Über den Untergang der Arten

Das letzte Männchen seiner Art: Sudan, Nördliches Breitmaulnashorn, mit seinem Betreuer. Foto: Nichole Sobecki («Washington Post», Getty Images)

Irgendwann im 17. Jahrhundert verschwand der europäische Auerochse im Osten. Die Gründe sind diffus, vielleicht schränkte der Mensch die Weidefläche ein, was angesichts der polnischen Weite aber unwahrscheinlich erscheint. Die Tiere wurden auch gejagt, aber nur vereinzelt, und in der Brunftzeit meuchelten sich die Bullen in ihren Kämpfen gegenseitig. Wie auch immer: Das Schicksal der Auerochsen war im 17. Jahrhundert besiegelt. Die Tiere erfuhren ein Ende wie unzählige andere Arten davor und danach.

Am Ende des Zyklus: Europäischer Auerochse, Darstellung von Siegmund von Herberstein, 1556 (Bild: Wikimedia Commons)

Dieses Frühjahr war nun das Nördliche Breitmaulnashorn an der Reihe. Wildhüter töteten das letzte männliche Exemplar namens «Sudan», weil es unter Altersschwäche litt; zwei weibliche Tiere sollen noch am Leben sein. Selbst wenn sie sich mit eingefrorenem Samen künstlich befruchten liessen, ist das Nördliche Breitmaulnashorn wohl Geschichte.

Wie immer in solchen Fällen sollen die Menschen auch schuld am Aussterben dieser Unterart der Nashörner sein: Abergläubische Asiaten schätzen angeblich ihre Hörner als natürliches Viagra. Die Meldung vom Ende «Sudans» löste bei manchen zivilisationsmüden Zeitgenossen ein schlechtes Gewissen aus – denn der Mensch fühlt sich gerne an allem schuld.

Literarischer Grabstein

Aber mit oder ohne Mensch kommen und gehen Tiere wie Pflanzen auf dieser Erde: Zahlreiche Arten sind nur noch in der Form von Skeletten erhalten, die offenkundigsten Beispiele sind Riesenechsen oder das Mammut. Einzelne leben noch in der menschlichen Fantasiewelt weiter, etwa die Dinosaurier oder – niedlicher – der hübsche Dodo, ein Vogel, der auf Mauritius lebte und in der unvergesslichen Erzählung «Alice im Wunderland» von Lewis Carroll einen literarischen Grabstein fand.

Träge: Gemälde eines Dodos, 1907. (Bild: Wikimedia Commons)

Gerade dieses Beispiel zeigt, wie komplex die Sache mit dem Aussterben ist: Das irdische Dasein der Dodos besiegelten wahrscheinlich Ratten, die wiederum von Seefahrern auf die Insel eingeschleppt wurden. Denn die trägen Vögel konnten nicht mehr fliegen. Auch die Menschen schnappten sich Dodos zum Verzehr, die hungrigen Seeleute wollten im 18. Jahrhundert ja nicht darben.

Diese Schicksalsgeschichte ist nicht einzigartig; Das Ende des St.-Helena-Riesenohrwurms ist vergleichbar. Diese Ohrwürmer wurden seit den 1960er-Jahren auf der Atlantikinsel nicht mehr gesehen, weil ihnen der St.-Helena-Wiedehopf ein Ende bereitete. Dieser Insel-Vogel seinerseits ist bereits Evolutionsgeschichte, denn er soll ebenfalls von Ratten weggeputzt worden sein, die der Mensch eingeschleppt hatte.

Mondnagelkänguru: Zeichnung von John Gould, «Mammals of Australia», London, 1863. (Bild: Wikimedia Commons)

Wer die Liste ausgestorbener Tiere durchgeht, erkennt, dass vor allem Tierarten auf Inseln gefährdet sind. Diese waren offenkundig den menschlichen Neuankömmlingen besonders ausgeliefert und konnten sich in vielen Fällen nicht den veränderten Lebensbedingungen anpassen.

Warum schleppten die Europäer Marder ein?

Die Kolonialisierung Australiens etwa veränderte die Fauna nachhaltig: Tiere mit so schönen Namen wie Hasenkängurus, Mondnagelkänguru oder Wondiwoi-Baumkänguru (Neuguinea) sind allesamt verschwunden. Die Europäer meuchelten sie nicht, aber sie brachten Marder und Füchse mit, die den Beuteltieren den Garaus machten. Rätselhaft ist dabei allerdings, was sich ein britischer Ankömmling so gedacht haben mag, wenn er ein Marderpaar im Gepäck hatte.

 

Inseln als Risiko: Tasmanischer Beutelwolf, Aufnahmen des letzten Exemplars im Zoo von Hobart, 1933.

