Die willkommene Einmischung der USA

Die Bomber bringen für einmal was Gutes: Berliner hoffen auf Nahrungsmittel via Luftbrücke. Foto: Walter Sanders (The LIFE Picture Collection/Getty Images)

Im Frühjahr und Sommer 1948 tobt in Europa ein heftiger Kampf der Systeme, im Fokus der Neueinteilung Europas in Ost und West, in Kommunismus und Kapitalismus stehen Italien und Deutschland. Polen, Rumänien und Bulgarien sind bereits Satellitenstaaten der Sowjetunion, ehe auch die Tschechoslowakei am 25. Februar hinter dem Eisernen Vorhang verschwindet. Dies ausgerechnet vor den italienischen Parlamentswahlen vom 18. April. Noch im Dezember 1947 glaubte Washington nicht, dass die Kommunisten in der Lage wären, in Rom die Macht zu ergreifen. Nach dem Prager Coup ist die Truman-Administration alarmiert.

Täglich die «Voice of America»

Die USA setzen ihr gesamtes Propaganda-Arsenal ein, zu dem die Diskreditierung des Gegners, das Versprechen der Rückgabe Triests und der Aufnahme Italiens in die UNO gehören. Aussenminister George C. Marshall lässt keine Zweifel daran, dass Italien bei einem Wahlsieg der Linken vom Marshallplan ausgeschlossen würde. Justizminister Tom Clark droht damit, dass «nicht in die USA einreisen dürfe, wer nicht an die US-Ideologie glaubt». In Briefkampagnen warnen Italo-Amerikaner ihre Verwandten und Freunde mit den Worten «Wenn die Kommunisten gewinnen sollten …». «Voice of America» beschallt die Italiener täglich mit all den guten Dingen, welche die USA für Italien tun.

Auch die Sowjetunion mischt sich kräftig ein – ohne Erfolg: Die Christdemokraten unter Alcide de Gasperi gewinnen die Wahlen. Eine römische Zeitung wertet dies dankbar als «Nein an Stalin», während ein Prager Blatt wettert, die Wahlen seien das Ergebnis «des Terrors, Betruges und der Korruption sowie der angelsächsischen Kreuzer, Flugzeuge und Zigaretten». Tatsächlich liefert die CIA bei ihrer allerersten verdeckten Operation gleich ihr Gesellenstück ab. Allen Manipulationsversuchen Moskaus zum Trotz bleibt Italien diesseits des Eisernen Vorhangs.

Die Teilung als Folge der Währungsreform

Auf diesem Erfolg ausruhen kann sich der Westen nicht lange. Die nächste Herausforderung wartet bereits: in Deutschland und vor allem in Berlin. Die Fronten sind seit dem Abbruch der Londoner Konferenz über die Deutschland-Frage im Dezember 1947 verhärtet. Nicht zuletzt seit der kommunistischen Machtübernahme in Prag wollen die USA aber lieber ein geteiltes Deutschland als ein geeintes, bei dem Moskau mitredet. Der Weg in die deutsche Teilung ebnet schliesslich die Währungsreform.

Weil die Reichsmark längst keinen Wert mehr hat, ist Deutschland eine Tauschwirtschaft geworden. Auf dem Schwarzmarkt gibt es Lebensmittel und Kohle gegen Wertsachen und amerikanische Zigaretten. Den Alliierten ist klar: Eine neue Währung muss her. Doch beide Seiten befürchten auch, dass die andere ihr zuvorkommt. Am 20. März verlässt der sowjetische Vertreter den alliierten Kontrollrat aus Protest, weil ihm die Westmächte keine Auskunft geben über ihre Pläne, und kehrt nicht mehr wieder zurück. Nun ist auch klar, dass es keine gemeinsame Währung sein wird.

Drei Monate später geht es Schlag auf Schlag: Am 18. Juni wird die Währungsreform verkündet, am 20. Juni erhalten die Deutschen ihr neues Geld. Für jeden Alleinstehenden und «Haushaltsvorstand» gibt es 40 Deutsche Mark auf die Hand. Gleichzeitig sind die Regale plötzlich prall gefüllt mit Nahrungsmitteln, Schuhen und Kleidern, was Vertrauen in die neue Währung schafft. Am 23. Juni erhalten auch die Ostzonen und «ganz Berlin» ihre neue Währung. Im Gegenzug werden die D-Mark-Noten mit einem «B» für Berlin bedruckt.

