Die Ware heisst Karl Marx

  • Das Geschäft floriert: Karl-Marx-Badeenten. Foto: Reuters

  • Zwei Marx-Darsteller vor der Karl-Marx-Statue des chinesischen Künstlers Wu Weishan, die am 5. Mai in Trier offiziell enthüllt wird. Foto: Keystone

  • Das Touristeninformationsbüro in Trier verkauft magnetische Halter mit dem Konterfei von Karl Marx . . . Foto: Keystone

  • . . . sowie Tassen und andere Artikel zum Andenken an den grossen Philosophen. Foto: Keystone

  • ​Eine Marx-Figur mit Null-Euro-Schein, ein PR-Gag von Trier Tourismus. Foto: Keystone

  • Karl-Marx-Spardose mit dem Aufdruck «Mein Kapital». Foto: Keystone

Karl Marx war Weinliebhaber. Seine Familie besass einen Weinberg. Die Weinbaukrise war für den jungen Mann Anlass, um über ökonomische Fragen nachzudenken. In Artikeln kritisierte er hohe Zölle und Steuern und prangerte die Not der Moselwinzer an. Nachzulesen ist dies im Buch «Wie der Wein Karl Marx zum Kommunisten machte».

Der Denker und Kapitalismuskritiker kam am 5. Mai 1818 in Trier zur Welt. Vor genau 200 Jahren also – und daraus wollen ziemlich viele in Deutschland Kapital schlagen. Die Deutsche Bahn tauft einen ihrer neuen ICE-4-Züge «Karl Marx». In den Buchhandlungen türmen sich Neuerscheinungen zu seinem Leben und Werk. Im ZDF läuft am 2. Mai der Film «Karl Marx – der deutsche Prophet».

In Trier löst Marx die Römer ab

Drei Tage später geht die Sause in Trier los. Die Bischofsstadt warb bisher vor allem mit ihrem römischen Erbe. Nun erhält der lange Zeit ungeliebte Sohn der Stadt ein Denkmal. Die mit Sockel 5,5 Meter hohe bronzene Karl-Marx-Statue ist ein Geschenk der chinesischen Regierung. Ausgerechnet China, ist man geneigt zu sagen, das sich zwar immer noch auf den Marxismus beruft, aber ein durch und durch kapitalistisches Land ist, wo man für Geld viel Ware kaufen kann und für noch mehr Geld noch mehr Ware. Trier freut sich nun auf die Strahlkraft der Ware «Karl Marx» und die chinesischen Touristen, die mit wachsender Begeisterung an den Westrand Deutschlands reisen und sich vor Marx’ Lebensstationen knipsen.

Dabei spielte Trier eine untergeordnete Rolle im Leben von Karl Marx. Er wuchs hier in einem bürgerlichen Elternhaus auf, zog aber bereits als 17-Jähriger weg fürs Studium, zuerst der Rechtswissenschaften, dann bald der Philosophie und Geschichte. Nebenbei bekämpfte er in Artikeln für die «Rheinische Zeitung» die Klassengesellschaft seiner Zeit und den preussischen Absolutismus und setzte sich vehement für Demokratie ein. Seine Texte wurden den Oberen zu radikal und schliesslich wie auch die Zeitung verboten. 1843 zog er für zwei Jahre nach Paris. Marx wurde staatenlos und landete nach verschiedenen Stationen und dem Scheitern der Revolutionen in Europa 1849 in London, wo er bis zu seinem Tod 1883 lebte.

Das «Manifest»

In Paris hatte er Friedrich Engels kennen gelernt. Der Fabrikantensohn Engels war bestürzt ob der elenden Lebensumstände der Arbeiter. Die Ideen zum Klassenkampf und zur klassenlosen Gesellschaft, in der alle Waren geteilt werden, bündelten Marx und Engels im «Manifest der Kommunistischen Partei» von 1848.

Danach arbeitete Marx in London viele Jahre an seinem Monumentalwerk «Das Kapital». Das England der industriellen Revolution bot ihm genug Anschauungsmaterial. Er schrieb über die Widersprüche des Wirtschaftssystems, die Ungerechtigkeiten des einseitig bei der Bourgeoisie verteilten Reichtums und darüber, dass sich die Arbeiter dagegen zur Wehr setzen müssten. Als das Werk 1867 erschien, wurde es in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Doch später berief sich manch ein Revolutionär und manch totalitäres System von St. Petersburg bis Peking und Caracas auf seine Theorien.

«Prost Karl!»

Nun wollen in Trier mehrere Sonderausstellungen Marx vom Ballast des 20. Jahrhunderts befreien. Sie wollen keine Ikone präsentieren, sondern Marx als Menschen und Macher seiner Zeit. Der Kult um Marx habe den Blick auf sein Werk verstellt, sagen die einen. Andere entgegnen, Trier habe sich erst für Marx interessiert, als man merkte, dass man mit ihm Geld verdienen kann.

