Titos Drohbrief an Stalin zeigte Wirkung

History Reloaded

Marschall Tito, Führer des jugoslawischen Widerstands, beim Unterzeichnen eines Dokuments im Jahr 1944. Foto: John Philips (Getty Images)

Der kommunistische Diktator Josip Broz Tito schrieb 1948 einen kurzen Brief an seinen sowjetischen Kollegen, den Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Josef Stalin. «Hör auf, Mörder nach mir auszusenden! Wir haben bereits fünf von ihnen gefangen, einer von ihnen trug eine Bombe, der andere hatte ein Gewehr (…) Falls Du das nicht verstehst, schicke ich einen sehr effizienten Killer nach Moskau zu Dir. Ich muss bestimmt keinen zweiten nachsenden.»

Die beiden kommunistischen Herrscher waren sich offenkundig nicht grün. Denn Tito weigerte sich, das damalige Jugoslawien dem Machtanspruch der Sowjetunion unterzuordnen, die im Kalten Krieg das östliche Europa dominierte. Josef Stalin nahm Titos schriftliche Drohung ernst und verzichtete anscheinend auf weitere Mordanschläge. Das war erstaunlich angesichts der Grössenverhältnisse; die Episode erinnert an den Dackel, der eine Dogge anbellt.

Kolumbus’ Irrtum

Der Brief Titos ist in einem neuen Buch des Osteuropa-Kenners Simon Sebag Montefiore enthalten, der vor zwei Jahren mit dem Standardwerk «Die Romanows» von sich reden machte. Der Historiker hat in dem Band «Written in History» (noch nicht auf Deutsch erschienen) Briefe zusammengetragen, die «die Welt veränderten». Dieses Versprechen im Untertitel ist allerdings hoch gegriffen. Die meisten Briefe illustrieren vielmehr den jeweiligen Zeitgeist und kommentieren die damals aktuelle politische oder kulturelle Entwicklung. Laut Montefiore erleben Briefe heute paradoxerweise dank der digitalen Kommunikation eine Renaissance – aus Sicherheitsgründen: «Sie lassen sich physisch zerstören, und es gibt sie nur einmal.»

Der Inhalt von Briefen genügt kaum je einem Wahrheitsanspruch, ist im Einzelfall sogar grundlegend falsch. Dies belegt am eindrücklichsten das Schreiben, das Christoph Kolumbus nach seiner Rückkehr von Amerika am 29. April 1493 an das spanische Königspaar Isabella und Ferdinand schickte: «Am 33. Tag nach der Abreise von Cadiz erreichte ich den Indischen Ozean, wo ich zahlreiche bewohnte Inseln entdeckte. Ich nahm sie alle im Namen des Königs in Besitz, niemand leistete Widerstand.» Kolumbus segelte weiter einer westlichen Küste entlang: «Sie war so lang, dass ich zum Schluss kam, dass das ein Kontinent sein muss, eine Provinz von Cathay (China).»

In seinen weiteren Ausführungen beschrieb Kolumbus ausführlich die «friedlichen Bewohner», fand es aber «sonderbar, dass ihnen menschliches Fleisch schmeckte». Die adligen Adressaten des Schreibens mochten das ebenfalls seltsam gefunden haben, äusserten sich indes nicht schriftlich dazu. Sie dankten dem Abenteurer vielmehr im Namen Gottes für seine Eroberungen und freuten sich, nunmehr stolze Besitzer von Karibikinseln zu sein.

Hughes’ Pech

Die meisten Schreiben in dieser Sammlung erinnern an ereignisgeschichtliche Marksteine – und sind berührend. Etwa der Brief des jungen Flugkommandanten David Hughes, der seinen Eltern am 21. August 1940 während der Flugschlacht um England einen Brief schickte: «Unsere Schwadron mit zwölf Fliegern flog 350 deutschen Bombern und 400 Jagdflugzeugen entgegen. Es war die Hölle, ich hatte nach der Landung 150 Einschüsse von Maschinengewehren in meiner Maschine (…) Vor der Attacke sagte ich ein kurzes Gebet, mein Schutzengel leistete offenbar Überzeit.»

Darauf verzichtete dieser drei Wochen später, und Flugkapitän Hughes versank nach einem Treffer im Ärmelkanal. Hughes war es nicht mehr vergönnt, seine Frau noch einmal zu sehen, die er laut dem Brief an seine Eltern so sehr vermisste.

Diese kurzen menschlichen Augenblicke leuchten in Montefiores Briefsammlung immer wieder auf. Selbst Diktator Josef Stalin zeigte als junger Mann Gefühle, etwa als er am 29. Februar 1912 seiner Geliebten Pelageya Onufrieva eine Postkarte schrieb: «Liebe PG, ich küsse Dich jetzt. Ich schicke Dir nicht einfach einen Kuss, sondern küüüüssssse Dich leidenschaftlich (es lohnt sich nicht, anders zu küssen), Josef.»