Europa hats immer wieder geschafft

Europa war immer schon Destination für Fliehende: Migranten in Ungarn, 2015. Foto: Matt Cardy (Getty Images)

Ein Satz genügt, um das Elend in einem griechischen Flüchtlingslager zu beschreiben: «Die Flüchtlinge führen eine Existenz wie Füchse. Sie leben in Zelten, Holzbaracken, Schuppen, unter Zweigen, auf Rasenflächen oder sogar Höhlen.» Der Satz stammt aus einer Reportage des US-Magazins «Foreign Affairs» über die Flüchtlingskrise auf der Balkan-Route.

Es geht aber nicht um die Massenflucht von 2015, sondern um jene von 1923 – und diese war weitaus grösser. Anfang der 1920er-Jahre waren in Europa über sieben Millionen Menschen auf der Flucht – etwa vor den Revolutions- und Bürgerkriegswirren in Russland oder vor dem griechisch-türkischen Krieg.

Die aktuelle Krise relativiert sich

Diese Flüchtlingsströme waren jedoch klein im Vergleich zu den Massenfluchten, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg auslösen sollten. Allein in den 1940er-Jahren befanden sich in Europa mindestens 30 Millionen Menschen auf der Flucht.

Die Flüchtlingskrise, die das heutige Europa seit 2015 beklagt, relativiert sich aus historischer Perspektive. Europas Länder mussten im 20. Jahrhundert mit deutlich grösseren Fluchtbewegungen unter weit schlechteren Voraussetzungen fertig werden.

Massenfluchten sind nichts Aussergewöhnliches für den europäischen Kontinent. Die Gründe waren radikaler Nationalismus, politische Verfolgung oder auch religiöse Intoleranz. Ende des 15. Jahrhunderts zum Beispiel wurden eine halbe Million Juden und Muslime aus Spanien vertrieben, eine riesige Zahl für damalige Verhältnisse. «Die europäische Geschichte ist auch eine Geschichte massenhafter Fluchtvorgänge», schreibt der Wiener Historiker Philipp Ther in seinem kürzlich erschienen Buch «Die Aussenseiter». Darin analysiert er die Fluchtbewegungen im Europa der Neuzeit.

Integration ist eine Erfolgsgeschichte

Ther liefert bemerkenswerte Erkenntnisse, die in der überwiegend alarmistischen und populistischen Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen zu wenig Beachtung finden. Erstens: «Integration hat sich als ein besseres Mittel zur Lösung vermeintlicher oder tatsächlicher Flüchtlingskrisen erwiesen als der meist vergebliche Versuch, Mauern und Zäune zu bauen.» Und zweitens: «Entgegen allen Integrationsängsten waren Flüchtlinge und andere Migranten historisch betrachtet fast immer eine Bereicherung für die Länder, die sie aufnahmen. Und sie waren ein Motor für positive wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen.»

Keine Willkommenskultur Ende der 1940er-Jahre in Westdeutschland: Proteste gegen Flüchtlinge aus dem Osten in der Stadt Lahr (Baden-Württemberg). Foto: Stadtarchiv Offenburg

Gerade Deutschland hat immer wieder erfolgreich massenhaft Flüchtlinge integriert, etwa die aus Frankreich geflohenen Hugenotten im 17. Jahrhundert oder nach dem Zweiten Weltkrieg die Vertriebenen aus den vormals deutschen Gebieten in Osteuropa. Das neue Deutschland war ein grosses gesellschaftliches Experiment. In den ersten Nachkriegsjahren herrschten berechtigte Zweifel, ob die Integration von über zehn Millionen Flüchtlingen im zerbombten und drastisch verkleinerten Deutschland gelingen würde. Die Neuankömmlinge wurden als «Polacken» und «Zigeuner» angefeindet. Eine Destabilisierung der jungen BRD oder die Rückkehr zum Revanchismus der Zwischenkriegszeit waren damals realistische Szenarien. Es kam aber positiv heraus, denn die Integration gelang. Und die Vertriebenen leisteten ihren Beitrag zum Aufbau der BRD und zum westdeutschen Wirtschaftswunder.

Das Problem ist die Aufnahmegesellschaft

Was heisst das alles für die dauerhafte Integration der 1,2 Millionen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die 2015 und 2016 nach Deutschland gekommen sind? Zunächst entspricht die Zahl dieser Flüchtlinge einem Anteil von 1,4 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands, das ein reiches Land mit starker Wirtschaft ist. Trotzdem: Die Debatte vor allem in den sozialen Medien erweckt den Eindruck, als stünde Deutschland, aber auch andere Länder Europas, vor dem baldigen Untergang. Wohlstand- und Heimatverlust, muslimische Parallelgesellschaften, islamistische Gettos oder Kriminalitätszunahme: Diese Ängste sind ernst zu nehmen. Bei diesem Unbehagen in Teilen der Bevölkerung handelt es sich auch um eine allgemeine Angst vor dem rasanten Wandel, der von Globalisierung und Digitalisierung vorangetrieben wird.

Es geht also vielmehr um die Aufnahmegesellschaft selbst als um Flüchtlinge, die schon immer als Projektionsfläche für gesellschaftliche Probleme herhalten mussten.

Integration von Flüchtlingen und anderen Migranten verläuft oft mit Konflikten und Rückschlägen, sie braucht auf allen Seiten einen langen Atem. Integration kann aber gelingen, wie die Geschichte zeigt. Europas Länder haben es immer wieder geschafft.

Philipp Ther: Die Aussenseiter – Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. 436 Seiten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017.