Der gescheiterte Aufstand

Der 17. Juni 1953: Sowjetische Panzer fahren auf dem Potsdamer Platz in Berlin auf. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

Der 17. Juni 1953: Sowjetische Panzer fahren auf dem Potsdamer Platz in Berlin auf. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

Am 17. Juni 1953 geriet das kommunistische Regime der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ins Wanken. Spontan und kraftvoll erhob sich eine Million Menschen in 700 Städten. Doch die in der DDR stationierte Sowjetarmee von 500’000 Mann schlug den Aufstand meist noch am gleichen Tag nieder.

Während sich in der Bundesrepublik Deutschland mit der Währungsreform 1948 die Läden schlagartig mit Waren füllten, es wirtschaftlich rasant bergauf ging, nahm die DDR eine gegenteilige Entwicklung. Der von SED-Parteichef Walter Ulbricht verordnete strikt stalinistische Kurs bedeutete im Alltag: leere Läden und entwertetes Geld. Fett, Fleisch und Zucker waren noch immer rationiert. Während 1952 das Durchschnittseinkommen in der DDR etwa 300 Mark betrug, kostete ein Kilo Zucker 12 Mark.

Wirtschaft und Staat wurden strikt zentralistisch organisiert. Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde mit Zwang vorangetrieben, was zur Folge hatte, dass Tausende von Bauern in den Westen flüchteten. Das Resultat: weniger Konsumgüter, dafür mehr Repression und Überwachung. In den beiden Jahren 1952 und 1953 verliess über eine halbe Million Menschen die DDR. Der Chefredaktor des «Neuen Deutschland» schrieb im Juni 1953, dass «jeder Flüchtling ein Propagandist gegen die SED» sei.

«Zeit, den Holzhammer beiseitezulegen»

Walter Ulbricht gestand im November 1952 ein, dass sich die Wirtschaft der DDR in einer Krise befinde. Die Spannungen zwischen der Arbeiterschaft und der Staatsmacht nahmen zu. Ende 1952 kam es zu einer regelrechten Streikwelle. Den Spielraum der Betriebsleitungen bei den Löhnen und Arbeitszeiten schränkte die Partei ein. Sie verfügte per Dekret, dass ab dem 1. Juni 1953 die Arbeitsnormen landesweit um durchschnittlich mindestens zehn Prozent erhöht würden.

Die enorme Fluchtbewegung aufgrund des repressiven Kurses der DDR-Führung passte der Sowjetunion gar nicht, weshalb sie Lockerungen veranlasste. Ziel war es, den Lebensstandard auf Westniveau anzuheben. Die Bevölkerung spürte mehr Beinfreiheit. Hoffnung erweckte eine Titelüberschrift im SED-Parteiorgan: «Es wird Zeit, den Holzhammer beiseitezulegen.» Viele erwarteten nun, dass es zu einer Demokratisierung kommen würde, zu Rechtssicherheit und der Überprüfung von früheren stalinistischen Terrorurteilen. Auch kam die Forderung nach dem Rücktritt von Walter Ulbricht auf.

Wie ein Flächenbrand

Gerade in dem Augenblick, in dem das Regime bereit war – und der Not gehorchend –, die Zügel zu lockern, brach der Aufstand aus, der sich wie ein Flächenbrand übers ganze Land ausbreitete. In 700 Städten und Gemeinden kam es zwischen dem 16. und 21. Juni zu Streiks und Demonstrationen. Der Auslöser waren Vorgänge in Berlin.

An der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee) war eine Musterwohnanlage für Arbeiter im Bau. Obwohl die beteiligten Bauarbeiter mit überdurchschnittlich hohen Löhnen zu den Privilegierten gehörten, waren sie nicht bereit, die Lohneinbusse von zehn Prozent aufgrund der «freiwilligen» Normerhöhungen zu akzeptieren. Der Protest begann harmlos. Am 13. Juni fand ein Betriebsausflug von 500 Bauarbeitern mit ihren Familien ins auch heute noch beliebte Ausflugslokal Rübezahl statt. Am Schluss der Feier stieg ein Maurer auf den Tisch und rief in die Menge, dass am kommenden Montag gestreikt werde. So schilderte später die SED den Auftakt des Aufstandes.

An einem Tag 2500 Personen verhaftet

In den folgenden Tagen kam es auf mehreren Baustellen zu Streiks. Gefordert wurden die Rücknahme der Normen, die Senkung der Lebenskosten sowie freie und geheime Wahlen. Die Parteiführung stellte sich taub. Am 17. Juni begann sich die Streikbewegung ab sechs Uhr morgens auf ganz Ost-Berlin auszudehnen. Der öffentliche Verkehr wurde lahmgelegt. Schon am Vormittag demonstrierten Zehntausende. Polizeistellen wurden gestürmt, Ministerien belagert. Es kam zu Scharmützeln mit Verletzten.

