Das Autorennen, das keines sein durfte

 

So sahen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Autorennen aus: Vincenzo Lancia (l.) in einem Fiat am Vanderbilt Cup Race in New York, Oktober 1905. Foto: Photoquest, Getty Images

«Das Publikum wurde nicht müde; die Schatten der Häuser drehten und kürzten sich und verlängerten sich wieder. Die Leute blieben stehen und schauten dem fremdartigen Spiel zu.» («Neue Zürcher Zeitung», 24. Juni 1902)

Wenn die Formel E am 10. Juni in Zürich Station macht, werden Zehntausende Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet. 1902 war das nicht anders: Damals führte das Automobilrennen Paris–Wien durch Zürich und sorgte hier für grosse Aufregung. Dies, obwohl verschiedene Kantone die Durchfahrt verbieten wollten, weshalb man sich darauf einigte, die Schweizer Etappe zu neutralisieren: Das Teilstück von Belfort bis Bregenz zählte nicht fürs Klassement, und das Tempolimit wurde auf 30 Kilometer pro Stunde festgesetzt.

Im Vergleich zu den über 100 Stundenkilometern, mit denen die Rennfahrer bereits damals unterwegs waren, wirkt das äusserst bescheiden. Trotz allem wurde das Rennen, das eigentlich keines war, zur Attraktion: Autos zu sehen, reichte für die damaligen Zuschauer vollkommen aus. Bei gewissen Personen war es wohl das erste Mal überhaupt, dass sie ein Motorfahrzeug zu Gesicht bekamen, denn im ganzen Kanton Zürich verkehrten damals nur 64 Wagen.

«Autler» galten als «Staubplage»

Automobile waren ein absolutes Luxusprodukt und dienten ausschliesslich dem Vergnügen. Der Preis für ein normales Fahrzeug betrug 20’000 bis 30’000 Franken, was umgerechnet auf heutige Verhältnisse ungefähr einer Million entspricht. Kein Wunder, sorgten die «Autler», wie man die Fahrer nannte, damals nicht nur für Faszination, sondern auch für Neid und Ärger. Man warf den Autos Nutzlosigkeit vor, wegen der ungeteerten Strassen sorgten sie für eine sogenannte «Staubplage» und verursachten erstaunlich viele Unfälle. So gab es in den 1930er-Jahren trotz massiv weniger Fahrzeugen mehr Strassenverkehrstote als heute.


Filmbeitrag mit Ausschnitten des Rennens Wien–Paris von 1902.

Zudem fühlten sich die Menschen von der Strasse verdrängt. Diese entwickelte sich von einem multifunktionalen Ort, wo man arbeitete, spielte und schwatzte, zu einer exklusiven Fahrbahn. Um dem Automobil eine freie Strecke zu verschaffen, bemühte sich der ACS bereits sehr früh, Passanten und andere Verkehrsteilnehmer zu disziplinieren.

Erst die Knochen nummerieren

Die Skepsis kommt in den Zeitungskommentaren zum Rennen von 1902 deutlich zum Vorschein. Der «Tages-Anzeiger» schrieb von der «ungeheuren Raserei der Autos» und empfahl: «Wie mancher der Wettfahrer wohl gut thun würde, vor Abfahrt seine Knochen zu nummerieren!» Fotos von fahrenden Autos zu machen, gelang der «Zürcher Wochen-Chronik» nicht, «was wir keineswegs bedauern. Was wäre dabei herausgekommen? Eine Staubwolke und die Andeutung unheimlicher Fratzen, das wäre alles gewesen, und das wollen wir gerne entbehren.»

Zudem empfand man das Auto als Symbol einer neuen, hektischen Welt, die viele Menschen ängstigte. Die Motorfahrzeuge regten die Fantasie der Leute an, sodass anlässlich des Rennens verschiedene Gerüchte aufkamen. So war von einem Kind die Rede, das auf der Gertrudstrasse in Zürich von einem Auto überfahren und getötet worden sei. In Wirklichkeit wurde es jedoch nur durch ein Fuhrwerk umgestossen und «ganz unerheblich verletzt». Des Weiteren hiess es über einen Rennteilnehmer, er sei durch die Fahrt wahnsinnig geworden.

«… mit 30–40 Kilometern rasen»

Auch wenn die Rennfahrer für unsere Verhältnisse äusserst gemächlich unterwegs waren, gab das Rasen zu Kritik Anlass. Die NZZ schrieb: «Dass die Herren aber, wie es unsere Polizei vorgeschrieben, mit nur 12 Kilometer per Stunde gefahren seien, glaubt kein Mensch. Und das ist zu rügen; denn man darf durch eine verkehrsbelebte Stadt nicht mit 30-40 Kilometern rasen, wie auf der belebten Landstrasse. Sollte noch einmal so eine Fahrerei stattfinden, so wird hoffentlich unsere Polizei Mittel und Wege finden, ihrer Vorschrift auch bei solchen Blitzbesuchen Nachachtung zu verschaffen. Sonst weise man die Herren hinten um die Stadt herum!»

