Einflüsterer der Mächtigen

Wunderheiler und Einflüsterer der Mächtigen: Grigori Jefimowitsch Rasputin, circa 1905. Foto: Hulton Archive, Getty Images

Der gregorianische Kalender schreibt den 21. Januar 1869, als die Frau eines gut situierten, freien Bauern im westsibirischen Dorf Pokrowskoje einen Sohn zur Welt bringt. In der Nacht zum 31. Dezember 1916 wird ein Leichnam im Treibeis der Kleinen Newa in Sankt Petersburg entdeckt. Es handelt sich um Grigori Jefimowitsch Rasputin, um dessen schillerndes Leben sich zahlreiche Mythen ranken.

Rasputin geniesst wie Tausende andere in Sibirien keine Schulbildung. Er kann kaum lesen und schreiben und gilt als klauender und trinkender Nichtsnutz. Dann wird er fromm und zieht 1886 als Wandermönch los – keine Seltenheit im damaligen Russland, das voll ist von Laien, die sich als Gottesmänner gerieren. Viele Jahre ist Rasputin meist auf Pilgerreisen, während seine Frau und die drei Kinder in Sibirien zurückbleiben. Mit «göttlicher Heilkraft» gesegnet, taucht er 1903 in Sankt Petersburg auf. Hier wird er zu dem Mann, den die einen als mystischen Wunderheiler verklären und die anderen als gerissenen Unhold dämonisieren.

«Von Gott gesandter Seher»

Die Hauptstadt des Zarenreichs ist voll von frömmelnden Spinnern. Was Rasputin von ihnen abhebt, ist seine elektrisierende Aura. Seinen magnetischen Augen und dem durchdringenden Blick können sich vor allem die Damen der feinen Gesellschaft kaum entziehen, die im Spiritismus Abwechslung vom öden Alltag an der Seite ihrer fremdgehenden Männer suchen. Bei Rasputin bekommen sie Zuwendung, er hört ihnen zu und beglückt die eine oder andere im Schlafzimmer. Historiker halten die zeitgenössischen Darstellungen seiner Promiskuität und seines ausschweifenden Lebens für übertrieben.

Gerüchte über Drogen- und Sex-Affären: Rasputin, undatierte Aufnahme. Foto: DPA, Keystone

Viele Berichte gehören in das Reich der Fabeln – so auch jene über die sexuelle Beziehung Rasputins mit der Zarin. Sie sind einander schon mehrfach begegnet, ehe Rasputin im Oktober 1907 Zeuge des bestgehüteten Staatsgeheimnisses wird: Thronfolger Alexei ist Bluter. Rasputin soll ihn durch blosses Handauflegen geheilt haben. Fortan geht er am Hof ein und aus, für das Zarenpaar ist er ein «von Gott gesandter Seher».

Geplagt von Schuldgefühlen, weil Alexeis Bluterkrankheit auf ihr Erbgut zurückgeht, leidet die Zarin an Dauerhysterie. Kaum ist der Wunderheiler in der Nähe, geht es dem Kind besser. Der viel Ruhe ausstrahlende Rasputin schafft es stets, die Zarin zu beruhigen, worauf es auch dem Zarewitsch besser geht. Alexandra ist Rasputin regelrecht hörig. Nikolai II., ein schwacher Monarch und Spielball von Strippenziehern, wiederum folgt den Ratschlägen seiner Gattin. Und dann kommt der Erste Weltkrieg.

Sein Einfluss war kleiner, als damals viele meinten

Rasputin warnt den Zaren in einem Brief eindringlich vor diesem Krieg: Russland werde im eigenen Blut ertrinken, unendliche Leiden und Trauer werden folgen. Doch der Zar macht den kapitalen Fehler, selber als Oberbefehlshaber in die Schlacht zu ziehen, während die deutschstämmige Zarin am Hof die Zügel in die Hand nimmt. Stets begleitet von Rasputin. Als sich die Niederlagen an der Front häufen, wird die Kritik am Zaren und seinem Regime immer stärker.

