Die politischen Stämme Europas

History Reloaded

Der Brexit-Entscheid der Briten wurde mit Stammesdenken erklärt. Foto: Jay Shaw Baker

Nationalisten gegen Internationalisten oder auch das Volk gegen die Eliten: Globalisierung und Digitalisierung legen soziale Konflikte offen und bedrohen den Zusammenhalt von Gesellschaften. Rivalisierende politische Gruppen liefern sich Glaubenskämpfe voller Feindseligkeiten. Und Fakten verlieren an Bedeutung. Manche Zeitdiagnostiker sprechen von einem zivilisatorischen Rückschritt. «Wir fallen in ein Stammesdenken zurück», sagt zum Beispiel David Bosshart, Chef des Schweizer Thinktanks GDI, der am 22. Januar 2018 eine Konferenz über die «Rückkehr der Stämme» veranstaltet.

Ein zentrales Merkmal von Stämmen ist das Wirgefühl, das durch gemeinsame Erfahrungen und emotionalen Austausch untereinander entsteht. «Moderne Stämme werden vor allem durch Gefühle getrieben», wie Bosshart erklärt. «Geteilte Emotionen verbinden: Daran hat sich seit den Jägern und Sammlern nichts geändert.»

Wir gegen die anderen

Stämme grenzen sich gegen eine als feindlich empfundene Umwelt ab. Sie vermitteln Zugehörigkeit und Identität. Das Resultat ist eine zweigeteilte Welt: wir gegen die anderen. Eine Haltung, wie sie Populisten, Separatisten und Nationalisten verbreiten. Stammesbildung geht aber über das Politische hinaus, wenn etwa die IT-Community des Silicon Valley oder die Superreichen als eigene Stämme betrachtet werden.

In den USA ist der neue Tribalismus schon vor der Präsidentschaftswahl von Donald Trump mit seiner «America First»-Rhetorik erforscht und debattiert worden. Soziologen beschrieben etwa die fortschreitende Aufsplitterung der Gesellschaft in sich voneinander abschottende Gemeinschaften, die einander nichts zu sagen haben und die keine Ahnung voneinander haben. Forscher in den USA und Grossbritannien ermittelten zudem Twitter-Tribes mit eigenen Kommunikationsweisen, die sich von anderen Stämmen unterscheiden. Gerade Internet und Social Media haben die Rückkehr des Stammesdenkens befördert (Stichwort: Filterblase).

Mit Stammesverhalten haben einige Experten den Brexit-Entscheid der Briten erklärt. David Goodhart, Publizist und Leiter der Demografie-Abteilung des Thinktanks Policy Exchange, sprach von zwei rivalisierenden Lagern: den lokal verwurzelten «Somewheres», die für den EU-Ausstieg stimmten, und den global orientierten «Anywheres». Goodharts Erklärungsansatz fand später sogar Eingang in die «Citizens of Nowhere»-Rede der britischen Regierungschefin Theresa May.

Mit Blick auf den EU-Raum hat der britische Thinktank Chatham House die politischen Haltungen der Bevölkerung aus einer Stammesoptik untersucht. Gemäss der kürzlich veröffentlichten Studie «Europe’s Political Tribes: Exploring the Diversity of Views Across the EU» gibt es derzeit in der EU sechs politische Stämme, die über nationale Grenzen hinweg ähnliche Meinungen und Lebenserfahrungen teilen.

