Von der Schauspielerin zur Terroristin

Kampf für die Empfängnisverhütung: Die Suffragette Kitty Marion alias Katherina Maria Schäfer
verkauft die «Birth Control Review» auf New Yorks Strassen, 1915. Foto: Bettmann Archive

Am 19. Februar 1913 weckten die Suffragetten den damaligen britischen Finanzminister Lloyd George unsanft auf. Sie platzierten eine Bombe neben seinem Anwesen, The Walton Heath House, südlich von London. Am Anschlag beteiligt war eine Deutsche, Katherina Maria Schäfer, die aus dem westfälischen Provinznest Rietberg stammte und sich den britischen Frauen angeschlossen hatte, die für ihre politischen Rechte kämpften.

An diese Geschichte erinnert nun die englische Historikerin Fern Riddell, die bei ihren Recherchen zufälligerweise auf eine Deutsche stiess, die am Anschlag beteiligt war. Für Riddell ist sie ein Beispiel, wie ein #MeToo-Erlebnis im Extremfall zur Gewalt führt, schreibt sie auf der Website der BBC.

Die Polizei konnte zwar Katherina Schäfer die Beteiligung an dem Anschlag nicht nachweisen, zumal die führende Suffragette Emmeline Pankhurst die Verantwortung dafür übernommen hatte. Aber Schäfer hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits radikalisiert und war eine der aktiven Kämpferinnen der Women’s Social and Political Union (WSPU), die vor dem Ersten Weltkrieg für die Frauenrechte kämpfte.

Kitty Marion und Mister Dreck

Katherina Maria Schäfer (1871–1944) war nicht zur Terroristin geboren. Ihre Mutter verstarb, als das Mädchen sieben Jahre alt war. Der Vater misshandelte sie und schickte sie mit 15 Jahren zu seiner Schwester Dora nach England. Dort waren die Verhältnisse nicht besser, sodass der Teenager schnell Reissaus genommen hatte und von einer Karriere im englischen Musiktheater träumte. Das war damals die weit verbreitete Volksunterhaltung, die sich jedermann leisten konnte. Sie nannte sich fortan Kitty Marion und ergatterte kleinere Rollen.

Schnell merkte sie jedoch, dass meist nur diejenigen Frauen die führenden Parts erhielten, die den sexuellen Wünschen der Theaterdirektoren entgegenkamen. Einer trieb es besonders bunt, Kitty Marion nannte ihn in ihrer Autobiografie lediglich «Mr. Dreck». Dieser Dreck trieb die bis anhin unpolitische junge Frau in die Arme der Suffragetten, wie Riddell schreibt, die zufälligerweise auf das Tagebuch von Kitty Marion stiess.

Eine mutige Gefangene

Kitty Marion warf 1908 ein paar Fensterscheiben des Hauptpostamts in Newcastle ein und wurde erstmals verhaftet. Das sollte der Anfang einer langen Reihe von Gefängnisaufenthalten sein, die ihr ihre Überzeugung einbrachte.

Schäfer war bereits beim ersten Mal eine mutige Gefangene und zündete in Newcastle ihre Matratze an. Sie verweigerte die Nahrung und wurde zwangsernährt mit einer Gummiröhre, die ihr die Gefängnisverwaltung in den Schlund schieben liess. Das war damals eine verbreitete Methode, militante Frauenrechtlerinnen zu schikanieren.

Das Meisterstück gelang Kitty Marion am 13. Juni 1913. Sie zündete mit einer Komplizin die Zuschauertribüne der Pferderennbahn Hurst Park an. Der Anschlag war als Racheakt für den Tod von Emily Wilding Davison gedacht. Diese warf sich ein paar Wochen zuvor aus Protest unter das Pferd, das für den König Georg V. am berühmten Epsom Derby lief. Die beiden Täterinnen wurden am folgenden Tag verhaftet und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Anschläge fast ohne Opfer

Historikerin Riddell bezeichnet die Suffragetten vom Schlage der Kitty Marion als «Terroristinnen». Allerdings unterschieden sich die Anschläge damals wesentlich von den heutigen Attentaten: Die Brandanschläge verliefen langsamer. Die Bomben explodierten damals nicht, sondern entzündeten sich, stiessen giftige Dämpfe aus, was den Menschen in der Umgebung Fluchtmöglichkeiten zuliess. Tote gab es kaum je, Verletzte wenige.

Wer die Bezeichnung «Terroristin» deshalb für übertrieben hält, muss sich allerdings die von Riddell angeführten Zahlen vor Augen führen: Allein im Mai 1913 wurden 52 Anschläge durchgeführt, darunter 29 Bomben und 15 Brandstiftungen.

Der Erste Weltkrieg bedeutete das Ende der radikalen Suffragetten-Bewegung. Sie teilten sich in zwei Lager auf, die patriotische Seite unterstützte die Briten im Krieg gegen Deutschland. Die Pazifistinnen suchten Kontakte mit Gleichgesinnten in den feindlichen Ländern, weil nur Frauen diesen Krieg beenden könnten.

Für Kitty Marion nahm das Schicksal einen anderen Verlauf. Sie wurde zwar aus der Haft entlassen, musste aber als Deutsche aus dem Vereinigten Königreich ausreisen. Sie schiffte sich nach New York ein, wo sie den Rest ihres Lebens blieb. Ihren Kampf gab sie nicht auf und engagierte sich für die Empfängnisverhütung. Sie verstarb verarmt und vergessen in einem New Yorker Altersheim.

6 Kommentare zu «Von der Schauspielerin zur Terroristin»

  • Rolf sagt:

    Wie unendlich bemühend ist es, wenn ein gut gemeinter, aber leider nicht guter Artikel eine Vergewaltigung und sexuelle Ausbeutung verharmlosend als ein #MeToo-Erlebnis umschreibt. Die BBC als Autorität und überparteiliche Meinungsbildnerin ist ein Kapitel des letzten Jahrtausends, die BBC ist mittlerweile zum reinen Propagandasprachrohr der Globalisierer und Oberschicht verkommen und hat jegliche Glaubwürdigkeit verspielt. Man sollte die Ehrfurcht ablegen und der BBC kritisch gegenüber agieren. Als Autor und Journalist sollte man sich zudem der Worte und ihrer Macht bewusst sein und nicht einfach dümmliche Vorgaben der selbstverliebten und selbstgerechten „Qualitätsmedien“ nachplappern! Danke!

  • Konrad Staudacher sagt:

    So oder ähnlich hätte ich mir unsere Frauen ’schon immer‘ gewünscht. Weiter so …

  • Rolf Hefti sagt:

    Kurzgesagt = Die selben Theaterdirektoren wie heute .

    • Jessas Neiau sagt:

      Kurz gesagt auch = Dieselben Mädchen, die noch immer „am Musiktheater“ auftreten wollen (aber sicher nichts vernünftiges arbeiten).

      • Gabriela sagt:

        Wann waren Sie das letzte Mal im Kino oder haben den Fernseher eingeschaltet? Eben, aber die verunglimpfen, die diese Formen der Unterhaltung möglich machen – damals halt in Gestalt des Musiktheaters.

Kommentar

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