Wie das Schweizer Team die Olympischen Spiele verpasste

Der australische Athlet Ron Clarke trägt die Fackel an der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 1956 in Melbourne. Die Schweizer Olympiadelegation war abwesend. Foto: Keystone/Getty Images

Als am 4. November 1956 sowjetische Truppen den Volksaufstand in Ungarn niederwalzten, gingen in der Schweiz die Emotionen hoch wie kaum je zuvor. Es kam zu Protesten und Demonstrationen, aber auch zu einer Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Studenten organisierten Hilfsgütertransporte an die ungarische Grenze, Schulkinder strickten Decken und schickten Schokolade an ungarische Schulkameraden. Wer in der Schweiz Kommunist war, wurde geächtet, verlor oftmals die Stelle, wurde manchmal sogar körperlich angegriffen. Das Jahr 1956 markierte in der Schweiz den Höhepunkt des Antikommunismus.

Kurz nach dem Einmarsch, am 22. November, begannen die Sommerspiele 1956 in Melbourne. Alle Vorbereitungen für die Schweizer Olympiadelegation waren getroffen, die Tickets bei der Swissair gebucht. In der Wut über die sowjetische Intervention kam aber die Forderung nach einem Boykott auf: Schweizer Sportler dürften nicht «die Hand kommunistischer Athleten in Melbourne schütteln», fanden viele.

«Olympischer Waffenstillstand»

Es folgten Krisensitzungen der verschiedenen Sportverbände, des Schweizerischen Olympischen Komitees (SOK), aber auch des Eidgenössischen Politischen Departements, also des Aussenministeriums. Das SOK schlug Aussenminister Max Petitpierre vor, die Schweiz solle sich für einen «olympischen Waffenstillstand» einsetzen, wie das die griechischen Stämme schon im 9. Jahrhundert vor Christus praktiziert hatten. Das hätte gut ins Konzept der schweizerischen Aussenpolitik gepasst, die damals stark die Werte der Solidarität und der Guten Dienste betonte.

Allerdings wäre es seltsam gewesen, wenn die Schweiz einen olympischen Waffenstillstand vermittelt hätte, damit die ungarischen Sportler teilnehmen könnten, während es zugleich Bestrebungen gab, selber nicht mitzumachen.

Ein Röstigraben tat sich auf

Die Sportfunktionäre mit einer gewissen Nähe zum SOK waren strikt gegen einen Boykott: Lausanne war ja der Sitz des Internationalen Olympischen Komitees, und die Stadt hatte sich um die Sommerspiele 1960 bemüht, wenn auch erfolglos. Auch Vertreter der Wirtschaft fanden, die Schweiz solle nach Melbourne fahren. Denn damals war Politik zuerst Aussenhandelspolitik, und da wollte man es sich mit niemandem verscherzen. Demgegenüber trat der Eidgenössische Turnverband, der eher militärisch geprägt war, vehement für einen Boykott ein.

Das Aussenministerium wollte keine Empfehlung abgeben. Generalsekretär Alfred Zehnder meinte aber, man solle sich nicht absondern und sich an andere westliche Nationen anlehnen – also fahren. Westschweizer Verbandsvertreter waren im Gegensatz zu etlichen Deutschschweizern entschlossen gegen einen Boykott; es tat sich ein Röstigraben auf. In der Tat war der rabiate Antikommunismus vor allem ein Deutschschweizer Phänomen, währenddem in der Romandie sogar bürgerliche Politiker Kommunisten gegen Anfeindungen in Schutz nahmen.

Wer mass die Zeit? Schweizer Uhren

Der stark antikommunistische Turnerverband meinte, Sportwettkämpfe gegen die Sowjets auszutragen, sei eines Schweizers unwürdig. Sechs andere Sportverbände wollten im Gegensatz dazu aber teilnehmen. Alle oder keiner, entschied darauf das SOK.

Das passte Avery Brundage, dem amerikanischen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, gar nicht. Nach seiner Intervention beschloss das SOK am 11. November, dass nun doch 30 Athleten aus den sechs Verbänden teilnehmen dürften, nicht aber die 13 Turner. Bei diesem Entscheid betonte man die wirtschaftliche Bedeutung einer Teilnahme, insbesondere für die Uhrenindustrie, die an der Zeitmessung in Melbourne beteiligt war.

Der erste echte Olympia-Boykott

Die Koffer waren gepackt, die Uniformen der Teilnehmenden geschneidert, das Material vorbereitet. Doch dann zeigte sich: Die Flugtickets für den Swissair-Flug waren nicht mehr gültig. Die Sport- und Politfunktionäre hatten zu lange debattiert, und das vorgesehene Flugzeug war in der Zwischenzeit der UNO für andere Zwecke zur Verfügung gestellt worden. Was in der Legendenbildung zu einem Boykott wurde, war bloss ein verpasster Flug.

Olympische Geschichte: Der Film des IOK über die Spiele in Melbourne 1956

Tatsächlich boykottiert wurden die Spiele von den Niederlanden und Spanien. Daneben blieben Ägypten, der Libanon und der Irak wegen der Suez-Krise den Spielen fern. China fehlte, weil Taiwan zugelassen wurde. Melbourne erlebte tatsächlich den ersten echten Olympia-Boykott.