  • Zögerliche Europäer (36 Prozent): Tendenziell sind sie stolz, Europäer zu sein, haben aber ernsthafte Probleme mit der EU. Sie wollen eine gewisse nationale Souveränität zurück und haben Vorbehalte gegenüber der Einwanderung. Politisch sind sie in der Mitte angesiedelt. Besonders häufig stehen sie der EU gleichgültig gegenüber.
  • Zufriedene Europäer (23 Prozent): Sie sind optimistisch und mit dem Status quo im Grossen und Ganzen zufrieden. Viele Mitglieder dieser Gruppe sind jung und überwiegend sozialliberal eingestellt. Häufiger als anderen Gruppe bewerten sie das Machtverhältnis zwischen der EU und den Mitgliedsstaaten als ausgeglichen.
  • EU-Ablehner (14 Prozent): Sie verspüren Wut über die Politik und die EU. Sie haben am wenigsten das Gefühl, persönlich von der EU profitiert zu haben oder sich mit ihren EU-Nachbarn solidarisch zu fühlen. Eine grosse Mehrheit der Ablehner steht politisch rechts und ist der Ansicht, die EU sei undemokratisch und zu mächtig.
  • Frustrierte Proeuropäer (9 Prozent): Sie wünschen sich eine EU, die mehr von progressiven Werten vorangetrieben wird. Sie stehen politisch eher links, befürworten eine gemeinsame Bewältigung der Flüchtlingskrise und eine solidarische EU. Im Vergleich zu anderen Proeuropäern sehen sie die Einwanderung aber kritischer.
  • Austeritätsrebellen (9 Prozent): Viele von ihnen leben in den EU-Mitgliedsstaaten, die besonders hart von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise getroffen wurden. Sie haben kaum Vertrauen in die EU, und nur wenige denken, dass sie von der EU profitiert haben. Wegen der EU fühlen sie sich wütend, angewidert, ängstlich und pessimistisch.
  • Föderalisten (8 Prozent): Sie befürworten mehr Integration und unterstützen einen möglichen Zusammenschluss zu den «Vereinigten Staaten von Europa». Politisch sind sie gemischt. Diese international vernetzten, gut verdienenden Bürger sind überzeugt, von der EU profitiert zu haben. Und sie sind mit ihrem Leben sehr zufrieden.

Gemäss der Tribes-Studie von Chatham House sind die gegenüber der EU feindseligsten Stämme der Ablehner und Austeritätsrebellen eine Minderheit, die jedoch die meiste mediale Aufmerksamkeit erhält und einen entsprechenden grossen politischen Einfluss ausübt. Die grosse Herausforderung für die EU liegt allerdings hauptsächlich im Einbezug des grössten Stammes der zögerlichen Europäer. Diese stehen auf der Kippe zwischen Unterstützung und Ablehnung der EU. Trotz der zunehmenden Stammesmentalitäten in der politischen Debatte: Der Rückfall Europas in einen Darwinismus der Stämme ist glücklicherweise nicht in Sicht.

29 Kommentare zu «Die politischen Stämme Europas»

  • Peter Waldner sagt:

    Der ethnische Zusammenhalt – weniger der „nationale“ – löst sich seit längerem auf. Wenn man Ethnie mit „Stamm“ gleichsetzen will – nun gut. Dazu kommt, dass nun auch die nationalen Gefüge sich zunehmend auflösen. Die Grenzen der Nationen haben sich längst nicht mehr an der Ethnie, dem Stammesgebiet orientiert, aber sie haben ein „Zugehörigkeitsempfinden“ entwickelt; aber auch nur, wenn (wie in der kleinräumigen Schweiz) Minderheiten respektiert wurden. Mit der Globalisierung und dem „freien Personenverkehr“ schwindet das Zugehörigkeitempfinden – und mit ihm die „innere Sicherheit“. Als Folge davon bilden sich neue „Stämme“, meist um gemeinsame Ideologien – Nationalismus, Kommunismus, Religion etc.

  • Andi sagt:

    Vielleicht mache ich es mir zu einfach, aber das ganze Geschehen ist für mich eine direkte Folge des Vordringens des Islams nach Mitteleuropa. Es ist eine natürliche Reaktion. Und wenn man dann noch weiss, dass Lüge im Islam erlaubt ist um seinen Glauben zu verteidige, dann kann man ja gar nicht mehr darüber debattieren.

