Die Blockfreien – Forum für schillernde Staatschefs

Marschall Tito, jugoslawischer Staatspräsident, 1961 bei der Gründung der blockfreien Staaten in Belgrad. Foto: Keystone/Getty Images

Was haben Venezuelas Präsident Nicolás Maduro, Kubas Revolutionsführer Fidel Castro, Ägyptens Ex-Präsident Hosni Mubarak, der frühere iranische Regierungschef Mahmoud Ahmadinejad, Zimbabwes ehemaliger Langzeitdiktator Robert Mugabe und Südafrikas Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela gemeinsam? Sie sind (Maduro) respektive waren (alle anderen) Vorsitzende der Bewegung blockfreier Staaten. Bereits die Gründer des losen Bündnisses waren schillernde Personen auf dem internationalen Politparkett.

Am Anfang steht der Bruch zwischen zwei Männern, die sinnbildlich für den Personenkult der Zeit standen: Stalin und Tito. Als selbstbewusster Sieger des Zweiten Weltkriegs kam es für Marschall Tito nicht infrage, sich Stalin einfach so unterzuordnen. Tito strebte für sein Jugoslawien einen eigenen Weg zum Sozialismus an, suchte die Föderation mit Albanien und unterstützte die Kommunisten im griechischen Bürgerkrieg. Dieser Titoismus passte gar nicht zu den sowjetischen Hegemonievorstellungen: Am 28. Juni 1948 liess Stalin Jugoslawien aus dem überstaatlichen Bündnis kommunistischer Parteien, Kominform, werfen.

Postkoloniale Generation legte den Grundstein

Tito musste neue Verbündete suchen und fand sie in Ägyptens Gamal Abdel Nasser, Indiens Jawaharlal Nehru und Indonesiens Sukarno – allesamt Wortführer entkolonialisierter Nationen. Mit ihnen gelang es Tito, sich zwischen die Blöcke zu stellen. 1955 trafen sich im indonesischen Bandung Politiker der ersten post-kolonialen Generation und legten den Grundstein für ein Bündnis paktunabhängiger Länder. Vom 1. bis 6. September 1961 versammelten sich 25 Staats- und Regierungschefs – die meisten aus Asien, Afrika und Lateinamerika – in Belgrad und gründeten die Bewegung der blockfreien Staaten.

Die Blockfreien war nicht eine Organisation, sondern eine lose Staatengemeinschaft. Aber ihre machtbewussten Führer strebten durchaus eine aktive Rolle auf der Bühne der Weltpolitik an. Der Kalte Krieg zwischen Warschauer Pakt und Nato nahm immer neue Dimensionen an. Beide Blöcke rüsteten massiv auf. Erst drei Wochen zuvor war die Berliner Mauer entstanden. In dieser Zeit sahen sich Tito, Nehru und Co. als dritte Kraft in einer bipolaren Ordnung. Sie wollten eine Stimme der Vernunft sein, welche die Supermächte Sowjetunion und USA zu Mässigung und zu atomarer Abrüstung mahnt und zu friedlicher Koexistenz aufruft.

Meist blieb es bei Absichtserklärungen, auf konkrete Ziele konnten sie sich kaum einigen. Ihre Mitglieder waren zu heterogen, als dass die Bewegung mit einer Stimme zu sprechen vermochte. So verkamen die Gipfeltreffen zu einem Stelldichein dubioser Potentaten und charismatischer Politiker. Da trafen Demokraten wie Nehru oder Mandela auf Diktatoren und Autokraten wie Sukarno, Mugabe, Muammar al-Ghadhafi oder Fidel Castro. Dass sie in der politischen Realität einem Block näher standen als dem anderen, wurde zu einem immer grösseren Problem.

Ein Gegenpol zu den USA

Ihre Glaubwürdigkeit verloren die Blockfreien für viele spätestens Ende der 70er-Jahre, als die antiwestliche Schlagseite überhand nahm und USA-Kritik zum guten Ton eines jeden Treffens gehörte. Tito und Nehrus Tochter Indira Gandhi hatten der ideologischen Infiltration der Bewegung durch die sowjetischen Gehilfen Kuba und Vietnam nichts entgegenzusetzen.

