Was wir den Wikingern verdanken

Kultur an Bord: «Ausfahrt der Wikinger mit dem Osebergschiff» von Friedrich Jung-Ilsenheim, gemalt um 1900. Quelle: bpk

Keulen schwingende Mordgesellen, die meuchelten, was ihnen über den Weg lief oder vor den Schiffsbug kam: Das ist das gängige Bild der skandinavischen Wikinger, wie es heute ziemlich falsch überliefert ist. Die Nordländer waren ein weit entwickeltes Kulturvolk, das seinen europäischen Zeitgenossen militärisch und wirtschaftlich überlegen war.

Der vor einiger Zeit auf der Ostseeinsel Rügen gefundene Silberschatz mit mehr als 600 Objekten illustriert das «System Wikinger» anschaulich: Schmuck und vor allem Münzen, die den Handel in Schwung halten. Dieses System war so einfach wie effizient. Ein Fürst, in diesem Fall der Däne Harald «Blauzahn» Gormsson (910 –987), liess seine Krieger möglichst grosse Beute machen. Sie bestimmte seinen sozialen Rang in der Hierarchie der Stammesoberen und erlaubte ihm, seine Kämpfer feudal zu entschädigen, was ihm die Loyalität seiner Leute sicherte.

Da ihre Zeitgenossen sich von Hab und Gut nicht freiwillig trennten, kam es in jener Zeit tatsächlich zu zahlreichen Scharmützeln. Aber oftmals fügten sich die Heimgesuchten ihrem Schicksal und kamen den Forderungen der nordischen Besucher kampflos nach.

Spuren bis fast in die Schweiz

Auf diesem effizienten Prinzip gründete der materielle Erfolg der Wikinger im 9. Jahrhundert. Diesen Sachverhalt erläutert der schwedische Mittelalter-Historiker Anders Winroth in seinem Buch «Die Wikinger – das Zeitalter des Nordens». Der Autor beschreibt die nordischen Seefahrer als ein europäisches Kulturvolk, das um das Jahr 1000 die Geschichte des Kontinents bestimmte.

Anders Winroth: Die Wikinger – Das Zeitalter des Nordens. Sachbuch. Aus dem Amerikanischen von Susanne Held. Klett-Cotta, Stuttgart 2018. 368 S., ca. 29. Fr.

Aus heutiger Sicht war das Verbreitungsgebiet der Wikinger enorm: Sie zogen aus Skandinavien nach Nordamerika, über die Ostsee nach Russland und über den Kontinent bis in die Türkei. In der Schweiz sind keine Visiten der Nordleute belegt, sie kamen dem Land im Rheinland und im Rhonetal am nächsten.

Laut Historiker Winroth muss man sich die umherziehenden Wikinger als einen bunten Haufen vorstellen: «Sowohl historische als auch genetische Erkenntnisse legen es nahe, dass sie ihre Familien oft mitbrachten.» Sie siedelten etwa auf den Britischen Inseln und vermischten sich mit den Einheimischen, sodass sie gar die lokale Sprache mitprägten. Das gelispelte «th» im Englischen geht auf diese Zeit zurück.

Die Eroberer brachten Wohlstand

Der soziale Organisationsgrad der Wikinger war hoch. Sie waren in Skandinavien wie in der Fremde jeweils lokal verankert mit zahlreichen Stammesfürsten wie dem legendären Blauzahn. Eine übergreifende Struktur gab es indes nicht. Ein Wikinger in Istanbul wird von einem Blutsverwandten in Neufundland nicht einmal geträumt haben. Allerdings überzogen die Wikinger Europa mit einem weit verzweigten Handelsnetz.

Wie schlimm ein Wikingerüberfall für die Betroffenen auch gewesen sein mag: Die Eroberer eröffneten ihren Opfern neue Märkte, die nach und nach Wohlstand brachten. Die folgenden Generationen profitierten vom Wissen und den Beziehungen der vorerst ungebetenen Gäste. Denn der Handel war nach dem Ende des Römischen Reichs erlahmt. Die Wikinger verliehen den mittelalterlichen Europäern neue Impulse, was zahlreiche Ausgrabungen belegen, wie eben die neue auf Rügen.

Der Geschäftssinn der Nordleute richtete sich indes nicht nur nach Materiellem. Sie handelten wie – damals allerorts üblich – auch mit Sklaven. Das waren Gefangene, die sie als Arbeitskräfte verkauften. Oder sie gaben sie gegen Lösegeld ihrer Sippschaft zurück.

Woher kommt die schlagkräftige Etikette?

Nach dem Jahr 1000 wurden die Wikinger sesshafter. Nach und nach bildeten sich in Nordeuropa die mittelalterlichen Gesellschaftsstrukturen heraus, die auf dem Kontinent verbreitet waren. Als ihre Nachfolger gelten die Normannen, die nun mit ihren Schiffen den Kontinent heimsuchten.