  • Wolfgang Moser sagt:

    Die Differenzierung zwischen Nomaden und Fellachen bringt in der Europafrage nur minimalen heuristischen Mehrwert. Zu unterscheiden ist zwischen einem gesunden regionalen, nationalen und europäischen Identitätsbewusstsein à la Gottfried Keller – nennen wir es universalistischen Patriotismus – und archaischer Wir-Gefühligkeit nach dem Muster von Skalp-Jägerstämmen. Dazu gehört in gewisser Weise leider auch das Wir-Gefühl buchstaben-magischer Ober-Henotheisten sowie auch jenes der X-Land-über-alles-Faschisten des 20. Jahrhunderts. Nur im zweiten Fall wird die Welt gesondert in Menschen höherer und niedrigerer Würde, in achtens- und verachtenswerte Erdenmitbürgerinnen und -bürger. Eros-Wertschätzer Trump ist zweifellos ein in der Wolle gefärbter Kellerianer.

  • Hanspeter Fischer sagt:

    Die neue Regierung in Oesterreich wartet nur noch auf das „Pikerl“ des
    Bundespräsidenten für freie Fahrt zum Rechts Ueberholen in Austria

  • Markus Ackermann sagt:

    Wie legitimierten sich zB
    das British Empire,
    das Imperium von Salazar oder
    das neue röm. Imperium, das Mussolini in Afrika errichten wollte?
    … Alle jeweils mit der Domestizierung von thumben Stämmen, dem angeblich Segens-reichen Kampf gegen den „Tribalismus“.
    .
    Wie war’s im südlichen Afrika?
    Nicht anders.
    .
    Wie gross ist dann noch der weitere Schritt eines Hitlers, der den Kampf der Herren-Rasse für neuen Lebensraum im Osten gegen „minderwertige“ Slaven-Rassen /-Völker propagierte und so den Krieg gegen die Bolschewisten rechtfertigte?
    … Dabei waren National-Sozialisten (Nazis) und International-Sozialisten (Stalinisten) sich einig im Kampf GEGEN DIE DEMOKRATIE und für den autoritären Staat
    -> siehe Max Horkheimer, Autoritärer Staat (1940), im Netz frei verfügbar

    • Markus Ackermann sagt:

      Was Goodhart im Youtube-Clip erzählt, ist vollständig richtig.
      ABER die Modellierung als Stammes-Denken ist falsch.
      -> Es geht nicht um Stammes-Denken,
      -> Es geht um HERRSCHAFT von Eliten
      -> Es geht darum, dass die „Somewheres“ die Werte der Aufklärung, der Demokratie, des Liberalismus verteidigen gegen überhebliche, parasitäre, selbsternannte Eliten von „Anywheres“, die die „Somewheres“ ausbeuten
      -> mit dem Ergebnis, dass der Mittelstand, der die Werte der Aufklärung wie Demokratie und Liberalismus mittels Institutionen trägt und (im eigenen Interesse) verteidigt ausgedünnt wird
      -> und wir via zB die €U ZURÜCKFALLEN IN FEUDALE VERHÄLTNISSE (1% vs 99%, Lobbies)
      … die mit den bürgerlichen Revolutionen der Aufklärung PRÄZIS BESEITIGT und durch Demokratie ersetzt wurden

      • Markus Ackermann sagt:

        Es gibt keine „internationale“ Demokratie.
        Demokratie ist angewiesen auf Institutionen, nämlich auf Institutionen, die vom (immer lokalen) Mittelstand getragen werden, also von den „Somewheres“ (vulgo: Nationalstaat).
        Die „Anywheres“ sind Nomaden.
        -> Sie tragen nichts zu den Institutionen einer Gesellschaft bei, soweit dies nicht der Ausbeutung der „Somewheres“ durch die „Anywheres“ dient.
        -> „Anywheres“ verhalten sich wie Heuschrecken oder Krieger, wie Räuberbanden oder Söldnerheere: nur die Tools haben sich verändert, nicht die Ausbeutung als solche.
        -> „Anywheres“ verändern Verhalten und Wertesystem, sobald sie sich niederlassen, zB eine Familie gründen, also „Somewheres“ werden.

