Die geköpfte Königin

Die schottische Königin Maria Stuart macht sich bereit für ihre Exekution. Gemälde von Philippe Jacques van Bree, ca. 1819. Quelle: Fine Art Images/Heritage Images/Getty

Der englische Linguist Thomas Phelippes (1556–1625) war ein cleveres Bürschchen. Der Mann beherrschte eine Reihe von Fremdsprachen, neben dem üblichen Latein auch Spanisch und Deutsch. Vor allem aber war Phelippes ein früher Kryptoanalytiker, das heisst, er konnte Geheimschriften entschlüsseln. Diese Fähigkeit wurde der schottischen Königin Maria Stuart zum Verhängnis, deren Kopf an einem Februartag des Jahrs 1587 nach drei wenig meisterlichen Schwertschlägen in der grossen Halle des englischen Schlosses Fotheringhay auf den Steinboden plumpste.

Seither beschäftigt ihr Schicksal Generationen. Denn die Drahtzieherin ihrer Hinrichtung soll die englische Königin Elisabeth I., «Good Queen Bess», wie sie der Volksmund geheissen hatte, gewesen sein. Wahr oder nicht, sie empfand ihre Nichte zweiten Grades als eine Rivalin. Denn Maria Stuart erhob auch Anspruch auf den englischen Thron, auf dem eben gerade Elisabeth sass. Mehr noch: Sie gefährdete als Katholikin den religiösen Frieden in England, den Elisabeth mehr oder weniger erfolgreich zu verteidigen suchte.


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Als Phelippes in diese Geschichte verwickelt wurde, hatte Maria Stuart (1542–1587) bereits 17 Jahre in Haft verbracht, was weniger schlimm war, als es heute tönt. Sie lebte mit ihrer Entourage in einer Reihe von Schlössern und gab sich dort den schönen Künsten hin. Einzig der Verlust ihres Ehemanns, des Grafen von Bothwell, wird sie betrübt haben. Denn dieser sass derweil in Dänemark eingekerkert, wo er dem Wahnsinn verfiel und später verstarb.

Zeit für Gesang, Poesie – und Komplotte

Maria Stuart wandte sich in ihren langen Mussestunden nicht nur dem Gesang und der Poesie zu. Sie war vielmehr in etliche Komplotte gegen Elisabeth I. verwickelt. Der katholische Adel auf der Insel konnte es nicht hinnehmen, dass in London eine dem Papsttum feindlich Gesinnte waltete. So sah es der Landadlige Anthony Babington als seine Pflicht an, der protestantischen Königin den Garaus zu machen. Wer weiss, vielleicht hätte er sein Ziel erreicht, wäre ihm nicht die Liebe dazwischengekommen. Er war einem Spion verfallen, der im Dienst der Krone stand.

Fehlte der englischen Krone nur noch der Beweis für den Verrat von Babington und seinen frommen Gesinnungsgenossen. Diesen Nachweis sollte Thomas Phelippes beschaffen, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war. Das bedeutete in jener Zeit fast immer ein miserables Leben von kurzer Dauer. Doch der junge Mann schaffte den Sprung an die Universität von Cambridge und gab sich dort mit Eifer seinen Studien hin.

Geheime Botschaften im Bierfass

Unter anderem lernte er das Metier, Geheimschriften zu decodieren. Das ermöglichte ihm, die Nachrichten zwischen dem Verschwörer Babington und der Königin zu entschlüsseln, die sie in einem Bierfass schmuggelten. Ein Bierfass in den Diensten einer schottischen Queen tönt nun nicht gerade ladylike, aber wahrscheinlich hatte die Frau damals andere Sorgen als adliges Commitment. Hinter dem Bierplan stand ein Francis Walsingham, der Vertraute von Elisabeth I., der schon damals ganz Europa mit einem englischen Spionagenetz überzogen hatte. Er war ein 007 der frühen Stunde.

Codiertes Postskriptum von Thomas Phelippes in einem abgefangenen Brief von Maria Stuart an Anthony Babington (oben) und Babingtons Aufzeichnung der verwendeten Verschlüsselung (unten).

Die List von Walsingham und Phelippes klappte: So fingen sie einen Brief von Maria Stuart an Babington ab und setzten in der Geheimschrift hinzu: «Lasse mich die Namen Deiner treuen Helfer wissen.» Die Antwort mit der Namensliste kam prompt in einem Bierfass zurück.

