Politische Grenzen sind willkürlich

Die Landesgrenze als knietiefer Graben: Truppen des Irischen Freistaats bewachen 1922 eine Strassensperre zwischen den Grafschaften Cavan (Irland) und Fermanagh (Nordirland). Foto: Bettmann Archive

Eine protestantische Bauernfamilie geriet 1920 wortwörtlich in Teufels Küche. Ihr Wohnraum stand auf britischem Boden der Grafschaft Fermanagh. Die Schlafzimmer waren dagegen auf «ausländischem Gebiet», nämlich im «Irish Free State», wie sich die heutige Republik damals nannte. Daraus entspannte sich für die Familie ein derart absurdes bürokratisches Geplänkel, dass sich – wie früher üblich in Irland – die Kirche einschaltete. Laut dem Wirtschaftshistoriker David S. Johnson in diesem Fall die katholische, die sich auf den Standpunkt stellte, die Familie schlafe auf der falschen Seite der Grenze.

Im Jahr 1920 wurde eine Landesgrenze zwischen Grossbritannien und der Republik Irland gezogen. Sie war das Ergebnis nach langen Verhandlungen zwischen den Briten und den irischen Nationalisten unter der Leitung des charismatischen Michael Collins. Seit damals beschäftigt diese Grenze die Politiker der beiden Länder. Nun steht sie auch im Fokus der Europäischen Union, die verhindern will, dass mit dem Brexit wieder martialische Befestigungen nötig würden wie während der Unruhen in Nordirland in den 1970er-Jahren.

Bürgerkrieg mit knapp 1000 Toten

Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte Irland unter Führern wie Michael Collins in einem Unabhängigkeitskrieg eine teilweise Selbstständigkeit von Grossbritannien. Doch die Mehrheit der protestantisch-unionistischen Bevölkerung der sechs nördlichen Grafschaften der Provinz Ulster wollte weiterhin im Königreich verbleiben, da sie der jungen katholischen Republik misstraute.

Wie der irische Historiker Diarmaid Ferriter in seinem soeben erschienen Buch «The Border» schreibt, war diese Ablehnung ideologisch und wirtschaftlich begründet. Der mehrheitlich protestantische Nordosten rund um Belfast fühlte sich politisch London und nicht Dublin verbunden. Vor allem erlebte dieser Teil der Insel im Gegensatz zum agrarischen Süden eine rasante industrielle Entwicklung etwa mit der renommierten Grosswerft Harland & Wolff, die den Ozeandampfer Titanic konstruierte. Die Trennung der Insel führte im Sommer 1922 zu einem Bürgerkrieg mit knapp 1000 Toten und endete mit einer Niederlage der radikalen irischen Nationalisten.

Wie der Äquator, «den auch keiner sieht»

Der Verlauf der knapp 500 Kilometer langen Grenze zwischen Nordirland und dem Süden ist laut Historiker Ferriter «lächerlich, denn sie verläuft willkürlich durch offenes Farmland». Er vergleicht sie mit dem «Äquator, den auch keiner sieht». 180 Strassen überquerten sie damals, lediglich 16 galten als «offizielle Übergänge». Alles andere war britisch-irisches Niemandsland, ein ideales Gebiet für alltäglichen Schmuggel und im Lauf der Jahrzehnte für das organisierte Verbrechen. Das rächte sich vor allem während der Unruhen in den 70er-Jahren, obgleich damals Teile der Grenze befestigt waren.

Schlimmer als der willkürliche Verlauf waren 1922 die politischen Implikationen, weil sich beide Seiten als Opfer sehen konnten. Die irischen Nationalisten waren und sind bis heute der Überzeugung, die Briten hätten nahezu ein Viertel ihrer Heimat besetzt. Die protestantischen Unionisten Nordirlands empfanden die Grenze dagegen als einen Verrat an ihren Glaubensgenossen im Süden, die nun in einer ihnen feindlich gesinnten Republik leben mussten. Sie fühlten sich indes auch von London im Stich gelassen. Denn das englische Establishment merkte schnell, dass Nordirland wirtschaftlich allein nicht überlebensfähig ist und die Steuerzahler Jahr um Jahr Millionen kostet.


Liam Neeson als Revolutionär: Trailer zu «Michael Collins» (1996).

Michael Collins wurde gleich doppelt ein Opfer dieser Geschichte: Er konnte die vollständige Unabhängigkeit Irlands 1949 nicht mehr erleben. Denn radikale Nationalisten erschossen Collins am 22. August 1922, nachdem er sich mit der Teilung der Insel zumindest auf absehbare Zeit abgefunden hatte.