  • H.Trickler sagt:

    Ja klar – Wenn Schimpfworte wie Populismus nicht mehr ausreichen um den Gegner schlecht zu machen, erfindet man eben schnell mal Tribalismus.
    .
    Hauptsache der Gegner wird als dumm und rückständig dargestellt, denn schliesslich ist die EU so wahnsinnig toll dass alle Mittel erlaubt sind.

    • Max Oppliger sagt:

      Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen? Es geht doch gar nicht primär um die EU, noch wird jemand als dumm hingestellt. Es ist eine differenzierte Betrachtung gesellschaftlichspolitischer Veränderungen. Das kann man ganz emotionslos diskutieren. Solche Bewegungen gibt es auch in China und in vielen anderen Ländern.

      • Markus Ackermann sagt:

        Mit dem Brexit, seinen Ursachen und seinem Kontext geht es nicht um die „EU“?
        So, so.
        .
        Nun, Herr Oppliger:
        -> die EU ist nicht Kontinental-Europa und
        -> das UK ist auch nach dem Brexit Teil von Europa, wie es das UK immer war.
        Aber die Modellierung als Stammes-Denken krankt schon daran, dass ein Stamm ein Stammesgebiet hat … und es also einen Stamm, der sowohl in Europa und (wie Sie sagen:) China ist nicht geben kann
        … wenn das der gleiche Stamm sein soll, was ja die Modellierung als Stammes-Denken behauptet
        … und falls modelliert würde, der chinesische Stamm der Somewheres sei etwas Anderes als deren katalonischer Stamm: dann macht die Modellierung erst recht keinen Sinn, da dann das Eine vom Andern verschieden wäre und nicht einheitlich analysiert werden könnte

  • Markus Weber sagt:

    Vielleicht kommt es dazu. Aber ich persönlich kenn nicht viele Leute, die wirklich so denken. Populisten werden gewählt, weil sie Problem ansprechen, die andere verschweigen.

    Es ist etwas anderes, ob jemand fremendfeindlich ist oder die Einwanderung begrenzen will, weil so z.B. unsere Sozialwerke ausgehölt werden. Und wieso sollte man sich nicht etwas abgrenzen, wenn im Rest von Europa viel mehr Misswirtschaft in der Politik betrieben wird als z.B. in der Schweiz. Wählen die vielen Einwanderer, wenn sie hierherkommen, dann plötzlich Politiker, die das Allgemeinwohl im Sinne habe und nicht wie bisher solche, die ihnen Geschenke versprechen?

    Das heisst allerdings nicht, dass wir Ausländer, die schon hier sind, schlecht behandeln sollten.

  • Mario Simon sagt:

    Das vereinte Europa, ein Traum, den bereits viele Monarchien träumten, darunter das Römische Imperium, das Kaiserreich Deutschland und die Ungarisch- Österreiche Monarchie, Frankreich mit Napoleon, dann das Tausendjähriges Reich unter Adolf Hitler. Keiner hat es geschafft. Die EU ist eine erneute Fortführung der mehrmals misslungenen Geschichte und allen dieser Diktatoren. Alle die den Traum von einem grossen Europa hatten sind alle schnell wieder verschwunden. Hinterliessen jedoch grossen Schaden. Genauso wird die EU in die Geschichtsbücher eingehen.

  • Mario Simon sagt:

    Das vereinte Europa, ein Traum, den bereits viele Monarchien träumten, darunter das Römische Imperium, das Kaiserreich Deutschland und die Ungarisch- Österreiche Monarchie, Frankreich mit Napoleon, dann der Tausendjähriges Reich Reich unter Adolf Hitler. Keiner hat es geschafft. Die EU ist eine erneute Fortführung der mehrmals misslungenen Geschichte und allen dieser Diktatoren. Alle die den Traum von einem grossen Europa hatten sind alle schnell wieder verschwunden. Hinterliessen jedoch grossen Schaden. Genauso wird die EU in die Geschichtsbücher eingehen.