Zwei Millionen Menschen abgeschottet

Am gleichen Abend meldet der von der SED alimentierte «Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst», dass «die Transportabteilung der sowjetischen Militärverwaltung sich gezwungen sieht, aufgrund technischer Schwierigkeiten den Verkehr aller Güter- und Personenzüge von und nach Berlin morgen früh, 6 Uhr, einzustellen». Am nächsten Morgen ist die Stromversorgung gekappt, blockieren Pioniere die Gleise und Strassen zwischen den westlichen Zonen und dem sowjetischen Sektor und bleiben die Schlagbäume unten. Über zwei Millionen Menschen leben nun abgeschnitten von allen Versorgungswegen inmitten der sowjetischen Machtsphäre.

Mit der Blockade will Stalin die Westalliierten zwingen, aus Berlin abzuziehen. Doch diese wollen unter keinen Umständen aus Berlin zurückweichen. Wer dies tut, hat weit mehr verloren als Berlin: So denken die Machthaber hüben wie drüben. Und so kommt es zur ersten richtigen Kraftprobe im Kalten Krieg, die Stalin auf der ganzen Linie verlieren wird, denn er unterschätzt die Entschlossenheit der Amerikaner und Briten.

Start der Berliner Luftbrücke

Sie machen daraus eine Frage der Ehre. US-General Lucius Clay will die Blockade zuerst mit einem Konvoi durchbrechen, geht dann aber auf den Vorschlag des britischen Luftwaffenchefs Reginald Waite ein, der West-Berlin vollständig von der Luft aus versorgen will. Innert weniger Stunden werden über 100 Transportflugzeuge organisiert – die Berliner Luftbrücke kann beginnen. In den folgenden elf Monaten fliegen amerikanische und britische Piloten über zwei Millionen Tonnen Fracht nach West-Berlin. Das meiste ist Kohle, um die Stadt mit Strom zu versorgen. Die Bevölkerung ist begeistert über die «Rosinenbomber», die gut eine halbe Million Tonnen Nahrungsmittel bringen.

Am 12. Mai 1949 ist die totale Blockade beendet. Stalins Kalkül, damit seinen Triumph im Kalten Krieg zu erreichen, geht nicht auf. Im Gegenteil: Die Luftbrücke ist ein überwältigender psychologischer Triumph des Westens. Moskau wird fortan die Finger lassen von West-Berlin. Die Weichen für die folgenden 41 Jahre sind gestellt, die Spaltung Deutschlands und des Kontinents ist besiegelt.

15 Kommentare zu «Die willkommene Einmischung der USA»

  • M. Seiler sagt:

    Was natürlich nicht erwähnt werden darf in deutschsprachigen Artikeln: Die Engländer hatten „dank“ der Berlin-Krise rationiertes Getreide für ihre Bevölkerung; dies war nicht einmal während des Krieges rationiert.
    Ich frage mich, wie sich alte Engländer fühlen, wenn sie die schändlichen Artikel der „Intelligenz“blätter wie Spiegel, Süddeutsche etc. lesen, die sich auf einen Brexit mit höchstmöglichem Schaden für England freuen.

  • Maike sagt:

    Wer weiss wie die Welt jetzt aussehen würde, wenn es damals keine Luftbrücke gegeben hätte. Aber das kann man doch über jedes Ereignis in der Weltpolitik sagen. Was, wenn es Attilla nicht gegeben hätte ? Kolumbus nicht Amerika entdeckt hätte ? Es keinen 30ig jährigen Krieg gegeben hätte und Hitler nicht geboren worden wäre ?
    Aber wichtig für die Weltgemeinschaft ist doch, was jetzt ist, was jetzt gemacht wird. Und da sieht es für mich so aus, als ob kein Land so richtig mal über den Tellerrand schaut. Zu sehr ist man mit sich und seinen dicken Wurststullen beschäftigt. Das konnte man noch machen, als alles aus dem eigenen Land stammt – heute aber im globalen Wirtschaftssystem schon lange nicht mehr.