Bleibt die Frage, woher die Wikinger ihr schlagkräftiges Etikett haben? Zuerst ist über historische Figuren vor mehr als 1000 Jahren oft wenig bekannt. Mehr noch: Die mittelalterlichen Chroniken beschrieben die ungeliebten Besucher gerne als Rabauken und übertrieben dabei nach Belieben. Historiker Winroth liefert ein anschauliches Beispiel dafür aus einer Quelle der westfranzösischen Stadt Nantes: «Die Heiden mähten die gesamte Menge von Priestern, Klerikern und Laien nieder.» Allerdings fügt der Chronist an «. . . ausser denen, die gefangen genommen wurden». Und das könnten ja die meisten gewesen sein.

22 Kommentare zu «Was wir den Wikingern verdanken»

  • Margrit Ryssel sagt:

    Ich weiss, dieser Kommentar erfolgt extrem verspätet (bin halt gebürtige Bernerin und von daher manchmal eine extrem langsame Denkerin).

    Aber etwas so sehr Wichtiges fehlt hier, dass ich mich auch mit massiver Verspätung nochmals zu Wort melde:
    Aus den Wikingern (den „Nord mannen) wurden die Normannen. Das ist historisch verbürgt. Die Kämpfe Anglo-Sachsen vs Normannen gewannen Letztere. Und auch in Frankreich (Normandie!) haben die zu Normannen gemauserten Wikinger historisch massiven Einfluss gehabt……….

    Mit freundlichen Grüssen
    Margrit Ryssel, zeitweilig Langsamdenkerin

  • Ernst Bütler sagt:

    Die Heimat der Wikinger war ursprünglich im zu Skandinavien (eigentlich auch heute noch) gehörenden Schleswig (Teil des deutschen Bundeslandrs Schleswig-Holstein) mit dem Hauptort Haithabu und bis weiter nach Norden

  • Anh Toàn sagt:

    Hat der IS bei den Wikinger abgekuckt?

    Sklaven machen, sich mit der lokalen Bevölkerung vermehren, nicht alle meucheln, nur ein paar als Exempel, Lösegeld erpressen, Handel treiben mit den geraubten Gütern (mitgebracht haben die ja nichts zum verkaufen). Auch dem IS fügte sich die Bevölkerung oft kampflos. Ein effizientes Prinzip. Respekt?

    • Ulrich Oswald sagt:

      Wikingisches Handelsgut waren Pelze, Trockenfisch und – fuer heute schlecht vorstellbar, aber immer noch real – Sklaven, speziell aus Ost- und Nordeuropa. Handelserloes waren orientalisches Silber und Waren von der Seidenstrasse und Indien. Vergessen wir nicht, dass Europa mit Deutschland und Frankreich vom oestlichen Mittelmeer ab dem 8. Jht praktisch abgeschnitten war. Handelskapitalismus ist auch heute ziemlich moralfrei.

  • Margrit Ryssel sagt:

    Der Hollywood-Film „Der 13. Krieger“ mit Antonio Banderas gibt den Kulturen-Clash zwischen den Wikingern und Arabern zu jener Zeit erstaunlich gut wieder.
    Auch ansonsten scheint mir dieser Film für eine Hollywoodgrossproduktion recht gut historisch recherchiert.. Natürlich: Gewisse Vorkommnisse darin sind sicher in keiner Art und Weise historisch korrekt, aber drehbuchmässig musste ja auch ein Spannungsbogen entwickelt werden…..

    Wohltuend jedenfalls ist, dass die Wikinger in diesem Film nicht als tumbe Schlächter dargestellt werden, sondern als taktisch & strategisch klug handelnde Krieger.

  • Bebbi Fässler sagt:

    Die Opiumkriege kann man den Wikingern nicht in die Schuhe schieben!

  • Ulrich Oswald sagt:

    Kiew war vor Rjurik (=Erik) nur ein kleines Kaff bestehend aus drei Doerfern mit einem Palisadenzaun darum. Solche gab es noch viele an den Fluessen, die zum Schwarzmeer fuehrten. Sollen wir uns jetzt um Wladimir und seine Nachkommen streiten oder um die Rolle der Chasaren buw die alternative Handelsroute von Konstantinopel zur Ostsee und deren spaetere Bedeutung?

  • Ulrich Oswald sagt:

    Natuerlich gibt es wikingische Verbindungen zur Schweiz, Aber nur,
    wenn man historisch ueber zwei Banden denken, bzw. spielen kann: Der deutsche Stauferkaiser Friedrich Ii war vaeterlicherseits Enkel von Kaiser Friedrich I Barbarossa, muetterlicherseits aber der Enkel des Normannen Roger II und damit Koenig. von Sizilien. (und Apulien). Als Sizilianer sprach er fliessend italienisch und arabisch und hatte freundschaftliche Verbindungen zum Orient. Es gelang ihm, den vom Papst Gregor IX geforderten Kreuzzug „sanft“ zu gestalten und wurde darum mit dem Titel „Koenig von Jerusalem“ geehrt, der bis 1802 bei den Habsburgern verblieb. Mit der Schweiz verband ihn ein. freundschaftliches und wichtiges Verhaeltnis.