  • tom rickli sagt:

    Man hätte es einfacher haben können, hätte man nur die EU einmal angeschaut: Sie ist eine Wirtschaftsdiktatur, die sich immer mehr in die inneren Angelegenheiten der Mitgliederstaaten einmischt und Nichtmitgliedstaaten werden erpresst. Wer also da nicht mitspielt, hat wohl eher keine Lust sich als Arbeitersklave der EU zu unterstellen.

  • Rachel Tanner sagt:

    Weitere Beispiele für die Brüchigkeit des Nationalstaates sind Italien mit Südtirol und der Lombardei, England mit Schottland, Frankreich mit Korsika. Wir Menschen sind vielleicht wirklich nur fähig, eine überschaubare Region als unsere Heimat zu bezeichnen.

    • Urs Forster sagt:

      Liebe Frau Tanner, England und Schottland sind zwei eigene Staaten, welche unter dem Gesamtbegriff Grossbritannien geführt werden. Schottland gehört nie und nimmer zu England gehört. Leider gibt es Politiker, welche nicht fähig sind komplex und netzt zu denken und deshalb und wegen der Verfilzung nur Regionen denken können und wollen. In der heutigen vernetzten Welt ist schon Europa nichts mehr als eine Region der Welt.

  • Ralf Schrader sagt:

    Das Wesen der politischen Landschaft zu Zeiten des Neoliberalismus besteht u.a. in einer zunehmenden Fragmentierung. Es gibt immer mehr Bevölkerungsgruppen, welche sich von den anderen politisch vollständig isolieren. Ob es hilfreich ist, das Phänomen mit dem Stammesbegriff zu beschreiben, sei mal dahin gestellt.

    Sicher nicht hilfreich ist es, die seit 100 Jahren nicht mehr gültigen Begriffe links, rechts, Mitte zu verwenden. Das typische an populistischen Parteien ist, Ideen aufzunehmen, die klassisch sowohl dem linken, als auch dem rechten Spektrum zugeordnet waren.

  • Rachel Tanner sagt:

    In der Umfrage wurden die Europäer vergessen, die von einem Europa der Regionen träumen. Das heisst, langfristig sollen die Nationalstaaten aufgelöst und sehr viel mehr Autonomie an die einzelnen Regionen übergeben werden. Die EU wird eine gemeinsame Aussen- und Verteidigungspolitik, Wirtschafts- und Sozialpolitik erhalten, ähnlich wie die USA. Die Regionen aber können wie Kantone oder Bundesländer über ihre eigenen Etats entscheiden. Wer braucht noch einen aufgeblähten Nationalstaat neben der EU, wenn auf regionaler Ebene eine grössere Selbstverwaltung zum Tragen kommt. Die Idee von einem Vereinigten Europa der Regionen würde der Tendenz zum Stammesdenken Rechnung tragen. Menschen identifizieren sich mit ihrer Region sehr viel stärker als mit einem grossen abstrakten Nationalstaat.

    • Ralf Schrader sagt:

      Welchen europäischen Staat würden Sie als Nationalstaat bezeichnen? Ich kenne nur Multinationenstaaten.

      • Rachel Tanner sagt:

        Zum Beispiel unser grosser Nachbar Deutschland, das bis ins 19 Jhdt. nie eine Nation war. Gerade jetzt, wenn es darum geht, bayerische Interessen gegen den Willen von anderen Bundesländern durchzusetzen, sieht man, wie brüchig dieses Nationalgefühl ist. Oder Spanien, das auch nur unter Gewalt zu einer Nation wurde. Der Kampf Katalonien um mehr Selbstverwaltung ist das beste Beispiel, dass für den Nationalstaat in Europa die Götterdämmerung begonnen hat.

