Aufstieg und Fall eines Hetzers

Senator Joseph McCarthy eröffnet eine Anhörung, sekundiert von seinem Bluthund Roy Cohn. Foto: Bettman Archive

Senator Joseph McCarthy eröffnet eine Anhörung, sekundiert von seinem Bluthund Roy Cohn. Foto: Bettman Archive

Das Lamento ist bekannt: Donald Trump beklagt eine Hexenjagd, wenn er über die Russland-Ermittlungen von Robert Mueller spricht. Der US-Präsident bringt es aber fertig, weitere Dramatik zu konstruieren. «Mueller und seine Gang lassen Joseph McCarthy wie ein Baby aussehen», twitterte kürzlich Trump, der sich als Opfer inszeniert, wenn er in Bedrängnis gerät. In abenteuerlicher Verdrehung der Fakten macht er Mueller zum Dämonen und banalisiert ein unrühmliches Kapitel der US-Nachkriegsgeschichte: die McCarthy-Ära der frühen 1950er-Jahre.

McCarthy war ein republikanischer Senator aus Wisconsin, der mit rabiaten und rücksichtslosen Methoden Jagd auf echte und vermeintliche Kommunisten machte. Für grosse Aufregung sorgte McCarthy im Februar 1950, als er in einer Rede behauptete hatte, dass er eine Liste besitze, auf der die Namen von 250 Kommunisten stünden, die das US-Aussenministerium unterwandert hätten. Wie sich später herausstellte, gab es weder diese Namensliste noch Kommunisten im State Departement. Seine Behauptungen brachten McCarthy aber die gewünschte Aufmerksamkeit. Der berüchtigte, begabte Populist verstand es, die Massenmedien für seine Zwecke einzuspannen. Zunächst machten viele Journalisten mit.

Andersdenkende unter Verdacht

Seit den späten 1940er-Jahren fanden antikommunistische Verschwörungstheorien zunehmende Resonanz in den USA. Das hysterische Klima des Kalten Krieges, das den US-Politbetrieb erfasste, war von weltpolitischen Entwicklungen befeuert worden. Der sowjetische Diktator Stalin hatte sich Osteuropa einverleibt und testete seine erste Atombombe. Mao gründete die Volksrepublik China. Dann tobte der Koreakrieg zwischen Norden und Süden. In westeuropäischen Ländern gab es starke kommunistische Parteien. In den USA standen Andersdenkende unter Verdacht. McCarthy waren selbst die meisten Demokraten zu links.

Typisch für die McCarthy-Ära waren Vorladungen und Anhörungen politisch verdächtiger Personen vor parlamentarischen Untersuchungsausschüssen. Es gab Ermittlungen des FBI gegen Mitglieder der winzigen kommunistischen Partei der USA, gegen Staatsbedienstete und Politiker sowie gegen Intellektuelle und Künstler. In Hollywood kursierten «schwarze Listen» mit den Namen von angeblich kommunistischen Schauspielern und Regisseuren. In der McCarthy-Ära war der Verdacht wichtiger als die Fakten. Denunziationen waren an der Tagesordnung. Viele Leute verloren ihren Ruf und ihren Job, oder sogar beides. McCarthy war nicht der Erfinder dieser Art von Antikommunismus, aber sein prominentester Vertreter.

Im US-Senat war McCarthy persönlich Vorsitzender eines Ausschusses (Committee on Government Operations). Er liess über 650 Personen vorladen. Bei den öffentlichen Anhörungen führte er sich als Ankläger und Richter auf. Als angeblicher Beschützer amerikanischer Werte beschädigte und zerstörte er das Leben unzähliger Menschen, die keine Umstürzler waren.