  • Anh Toàn sagt:

    Ich sage den Vietnamesen manchmal, vielleicht ginge es ihnen besser, wären sie wohlhabender, wenn sie der Einmischung der USA gefolgt wären oder wenigstens den Krieg verloren hätten: Deutschland und Japan sind, nachdem sie ihre Kriege gegen die USA verloren haben, reich geworden, Vietnam hat gewonnen, den Krieg, aber was haben die Vietnamesen dabei gewonnen?

    Freiheit haben sie gewonnen, aber wer will schon Freiheit? Man will essen, ein Dach über dem Kopf, Sicherheit, Gesundheitsvorsorge, Familie, Schulbildung für die Kinder, und Smartphones und Klimaanlage und all das Zeugs, sozialer Status. Freiheit ist bekanntlich nur ein anderes Wort, ein Euphemismus, für nichts zu verlieren zu haben, von Kriegsende bis zur Öffnung 1985 waren die Vietnamesen sowas von frei.

    • Ralf Schrader sagt:

      Sie dürfen nur bis 1945 nicht mit nach 1945 verwechseln. In Kriegen mit den USA gibt es seitdem nur Verlierer. Auch Vietnam hat den Krieg ja nicht wirklich gewonnen und die USA haben noch nie richtig verloren.

      Verloren haben Afghanistan, Irak und Libyen in den Kriegen alles. Die vorher vorhandene Eigenstaatlichkeit, das Rechtssystem, die gesamte Zivilisation. Gegen die Zuwendung der USA ist jeder Tsunami ein freundliches Ereignis.

      Kein Meteoriteneischlag hat einem Land bisher so geschadet, wie das willkürliche Morden und Brennen der US- Soldaten, von denen paradoxer Weise auch die USA nicht profitieren konnte. Die USA wirken wie ein Borderline- Patient, der sich selbst und seine Lieben ständig verletzt, ohne das es irgend einem etwas nutzt.

  • Lukas Müller sagt:

    ja, die USA mischten sich damals massiv in die italienischen Wahlen von 1948 ein und fälschten das Ergebnis. Auch anderswo in Europa verstärkten sie ihren festen Griff und machten die eroberten Länder vollends zu Satellitenstaaten. Das schlimme daran: Es sind bis heute Satellitenstaaten.

    • Ralf Schrader sagt:

      Sagen wir einfach, mit den militärisch nicht zu begründeten Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki haben die USA den moralischen Zenit überschritten.

      Ab dem Vietnamkrieg haben sie sich der Barbarei genähert und Trump markiert den endgültigen Übergang von der Kulturnation zu einem barbarischen Hegemonialstaat, der folgerichtig im WK III endet, sein Ende findet. Allerdings mit erheblichen Kollateralschäden in der ganzen Welt.

      • Kaspar Tanner sagt:

        Man muss schon die Geschichte und die Opfer des Kommunismus komplett ausblenden, um solchen Nonsens zu schreiben.
        Man muss aber auch die jüngste europäische Geschichte nur lückenhaft kennen, um so was zu schreiben?
        Manchmal wünschte ich mir, Hitler oder Stalin oder beide hätten den Krieg gewonnen – dann wüssten Leute wie Sie, was europäisch grundierte Barbarei ist.

    • Beat sagt:

      Lukas Müller: Dann hätten wir den „Iwan“ ja gleich vor Chiasso an der Grenze gehabt. Wäre auch nicht wirklich lustig gewesen und um später nach Rimini in die Sommerferien zu fahren, hätten wir in den Ostblock fahren müssen.

  • Ralf Schrader sagt:

    Die Spaltung Deutschlands wurde unter der 4 Siegermächten einvernehmlich auf der Teheraner Konferenz beschlossen und war eine zwingende Konsequenz aus WK II. Praktisch umgesetzt wurde die Teilung durch die einseitige Währungsreform nur in den 3 Westsektoren, der einseitigen Gründung der BRD, vor der der DDR und dem Aufbau der Bundeswehr vor der Militarisierung auch der DDR.

