Wer nahm Martin Luther King ins Visier?

Martin Luther King am 3. April 1968 auf dem Balkon des Lorraine Motel in Memphis, etwa dort, wo er erschossen wurde. Foto: AP/stf

Etwas verbindet die Ermordung von John F. Kennedy 1963 und die Ermordung von Martin Luther King fünf Jahre danach: Beide Male schaffte es ein kleiner Hallodri, mit seiner Tat den Vereinigten Staaten und der ganzen westlichen Welt einen Schlag zu versetzen.

Im Fall von Martin Luther King hiess der Nobody James Earl Ray, geboren 1928, ein entlaufener Sträfling. Am 4. April 1968 tötete Ray die stärkste Stimme der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, jenen sanft dröhnenden Baptistenprediger, der vier Jahre zuvor den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Der Fernschuss, abgefeuert von einem Gästehaus beim Lorraine Motel in Memphis, war sofort tödlich. Das Motiv: Rassismus. Knapp ein Jahr später wurde James Earl Ray für den Mord an Dr. King zu 99 Jahren Zuchthaus verurteilt.

So weit die offizielle Darstellung.

Noch etwas verbindet den Fall mit dem Kennedy-Mord: Bis heute grassieren zahllose Zweifel an der amtlichen Version. Stetig tauchen Deutungen auf, wer der wahre Killer gewesen sein könnte, oder dass hinter dem verhafteten Strolch ganz andere Mächte standen.

Er gestand, er widerrief

Denn in der Tat: Konnte es wirklich sein, dass ein kleiner Gauner von Kalifornien nach Tennessee reiste, sich dort ein Remington-Gewehr verschaffte, den berühmten Mann abpasste und ihn ohne akuten Beweggrund erschoss? Nach einigen Raubüberfällen verurteilt, war Ray längst zur Fahndung ausgeschrieben – aber dann konnte er nach dem Mord rasch einen gefälschten kanadischen Pass auftreiben. Damit schaffte er es bis nach England – in London wurde Ray schliesslich verhaftet.

Zurück in Amerika, legte er ein Geständnis ab. Wenig später widerrief er es. Danach blieb er bis zu seinem Tod 1998 dabei, dass er unschuldig sei beziehungsweise als Sündenbock missbraucht worden war.

«Ich würde einen Lügendetektor-Test machen»: Befragung von James Earl Ray, 1976.

Er hatte starke Befürworter. Die Familie von Martin Luther King anerkannte das Urteil nie. Sie strengte sogar 1998 einen Zivilprozess an, der Rays Unschuld beweisen sollte – und bekam von der Jury eines Gerichts in Tennessee recht (zum Transkript des Prozesses).

Nur wurde dieses Urteil dann vom Justizministerium kassiert. Was das Misstrauen bloss weiter anheizte.

Denn nach so unerhörten, verblüffenden und weltbewegenden Taten fällt die Vorstellung schwer, dass das alles nur banal gewesen sein soll – ein stupides kleines Verbrechen, mehr nicht? Also sucht man nach einer weiteren Dimension. «Es gibt ausführliche Beweise für eine grössere Verschwörung auf hoher Ebene zur Ermordung meines Gatten», kommentierte Coretta Scott King, die Witwe, das Urteil von Tennessee.

Vom FBI zum Ku-Klux-Klan

Und in der Tat fehlte es nicht an machtvollen Organisationen, denen Martin Luther King im Wege war. So etwa – ausgerechnet – das FBI, das die Tat aufklären sollte: J. Edgar Hoover, der FBI-Direktor jener Epoche, erachtete King als «abnormal moral imbecile», und inzwischen aufgetauchte Briefe belegen, dass er zumindest den Ruf des Bürgerrechtlers zerstören wollte. Unter Verdacht gerieten weiter die amerikanische Regierung, Präsident inklusive. Oder der Ku-Klux-Klan. Oder andere Organisationen der «White Supremacy».

«Woche des Schocks»: Titelblatt des Nachrichtenmagazins «Life» vom 12. April 1968.

Im Jahr 1993 meldete sich dann ein Mann namens Loyd Jowers beim Fernsehsender ABC: Er hatte einst neben dem Tatort in Memphis ein Grill-Restaurant geführt, nun behauptete er zur besten Sendezeit, den Mord organisiert zu haben. Im Auftrag eines örtlichen Mafiabosses und für 100’000 Dollar habe er einen Polizisten als Schützen engagiert. Wobei am Ende höhere Mächte hinter dem Projekt gestanden seien – wohl aus Washington. Der zuständige Staatsanwalt weigerte sich allerdings, den spektakulären Ball aufzunehmen: Die Aussagen dieses Zeugen seien allzu konfus. Jowers’ Kinder meinten später, der alte Mann habe wohl einfach auf einen lukrativen Filmvertrag gehofft.

Und so ist heute, fünfzig Jahre danach, eines klarer denn je: Der Mord an Martin Luther King wird wohl nie ganz gelöst werden. Die Hintergründe der Tat sind zur Glaubensfrage geworden, auch zu einem Test für die Glaubwürdigkeit des Staates. Und um den ist es bekanntlich heute schlechter bestellt als selbst 1968.

6 Kommentare zu «Wer nahm Martin Luther King ins Visier?»

  • Anh Toàn sagt:

    1968 war Martin Luther nicht mehr sehr populär. Spätestens 1965 mit der Ermordung von Malcolm X radikalisierte sich die schwarze Bürgerrechtsbewegung. Der von Luther propagierte Weg des gewaltlosen Widerstandes, zivilen Ungehorsams traf den Nerv der farbigen Bevölkerung nicht mehr. Grosse Organisationen handeln, von ihrem verqueren Weltbild ausgehend, rational: Die Ermordung von King durch reaktionäre Organisationen wie FBI oder KKK wäre sinnlos gewesen. Nutzen hätten allenfalls die radikalen Organisationen (Black Power, Black Panther &Co.) aus der weiter angestachelten Wut ziehen können. Aber das Triviale ist viel wahrscheinlicher, es ist eben gewöhnlich, passiert laufend: Lady Di, John Lennon, Malcolm X, JFK, Jo Cox, wie langweilig.

  • Jack Stoffel sagt:

    Meier: Artikel nicht gelesen, Thema verfehlt oder Pro-Putin-Troll?

  • Paul Meier sagt:

    Sind wir doch ehrlich – weder bei Kennedy oder King was ein „Halodri“ am Werk – da gibt es bei beiden Taten zuviele Ungereimtheiten… Die CIA und das FBI waren noch nie verlegen um verdeckte Operationen. Es würde nicht überraschen wenn das auch beim laufenden Gift Skandal in London der Fall wäre… Der Nato schwimmen in der Ukraine die Felle davon (mit Poroschenko hat man auf ein ganz falsches Ross gesetzt….) also muss die Nato die Russen sonst in den Senkel stellen können. Die CIA hat das russische Gift bestimmt auch, also los. Anders ist es nicht erklärlich, dass soviele Nato Staaten so rasch gegen die Russen vorgingen, obwohl sie überhaupt nicht betroffen waren…. Da kommt noch was auf uns zu!! Der kalte Krieg lebt offensichtlich immer noch

    • herbert meier sagt:

      grad ein wenig viel verschwörungstheoretisches für den mittwochnachmittag….

      • Ronny Schweiger sagt:

        Nein Traurig genug, dass ist echt sehr wahrscheinlich .
        Russisches und Amerikanische Geheimdienste wie auch ihre Regierungen sind doch keine saubere Organisationen.

Kommentar

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