      • Ralf Schrader sagt:

        Die Geburtsstunde der deutschen Nation war der 20. August 955. Seitdem, seit fast 1100 Jahren ist Deutschland eine Nation mit Dutzenden verschiedenen Staaten. Staaten und Nationen stehen in keinem Zusammenhang. Die aktuelle Bundesrepublik nennt im Grundgesetz 3 Nationen:
        Die Deutschen, die Sorben und die deutschen Dänen. Es ist also ein Multinationenstaat

        Das Königreich Spanien umfasst wohl 7 Nationen, neben Spaniern, u.a. Basken und die genannten Katalanen. Basken und Katalanen sind keine Spanier, sie sind Staatsbürger des Königreich Spanien, aber eigener Nationalität. Spanien ist also definitiv keine National-, sondern ein typischer Multinationenstaat.

      • Thomas Hartl sagt:

        Diese Nationen, die sie zusammenzimmern stellen allerdings auch wieder nur eine kurze Momentaufnahmen der Geschichte dar. Der heutige Deutsche wird seine Nation genau so wenig auf Ottos den Großen beziehen, wie er sie auf Arminius, auf Karl den Grossen, auf Friedrich den Grossen oder auf Bismark bezieht. Am ehesten wird er noch Adenauer oder Kohl als Vater der aktuellen Nation sehen. Setzen sie Nation mit Ethnien gleich, so laufen sie genau so ins Leere, weil sich diese durch unzählige Einwanderungswellen in Europa immer wieder vermischt haben. Verknüpfen sie Kultur mit Nation, so kommt das auch nicht besser, denn dann würden wir inzwischen aller der US-amerikanischen Nation angehören. Geschichte lehrt uns vieles, sie zementiert aber keine Nationen.

      • Ralf Schrader sagt:

        @Thomas Hartl
        Schauen Sie mal in ein deutschen Geschichtsschulbuch, oder in die Mediathek des ZDF. In letzterer gibt es eine 20- teilige Reihe ‚Die Deutschen‘, welche die Geschichte der Nation bei Karl dem Grossen bis zur Weimarer Republik so beschreibt, wie es Historiker sehen.

        Es ist egal, wie der Normalbürger das sieht. Eine Nation ist eine kulturelle Kategorie, keine politische, völkerrechtliche und auch keine ethnische. Die kulturelle Tradition der Deutschen wird nicht durch Kleinigkeiten, wie es die Hollywood- Invasionen darstellt, überschrieben. Die deutsche Kultur sind das Nibelungenlied, die Christianisierung gleich am Anfang der Nationenbildung, Grimms Märchen und vor allem die deutsche Sprache in vielen Dialekten.

      • Thomas Hartl sagt:

        @Ralf Schrader: Die deutsche Sprache aus dem Frühmittelalter würde heute niemand mehr verstehen. Ein heutiger Deutscher weiss mehr über die angelsächsische Arthus-Saga, über Robin Hood, über Tolkins Mittelerde und über die Superhelden aus den US-Comics und Filmen, als über die Nibelungen-Saga. Grimms Märchen sind den meisten wohl auch aus den Disney-Produktionen geläufig. Das mag man bedauern, aber Kultur ist nun mal kein unveränderliches Gut, sondern erneuert sich mit jeder Generation und vermischt sich dabei in einer global vernetzten Welt mit unzähligen anderen Kulturen. Ist Nation eine kulturelle Kategorie, so verändert sie sich noch viel rascher, als es Staatsgrenzen tun.

      • Markus Ackermann sagt:

        Herr Schrader, Sie offerieren ein gutes Argument.
        Aber Sie machen einen logischen Fehler.
        Sie wollen eine Definition vorschlagen, die ausserhalb des zu definierenden Systems definiert wird: sie wollen den STAATSRECHTLICHEN Begriff des Nationalstaates KULTURELL definieren.
        Sie wollen also,
        -> dass ein KULTURFÜRST oder
        -> kulturelle Sachverständige
        -> AUTORITATIV feststellen, wem das Recht
        -> GEWÄHRT wird,
        … sich als Staat, als Nationalstaat zu verfassen.
        PRÄZIS DIESE autoritative Erlaubnis per Definition wurde mit der Franz. Revolution überwunden: ersetzt durch die SELBSTERMÄCHTIGUNG des Peuble Français (Déclaration des Droits de L’Homme et du CITOYEN: Freiheit als UNVERÄUSSERLICHES Recht).
        … PRÄZIS DARUM definiert jede Gruppe SELBER, ob sie ein Volk, eine Nation ist