Direkte Folgen hatte das Abseits der Schweizer Olympiadelegation nicht. «Doch im Zeichen des kälter werdenden Kalten Krieges diskutierten die Schweizer Sportverbände intensiv über die Teilnahme an Sportwettkämpfen, an denen Teams aus dem Ostblock beteiligt waren», meint der Historiker Christian Koller, Direktor des Sozialarchivs in Zürich. «An internationalen Turnieren sollten Schweizer Sportler teilnehmen können», sagt er, «doch bilaterale Kontakte lehnte man ab.»

Trotzdem im Medaillenspiegel

Die Schweizer kalten Krieger lehnten Anfang der 1960er-Jahre nicht nur sportliche, sondern auch kulturelle und teils wirtschaftliche Kontakte zur Sowjetunion und den Staaten des Ostblocks ab. Ihr Argument: Durch deren hervorragende sportliche und kulturelle Leistungen könnte es gelingen, das Schweizer Publikum für die Ideen des Kommunismus zu gewinnen.

In den Annalen der Spiele von 1956 tauchte die verhinderte Schweiz dennoch im Medaillenspiegel auf: Die helvetischen Dressurreiter holten die Bronzemedaille im Mannschaftswettbewerb. Ihr Glück: Die Reiterspiele hatten bereits im Juni in Stockholm stattgefunden.

6 Kommentare zu «Wie das Schweizer Team die Olympischen Spiele verpasste»

  • Rolf Zach sagt:

    Beim Ungarn-Aufstand ging es in der Schweiz eigentlich nicht um das Schicksal der Ungarn als solche. Sondern es ging um Schweizer Politik. Vergessen wir nicht, dass 1956 nach dem Rücktritt von Max Weber 1954 kein Sozialdemokrat mehr im Bundesrat war. Die SP war seit 1943 zum ersten Mal mit Nobs im Bundesrat vertreten. Viele im bürgerlichen Lager hofften, dass die SP nicht mehr in den Bundesrat zurückkommt, was dann 1959 trotzdem mit 2 Mitgliedern erneut geschah. Auch konnte sehr gut der Einfluss der Nazis auf die viele Rechte im bürgerlichen Lager unter den Tisch gekehrt werden.

  • Othmar Riesen sagt:

    Die Vergangenheit ist ein fernes Land. Dort herrschen andere Sitten und Gebräuche.

  • Alexander Dernburg sagt:

    “der ungarische Volksaufstand von 1956“ – damals griff nicht das “ungarische Volk“ zu den Waffen. Sondern sein Rechtsaussenflügel, die geistigen Vorfahren des heutigen autoritär regierenden Nationalisten Orban.
    .
    Der Hintergrund: Von nationalistischen Grossmachtträumen beseelt, beteiligte sich Ungarn an Hitlers Seite am Überfall auf Russland. Über 800’000 Ungarn kämpften in Russland, begingen brutalste Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung. Sogar die SS war geschockt vom Verhalten der Ungarn. Nach 1945 verloren all die ungarischen Nazis ihre Posten und Einfluss. 1956 sahen sie die Gelegenheit, sich an die Macht zurückzuputschen.

    • Rolf Zach sagt:

      Ja, wissen Sie, man kann schnell bei einem Staat wie Ungarn, dass vor 1918 zur Donaumonarchie zählte, Scheußlichkeiten finden. Das Gleiche betrifft auch seine Feinde. Ungarn wollte auf seinem Gebiet ein Nationalstaat werden. Im Frieden von Trianon 1918 haben dann die Alliierten dafür gesorgt, dass die Rumänen an den Ungarn das antun konnten, was die Ungarn vorher ihnen angetan haben.
      Das Verhältnis zwischen Ungarn und Rumänen war beinahe so schlimm wie zwischen Türken und Armenier, nur hatten die Rumänen die intelligenteren Politiker.
      Was Sie über die 800’000 Ungarn schreiben, stimmt so nicht, es waren höchstens 250’000 Soldaten gegen die UdSSR. Die Ungarn verloren die ganze 2. Armee. Das gleiche Schicksal wie die deutsche 6. Armee, nur schwieg man es in Ungarn tot.

      • Rolf Zach sagt:

        Ungarn war sicher scheußlich zu seinen Juden, die übrigens so schlimme ungarische Nationalisten waren, wie die Ungarn selbst. Aber richtig austoben konnten sich die ungarischen Nazis (Pfeilkreuzler) erst richtig nach dem Sturz von Horthy, denn Ungarn wurde von den Deutschen besetzt, damit diese nicht ins sowjetische Lager abwandern konnten wie die Rumänen. Wie immer machten es die Rumänen geschickter im Umgang mit den Weltmächten als die Ungarn.
        Was Sie über den Aufstand von 1956 schreiben ist ein bösartige Verleumdung. Sie sollten selbst einmal die ungarischen Kommunisten von 1945 bis 1956 erlebt haben. Mit Ausnahme von Imre Nagy hat Stalin die miesesten Gestalten davon als Herrscher nach Budapest geschickt. Rákosi, der Jude war, was heute noch Antisemiten
        benützen für Ihren Hass.

  • Ursula sagt:

    Ein wirklich interessanter Kommentar – würde leider heute nicht mehr passieren!

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