt derart befördert wie soziale Bewegungen.

Die Ablösung der autoritär-konservativen Restauration in den frühen 1830er-Jahren durch die liberale Regeneration war das Verdienst von zahlreichen Volksversammlungen und von Aufständen im Aargau, in der Waadt und in Baselland. In den 1840er-Jahren gelang es dem Freisinn, mit einer antiklerikalen Massenbewegung die kantonalen Grenzen zu sprengen. Den Bundesstaat von 1848 verdanken wir der radikalsten Sozialbewegung, die es in der Schweiz seit dem Bauernkrieg von 1653 gegeben hat.

Die fortschrittlichste Verfassung der Welt

Als sich in den ruhigen 1850er-Jahren eine neue «Geld-Aristokratie» herausbildete, entstand um 1865 eine mächtige Gegenbewegung, die im Kanton Zürich das «System Escher» stürzte. Die Zürcher Demokraten verbanden sich darauf mit den radikalen Kulturkämpfern, die sich für einen säkularen Bundesstaat starkmachten, und mit dem Grütliverein, aus dem später die Sozialdemokratie entstand. Ihr Bündnis baute auf einem Netzwerk von 3552 Vereinen mit 235’000 Mitgliedern – und das bei einer Bevölkerung von 2,7 Millionen. Mit deren Mobilisierung errangen sie 1874 die damals fortschrittlichste Verfassung der Welt – beispielsweise Gleichberechtigung der Juden, Referendumsrecht, Zivilehe, Wald- und Fabrikgesetz.

Die soziale Frage wurde ab den 1880er-Jahren zur dominierenden. Die beiden Höhepunkte des Klassenkampfs im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts waren zwei grosse Streikbewegungen zwischen 1905 und 1908, die zu Lohnerhöhungen führten, und zwischen 1918 und 1920, deren Haupterfolg die 48-Stunden-Woche war. Eine dritte Streikwelle zwischen 1944 und 1947, die eine massive Ausweitung der Kollektivverträge erreichte, ist weitgehend vergessen gegangen.

1,5 Millionen Unterschriften für die Kriseninitiative

Unterschätzt wird auch das in den 1930er-Jahren entstandene Bündnis von linken und konfessionellen Gewerkschaften, Jungbauern, Angestelltenorganisationen, antifaschistischen Katholiken, Sozialdemokraten und Demokraten. Das Herz der sogenannten «Richtlinienbewegung» war eine Wochenzeitung namens «Die Nation», die mit ihren Sozialreportagen grossen Erfolg hatte. Das breite und dynamische Bündnis reichte zwei Initiativen ein, eine wirtschaftliche für eine keynesianische Krisenpolitik und eine demokratische gegen das bundesrätliche Dringlichkeitsregime. Die Kriseninitiative, für die in heutigen Zahlen 1,5 Millionen Unterschriften gesammelt worden waren, erreichte 1935 bei einer Rekordbeteiligung von 84 Prozent einen Ja-Anteil von 43 Prozent. Das fast so erfolgreiche Volksbegehren gegen die Aushebelung der Volksrechte wurde 1938 zugunsten eines Gegenvorschlags zurückgezogen. Die «Richtlinienbewegung» erreichte eine Abkehr des Bürgerblocks von seiner dogmatischen Deflationspolitik und eine kurzfristige Aufweichung des Autoritarismus.

«Die Nation» spielte 1942 bis 1944 eine führende Rolle bei der menschlich bedeutendsten Sozialbewegung der Schweizer Geschichte, der gegen die Das-Boot-ist-voll-Politik. Der Widerstand gegen die Rück- und Abweisung jüdischer Flüchtlinge fand Unterstützung in erheblichen Teilen der Bevölkerung. Am auffälligsten war das Engagement zahlreicher Frauen und protestantischer Geistlicher und Kirchenräte. Die vielfältige Asylbewegung erreichte eine gewisse Lockerung bei den Rückweisungen, was vielen Verfolgten das Leben rettete.

Die zwei Jahrzehnte zwischen 1948 und 1968 sind die bewegungsärmsten seit der Restaurationszeit. Die Verhärtung des gesellschaftlichen Klimas war nicht nur eine Folge des Kalten Krieges, sondern auch eines grassierenden Konformismus. Immerhin gab es den Kampf für den Schutz der Stromlandschaft am Rheinfall, gegen die atomare Aufrüstung und für das Frauenstimmrecht, das noch 1959 chancenlos war.

Gegen das Militär und für die Frauen

Die 68er-Bewegung wurde dann zum Ursprung vieler neuer sozialer Bewegungen. Da über sie in letzter Zeit viel berichtet wurde, belasse ich es bei den beiden Bewegungen, die etwas spezifisch Schweizerisches haben: die antimilitaristische und die feministische. Die Aussage «Die Schweiz hat keine Armee, die Schweiz ist eine Armee» in der bundesrätlichen Botschaft zur GSoA-Initiative sagt alles aus über den Bruch, der am 26. November 1989 stattgefunden hat.

Aber die Bewegung, die am meisten veränderte, ist die der Frauen: 1971 Frauenstimmrecht, 1981 Gleiche Rechte und gleicher Lohn, 1986 Neues Eherecht, 1991 Frauenstreik, 2002 Fristenregelung, 2004 Mutterschaftsversicherung. Sie hatte und hat eine gesellschaftliche und politische Gestaltungskraft, die sich mit den vier Grossbewegungen zwischen 1830 und 1930, der liberalen, freisinnigen, radikaldemokratischen und sozialdemokratischen, vergleichen lässt. Der jungen Klimabewegung ist – allein aufgrund ihrer dramatischen Problematik – Ähnliches zuzutrauen.

1 Kommentar zu «Lob der sozialen Bewegungen»

  • Cédric Ruckstuhl sagt:

    Es geht also um die Klima- und die Frauenfrage. Aber was was mir ein bisschen Kopfschmerzen bereitet, ist, wie wir das kombinieren sollen. Konkret: Muss Greta Thunfisch am Frauenstreiktag mal still sein? Oder darf eine Frau am Frauenstreiktag am für das Klima streiken, gilt das dann nicht als Streikbruch des Frauenstreiks? Und gibt es eigentlich im Klima auch massive Temparaturunterschiede zwischen (alten, weissen) Männern und Frauen, so wie bei den Lohnunterschieden? Fragen über Fragen…

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