«Der Mann, der Trump gross machte»

Bei seinen antikommunistischen Kreuzzügen hatte McCarthy einen auffallenden Rechtsanwalt stets auf seiner Seite. Sein Name: Roy Cohn. Der skrupellose Jurist war McCarthys Bluthund, erlangte Bekanntheit und Macht, vertrat später Mafia-Grössen. Und in den 1970er-Jahren lernte Cohn in New York einen jungen Immobilienunternehmer kennen: Donald Trump. «Der Mann, der Trump gross machte», schrieb einst die «Washington Post» über Cohn. «Er brachte Trump bei, wie man Macht einsetzt und Furcht erzeugt: Angriff, Gegenangriff, niemals entschuldigen.» Trump, Cohn, McCarthy: Sie wirken wie Brüder im Geiste. Trump hätte sich mit McCarthy wohl gut verstanden. Sein aggressiver Politstil ist nicht neu: McCarthy hatte es vorgemacht.

Einen Haudegen wie McCarthy konnten die Republikaner in den 1950er-Jahren gebrauchen, solange sie in der Opposition waren. Das änderte sich während der Präsidentschaft des Republikaners Dwight D. Eisenhower, der sich um eine überparteiliche Amtsführung bemühte. Mit seiner Kampagne machte sich McCarthy mächtige Feinde, als er sich mit der CIA und der US Army anlegte. Präsident Eisenhower hatte genug. Die Republikaner sorgten dafür, dass McCarthy seine Macht als Vorsitzender seines Senatsausschusses verlor. Gleichzeitig wendeten sich die Medien von ihm ab. Der populäre TV-Journalist Edward Murrow demontierte in seiner Show «See It Now» den Demagogen aus Wisconsin.

Um McCarthy wurde es zunehmend einsam. Am 2. Mai 1957 starb er, erst 48-jährig, an den Folgen seines exzessiven Alkoholkonsums. Die kurze Karriere des Kommunistenjägers McCarthy brachte der einstige US-Aussenminister Henry Kissinger viele Jahrzehnte später mit einem prägnanten Satz auf den Punkt: «Das ist das Schicksal von Populisten: Sie leben durch Populismus, sie sterben durch Populismus.»

18 Kommentare zu «Aufstieg und Fall eines Hetzers»

  • Weber-Fink sagt:

    Heute ist es genau umgekehrt. Heute haben sich die Medien in den Public Relations Arm der linken Demokraten verwandelt.

  • Tradi sagt:

    Vielleicht muss man sich fragen, ob dieser Artikel nicht ein einseitiges, linkes Bild der Ära aufzeigt. Bekannt ist, dass es eine starke kommunistische Bewegung in den USA gab, die u.a. den Stalin-Kommunismus trotz dem Wissen über die schlimmen Verbrechen in Schutz nahm. So z.B. hat die New York Times mit ihrem Journalist Walter Duranty bewusst die von Stalin gesteuerte Hungernot in der Ukraine beschönigt und sich so zum Komplizen der Sowjetunion gemacht. Als die Verbrechen aufflogen war klar, dass man in den 40er und 50er Jahren den Einfluss des Kommunismus mindern wollte – zu recht natürlich. Es stimmt nicht, dass das State Departement keine Kommunisten besass. Hiss ist ein bekanntes Beispiel für eine kommunistische Unterwanderung, auch wenn das teilw. bestritten wird.

  • Claude Fontana sagt:

    @ Tigercat, das sind halt die extremen Kanäle, denen viel zu viel aufmerksamkeit zuteil wird. weil sie die Blick-Schlagzeile um das 10 fache überspitzen. oder ganz klar und beweisbar lügen.

  • Jessas Neiau sagt:

    In Wahrheit gehen die Parallelen natürlich viel weiter zurück als bis zum hierzulande wenig bekannten Herrn McCarthy. Die unparteiliche Geschichtsforschung hat längst Ähnlichkeiten mit allen schlechten US-Präsidenten festgestellt und Herrn Trumps deutsche Vorfahren offenbaren noch ganz anderes (Adolf – say no more!). Aber Herr Capodicis Recherchen sind lückenhaft, denn längst ist doch Herrn Trumps Ähnlichkeit mit Kaiser Nero und dem Satan höchstpersönlich nicht mehr von der Hand zu weisen. Nur zufällig allesamt Personen, über die man ungestraft alles Beliebiege behaupten und über die man jeden beliebigen Kübel Dreck ausleeren darf, ja, muss! wenn man einen derart wichtigen Posten wie den des unbestechlichen Chefkolumnisten des Blogs „History Reloaded“ innehat.

