Als die Spanische Grippe in der Schweiz wütete

Mitarbeiter des Roten Kreuzes von St. Louis während der Spanische-Grippe-Epidemie im Oktober 1918. (Foto: Getty Images)

Alle sterben. Doch wer stirbt woran? 

Vor hundert Jahren war die Antwort einfach. Die meisten starben an der «Spanischen Grippe», eine der krassesten Epidemien aller Zeiten. Medizinhistoriker schätzen weltweit zwischen 27 und 100 Millionen Tote. Insgesamt steckte sich eine halbe Milliarde Menschen an, ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung. 

Unvorstellbare Zahlen! 

Klar ist: Es starben mehr Menschen an der heimtückischen Grippe als im Ersten Weltkrieg, der mit seinem Massensterben damit noch übertroffen wurde.

Die Schweiz traf die Grippeepidemie besonders hart. Zwei bis drei Grippewellen rollten übers Land. Es sollen bis rund anderthalb Millionen Menschen daran erkrankt sein, das wäre mehr als ein Drittel aller Schweizerinnen und Schweizer gewesen. 

Zwischen Juli 1918 und Juni 1919 starben 24’449 Menschen daran – die Spanische Grippe war damit die tödlichste Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert. Hätte es schon damals Boulevardmedien gegeben, hätte man sicher vom «Killervirus» lesen können.

Violette Leichen

Die Grippe übertrug sich durch direkte Kontakte oder Tröpfchen. Nach der Ansteckung nahm die Krankheit sehr rasch einen dramatischen Verlauf. Die Fieberkranken bekamen neben üblichen Grippesymptomen Flecken im Gesicht, spuckten Blut, ihre Körper verfärbten sich violett, am Ende erstickten sie elend. Die violett verfärbten Leichen stapelten sich geradezu, eine unglaubliche Tragödie. Der bekannte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig notierte im Oktober 1918 in sein Tagebuch, als er in Zürich weilte: «Eine Weltseuche, gegen die die Pest in Florenz oder ähnliche Chronikgeschichten ein Kinderspiel sind. Sie frisst täglich 20’000 bis 40’000 Menschen weg.» 

Das Besondere in der Schweiz: Die Grippe bekam sehr bald eine politische Komponente. Denn die zweite Grippewelle setzte gerade Ende Oktober 1918 ein, zeitgleich wie die Truppenzusammenzüge für den Landesstreik. Daraufhin behaupteten Bürgerliche, die gegen die Streikenden eingesetzten Truppen hätten sich während der ehrenvollen Landesverteidigung mit dem Grippevirus angesteckt. 

Also seien die Bolschewisten schuld, wie man die Linken in Anlehnung an die russischen Revolutionäre nannte. «Ein grimmer Feind mischt sich unter die Reihen der Wackern – die Grippe – und zog mit ihnen nach Hause bei der Demobilisation und Entlassung», schrieb beispielsweise der «Bote der Urschweiz». Soldaten, die an der Grippe starben, galten als Märtyrer. Solche Vorwürfe wies die vereinigte Arbeiterschaft empört zurück und beschuldigte stattdessen die katastrophalen Zustände in den Schweizer Militärunterkünften. 

Tatsächlich war aber bereits vor dem Streik eine erste Seuchenwelle über die Schweiz geschwappt. Zudem erreichte die Seuche ihren Höhepunkt weit abseits der Streikzentren. So war zum Beispiel der Kanton mit den meisten Grippetoten, gemessen an der Bevölkerung, der Kanton Obwalden, gefolgt vom Kanton Uri.

Falscher Name

Ebenso falsch wie die Verknüpfung von Landesstreik und Grippe war der Name: «Spanische Grippe» hiess sie zwar, kam aber nachweislich nicht aus Spanien, sondern wahrscheinlich aus Nordchina, war von dort nach Amerika gekommen und über US-Truppen nach Europa gelangt. Ihren Namen bekam die Spanische Grippe, weil Spanien keinen Hehl aus den vielen Krankheitsfällen und sogar die Infektion seine Königs Alfonso XIII. publik machte. 

Die Medizin war weitgehend ratlos und probierte vieles aus: Grippeimpfungen oder Antibiotika existierten nicht, also versuchte man es mit dem Wundermittel Aspirin, mit Chinin, das schon gegen Malaria gewirkt hatte, mit Arsen, Quecksilber und sogar mit Morphium und Heroin. Als Hausmittel war das ausgiebige Trinken von Hochprozentigem verbreitet, wogegen sich die Fachwelt entschieden stellte. 

Letztlich blieb nur eine Methode, die Grippe einzudämmen: möglichst wenig menschliche Kontakte! Das öffentliche Leben erlahmte komplett: Schulen, Theater, Kinos, Märkte und Kirchen blieben vorübergehend geschlossen. Dagegen boomte der Verkauf von Gesichtsmasken, Desinfektionsmitteln und Särgen. Schulhäuser funktionierte man zu Notspitälern um, die bekannteste Umnutzung betraf die Zürcher Tonhalle, die ebenfalls Grippekranke zu beherbergen hatte.

Prominente Opfer der Grippe waren der Kunstmaler Egon Schiele, der berühmte Soziologe Max Weber, Sigmund Freuds Tochter Sophie oder Frederick Trump, der Grossvater von Donald Trump. Stararchitekt Le Corbusier fand dagegen einen eigenen Weg, um der Krankheit aus dem Weg zu gehen: Er verschanzte sich in seiner Pariser Wohnung, rauchte viel und trank ausgiebig Cognac, bis das Ärgste vorüber war.

Literaturhinweise: 

Der Generalstreik, Die Schweiz im November 1918; Verlag hier + jetzt, Baden 2018.

Koren, Nina Maria: Die Spanische Grippe in Zürich 1918/19, Diss. Zürich 2003.