      • Ralf Schrader sagt:

        @Thomas Hartl

        Natürlich verändern sich Nationen ständig, wie auch ständig neue Nationen entstehen und alte verschwinden. Aber das passiert über viel Generationen, nicht durch Modeströmungen, wie Sie die nennen.

        Die deutsche Nationalkultur ist im letzten Jahrhundert zweimal durch solche belastet worden, im III. Reich und in der DDR. Beides ist verheilt und auch der Angriff der kulturlosen US- Mode wird heilen. Übrig bleiben die Invarianten, die Sprache und die jahrhundertealten Bräuche. Auch wenn heute niemand mehr Mittelhochdeutsch versteht, es ist ein deutscher Dialekt.

        In China und der RF kann man beobachten, wie Nationen assimiliert werden. Das dauert immer viele Generationen, kaum unter 2- 300 Jahren. In biografischen Zeiträumen passiert nichts.

      • Ralf Schrader sagt:

        @Markus Ackermann

        Bei Wikipedia steht:

        ‚Im Begriff Nationalstaat fällt das Staatsgebilde mit dem Begriff der Nation zusammen. Sprachliche, kulturelle oder ethnische Homogenität werden im Diskurs um die Nation oft als Voraussetzung und Ziel des Nationalstaates benannt.‘

        In dem Sinne ist kein Staat mehr ein Nationalstaat. Die Schweiz hat eine ausgeprägte Sprachen- und Kulturvielfalt, ist also definitiv keine Nation, kein Nationalstaat.

        Es gibt keine Nation mehr, welche mit einem Staat territorial oder demographisch deckt. Staaten und Nationen existieren nahezu völlig unabhängig voneinander.

      • Markus Ackermann sagt:

        OK, Herr Schrader.
        Dann habe ich Sie offenbar falsch verstanden und wir haben eigentlich gar keinen Dissens.
        Wer also den Begriff Nationalstaat staatsrechtlich, politisch verwendet, meint damit gar nicht einen kulturell homogenen Staat
        … sondern einen vielfältigen Staat
        … sondern die Heimat von Menschen („Somewheres“), die Institutionen bauten, welche ihre ihre Demokratie und ihre Gesellschaft formen.
        Trotzdem bleibt das Selbstbestimmungsrecht der Völker (Nationen) bestehen, zB in Katalonien, weil
        -> die Selbstbestimmung Ausdruck der Freiheit (des Menschen) ist und
        -> die Freiheit angeboren und unveräusserlich ist,
        -> also auch unbedingt und unabhängig von jeder Autorität (insb. von irgendwelchen „Anywheres“, wie seinerzeit es Fürsten und Könige waren).

      • Markus Ackermann sagt:

        @Schrader
        Korrigiere: Peuple Français
        „l’Assemblée Nationale reconnaît et déclare, en présence et sous les auspices de l’Etre suprême, les droits suivants de l’Homme et du Citoyen
        Art. 1er
        Les hommes NAISSENT et DEMEURENT LIBRES et égaux en droits. Les distinctions sociales ne peuvent être fondées que sur l’utilité commune
        Art. 2
        Le but de toute association politique est la conservation des droits NATURELS et IMPRESCRIPTIBLES de l’Homme. Ces droits sont la LIBERTÉ, la propriété, la sûreté, et la résistance à l’oppression
        Art. 3
        Le principe de toute Souveraineté réside essentiellement dans la NATION. Nul corps, nul individu ne peut exercer d’autorité qui n’en émane expressément
        Art. 4.
        La liberté consiste à pouvoir faire tout ce qui ne nuit pas à autrui …“

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