In andern Fällen ist die Sachlage nicht so klar: Vom Nullarbor-Bürstenkänguru ist nur Knochenmaterial bekannt; diese Tiere könnten vor oder nach der australischen Kolonialisierung durch die Europäer verschwunden sein. Was immer die Geschichte einer verschwundenen Spezies sein mag: Offenkundig vermochten sich die Verwandten der verschwundenen Kängurus an die veränderten Lebensbedingungen besser anzupassen.

Der deutsche Erfolgsautor Peter Wohlleben hat sich als Förster intensiv mit den Veränderungen der Natur befasst. Den Elefanten sei es «wurscht, wenn sie verschwinden, aber sie wären ein emotionaler Verlust für die Menschen». Wohlleben kommt im Gespräch zum Schluss: «Ein ununterbrochen schlechtes Gewissen ist schlimm, damit verliert man die Lust an der Verbesserung.» Es gebe kaum menschliche Interventionen, die der Natur tatsächlich helfen: «Man kann nicht die Natur dauerhaft kaputt machen, nur unseren Lebensraum zerstören.»

17 Kommentare zu «Über den Untergang der Arten»

  • Jürg Brechbühl sagt:

    Ich finde es reichlich fahrlässig, wenn man einen Anglisten (Englischwissenschaftler) über Evolution, Artensterben, interspezifische Konkurrenz, Populationsdynamik, Rückkoppelungen in Ökosystemen, Zerschneiden von Arealen, Veränderung von Lebensräumen referieren lässt – wobei dieser Anglist vermutlich keinen einzigen dieser Begriffe im Griff hat, sondern vielmehr dem äusseren Anschein von dem folgt, was die meisten sowieso zu wissen scheinen – so als Verballhornung von WWF-Heftli-Wissen.
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    Hat diese Zeitung keine Fachleute zur Hand?
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    Jürg Brechbühl, Eggiwil, Diplombiologe UniBE

  • Rolf Mäder sagt:

    Allerhöchstwahrscheinlich wird der Mensch an seiner eigenen Ausrottung selber schuld sein.

  • Bruno Michel sagt:

    Wollte noch das sagen: die Ausrottung der Arten begann schon in der Bibel! Nämlich als Noah nach der Sintflut Tiere opferte…

  • Röschu sagt:

    Für Interessierte empfehle ich zu diesem Thema den Roman „When the Killing’s Done“ von T.C. Boyle (deutsche Übersetzung: „Wenn das Schlachten vorbei ist“). Die Geschichte ist natürlich Fiktion, regt aber dennoch im einen oder anderen Punkt zum Nachdenken an.

    • Bruno Michel sagt:

      Doch, doch, der Dodo wurde vom Mernschen direkt ausgerottet, weil als Nahrungsmittel gejagt bis zum letztzen Stück!

  • Sämi Schär sagt:

    Ein Artikel der es sich einfach macht. Was für eine Spitzfindigkeit: Es war nicht der Mensch der zum Aussterben des Dodos geführt hat, sondern vom Menschen eingeführte Ratten… Dem Applaus der Konsumgesellschaft kann sich der Autor jedenfalls sicher sein.

  • Sama Moldowan sagt:

    Der im 16. Jahrhundert ausgestorbene St. Helena-Wiedehopf ist also „schuld“ am Aussterben des Riesenohrwurms 350 Jahre später?
    Niedlich und hübsch hat den Dodo übrigens noch nie jemand genannt und warum Briten Marder (v.A. Frettchen) nach Australien brachten ist bekannt (gegen die eingeschleppte Kaninchenplage).
    Der Auerochse wurde erst vereinzelt gejagt, als es nur noch vereinzelt Exemplare gab – er wurde wie die wilden Pferde und Wisente in grosser – sehr grosser Zahl – bejagt. Und was gelegentliche tödliche Zwischenfälle bei den Rangkämpfen unter den Stieren mit dem Aussterben zu tun haben, ist mir auch ein Rätsel…
    Ein Anglizist befasst sich mit Sprache, er sollte sich nur mit Naturwissenschaft und Populationsbiologie befassen, wenn er auch Ahnung hat.