Walsingham war es danach ein Leichtes, Verschwörer Babington und seine Freunde festzunehmen. Sie flohen zwar kurz, aber vergeblich: Am 18. September 1586 wurden er und seine 13 Mitverschwörer zum Tode verurteilt, die Hinrichtung der ersten sieben fand zwei Tage später statt, darunter war Babington. Er wurde gehängt, ausgeweidet und zum Schluss – überflüssigerweise – gevierteilt. So gesehen war die an Maria Stuart vollstreckte Enthauptung ein halbes Jahr später geradezu milde.

8 Kommentare zu «Die geköpfte Königin»

  • Marie Bornand sagt:

    Mary Stuart war eine grossartige Frau. gebildet, raffiniert. Ich hoffe dass der gegenwärtige Film mit der schottischen Schauspielerin Saoirse Una Ronan dies auch zeigen wird. Sie hatte ein unsagbares trauriges Schicksal.

  • Ronnie König sagt:

    Geköpft zu werden war eine wesentlich geringere Strafe wie was das Hängen anging! Beim Geköpften konnte die Seele entweichen, beim Gehängten aber nicht, was damals aber für die allermeisten Menschen sehr wichtig war. Alles diente auch der Belustigung/Abschreckung. Beruhigend war damals, dass es auch die oben immer wieder traf, und nicht nur jene unten. Irgendwie schon eine spezielle Zeit, doch war es der Beginn der Aufklärung und grossen Veränderungen. Und in Europa wurden so viele Spione von allen ausgesandt, das war vielleicht noch schlimmer wie bei den Muslimen damals, die waren auch bekannt über all Spione zu haben. Aber sind wir heute so viel besser? Ich glaube nicht. Fast alles finden wir auch heute noch, nur weniger Adlige mit Macht. Und Botschaften werden eher anders transportiert.

  • Ulrich Coradi sagt:

    Ich schätze Rolf Hürzelers Beiträge zur englischen Geschichte sehr. Wenn da nur nicht der Tick mit dem Richtschwert wäre. Da enden Jane Grey, Walter Raleigh, Maria Stuart, König Karl stets durch einen Schwertstreich des Henkers. Die übliche Hinrichtung in England (für die Nobilität) war doch die Enthauptung mit dem BEIL (nur bei Anna Boleyn kam das Schwert zum Einsatz, weil sie inständig darum gebeten hatte). Die Geschichte Englands wurde mit Strömen von Blut geschrieben und ist untrennbar mit dem Henkerbeil verbunden, so wie sich die französische Revolution nicht ohne Guillotine denken lässt. Fehlte nur noch die Behauptung, dass Ludwig XVI mittels Giftspritze ins Jenseits befördert worden sei. Herr Hürzeler, Sie waren doch bestimmt schon einmal im Tower of London …

  • Alex Denes sagt:

    Stefan Zweig hat in „Maria Stuart“ viel ausführlicheres über die Hinrichtung von Babintgton und seinen Mitverschworeren geschrieben. Es soll weniger schnel gegangen sein. In einer Ausgabe sind gewisse Einzelheiten der Vollstreckung dieser Urteile aber wieder verschwunden. Ist dies romanhafte Dichterfreiheit oder dokumentiert ?

  • Penumbra Noctis sagt:

    Was einen diese Episode der Geschichte auch lehrt: Benutze keine schwache (symmetrische) Verschluesselung!

    • Lionel Scheffer sagt:

      Verschiebungs-Codes werden heute nur noch von den „Bienli“ und der Schweizer Armee benutzt. Wer den „Goldkaefer von E.A.Poe gelesen hat, weiss wie man so einen Code entschluesselt.

  • Peter Weber sagt:

    Der Film ist langweilig und lohnt sich definitiv nicht. Habe ich im Geschichtsunterricht was verpasst? Was machen all die Schwarzen und Mulatten in einem Film über England im 16 Jh? Hatte die Katholikin einen Transvestiten am Hof und sehr lieb? Oder gehört das nun zu jedem Film?

  • Bebbi Fässler sagt:

    Zitat:
    .
    „Er wurde gehängt, ausgeweidet und zum Schluss – überflüssigerweise – gevierteilt. So gesehen war die an Maria Stuart vollstreckte Enthauptung ein halbes Jahr später geradezu milde.“
    .
    Wenn ich mich nicht irre wurde diese Strafe nur Hochverrätern gewährt!
    .
    Es hatte Vorteil im alten England königlichen Blutes zu sein, die Schmach von solchen Strafen blieben den königlichen Häuptern erspart.

Kommentar

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