Wenn die Formel-E-Boliden mit einer Spitzengeschwindigkeit von über 200 Kilometern pro Stunde durch Zürich rasen, wird das dank der abgesperrten Strecke niemanden schockieren. Und ein weiterer, 1902 oft gehörter Vorwurf wird ebenso wenig laut werden: der nach dem Gestank der Rennwagen.

10 Kommentare zu «Das Autorennen, das keines sein durfte»

  • Lori Ott sagt:

    Es ist falsch zu sagen, die Rennwagen (der Formel E) würden nicht mehr stinken, denn sie tun dies zwar nicht mehr auf der Strasse auf der sie fahren, aber sehr wohl an den Orten wo die Rohstoffe für die Li-Ionen Batterien gewonnen werden.
    Die Dreckproduktion wurde einfach nach China ausgelagert, die Umweltbilanz von elektrisch betriebenen Fahrzeugen ist leider (noch?) trüb, und gibt vorerst keinen Anlass zum Jubeln.

  • Hennes Mauritz sagt:

    da hat sich ja, so wies aussieht, in den letzten 100 Jahren nicht allzu viel geändert. Es wird noch immer mit 30 kmh „gerast“ (in ZH) und noch immer ist für einige wenige das Automobil Teufelszeug. Lieber, wie die Generation der Gross-oder Urgrosseltern damals, in ihrer bewcheidenen, kleinen Welt verkehren und möglichst wenig Kontakt zu „anderen“ pflegen… Am Stamtisch poltern ist nicht mal mehr nötig, geht jetzt ja auch von zu Hause über Social Media..

  • Helmuth Meier sagt:

    Es lebe das Automobil! Es macht nicht nur Spass und lässt sich einem die Welt erschliessen. Ohne dieses gäbe es auch keine effiziente Versorgung der Menschen in Städten, Agglomeration und Randgebieten. Es hat weltweit Millionen Arbeitsplätze erschaffen und Technologien gefördert.
    Dass aber schon damals die hiesigen Stänkerer das Zepter der Skepsis angeführt haben, erstaunt nicht weiter. Back to the future … 😉

  • Anh Toàn sagt:

    Damals wurden die Menschen von der Strasse als Lebensraum verdrängt. Mit dem Siegeszug des Automobils wurden die Menschen aus den Städten in die Vorstädte gedrängt, es war kein Platz mehr für Wohnen und Spielen und Leben in den Städten, nur noch für Arbeit, Konsum, Strassen und Parkplätze: Eine moderne Stadt braucht 50 Prozent der Fläche für Strassen, und dennoch ist ständig Stau.

    Das Automobil war für die Menschen, was die Geweihe für Elche sind: Reine Symbolik der Stärke, im täglichen Leben hinderlich (die Elche verheddern sich mit ihren Geweihen im Wald, sie sind schwer) und unnütz: Aber letztlich geht es im Leben immer nur um eines: Elche haben dank grosser Geweihe mehr Sex, Männer mit Autos.

    • Jürgen Baumann sagt:

      Der absolute Witz daran ist, der Lebendsraum auf der Strasse ging verloren und wurde im Wohnraum dazu gebaut. Angeblich ist das grosser Mist. Dann gebt uns den Lebensraum draussen wieder zurück und baut Städte für Menschen. Nicht für Autos!

    • Margrit Ryssel sagt:

      @ Anh Toan: So kann nur ein Städter sprechen. Schon früher gab’s viele a(M)A-r.SCH der Welt gelegene Dörfer & Städtchen, wo manch einer froh war um die Erfindung des Autos. Hausärzte bspw., die bei Wind + Wetter Hausbesuche machen mussten. Die waren froh, kein Pferd mehr halten zu müssen & eine Fahrt im Automobil (mein Grossvater väterlicherseits besass zum Bsp einen „Adler) war weitaus komfortabler als die Fahrt mit der Kutsche bei Nässe, Nacht und Nebel.

  • Patrick Schönbächler sagt:

    „Die schnarrenden, schnurrenden und stinkenden Automobile haben letzte Woche unsern Kanton passiert. Das durch diese neueste Eselei der modernen Sportswut herbeigeführte Unglück beim Durchfahren unseres Kantons beschränkt sich glücklicherweise nur auf das Verkarren eines kleinen Hundes im Werte von Fr. 30.“ Aus dem Einsiedler-Anzeiger v. 28. Juni 1902.

  • Jürgen Baumann sagt:

    Genau. Es gibt keinen Gestank und kein Gedröhn von den vielen kleinen ineffizienten Explosionen in den Verbrennungsmotoren. Im Alltag kommt von der gespeicherten Energie in den krebserregenden Stoffen allenfalls 1/4 der Fortbewegung zu Gute. Der Rest ist sinnlose Abwärme, die an schönen Sommertagen die Stadt weiter aufheizen.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.