So gibt es jetzt für drei Euro einen «Null-Euro-Schein» mit Marx-Konterfei zu kaufen. Im Angebot ist auch seit längerem ein roter «Karl-Marx-Wein». In Chemnitz, zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt, rösten sie Espressobohnen namens «der schwarze Karl» und brauen das Bier «MarxStädter». Nicht fehlen dürfen selbstverständlich die Marx-Büsten, Bierkrüge mit Sprüchen wie «Prost Karl» oder T-Shirts mit berühmten Zitaten wie «Proletarier aller Länder vereinigt euch!» oder «Religion ist das Opium des Volkes». Der «Fetischcharakter der Ware», über den Marx schrieb, ist anno 2018 überall.

Rotwein trank Karl Marx übrigens sein Leben lang gern. Persönlich schätzte der Urvater des Kommunismus den bourgeoisen Lebensstil durchaus. Doch er war chronisch knapp bei Kasse. «Das Geld wird abgeschafft. Ich kenn’ schon einen, der nichts mehr hat», schrieb er einmal. So konnte er nur dank der finanziellen Unterstützung seines reichen Freundes Engels am «Kapital» arbeiten und dank dessen regelmässigen Lieferungen Rotwein trinken.

  • Landesausstellung mit «Leben. Werk. Zeit.» im Rheinischen Landesmuseum Trier
  • «Stationen eines Lebens» im Stadtmuseum Simeonstift Trier
  • «Von Trier in die Welt: Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute», neu gestaltete Dauerausstellung im Museum Karl-Marx-Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung
  • «LebensWert Arbeit» im Museum am Dom des Bistums Trier

11 Kommentare zu «Die Ware heisst Karl Marx»

  • Erhard Wagner sagt:

    Die Verächtlichmachung von Karl Marx war wohl beabsichtigt, ist aber nicht gelungen. Weniger wissenschaftliche Leistung einer „Historikerin“, als kalte Kriegs Rhetorik, nicht sehr aktuell und etwas peinlich für ein Blatt wie dem Tagesanzeiger. Dabei handelt es sich bei Marx doch um einen Journalistenkollegen von der Rheinischen Zeitung.

  • Irene Sonderegger sagt:

    Karl Marx hat seinen Platz in der Geschichte als Bade-Ente gefunden.
    Wie passend!

  • Hans Heppner sagt:

    Kurios, dass mit dieser Gestalt Geld verdient wird, es zeigt, dass der Kapitalismus funktioniert. Aber moralisch bedenklich ist es schon, wenn man die geschätzten 100-150 Millionen Toten, die auf das Konto seiner Ideologie gehen, deren Angehörige und die ungezählten versklavten, gefolterten Menschen bedenkt, deren Leben er mit seinem Geschreibsel ruiniert hat…

  • zweistein sagt:

    Kurz: Karl Marx war kryptojüdisch, adelig und ein Asset des Bankenkartells – sprich ein Fake. Und Lügen müssen so oft wie möglich ‚reloaded‘ werden, um nicht als solche entblösst zu werde. Gähn.

  • Otto Guldenschuh sagt:

    «Der Fetischcharakter der Ware» ist wahrlich eine der pervesesten Auswüchse im Spätkapitalismus!
    Die Konsumenten zahlen einerseits ein irrationales Premium, damit sie ihr verkümmertes Selbstbewusstsein mit einem Markennamen aufpolieren können und gleichzeitig werden sehr viele dieser Markenprodukte unter miserabelsten Arbeitsbedingungen oft in asiatischen oder lateinamerikanischen Produktionsstätten gefertigt, welche noch voll im Manchesterkapitalismusmodus unter der Flagge der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen funktionieren!
    .
    Aber der ordinäre Konsumidiot merkt dies nicht mal und meint Karl Marx sei ein weltfremder Träumer gewesen, dabei ist es der Konsumidiot selber, der nicht viel schnallt von dieser Welt!

  • K.A. Barett sagt:

    Es ist begrüssenswert, dass man in Trier, wenn auch etwas eigennützig, Karl Marx nicht als einer Ikone huldigt, sondern als denkenden Menschen würdigt.
    Denn er war ein Mensch, den Genüssen des Lebens nicht abhold. Allein diese Eigenschaft macht ihn sympathisch. An die Umsetzung seiner Thesen muss man nicht glauben, kann man nicht glauben.

    • Ralf Schrader sagt:

      Sollte sich einmal herausstellen, dass Marx und andere grosse Denker gar keinen Menschen, sondern ausserirdische künstliche Intelligenz waren, ändert das an der Bedeutung rein gar nichts. Das Menschsein ist das mit Abstand unwichtigste an einem Ideenträger.

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