10 Kommentare zu «Politische Grenzen sind willkürlich»

  • Anh Toàn sagt:

    Jakob Tanner in „Demokratie ein Auslaufmodell?“: Zentraler Punkt bei Rousseau ist, dass es kein Volk gibt, das schon da ist und sich nur noch seine eigenen Gesetze geben muss. Volk und Gesetz entstehen in einem Akt. Der Demos, das Volk, bringt zwingend eine Kratie, eine Herrschaft hervor – «Volk» hatte nie etwas mit Anarchie zu tun, aber immer mit Ordnung.

    Also nicht nur die Grenzen, sondern das „Volk“ an sich ist Willkür. Das Volk entsteht erst mit dem Gesetz (mit einer Verfassung, die definiert wer zum Volk gehört).

  • Nimbus sagt:

    Möglicherweise begrenzen Landmarken auch nur das Territorium auf dem ein definiertes Recht gilt, angewandt und durchgesetzt wird?

  • Markus Baumann sagt:

    Grenzen sind willkürlich sagten diverse Herrscher in der Geschichte auf der ganzen Welt. Napoléon sagte es, Hitler sagte es, Putin handelte danach. Immer Unsicherheit, Streit – Tote in der Folge. Man könnte auch mit Grenzen leben. Man muss mit Grenzen leben. Leben lernen. Von den vielen Grenzen des persönlichen Lebens bis hin zur grossen, endgültigen Grenze: dem Tod.

  • Ralf Schrader sagt:

    Die Überlegung lässt sich beliebig fortsetzen. Wo verläuft die wirkliche Grenze zwischen Polen und Deutschland? Zu welchem Land (nicht Staat) gehört die Krim wirklich? Staatsgrenzen sind immer etwas Zufallsprodukte, aber Landesgrenzen ändern sich nur über Jahrhunderte.

    Wenn in einem Territorium slawische Gräberfeldern vorherrschen, kann es nicht Deutschland sein.

    • Thomas Hartl sagt:

      Müssen wir nun ganz Europa der italienischen Regierung unterstellen, weil in den meisten Staaten römische Gräber liegen? Entscheidend ist doch, was die lebenden Menschen denken und fühlen, und nicht welche Gräber sich wo befinden.

  • Pascal Kaiser sagt:

    Noch so manches im Leben mag willkürlich sein, ist aber dringend nötig. Grenzen sichern die Gruppe ab, fördern die Solidarität der Gruppenmitglieder untereinander, halten Feinde draussen, schaffen Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen. Wer keine Grenzen will, könnte ja mal damit beginnen, die Grenzen seiner Wohnung abzuschaffen, nachts die Tür nicht mehr abzuschliessen und wildfremde Leuten zu sich zu lassen.

    • Maike sagt:

      Katalanen, Flamen, Wallonen und Iren brauchen keine Grenzen. Das sind Volksstämm mit eigener Identität und demzufolge leben sie auch grenzübergreifend.
      Und das Beispiel mit der Wohnung hinkt auf allen fünf Beinen – das wäre die Abschaffung der Privatsphäre. Und das hat nun wirklich nichts mit einer Landesgrenze zu tun. Netter Versuch – aber falsch.

      • Hans sagt:

        @Maike: Warum wollen dann die Katalanen eine Grenze zwischen sich und dem restlichen Spanien?

      • Pascal Kaiser sagt:

        @Hans
        Völlig berechtigte Frage, ins Schwarze. Schliesse mich an.
        @Maike
        – Flamen und Wallonen wollen sehr wohl Grenzen. Z.B. zwischen sich und Frankreich. Habe nie etwas davon gehört, dass die sich Frankreich anschliessen wollen.
        – Richtig ist dagegen ihr Argument zu den Volksstämmen mit eigener Identität, da kann ich mich anschliessen. Ich will eine sichere Grenze zwischen mir und Leuten, die eine andere Identität als ich haben. Eine Grenze, zu welcher ich und die anderen Mitglieder meiner Gruppengemeinschaft selber bestimmen, wer durchdarf und wer nicht.
        – Dass man sich in seiner Wohnung sicher und geborgen fühlt, ist genauso wichtig wie dass man sich das in seinem Staat fühlt.

    • J. Kuehni sagt:

      Grenzen fördern eine tribale Mentalität. Grenzen (ver-)führen zur Externalisierung von Kosten (auf die andere Seite der Grenze). Grenzen spiegeln eine falsche Souveränität (a.k.a. „Selbstbestimmung“) vor, wo faktisch vielfältige reziproke Abhängigkeit existiert. Grenzen machen unrealistische Versprechungen, deren unvermeidbare Nichteinhaltung zur Wut und Agression verleitet. Grenzen, genauso wie Nationalismen, degenerieren nur in abgeschwächter, poröser und rechtlich einklagbarer Form nicht in die Unmenschlichkeit.

      In der Schweiz schliessen die meisten Leute ihre Wohnung nachts bis heute nicht ab. Die besten und verlässlichsten Grenzen basieren auf Schaffung von gegenseitigem Vertrauen, die schlechtesten (unmenschlichsten) basieren auf Paranoia.

Kommentar

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