    • Manuel Sonderegger sagt:

      Oder eher „kann“ denn Trump liefert dazu ja das Material.
      Der Kübel Dreck der über ihnen ausgelehrt wird ist eben nicht der den man für sie bereit hält, sondern jener welche sie für andere bereitgestellt haben und sich dann dummer Weise selber darunter breit gemacht haben.
      Das Leute wie Sie, die solchen Hetzern Sympatien entgegenbringen besonders wenig Kritik an ihren Heilsbringern vertragen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

  • Dario vo Züri sagt:

    Danke, es ist hilfreich zu wissen, welcher Lehrmeister die in den aktuellen Medien allgegenwärtigen sonst unerklärlichen Winkelzüge wem beigebracht hat.

  • Claude Fontana sagt:

    Naja, als Bilderberger muss Kissinger es ja wissen.Man muss dem Populismus entgegentreten, mit fakten, und logik., und das so populär machen, dass das dumme gepöbel darin ertrinkt. so kommt man zum mündigen Bürger, und dann kann man echte direkte Demokratie wagen.

  • Stefan W. sagt:

    Die Kommunistenphobie von damals ist mit der Russenphobie von heute durchaus vergleichbar. Damals wie heute wurde dem „Feind“ alles Mögliche unterstellt und er wurde mächtiger und gefährlicher geredet, als er war. Damals wie heute konnten schon angebliche Kontakte mit „dem Feind“ zu ernsten beruflichen und privaten Nachteilen führen. Damals wie heute gab es nur eine Strategie: Totale Vernichtung. Jedes Eingehen auf Interessen des „Feindes“ wird und wurde als Landesverrat betrachtet.
    Der einzige Unterschied ist, dass heute eher die Linken hetzen, während es damals eher die Rechten waren. wobei Links und Rechts in den USA ohnehin keine brauchbaren Kriterien sind, da linke US-Politiker bei uns am ehesten in der SVP ihren Platz finden würden.

    • Rochus sagt:

      Nun, über Russland und Putin kann man aber auch geteilter Meinung sein, egal ob man über eine Halbinsel, den Urnengang dort, ein abgeschossenes Flugzeug oder den Donbass spricht.
      Und linke Politiker = SVP? Bernie Sanders wäre SP-Mitglied.

    • Claude Fontana sagt:

      Naja unsere Köppels sind aber eher an den Bannons interessiert. Und die sind eher nicht links, auch nicht nach amerikanischem Standard.

      • Stefan W. sagt:

        @Rochus: Sicher kann man über Russland und Putin geteilter Meinung sein. Lächerlich und letztlich gefährlich ist nur der Trend, bei jedem Ereignis als erstes „Putin ist Schuld!“ zu brüllen, und erst danach, oder auch gar nicht, nachzudenken (Clinton verliert die Wahl, Revolution in der Ost-Ukraine, Mordanschlag auf einen Ex-Agenten in England, Islamisten verlieren Boden in Syrien, Computersysteme sind zu schlecht gesichert, Rechtsparteien gewinnen an Boden in Europa, Falschnachrichten werden verbreitet usw. usf.).
        Eben genauso wie damals eben die „Kommunisten“ an allem schuld waren.

        @Fontana: Soviel ich weiss, gehört Köppels Blatt (über das man ansonsten durchaus geteilter Meinung sein kann) ja eben zu den wenigen, die nicht blindwütig gegen Russland hetzen.