  • Margrit Ryssel sagt:

    Wir vergessen manchmal, dass die Menschheit nichts weiter ist als eine unter vielen anderen biologischen Gattungen auf diesem Planeten. Eine sehr junge Gattung mit einem hohen Selbstzerstörungs-Potential und hoher Anfälligkeit für globale Virenzüge.
    .
    Dazu ein Witz:

    Die Erde trifft einen anderen Planeten und beginnt auf die Frage „Wie geht’s?“ zu jammern: “ Ach, ich fühl mich krank. Ich bin überhitzt, meine Meere sind unglaublich verschmutzt, sogar meine Polkappen beginnen zu schmelzen und die Luft wird auch immer schlechter…“ Da meint der andere Planet: „Oh – das klingt ganz nach Homo Sapiens. Kenn ich. Mach Dir deswegen keinen Kopf. Die Spezies erledigt sich von alleine!“

  • Daniela Pauli sagt:

    Dieser Beitrag erweckt den Eindruck, beim aktuellen Artensterben handle es sich um eine ganz natürliche Angelegenheit. Nur verschweigt Herr Hürzeler, dass die heutige Aussterberate 1000x höher ist als die natürliche Rate. Die Wissenschaft spricht inzwischen vom 6. Massenausterben und zeigt klar, dass dafür der Mensch verantwortlich ist: Er rottet Arten aus, zerstört ihre Lebensräume oder beeinträchtigt sie massiv, führt invasive Arten ein und verändert das Klima. Das ist einerseits schade, weil mit jedem Aussterben ein Ast des in Jahrmillionen entstandenen Lebensbaums unwiederbringlich verloren geht. Und gefährlich dazu, weil damit die Robustheit der Ökosysteme bröckelt, wie der Weltbiodiversitätsrat @IPBES kürzlich gezeigt hat. Ausgestorben wird auch in der CH: http://www.biodiversity.ch/hotspot

  • Sandra Müller sagt:

    Eh ja, ein Anglizist schreibt über das Artensterben.. Reichlichg wirr das Ganze.. Und wer ist denn nun Schuld am aussterben des Breitmaulnashorns? Und an fast allen anderen aufgezählten Beispielen? Aber ja, die Dinos sind auch ohne uns ausgestorben! Ein weiterer Artikel der die Message zu verbreiten sucht: He ist nicht so schlimm, wir machen das schon gut, wir Menschen. Hauptsache wir sind zufrieden und das Bruttosozielprodukt steigt.

  • Michael Berger sagt:

    Dieser Kommentar ist sehr schwach. In allen genannten Fällen, waren es die Menschen bzw. die mitgebrachten Tiere, welche zum Aussterben führten. Natürlich sterben auch unabhängig vom Menschen hin und wieder Tiere aus, bei Katastrophen auch eine grosse Menge. Aktuell aber ist der Mensch eben diese Katastrophe. Da soll er sich durchaus ein schlechtes Gewissen machen und etwas ändern.
    Wohllebens Aussage, dass es den Elefanten Wurscht sei, auszusterben, halte ich für groben Unfug. Im Sinne eines bewussten Gedankens stimmt das natürlich, da Elefanten kein klares Konzept von Aussterben oder auch vom individuellen Sterben haben, ebenso wenig wie alle anderen Lebewesen ausser dem Menschen. Biologisch gesehen versucht aber jedes Lebewesen zu überleben und sich fortzupflanzen.

    • Hotel Papa sagt:

      „oder auch vom individuellen Sterben “ Genau dieses ist bei Elefanten bereits zweifelhaft, wenn man gewisse Verhaltensweisen im Zusammenhang mit dem Tod betrachtet.
      Sie scheinen durchaus eine Vorstellung davon zu haben, was „Tod“ bedeutet.

  • Hotel Papa sagt:

    «Man kann nicht die Natur dauerhaft kaputt machen, nur unseren Lebensraum zerstören.»
    Wobei das Massensterben, das die ungezügelte Vermehrung des Homo Sapiens (?!) eingeläutet hat, darauf hinweist, dass wir dabei sind, ebendieses zu tun.
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    Die 99-te Generation Vibrio Cholerae sieht keinen Grund, ihr Verhalten zu ändern, das sich bisher so gut bewährt hat: vermehren! Die 100-ste bringt dann den Wirt und damit auch die Bakterien-Population um.
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    Man sollte meinen, der Mensch habe etwas mehr Voraussicht als ein Bakterium. Ist offenbar ein Trugschluss.

  • Michael sagt:

    Guter Artikel, nur fehlt mir hier doch der Hinweis aus nicht allzulanger Vergangenheit über die Dezimierung des Büffels in Nordamerika. Das war damals ähnlich wie bei den Tiger-Safaris in Afrika, wo man die Tiere einfach abgeknallt hat.
    Wobei man bei den Amerikanern den perfiden Hintergrund nicht vergessen darf, das der weisse Mann die Büffel auch deswegen abgeschossen hat, um dem roten Mann seine Lebensgrundlage zu entziehen. Schliesslich wollte der Weisse das Land der Roten haben, und das kostenlos !

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