Rasputin wird als der böse Spindoktor ausgemacht, auch wenn sein Einfluss auf die Realpolitik geringer ist, als damals viele behaupten. Doch der eitle und rachsüchtige Rasputin macht sich viele Feinde – vor allem unter den Politikern, die ihre eigene Ziele verfolgen. Die Gerüchteküche brodelt, Alkoholexzesse machen die Runde, Affären werden ihm angedichtet. Weil er sich für einen Separatfrieden mit dem Deutschen Reich ausspricht, gilt Rasputin vielen als deutscher Spion.

Vergiftet oder erschossen?

1916 beschliesst eine Gruppe um Fürst Felix Jussupow, Rasputin müsse weg. Sie laden ihn zu einem Diner am 30. Dezember ein und ermorden ihn. Jussupow behauptet später, Rasputin mit Zyankali vergiftet zu haben. Danach hätten sie mehrmals auf ihn geschossen und ihn schliesslich in der Newa ertränkt. Die Obduktion spricht eine andere Sprache: Keine Spur von Zyankali, als Todesursache gilt ein Kopfschuss.

Jussupow und Co. gehen straffrei aus. Der Zar verliert damit endgültig den Rückhalt seines Volkes, das in Rasputin einen der seinen sieht. Wenig später fegt die Februarrevolution die Zarenherrschaft hinweg. Rasputin hatte dies in seinem Abschiedsbrief an Nikolai prophezeit. Auf die Nachricht über Rasputins Ermordung soll der Zar mit dem Satz reagiert haben: «Ich bin verloren.»

18 Kommentare zu «Einflüsterer der Mächtigen»

  • gabi sagt:

    Vollkommen aktuell:

    In Russland ist es bis heute gelebte Tradition geblieben, staatliche Auftragsmorde keinesfalls aufzuklären, sondern selbst die Opfer dafür zu benutzen, die verbreiteten Propagandalügen noch zu verstärken.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/ntw-setzt-freundin-des-ermordeten-oppositionellen-nemzow-nach-15995952-p2.html

  • gabi sagt:

    Auch wenn sein Einfluss auf die Realpolitik geringer war, als ihm damals unterstellt wurde, so erzählt uns alleine schon das hartnäckige Gerücht Einiges über Russland. Über das Frühere, wie das Heutige.

    In einem Land, in welchem Verschwörungen proportional zu Verschwörungstheorien blühen, ist die Sehnsucht nach irgendjemandem, der dabei Durchblick und eine Vision bietet, wie´s weitergehen sollte, riesig.

    Das ist auch vollkommen logisch, wenn der gesellschaftstheoretische Unterbau, zum funktionieren einer modernen (geschweige denn, einer demokratischen!) Gesellschaft vollkommen fehlt und sich als höchstes aller Gefühle bloss ein diffuses göttlich legitimiertes (das dritte Rom!) Konstrukt von Slawentum findet.

    Ohne auch nur den Sinn transparenter Entscheidungsfindungen zu

    • gabi sagt:

      erfassen – wozu vor allem einmal the rule of law und eine freie, oder mindestens auch nur einmal verantwortungsvolle, Presse als Vierte Gewalt gehörte – , wird keine russische Herrschaftsclique je immun gehen Derartiges werden können.

      Zu orientierungs- und planlos ist jede staatstragende Einzelfigur (den seine Staatsbürgern stets zum Heilsbringer und Messias verklären wollen, der ihnen jedes anstrengende Mitdenken doch bitte abnehmen möge), die es auch nur gut mit seinen Untertanen meinen möchte.

      Ist noch nicht einmal das Gut-Meinen gegeben, sonder bloss fadenscheinige Begründung allen Tuns und Handelns, dann regiert nur das Immergleiche in Russland: Hemmungslose, menschenverachtende Bereicherung verbunden mit der Geringschätzung aller Wesen, denen man sich dazu bedient.