Doch fast gleichzeitig fuhr auch schon die sowjetische Armee auf, die 20’000 Mann mit 600 Panzern zum Einsatz brachte. Die sowjetischen Soldaten schossen gegen die Demonstranten aus automatischen Waffen, allerdings meist über die Köpfe hinweg. Den sowjetischen Truppen gelang es bereits gegen Abend, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Allein an diesem Tag wurden in Berlin 2500 Personen verhaftet.

Wie in Berlin kam es vor allem in den Industriestädten zu Streiks und Demonstrationen. Betriebsleiter wurden kurzfristig abgesetzt, SED-Funktionäre verprügelt. In Leipzig geriet der anfängliche Arbeiteraufstand zu einem Volksaufstand mit 100’000 Beteiligten. Doch nicht nur in den Grossstädten, auch in kleineren wie den Werftstädten Rostock oder Warnemünde kam es zu Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. Doch überall gelang es den sowjetischen Truppen, die Revolten zu ersticken, meist am gleichen Tag. Spätestens am 21. Juni war überall der Widerstand gebrochen.

Ein relativ «bescheidener» Blutzoll

Im Vergleich zu späteren von der Sowjetunion unterdrückten Aufständen war der Blutzoll relativ «bescheiden». Nachgewiesen wurden bis heute fünf standrechtliche Erschiessungen. Fünf Angehörige der DDR-Sicherheitsorgane wurden getötet. Angesichts des Einsatzes von Hunderten von Panzern und von Schnellfeuerwaffen mag es erstaunen, dass es «nur» 55 Tote während des Aufstandes gab.

Doch offenkundig hatten die russischen Truppen die Anweisung, ein Blutbad zu vermeiden. So fuhren die Panzer im Schritttempo, und meist schossen die Soldaten über die Köpfe der Demonstranten hinweg. Die Führung der Sowjetunion wollte offensichtlich die Legitimationskrise des DDR-Staates und der SED nicht noch mehr verschärfen, deshalb die geringe Gewaltausübung.

Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. Juni 1953. Geschichte eines Aufstandes. C. H. Beck, Berlin 2013. 128 S., ca. XX Fr.

Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. Juni 1953. Geschichte eines Aufstandes. C. H. Beck, Berlin 2013. 128 S., ca. XX Fr.

In den folgenden drei Wochen verhafteten Stasi und Polizei etwa 10’000 Personen, später nochmals 5000. Stasi-Chef Erich Mielke, der bis 1989 im Amt war, forderte «energisches Handeln» gegen «Hetzer, Provokateure, Saboteure, Rädelsführer.» Doch die Staatsmacht gab sich relativ gemässigt. Insgesamt wurden 1526 Angeklagte verurteilt. Sieben wurden hingerichtet, drei erhielten lebenslängliche Strafen. Ein Drittel der Angeklagten erhielt Strafen von bis zu einem Jahr.

Die relative Milde der Strafen mag erstaunen, trieb der Aufstand doch die DDR an den Rand des Kollapses, der ohne das Eingreifen der Sowjetarmee zweifellos eingetreten wäre. Dass ausgerechnet die Arbeiterschaft der Führung des Arbeiter- und Bauernstaates das Vertrauen entzogen hatte, blieb für die DDR-Oberen während Jahren eine traumatische Erfahrung.

10 Kommentare zu «Der gescheiterte Aufstand»

  • Bebbi Fässler sagt:

    Und warum hiess die BRD diese „Wirtschaftskrise Flüchtlinge“ herzlich willkommen?
    .
    Waren unter den Flüchtlingen nicht auch Schläfer?

  • Adriano Granello sagt:

    Immer wieder, bis zu deren Auflösung, wurde und wird die DDR gerne als Staatsgebilde dargestellt, das aufgrund der Machtfülle des deutschen Regimes Bestand hatte. In Tat und Wahrheit war es bis zum Schluss einzig und allein die von Russland angeführte Sowjetunion, die den zweiten Staat mit post-stalinistischen Methoden am Leben hielt. Kaum gaben 1989 die „Russen“ das Signal, dass die Ostdeutschen nun ihr Schicksal selbst bestimmen durften, brach der Unrechtsstaat DDR auseinander und dessen willige Marionettenregierung und der perfektionierte Sicherheitsdienst mussten unter dem Druck des Volkes von einem Tag auf den anderen abdanken. Wer das Wort „Ostalgie“ verwendet und gar sehnsüchtig an „die guten alten Zeiten“ in der DDR zurückdenkt, sollte sich dieser Tatsachen bewusst werden.

  • Peter Hess sagt:

    Kommunismus war das Ziel, nicht der Zustand. Das meinte wohl Herr Schrader.

    • Ralf Schrader sagt:

      In der Verfassung der VR China kommt das Wort ‚Kommunismus‘ genau einmal vor. Es beschreibt das Langzeitziel dieses Staates, der sich entsprechend Marx ja erst auflösen muss, bevor Kommunismus sein kann.

      Diese Zielformulierung ist vollständig identisch mit der des Paradies in den abrahamitischen Religionen. Im Sozialismus werden die Menschen wie im Kapitalismus nach ihrer Leistung belohnt. Im Kommunismus, im Paradies, darf sich jeder nach seinen Bedürfnissen bedienen. Lohn gibt es nicht.