    • Bebbi Fässler sagt:

      Wurde Kaiser Friedrich II wegen der laschen Umsetzung des Kreuzzuges nicht mit dem Kirchenbann belegt?

      • Ulrich Oswald sagt:

        Der Kirchenbann erfolgte, weil Friedrich lange gar nicht daran dachte, einen Kreuzzug durchfuehren zu wollen; er wurde danach wieder aufgehoben. Auch so eine Art Canossa.

  • Allan Protisil sagt:

    Gesellschaften, die auf Raub statt auf Produktion begehrter Güter gründen, können schwerlich als zivilisiert bezeichnet werden. Dazu passt, dass die Wikinger die Schrift erst rund 1500 Jahre nach den Völkern des Mittelmeerraumes begriffen haben.

    • Mark sagt:

      Man muss „die Wikinger“ genau so differenziert angehen wie „die Fussballfans“. Junge männer aus armen verhältnissen suchen reichtum um land, gut und familie zu gewinnen. Sie gehen mit dem „jarl“ auf raubzug und benehmen sich im ausland entsprechend schlecht. Mit alter, ehe und kinder kommen verantwortung, pflicht und stabilität. Die aller meisten werden wohl ganz normale eisenzeitliche leute gewesen sein.
      Als „jarl“ braucht man aber erfolg und reichtum um „die jungs“ um sich scharen zu können, welche die macht umsetzen – ählich wie bei der mafia. Denn die. wikingerzeit ging zuende als die skandinavischen könige die „jarls“ unter kontrolle brachten und für recht und ordnung sorgten.

  • Ulrich Oswald sagt:

    In Aelvdalen in Mittelschweden wird uebrigens heute noch Alt-Wikingisch gesprochen. Es werden Ferienkurse angeboten ( siehe NZZ vom 25.6.2016)

  • Ulrich Oswald sagt:

    Ich empfehle zum Thema die ausgezeichnete Hoerbuch-Vorlesungsreihe von Kenneth W. Harl von der Yale University (audible.de: The great courses Medieval History The Vikings)

  • Rudolf Küng sagt:

    „Meucheln“ heisst, jemanden heimlich, feig, hinterhältig ermorden. Sagt man das wirklich den Wikingern nach? Der Verfasser sollte sachlich bleiben und keine Wörter verwenden, die er nicht versteht.

    • Hermann Klöti sagt:

      Küng: Genauer hinsehen – der Verfasser verwendet ein Zitat!

    • Thomas Hartl sagt:

      Zumindest im Frühmittelalter hatten die Wikinger in vielen Teilen Europas schon diesen Ruf. Eine bleibende Erinnerung war für die Zeitgenossen der Überfall 793 auf die Abtei Lindisfarne an der Nordostküste Englands. Anders als im nordischen Heldenepos hatten diese Wikinger nicht das Ziel im tapferen Kampf, Mann gegen Mann, nach Walhall einzugehen, sondern mit möglichst kleinem Risiko möglichst viel zu plündern. Da trifft das Wort „meucheln“ den Tod dieser Mönche vermutlich schon.

      • Ulrich Oswald sagt:

        Pluendern war nicht das Hauptziel der Wikinger, sondern Handel treiben, Ortschaften bzw. Staedte zu gruenden (Kiew!) und und sich mit den lokalen Maedchen (aeh …) verbinden, so vor allem am Dnepr und in Schottland und Irland. In Nordfrankreich haben sie sogar die lokale Sprache uebernommen.

      • Allan Protisil sagt:

        @Oswald
        Kiew wurde nicht von den Wikingern gegründet. Diese unternahmen aber einige Raubzüge in jene Gefilde und wurden aber von den reichen russischen Handelsstädten in der Region gerne als Söldner angeworben.

  • Paul F Reichmann sagt:

    Gute geschriebene geschichtliche Abhandlung – bravo!

    Und die Moral der Geschichte: Oft braucht es 1000 Jahre bis sich der Nebel in den Köpfen der Zeitgeist-Historiker gelichtet hat. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ganz im Gegenteil: Im Jahr 3000 werden sich die Erdbewohner den Bauch halten vor Lachen, falls sie vom sogenannten „Bürger“-krieg in Syrien aus dem Jahr 2018 und den Quellen der vormaligen Qualitätspresse noch lesen sollten. Daher meine Bitte: Vorzugsweise weiterhin nur Geschichtsbetrachtungen bis zum Jahr 1000 – das schont die Nerven :-)))

    • Jessas Neiau sagt:

      Und selig sind die, welche den jeweils gerade zeitgenössischen Deutungen von tausend Jahre alten Ereignissen ihren Beifall nicht versagen können. Immerhin hat noch jede Zeit von sich behauptet, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und es besser zu wissen als alle vor ihnen, welche näher an den Geschehnissen dran waren. Hauptzweck dabei war immer derselbe: Mit der (moralischen) Deutungshoheit über die Vergangenheit diejenige über die Zukunft zu erlangen.

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