Die Reformation war ein Rückschritt

Der Weg zur Demokratie wurde nicht nur von Männern erkämpft: Zwingli-Statue in Zürich.
(Foto: Urs Jaudas)

Luther, Zwingli und Calvin: Im grossen Jubiläumsjahr der Reformation werden die drei Theologen landauf, landab gepriesen – für ihren mutigen Einsatz für die einfachen Gläubigen, für die neue Offenheit der Religion, für den Humanismus. Man erinnert zwar auch da und dort an ihre fanatischen Seiten, aber insgesamt lernen wir doch: Die Reformatoren halfen entscheidend mit, den Weg zu ebnen für Demokratie, Individualismus, Religions- und Glaubensfreiheit.

Doch vor 500 Jahren kämpfen nicht nur Männer, sondern auch Frauen an vorderster Front: In Genf argumentiert die Schriftstellerin Marie Dentière für das Recht der Frauen, die Bibel zu interpretieren und in der Kirche leitend mitzuwirken. Gleiches fordert die bayerische Adlige Argula von Grumbach, die sich auf Luthers Postulat vom Priestertum aller Getauften beruft. In Zürich liegt am Vorabend der Reformation das Schicksal der Stadtrepublik gar in den Händen einer Frau. Die altgläubige Äbtissin Katharina von Zimmern (1478–1547) übergibt dem Zürcher Rat den Schlüssel der Fraumünsterabtei. Mit ihrem freiwilligen Machtverzicht trägt sie dazu bei, dass die Reformation in der Stadt friedlich bleibt. Wahrscheinlich sympathisiert sie mit der Bewegung.

Weniger Maria, mehr Herrgott

Wie so oft währt der Frühling der Revolte nicht lange. Bald schon frisst die Revolution ihre weiblichen Kinder. Die Reformatoren beschneiden die Handlungsspielräume der Frauen. Die Ehe erheben sie zum Ideal, von den Autoritäten penibel überwacht, die nach 1525 über Ehestreit, Ehebruch, vorehelichen Beischlaf und anderes mehr zu urteilen haben. Für die Frau hat das einschneidende Folgen: Sie findet fortan ihre Bestimmung in der Rolle der Hausfrau und Mutter, die ihrem Mann zu Gehorsam verpflichtet ist. Zunehmend verschwindet das «Weib» im privaten Bereich.

Dem Ideal der Reformatoren entsprechend, heiratet Katharina von Zimmern noch mit 47 Jahren und wird Mutter zweier Kinder. Bezeichnend für die Entwicklung: Mit der Abschaffung des Heiligenkults machen viele weibliche Identifikationsfiguren dem einzigen männlichen Gott Platz, allen voran die heilige Maria.

«Gantz liederlich hus gehalten»

Die spätmittelalterliche Stadtgesellschaft hatte noch Alternativen zum Leben als Ehefrau gekannt: Die von der Reformation aufgehobenen Klöster bildeten einen wichtigen Freiraum für Frauen, in dem sie sich Bildung aneignen, ein selbstbestimmtes unverheiratetes Leben führen oder gar – wie Katharina von Zimmern – Macht und Einfluss erlangen konnten. In den Städten führten Frauen erfolgreich eigene Geschäfte. Witwen und Unverheiratete organisierten sich in Zünften und entschieden über ihr Vermögen.

In Zürich etwa vermachte eine Frau ihr ganzes Vermögen der Tochter, weil ihr Sohn, «wie man weyst, gantz liederlich hus gehalten» habe. Beginen – christliche Frauengemeinschaften – sorgten als Krankenpflegerinnen oder Weberinnen für ihren eigenen Lebensunterhalt. Prostituierte hatten, wenn auch am Rande, einen Platz im sozialen Gefüge.

Degradierung des weiblichen Geschlechts

Damit ist nun Schluss. Die Reformatoren schaffen ein neues Familienmodell, das in den kommenden Jahrhunderten mit dem Aufstieg des Bürgertums in die Degradierung des weiblichen Geschlechts mündet. So stehen bis 1881 unverheiratete Frauen unter der Vormundschaft ihres Vaters, Bruders oder anderer männlicher Verwandter. Verheiratete Frauen brauchen noch bis Anfang des 20. Jahrhundert die Einwilligung des Ehemanns, um einen Beruf auszuüben, ein Geschäft zu führen oder über ihr Vermögen zu bestimmen. Vor dem Gesetz gelten sie als handlungsunfähig, stehen auf gleicher Stufe wie ihre unmündigen Kinder.

Auch das Recht zu predigen, für das sich die Reformatorinnen vehement eingesetzt haben, bleibt den Frauen verwehrt. Fast 450 Jahre müssen sie darauf warten. Erst in den 1960er-Jahren werden im Kanton Zürich die ersten Pfarrerinnen ordiniert.

Über die Autorinnen: Mirjam Janett ist Historikerin und promoviert an der Universität Basel. Jessica Meister arbeitet für die Rechtsquellenstiftung des Schweizerischen Juristenvereins. Beide sind Mitglieder des Vereins Frauenstadtrundgang Zürich.