Täterschutz unter Männern Gottes

Auch Bischöfe sind Männer Gottes, und als solche geniessen sie weltweit immenses Vertrauen. Foto: Kai Pfaffenbach (Reuters)

Bei den zahllosen Missbräuchen in der römisch-katholischen Weltkirche geht es mindestens so stark um Macht wie um Sex. Das zeigen die Aussagen von Opfern und die bisherigen Studien. Eine besondere Macht ist das mit dem Zölibat verbundene Amtscharisma des Priesters. Dessen durch Weihe erworbene Autorität erschwert es Kindern wie Erwachsenen, sich zu wehren und Anzeige zu erstatten, sei es bei den Eltern oder bei den Behörden.

Die heute 66-jährige Sharon Tell, deren Fall in den USA kürzlich publik wurde, war ab ihrem zwölften Altersjahr während zwei Jahrzehnten vom Pfarrer der Kleinstadt Bethlehem missbraucht worden. Ihre Eltern blieben sogar arglos, als der Geistliche anfing, abends in ihr Zimmer zu gehen. Der Jesuitenpater und Psychologe Hans Zollner, der in Rom den ersten Studiengang für Kinderschutz eröffnet hat, beschreibt «die Spezifik des Missbrauchs in der Kirche» mit dem «immensen Vertrauen» in den Priester. Zudem habe «den minderjährigen Opfern oft keiner geglaubt, dass ein Mann Gottes etwas so Schreckliches getan haben könnte» (Zeit.de vom 10. Oktober 2018).

Die deutsche Nonne Doris Wagner wurde in Rom im Orden «Das Werk» im Jahre 2008 während Monaten von einem Pater vergewaltigt. Entscheidend war nicht dessen körperliche Überlegenheit, sondern seine weit höhere Stellung in der Hierarchie. Das von Kardinal Joseph Ratzinger regelmässig besuchte «Werk» war vom späteren Papst Benedikt 2001 als Gemeinschaft päpstlichen Rechts anerkannt worden.

Wagners Anzeigen bei der Oberin, die im päpstlichen Haushalt ein- und ausging, fruchteten nicht. Von einem Beichtvater wurde sie als «Instrument des Teufels» beschimpft, ein anderer machte Annäherungsversuche. Der Missbrauch wurde zusätzlich erleichtert durch die Tatsache, dass die «Geistliche Familie» ein geschlossener Ort war und die weibliche Sexualität als besonders gefährlich betrachtet wurde.

Gründe für die Wagenburgmentalität im Vatikan

In abgeschotteten Einrichtungen, auch Internaten und Heimen, sind Missbräuche besonders häufig. Aber die römisch-katholische Kirche ist als Ganzes ein arg geschlossenes und abgeschottetes System. Dessen Basis bildet der klerikale Korpsgeist der «Gottesmänner». Darüber wölbt sich ein institutionelles Gebäude, das extrem hierarchisiert und zentralisiert ist und der römischen Kurie ein riesiges Gewicht verleiht. Zusätzlich wird die klerikale und kuriale Macht verstärkt durch das eigene kanonische Recht und eine kirchliche Paralleljustiz, die in den letzten Jahrzehnten mehr mit «omertà catolica» als mit Iustitia zu tun hatte. Dazu kommt noch das Beichtgeheimnis.

Im 18. und frühen 19. Jahrhundert hatten Aufklärung und Demokratisierung dazu geführt, dass das Priesterbild menschlicher, der Zölibat unverbindlicher, die Ortskirchen einflussreicher und der Katholizismus pluralistischer wurden. Gegen diese Lockerungen wurde vom Vatikan unter Führung des Jesuitenordens und mit dem Rückenwind einer wiederbelebten Volksfrömmigkeit eine wirkungsvolle Gegenkampagne gestartet. Die Liberalen nannten sie Ultramontanismus, weil sie von dem jenseits der Alpen residierenden Papst vorangetrieben wurde.

Das erste Ziel des Ultramontanismus war die Sakralisierung des Priesteramtes und damit verbunden die Disziplinierung des Klerus. Der Zölibat wurde aufgewertet, das geistliche Charisma gestärkt. Der geweihte Männer-Stand wurde noch höher über die Laien gestellt. Weiter wurden die Bischöfe mächtiger gegen unten und ohnmächtiger gegen oben. Der theologische Dogmatismus nahm fundamentalistische Züge an, die Inquisition wurde wieder verschärft. Die Hierarchisierung und Zentralisierung gipfelten in der Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit durch das I. Vatikanum 1870. Unter dem «Vizegott» Pius IX. entwickelte sich eine Wagenburgmentalität, die durch das II. Vatikanum (1962–65) nur leicht aufgeweicht wurde.

In der Schweiz regte sich Widerstand – mit Erfolg

Gegen den gewaltigen Rückschritt des Ultramontanismus gab es insbesondere in der Schweiz heftigen Widerstand. Die liberalen Priester, die in den 1830er-Jahren mehr als ein Viertel der Geistlichkeit stellten, engagierten sich gemeinsam mit freisinnigen Laien für die Abschaffung des Zölibats, die Zivilisierung des Priesteramtes, die Demokratisierung der Bistümer über die Schaffung von Synoden, die Stärkung der schweizerischen Ortskirche gegenüber der römischen Zentrale. Sie kämpften gegen die Unterdrückung dissidenter Priester, die geistliche Gerichtsbarkeit, den Ausbau des Kultes um die Jungfrau Maria, den kirchlichen Einfluss im Eherecht. In den 1870er-Jahren hatten die liberalen Katholiken den Kampf um eine zeitgemässe Kirche verloren.

Einen Erfolg konnten sie mindestens in der Schweiz verbuchen: den Erhalt und die Schaffung von laiendemokratischen Organen. Die Kirchen- und Synodalräte gewähren den Laien nicht nur die Chance, Einfluss zu nehmen, sondern auch Einsicht zu gewinnen. Wenn die Zahl von Missbrauchsfällen in der Schweiz kleiner ist als in Deutschland, Irland oder in den USA, verdankt sie das wesentlich den sogenannten staatskirchlichen Strukturen. Diese relativieren die klerikale Macht und sind profane Breschen in der sakralen Wagenburg.