Verhätschelt und vergessen: Als Schweizer Rechtsextreme zuschlugen

 

Die Ku-Klux-Klan-Symbolik hat in der Schweiz Tradition: Rechstextreme in Schwyz, 2019. Foto: Leserreporrer 20minuten

Selbst ernannte Fasnächtler verkleiden sich als Mitglieder des Ku-Klux-Klan, lassen sich beim Biertrinken mit Hitlergruss fotografieren und ziehen mit Fackeln durch die nächtlichen Gassen vor das Rathaus. Die Bilder und Videos zirkulieren rasch und führen zu empörten Reaktionen. Von der FDP-Präsidentin wird der Auftritt als «Missbrauch unserer Fasnacht» charakterisiert. Die Debatte konzentriert sich, auch aufgrund der Vorfälle an der Basler Fasnacht, in der Frage, ob solche Auftritte während der «schönsten Tage des Jahres» opportun seien – «geschmacklos» zwar, aber nicht weiter zu hinterfragen.

Rechtsextreme marschieren in KKK-Kluft am 4. März 2019 in Schwyz. Foto: Leserreporter 20 Minuten

Die Debatte zeigt beispielhaft: Die Geschichte schwerwiegender rassistischer Vorfälle und ihres symbolischen Kontexts ist im kollektiven Gedächtnis der Schweiz kaum verankert. Rasch ist man bereit, die rassistische Symbolik der weissen Spitzmützen, der Klan-Gewänder, der brennenden Fackeln, als leere Zeichen einer kontextlosen fremdenfeindlichen Haltung zu deuten, die mit hiesigen Geschehnissen nichts zu tun hat. Ein Blick in die Chronologie rassistischer Gewaltakte belehrt eines Besseren.

80er-Jahre: Der Frontenfrühling

Ende der 80er-Jahre nutzten junge Neonazis die KKK-Symbolik, um sich ins Gespräch zu bringen. In weissen Gewändern suchten sie Asyl-Unterkünfte heim und brachten den Bewohnern Angst und Schrecken. Anschläge mit Brennmaterial, Schüsse auf erhellte Fenster und brennende Holzkreuze bildeten damals die Selbstvergewisserung von Neonazis, die sich unter dem Banner der KKK-Symbolik zusammenfanden. Medienpräsenz steigerte ihr Selbstvertrauen so stark, dass sie sich zusammen mit Altfaschisten und Holocaustleugnern 1989 erstmals in Luzern zu einer Kundgebung versammelten.

Dieser Aufschwung von Schweizer Rassisten, gewalttätigen Neonazis und Skinheads – der «Frontenfrühling» (nach dem Journalisten Jürg Frischknecht) – nahm seinen Anfang mit den bewaffneten Überfällen auf Unterkünfte von Asylsuchenden in Zug und Uri 1987. Ein Jahr später wurde eine sechsköpfige Gruppe verhaftet, bei der man Gewehre und Munition fand. Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft posierten die Rädelsführer wieder in weissen Gewändern und Spitzkapuzen mit aufgenähtem Schweiz-Emblem vor einem brennenden Kreuz.

Das hatten wir doch schon mal: Schweizer in Ku-Klux-Klan-Gewand, 1988. Foto: Limmatverlag, PD

Im November 1988 überfiel eine Gruppe von 30 Leuten eine Asylunterkunft im Kanton Zug und entzündete danach wiederum ein sogenanntes Mahnfeuer. Die informierte Polizei schaute tatenlos zu; später wurden die kantonalen Unterkünfte mit Stacheldraht vor weiteren Überfällen der Neonazis «gesichert». Danach posierten die Neonazis für den «Blick» mit einem brennenden Holzkreuz auf der Rütliwiese. Die Gewalttäter formierten sich zur sogenannten «Patriotischen Front», die beabsichtigte, eine «schlagkräftige Truppe» von 100 Mann zusammenzustellen, um «einmal unsere Städte zu durchkämmen oder vor einer Asylantenunterkunft aufzufahren». Die Front pflegte rege Kontakte mit der Überfremdungspartei «Nationale Aktion» (die sich später in «Schweizer Demokraten» umtaufte).

Inszenierung als Opfer einer Meinungsdiktatur

Fortan und bis Mitte der 90er-Jahre sorgte der Terror von rechts für Schlagzeilen: rassistische Schmierereien, anonyme Flugblätter mit Gewaltdrohungen, Beschimpfungen, Prügelattacken, Schüsse und insbesondere Brandanschläge auf Asylunterkünfte fanden praktisch im Wochentakt statt. Mehrere Menschen verloren dabei ihr Leben. Einige Vorfälle wurden nie restlos aufgeklärt. Viele Asylsuchende wurden eingeschüchtert und verängstigt, ebenso wie solidarische Unterstützer*innen. In vielen Gemeinden wurde durch eingeäscherte Asylunterkünfte ein Klima der Abwehr erst richtig materialisiert, das sich anderswo, wo es zu Austausch und gegenseitigem Kennenlernen kam, verflüchtigen konnte.

Hitlergruss vor brennendem Holzkreuz: Neonazis auf dem Rütli, 4. November 1989. Foto: Limmatverlag, PD

Die Rechtsradikalen, die sich heute unter Spitzkapuzen verstecken und sich danach als Opfer einer Meinungsdiktatur inszenieren, wissen es also besser, wenn sie den KKK-Code bespielen: Das ist kein leeres Zeichen einer allgemeinen rassistischen Einstellung, das auf die USA des 19. Jahrhunderts verweist. Es ist ein Zeichen manifester Gewaltakte, die hier geschehen und rasch vergessen worden sind.

Der kleingeredete Terror von rechts

Diese Ereignisse, kaum dreissig Jahre her, sind trotz der stetigen Dokumentations- und Aufklärungsarbeit verschiedener Gruppen nicht im kollektiven Gedächtnis verankert. Der Ku-Klux-Klan-Auftritt in Schwyz ist nicht vom Himmel gefallen. Ihn bloss als «geschmacklosen Angriff» auf die Fasnacht zu verharmlosen, heisst, das latente Gewaltpotenzial der mit dieser Symbolik operierenden Kräfte auszublenden.

Je mehr sich die Rechtsradikalen durch ein Klima des Wegschauens oder Kleinredens bemächtigt fühlen, desto offensiver treten sie auf. Weit effektiver als die staatliche Repression ist deshalb die gesellschaftliche Ausgrenzung rechtsextremistischer Überzeugungen. Umso entscheidender ist die Mobilisierung der Zivilgesellschaft, die, wie in Schwyz, nun zu einer bunten Demonstration gegen Fremdenfeindlichkeit aufruft.