      • gabi sagt:

        Im Bezug dazu wäre es z.B. interessant, wenn History reloaded sich nur schon einmal den Parallelen in Korruption und Gemeinwohlverachtung annehmen würde, welche sich im 1. Weltkrieg auftaten:

        Die Erinnerungen der britischen Freiwilligen, welche sich nach Russland begaben, um dort als Krankenpflegerinnen die Not ihrer Alliierten zu lindern, sind erschütternd. Sie sind jedoch auch erhellend, wie hartnäckig und dreist sich ein eingefleischter Ungeist über Jahrhunderte hält, der es den Russen als Staat und Ganzes verunmöglicht hat, vom Licht der Aufklärung profitieren zu können.

  • Frank K. sagt:

    Die Frage von SME stellt sich mir auch. Leider ist dieser an sich sehr lesenswerte Artikel recht oberflächlich geschrieben. Und gerade von History reloaded würde ich es mir wünschen, dass sprachlich korrekt formuliert wird, damit man beim Lesen der Artikel nicht immer über Fehler und Ungenauigkeiten stolpert.
    So kann man z.b. eine fehlende Schulausbildung nicht „genießen“, genauso wenig, wie man z.b. eine schwere Krankheit „genießen“, kann.
    Auch gibt es nur eine Todesursache: man kann einen einzigen Menschen schlecht vergiften, erschießen, und dann noch ertränken.
    Und wie machen eigentlich Alkoholexzesse die Runde? Exzesse können sich nur zutragen oder ereignen.
    Trotzdem vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel, der zu weiteren Recherchen anregt.

  • Rolf Zach sagt:

    Nun der Zar war von ausgesuchter Höflichkeit, der bei Audienzen immer demjenigen zustimmte, der ihn zuletzt aufsuchte. Er war trotz seinem Minderwertigkeitskomplex, den er gegenüber seinem autokratischen Vater, Zar Alexander III hatte, trotzdem überzeugt von seiner Alleinherrschaft und Kraft dieser war er der Kriegspartei an seinem Hof verfallen.
    Es ist nun einmal eine Tatsache, dass der heute in den Himmel gehobene angeblich gütige Kaiser Franz Joseph, der Maulheld Kaiser Wilhelm und der eher stille und höfliche Zar Nikolaus II echte Kriegshetzer waren und dazu noch üble Antisemiten, bei Franz Joseph etwas gemäßigter.
    Heute weiß man, dass Jussupow ein Lügner war und dazu vom englischen Geheimdienst eingesetzt wurde, eine mögliche Gefahr für einen Separatfrieden zu eliminieren.

  • Annegret Bachofner sagt:

    Was ist „Spindoktor“ ?

    • gabi sagt:

      EIN „Spindoktor“, sagt man auf deutsch.

      Im Gegensatz zum Slawischen verlangt die deutsche Sprache stets nach einem Artikel. Wie oft der verloren geht, lässt sich besonders gut in Internet-Beiträgen der St.Petersburger Troll-Fabrik erkennen: Die dortigen Angestellten (deren Algorithmen sie auf Stichworte aller Art rund um Russland und insbesondere Putin reagieren lässt) vergessen oft mitten in Sätzen den entsprechenden Artikeln. Besonders lustig, wenn´s um den Gottstehunsbei USA geht.

      😉

  • Matthias Ottiger sagt:

    Rasputins Aufstieg war nur möglich, weil der Zar Nikolaus ll. eine sehr schwache Figur war: Entscheidungsschwach, misstrauisch, in sich gekehrt. Die ideale Grundlage für Berater, graue Kardinäle, Einflüsterer und Esoteriker.
    .
    Eine interessante historische Parallele: Während der Amtszeit von Jelzin, welcher eine ähnlich schwache Figur war, wiederholte sich das ganze. In den chaotischen 90erjahren tummelten sich im Kreml Heiler, Seher und Wahrsager und sogar ein offizieller Regierunsastrologe. Eine der ersten Amtshandlungen des nüchternen, pragmatischen Putins war, alle diese Scharlatane rauszuwerfen.