In die Bedeutungslosigkeit gerutscht ist die Bewegung nach dem Fall der Berliner Mauer und der Entstehung lokaler Organisationen wie Asean (Verband Südostasiatischer Staaten). Doch die Blockfreien gibt es noch, zuletzt trafen sie sich 2016. Seit der Führung Castros und Ahmadinejads und der tatkräftigen Unterstützung des Venezolaners Hugo Chávez und des Weissrussen Alexander Lukaschenko will die Bewegung vor allem ein Gegenpol zu den USA sein. Dies hat sie und den US-Verbündeten Indien entzweit, das die Blockfreien als Stimme der Entwicklungsländer sieht.

6 Kommentare zu «Die Blockfreien – Forum für schillernde Staatschefs»

  • Ivan de Grisogono sagt:

    Wenn man Diktatoren und Autokraten nennt darf man Tito (selbsternannte Marschall ) nicht verschonen. Er war ein Diktator! War Bandaranaike nicht auch eine der Gründer ? Blockfreien waren eine durch Kommunisten stark unterwanderte Bewegung und verfolgten die entsprechende Politik gegen den Westen und pro-Sowjets!
    Ausser Spesen nichts gewesen!

  • Rolf Raess sagt:

    Auch das Römische Reich ist untergegangen. Das Tausendjährige Reich etwas schneller… und die USA mit Beschleuniger Trump & Cie. sind eben daran unterzugehen.
    Es scheint die Welle des Fortschritts und der Zivilisationen von Ost nach West setzt sich fort: In der moderneren Zeit hat es begonnen mit China, dann über Mesopotamien und Arabien (Nahost), Griechenland und Rom (Europa), Dank Hitler ziemlich schnell nach USA – um bald wieder in China (Asien) anzukommen.
    Mir scheint der Faschismus, als Beschleuniger, kann nicht nicht schnell genug die Errungenschaften zerstören, um das Banner weiter an den jeweiligen Westen zu verlieren. Jetzt schliesst sich der Kreis – ob es so dann weitergeht?

    • Joerg Bucher sagt:

      ‚Fatalismus der Geschichte‘ —
      Nach verheerendem Aderlass im Weltkrieg I und ebenso aus Truemmern des Weltkrieges II, erscholl es emphatisch : „Nie wieder !“.
      Und nun geht die Sonne fuehlbar sichtend unter, „in einem Todesglanz ohnegleichen“ (Schaper).
      ‚Homo homini lupus‘, den Menschen geluestets neuerdings gehoerig duerstend nach Blut und
      Zerfleischung… .

  • Ralf Schrader sagt:

    Die Natur und die Geschichte bevorzugen nur 2 Typen von Verteilungsfunktionen. Entweder welche mit einem Gipfel irgendwo in der Mitte, oder mit zwei Gipfeln an den Enden. Mehr als zwei Gipfel gibt es praktisch nie, oder entstehen scheinbar, wenn zwei Verteilungen sich überlagern.

    Die tendenziell globalisierte globalisierte Welt ist am liebsten bipolar. Nach dem Untergang der staatlichen Fehlgeburt Sowjetunion hätte die Welt theoretisch multipolar und damit pluralistisch werden können. Das wollten aber alle Beteiligten und auch die Geschichte nicht und so gibt es wieder nur und genau zwei sich gegenüberstehende weltpolitische Lager. Alles wie 1945 und genau so geht es auch weiter. Nichts Neues im Westen und nichts Neues im Osten

    • Claude Fontana sagt:

      Sorry ,Herr Schrader, momentan sind Die EU, Russland, China, und USA die Pole der welt. Also quadpolare realität. 4 Riesen und ihre Ansprüche,formen die Welt.wer immer sich mit seiner Währung auf dem handelsmarkt durchsetzt, hat den hebel, den man ansetzen kann, um die anderen klein zu halten. Im moment ist das die USA. allerdings ist deren Kapitalanarchie der eigene Markt nicht wichtig, Es gibt kaum rückflüsse, von reich zu arm. Deren Leistungspyramide steht nachwievor da, nur die Reichtumspyramide steht auf dem Kopf, sie wird bald im Boden.
      versinken

      • Ralf Schrader sagt:

        Ihr Blickwinkel ist zu tief und zu nah. Sie wissen doch, wenn die Sonne tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten. Der vertikale Konflikt des 21. Jahrhunderts ist der der USA gegen den Rest der Welt. Wird das heute nicht deutlich genug, wird es morgen deutlicher. Die USA kündigen ja nicht nur Abkommen mit klassischen Feinden, sondern auch solche mit Freunden.

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