      Marx und Engels nennen die christliche Soziallehre deshalb Urkommunismus, obwohl beide leider nicht helle genug waren, den Ursprung und den Sinn des Christentums zu verstehen.

      Die DDR z.B. wäre klug beraten gewesen, den Katholizismus zu unterstützen.

  • Peter Aletsch sagt:

    Aha, das waren noch mehr oder weniger echte Flüchtlinge. Unter heutigen Umständen würden wir einen anderen Ausdruck benutzen, da ‚Flüchtlinge‘ mit NGO-Fähren ankommen. Es ist mir nicht klar, warum nicht mehr Personen abgehauen sind. Bis es zu spät war, als die Mauer stand. Einige Mauerbauer nutzten die letzte Gelegenheit. Wer nachher ging, war zu 100% Flüchtling, da Lebensgefahr bestand. So wie heute in Nordkorea.

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Am 17. Juni 1953 geriet das kommunistische Regime der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ins Wanken.‘

    Weder war die DDR auch nur einen Tag kommunistisch, noch hatte die DDR je ein kommunistisches Regime. Schon allein deshalb, weil es keine kommunistischen Regimes geben kann. Wie schon die Hebamme Sowjetunion, waren alle Ostblockstaaten politökonomisch in Form des staatsmonopolistischen Kapitalistismus strukturiert.

    Die Privatisierung der DDR- Wirtschaft nach dem Beitritt zum Gültigkeitsbereich des GG der BRD war juristisch nur deshalb möglich, weil das angeblich sozialistische Volkseigentum richtig als Staatseigentum eingestuft wurde und somit die BRD die Rechtsnachfolge antreten konnte.

    • Martin Frey sagt:

      Es ist nachgerade müssig, langweilig und repetitiv, bei jedem Beispiel eines noch so missratenen Versuches, ein kommunistisches Regime zu installieren, eilfertig zu behaupten, das alles habe aber gar nichts mit Kommunismus zu tun.
      Wenn ein gefiedertes Tier auf dem Bauernhof gackert, mit den Stummelflügeln schlägt, und den ganzen Tag lang Körner pickt und Eier legt, gehen Sie auch irgendwann davon aus, dass es sich dabei eher nicht um ein Schaf handelt. Trotz gegenteiligen Beteuerungen des Bauern.
      Dass ist so sinnfrei, wie wenn jemand ständig behaupten würde, das Dritte Reich hätte mit Nationalsozialismus nichts zu tun.
      Im Gegenteil ist es wichtig und richtig, die Erinnerung an diese epochalen Ereignisse des 20. JH. hochzuhalten. Und die Gründe, die dazu führten.

      • Ralf Schrader sagt:

        Der Unterschied ist nur, Hühner und Schafe gibt, Kommunismus gibt es auch. Aber kommunistische Regimes gibt es nicht. Die sind das Pendant zum 16- köpfigen Drachen.

        Die Menschheit hat bisher fast nur im Kommunismus gelebt, also in einer klassenlosen Gesellschaft ohne Besitz, vor allem ohne Staaten und Geld. Erst die neolithische Revolution beendete diesen Zustand und erfand die Klassengesellschaft. Das Buch Genesis beschreibt aus mythologischer Sicht, wie das ablief.

        Das Paradies ist Kommunismus in Reinform, das Nomadenleben Abrahams lässt dieses langsam verschwinden und indem Abraham sich ein Haus baut und etwas besitzt, ist der Kommunismus in der Bibel vorüber.

        Wenn wir demnächst wieder Staaten und Besitz verschwinden lassen, ist wieder Kommunismus.

      • Martin Frey sagt:

        Ihrer Darstellung von Kommunismus als Theorie eines Paradieses mit „klassenlosen Gesellschaft ohne Besitz, vor allem ohne Staaten und Geld“ widerspreche ich nicht. Nur ist und bleibt das reine Theorie, die beinahe so abgehoben wirkt wie die islamischen oder christlichen Darstellungen des Paradieses. Man sollte die Rechnung bekanntlich nicht ohne den Wirt machen, und jede Ideologie, jede Religion ist für die Menschheit nur soviel wert wie die Menschen, die es umzusetzen versuchen. Nur an dem, was die Menschen daraus machen, kann ein etwaiger Mehrwert festgemacht werden.
        Ich behaupte, dass es eine derartige Gesellschaft wie von Ihnen als Ideal dargestellt nie gegeben hat, und wohl auch nie geben wird. Weil der Mensch nicht so funktioniert. Staaten wie die DDR sind bester Beweis dafür.

      • Ralf Schrader sagt:

        Mir reicht völlig die Aussage, dass die realen Objekte DDR oder die UdSSR nicht im geringsten von der Idee des Kommunismus infiziert waren. Das hinter einer Begrifflichkeit wie ‚kommunistisches Regime‘ entweder blanke Unkenntnis oder böswillige Verleumdung steht. Verleumdung bezüglich Kommunismus, nicht bezüglich des notwendig gescheiterten Experimentalstaates DDR.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.