    • gabi sagt:

      Dass Putin seine eignen Pläne hat, daran kann nun wirklich niemand zweifeln, der schon nur seine offiziellen Verlautbarungen verfolgt. Wenn diese nun krasser und zu gleich bewusster von der Realität abweichen, als vor wirren Geistheilern eingeflüstert, so finde ich das in keiner Weise beruhigender.

      • Matthias Ottiger sagt:

        @Gabi
        Könnten Sie denn so ein paar Verlautbarungen Putins nennen, die “krasser und zugleich bewusster“ – was immer das heissen soll – von der Realität abwichen?

      • gabi sagt:

        Wollen wir ev. mit ein paar Erfindungen zur „Nato-Einkreisung“ und angeblichen Garantien des Westens beginnen?

        Da geht dann ziemlich viel in die Mitte, bis wir schliesslich bei der Invasion der Ukraine (und deren vehemments Bestreiten) enden.

        Was meinen Sie?

      • gabi sagt:

        „Die Medien sind frei.“ W. Putin über Meinungsfreiheit und Demokratie in Russland, Juni 2018.

        … Mal so als allersimpelstes Beispiel.

        Wer es selber lenkt und verantwortet, dass das, was er sagt, dem genauen Gegenteil der Realität entspricht, hat selbstverständlich auch keinen Bedarf an Geistheilern und Sehern, die ihm Gegenwart und Zukunft deuten.

        Wozu auch?! – Schliesslich gestaltet er das selber.

        (Oder glaubt es vielmehr selber zu gestalten. Denn einen langfristigen Plan hat er ja offenkundig nicht. Denn sonst würde sich ja auch irgendwo eine Spur eines Ansatzes finden, der nicht bloss auf die Zerstörung möglicher, und eingebildeter, Gegner ausgelegt wäre, sondern echten gesellschaftlichen Fortschritt ermöglichte)

      • gabi sagt:

        Oder wenn Sie etwas Konkreteres haben wollen:

        Erinnern Sie sich doch einfach an die Äusserungen zu den „grünen Männchen“ auf der Krim. Das seien keine Russen. Putin kenne die nicht.

        Im März 2014 wurde dann allerdings schon die entsprechende Medaille gestiftet. Mit kleinen, propaganda-entschleiernden Schönheitsfehlern:

        Auf der Kehrseite dieser Medaille stehen die Daten der Krim-Operation: „20.02.14 – 18.03.14“. Am 20.2. war der ukrainische Präsident Janukowitsch jedoch noch in Amt und Würden!

        Dabei habe Russland nur aufgrund eines angeblichen Putsches reagiert. Am Tag des Beginns der Aktion, den die Medaille vermerkt, sind auf dem Maidan tatsächlich Dutzende Menschen erschossen worden. Von Berkut-Angehörigen, die später mit ebendieser Medaille ausgezeichnet wurden!

  • Marie sagt:

    Ihm wurden viele Horroren nachgesagt. Aus purer Bosheit denke ich. Denn seine Tochter Marie welche mit ihm wohnte hat eine Biografie über ihn geschrieben und das ist komplet eine andere version. So werden gute Menschen zertrümmelt aus Neid und Bosheit. Es gäbe noch viele Beispiele über grosse Männer die verrachtet wurden weil sie nicht der Masse gliechen. Weil se eben höher waren.

  • Sme sagt:

    Wusste Rasputin dass er ermordet werden soll? Warum hätte er sonst einen Abschiedsbrief schreiben sollen?

    • gabi sagt:

      Dies war ja seine Prophezeiung, die im Artikel erwähnt wird.

      Die Prophezeiung, bzw. Varianten davon, hat er mehrmals geäussert. Überlieferungen berichten davon, dass die Herrschaft der Romanows seinen Tod keine 6 Monate überdauern würden oder dass die Familie der Zarin keine zwei Jahre überleben, dass die Monarchie in Blut ertränkt werden würde.

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