    Der sich gründenden BRD wurde das Föderalsystem ins Grundgesetz geschrieben, alles mit dem einen Ziel, niemals wieder einem einheitlichen, starken Deutschland gegenüber zu stehen. Entsprechend gross waren dann auch die Vorbehalte aller westlicher Staaten ausser den USA gegen den Anschluss der DDR an die BRD.

    Der ganze Rest ist nur historische Konsequenz.

    • Adrian sagt:

      „…alles mit dem einen Ziel, niemals wieder einem einheitlichen, starken Deutschland gegenüber zu stehen…“. Und das hätte man auch besser so belassen!! Denn wem hat die Globalisierung etwas gebracht, ausser dass die Reichen noch reicher wurden und die Armen noch ärmer?! Auch der heutige Mittelstand ist mit einem Salär von 6000.— bis 9000.- näher bei Null (also bei den Armen) als bei einem Mio-Salär,…

  • Thomas Hartl sagt:

    Vielleicht hat die US-Propaganda in Europa verhindert, dass einige Staaten kommunistische Regierungen erhalten haben. Die gleiche Propaganda hat die USA allerdings auch in die McCarthy-Ära geführt. Tausende von Staatsangestellten wurden entlassen, weil man ihre Loyalität bezweifelte. Die Karieren von Wissenschaftler, Künstler und Schauspieler wurden zerstört, weil man Verbindungen zur Kommunistische Partei vermutete und sie auf schwarze Listen setzte. Man forderte die Bevölkerung auf, Arbeitskollegen zu denunzieren. Es wurden sogar Internierungslagern für Kommunisten errichtet, die zum Glück nie genutzt wurden. Bei der Verteidigung der freien Welt hätte die USA beinahe ihre eigene Freiheit verloren.

    • Rolf Raess sagt:

      Richtig Herr Hartl: die Freiheit haben die USA nun Schritt für Schritt seit der Ermordung der Kennedy’s, mittels Leuten wie Nixon/Kissinger, Goldwater, Reagan und der Clique Cheney/Bush jr. (mit Pompeo, Bolton, Rumsfeld), verloren was derzeit für jedermann ersichtlich ist seit dem Tramp…

      • Mike Cadell sagt:

        Keiner von denen kam je in Verdacht, etwas mit der Kennedyermordung zu tun zu haben Raess. Der einzuge Politiker, der unter starkem Verdacht fiel was Lyndon B. Johnson, sein Vice und Nachfolger. Der ja auch die USA in den Vietnamkrieg trieb. Der war übrigens auch Demokrat. Und Freiheiten verlieren? Das betreibt gerade die reppressive Linke die in SA Manier gegen unerwünschte Politiker vorgeht. Etwas, was die US Rechten nie gemacht haben. Aber Faschistische Methoden sind ja OK wenn es es der Linken Sache dient.

    • Mike Cadell sagt:

      Ich hab jetzt erst bemerkt, wer da schreibt. Hartl und Raess. Lassen sie mich doch wissen, wo wir mehr Freiheiten haben. In den pösen USA , hier oder gar in ihrem geliebenten Sozialismus. Am Besten noch ein Sozialistisches Land nennen, dass nicht jeden Kritiker brutal verfolgt hat. Sie werden Mühe haben eines zu finden. Aber die Privatbesitzabschaffer der SP wären ja die ersten, die echten Sozialismus implimentieren. Stimmts?

      • Ralf Schrader sagt:

        Freiheit ist kein wesentliches Kriterium. Vor Freiheit kommen ganze Kaskaden von Werten, welche wesentlich bedeutender sind. Sicherheit, Ordnung, u.a., alles freiheitseinschränkende Kategorien. Freiheit ist verzichtbar.

        Sozialismus hat es auf der Welt noch nie gegeben und wird es auch nie geben. Dieser Begriff beschreibt einen der vielen Denkfehler in der Marxschen Theorie, was dem Gesamten keinen Abbruch tut. Im Gegensatz zum Kommunismus, den gab es zwar noch nicht, wird es aber schon demnächst geben.

        Sozialdemokraten schliesslich sind weder Sozialisten, noch Kommunisten. Sie markieren bürgerliche Mitte, bei deren Anblick Marx im besten Fall höflich aus dem Fenster geschaut hätte. Das Wesen der Sozialdemokratie besteht im politischen Opportunismus.

Kommentar

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