  • Zufferey Marcel sagt:

    Und heute haben wir den Onlinepranger in den sozialen Medien. Kein Hashtag zu schade oder zu blöd, um nicht von den klassischen Medien portiert zu werden! McCarthy lebt also gewissermassen weiter, einfach in digitaler Form und eingesetzt vom anderen Ende des politischen Spektrums. Im Kern ging es ihm damals genau so wenig um Wahrheitsfindung, wie den Social Justice Warriors heute: Denunziation, Exklusion und Rufmord als probates Mittel, um den politischen (oder ganz persönlichen) Gegner existentiell zu schädigen oder gar zu vernichten. Dabei spiel(t)en Recht und Unrecht, bzw. Schuld und Unschuld gar keine Rolle: Hauptsache, der Gegner kann mundtot gemacht- und der Öffentlichkeit vorgeführt werden…

    • Thomas Hartl sagt:

      Ich gebe ihnen noch recht, wenn sie beklagen, dass klassische Medien oft zu schnell auf den Zug aufspringen, der aus Sozialen Netzen angestossen wird. Aber von einem anderen Ende des politischen Spektrums kann ich nichts erkennen. Besonders Medien wie Breitbart, RT oder Sputnik gehören zu den ersten, die ungeprüft Meldungen aus den Sozialen Netzen in die Öffentlichkeit blasen, sofern sie ihrer Propaganda dienlich sind.

    • Ulrich Suter sagt:

      @Zufferey – ja ja, die Geister die man rief!

      Es dauerte ein wenig bis die Konservativen begriffen wie das Internet funktioniert – als es dann jedoch herausfanden waren es sie welche die Latte ein ganzes Stueck tiefer legten.

      Was sie bereits vorher vor der Kamera taten, war nun auch im Internet zu finden. Eine Michelle Bachmann behauptete fuer Wochen der Kongress muesse sich den Haustierhueter (Dofwalker) der Obamas anschauen da dieser dem Steuerzahler US $ 28’000 pro Monat koste. Dumm nur, die Obamas hatten nie einen Haustierhueter!

      Heute sind es die Alex Jones und die Breitbart’s welche nahe zu Gewalt aufrufen. Zeigen Sie mir ein Beispiel der Liberalen welches auch nur annaehernd an das Zeugs von Alex Jones/Sandy Hook kommt – und ich zeige Ihnen ein fliegendes Schwein!

    • Zufferey Marcel sagt:

      @Hartl & Suter: Von Gewaltaufrufen ist aber nicht die Rede, sondern von der Auslöschung von Existenzen mittels politischer und justizieller Mittel.

      • Rüdiger Kraus sagt:

        Die 2 Herren haben exemplarisch selber dargeboten, was sie ihren Love-To-Hate-Protagonisten vorwerfen. Und ich mach’s nun auch. Hartl und Suter würden Trumps erste Brownnose werden, wenn sie es könnten…

    • tigercat sagt:

      Es sind ja gerade die „alternativen“ Medien wie Breitbart, Fox, RT, die sich mit der Erfindung von Fake News, Denunziationen, Exklusion und Rufmord hervortun. Man könnte meinen, als raison d’être betreiben.

      • Zufferey Marcel sagt:

        linksunten.indymedia.org haben Sie noch vergessen. Gibt‘s aber nicht mehr, weil vom deutschen Verfassungsschutz aufgelöst:

        „(…) Linksextremistisch motivierte Gewalt stützt sich auf eine über lange Jahre entwickelte Infrastruktur des sogenannten Widerstandes. Zu dieser zählen – neben dem Einsatz sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter – auch die in der linksextremistischen Szene einschlägigen Websites.„

        Quelle: https://www.verfassungsschutz.de/de/aktuelles/schlaglicht/schlaglicht-2017-08-vereinsverbot-linksunten-indymedia

        Noch einmal, auch an die Herren Hartl & Suter: Im Artikel von Vincenzo Capodici ging es aber nicht um explizite Gewalt, sondern um Hetze- ein Gebiet, auf dem sich auch die extreme Linke erwiesenermassen blendend auskennt.

Kommentar

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