Ermöglichte dieser Brief die Gründung Israels?

«Palästina den Arabern» und «Heimat ist unser Glaube, Freiheit ist unser Leben»: Mit Transparenten wehren sich Demonstranten 1936 gegen die Idee eines jüdischen Staates im Nahen Osten. Foto: Roger Viollet (Getty Images).

Der britische Aussenminister Arthur James Balfour konnte nicht wissen, was er da anrichtete. Am 2. November 1917, also im Ersten Weltkrieg, unterzeichnete er einen folgenreichen Brief an den prominenten englischen Zionisten Lionel Walter Rothschild. Darin setzte sich Balfour für eine «nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina ein».

Das kurze Schreiben enthielt zudem die Forderung, dass «wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina infrage stellen» würde. Rothschild sollte den Brief den zionistischen Organisationen als Absichtserklärung der Regierung weiterleiten.

Es ging um etwas anderes

Das Schreiben ist als Balfour-Deklaration in die Geschichte eingegangen. Es gilt als Meilenstein auf dem Weg zur Gründung eines jüdischen Staates – die Araber lesen es heute als Dokument des Verrats und als Startpunkt der palästinensischen Tragödie. Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas forderte vor der UNO-Generalversammlung die Briten auf, sich für die paar Zeilen zu entschuldigen, was das Foreign Office unter Boris Johnson indessen kühl ablehnte.

Dabei ist die Frage müssig, ob Israel ohne diese wenigen Sätze des Aussenministers seiner Majestät König Georg V. existieren würde und ob denn ansonsten weniger Tohuwabohu im Nahen Osten herrschen würde.

Hinter Balfours Bekenntnis zu einer «jüdischen Heimstätte» stand jedenfalls politisches Kalkül und kaum die Begeisterung für die jüdische Sache. Denn die USA hatten erst kurz davor den Franzosen und Briten zugesagt, sie im Krieg gegen Deutschland und Österreich zu unterstützen. Aber noch war das amerikanische Militär-Engagement in Europa gering; Balfour wollte also die jüdische Politlobby in den USA auf seine Seite ziehen, um die militärische Hilfe aus Übersee zu beschleunigen. Zudem sah der Machtpolitiker Palästina als einen strategischen Brückenkopf zwischen den britischen Interessen in Afrika und den Kolonien in Asien, allen voran Indien, wo es immer wieder gärte.

Es kam zu gewalttätigen Übergriffen

Eine Mehrheit der jüdischen Gemeinschaft in Grossbritannien war damals keineswegs begeistert davon, dass die Regierung unter Premierminister Lloyd George hier plötzlich die Zionisten unterstützte. Viele Juden hatten den Eindruck, der Zionismus schüre den Antisemitismus, der zu jener Zeit in Grossbritannien weit verbreitet war. Denn die jüdischen Bürger galten im Ersten Weltkrieg als Sicherheitsrisiko, besonders wenn sie deutsch klingende Namen wie Rosenblatt oder Goldstein trugen. Patrioten unterstellten ihnen deutsche Sympathien, sodass es in den typisch jüdischen Quartieren Londons wie Tottenham immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf Juden und ihre Geschäfte kam. Die Repression ging so weit, dass sich diese Leute in Zeitungsannoncen zu Namensänderungen bekannten oder an die generationenlange Anwesenheit ihrer Familien in England erinnerten.

Zeilen mit Folgen: Lord Balfour und sein Brief (Bild: Wikimedia Commons)

Dennoch erwiesen sich die Befürchtungen vor einem verstärkten Antisemitismus in jener späten Phase des Kriegs als unbegründet. Denn Balfours Brief fand ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft kaum Resonanz. Die kriegsmüde britische Bevölkerung kämpfte ums materielle Überleben und hoffte auf eine möglichst schnelle Kapitulation der Mittelmächte. Zudem beunruhigte die sowjetische Machtergreifung in Russland das Bürgertum.

An einen Staat Israel dachten die wenigsten

An einen Staat Israel dachten damals die wenigsten, zumal die Juden nur eine kleine Minderheit in Palästina bildeten. Die grosse Zuwanderung sollte erst in den Jahrzehnten danach einsetzen. So widersetzten sich zu Beginn auch die Araber nicht Lord Balfours Intentionen; sie hiessen die Juden sogar in einem Vertrag willkommen, auch wenn dieser nie Rechtsgültigkeit erlangte. Doch die Ruhe in Palästina war trügerisch. Schon 1920 brachen heftige Feindseligkeiten zwischen den Einheimischen und den Einwanderern aus.

Arthur Balfour (1848–1930) ist heute ausserhalb Grossbritanniens nahezu vergessen. Sein Name fällt nur noch im Zusammenhang mit den paar Zeilen, die er damals Rothschild zukommen liess. Dennoch war er eine bemerkenswerte Figur – verkörperte er doch wie kaum ein anderer die Arroganz der politischen Macht. Der Schotte hatte zahlreiche Regierungsposten inne und war 1902–1905 kurze Zeit Premierminister. Sein Rücktritt passte perfekt zu seinem Charakterbild. Er musste gehen, nachdem die Übergriffe der Briten im Burenkrieg gegen die niederländischen Siedler in Südafrika öffentlich bekannt wurden und zu einer Pressekampagne führten. Denn Balfour war stets ein scharfer Hund, wenn es um die britischen Interessen ging – sowohl in diesem Krieg wie bei der Unterdrückung der irischen Unabhängigkeitsbewegung. Und später in Palästina.

23 Kommentare zu «Ermöglichte dieser Brief die Gründung Israels?»

  • Rino Zwingerer sagt:

    Ganz schön aufgeheizt die Debatte!

  • Rolf Zach sagt:

    Als kleiner Bub hab ich das Buch der Weltreise vom Journalisten Richard Katz 1929 aus Prag gelesen. In diesem Buch hat der liberale Jude Katz durchaus sich als patriotischer Deutscher zu erkennen gegeben und zum Beispiel die niederländische und vergangene deutsche Kolonialherrschaft als der britischen überlegen gefunden.
    Auf dieser Weltreise eines Reporters hat er auch Palästina besucht und das jüdische Tel Aviv. Als Jude hatte er keine Sympathie für den Zionismus und schilderte eindrücklich das Leben der dortigen kleinbürgerlichen Juden, die sich ihm gegenüber beklagten, wie armselig das Leben in Palästina sei und sie würden liebsten in ihre Heimatländer zurückkehren.
    Hitler war der Geburtshelfer von Israel. Ohne seine Judenverfolgung + den Holocaust wäre diese Nation nie entstanden.

    • Rolf Zach sagt:

      Übrigens Richard Katz konnte wie Stefan Zweig seiner Vernichtung mit seiner Emigration nach Brasilien entkommen. Von dort hat er nach 1945 Trouvaillen von Reportagen für die Ringier Presse geschrieben. Ein hervorragender Reporter, weit über dem Durchschnitt der Schweizer Journalisten von damals und sicher noch heute lesenswert.

      • Claude Bader sagt:

        Ich verstehe diesen Kommentar als äusserst gefährlich. Bin ich falsch? Rolf zitiert EINEN Juden (liberal oder nicht spielt keine Rolle) und impliziert, dass die Juden gar nicht in Palästina leben wollten? Klingt sehr nach Anti-Israel Standpunkt für mich. Warum zitiert er nicht jemand anderes, der sagt, dass die Juden in Palästina damals sehr gerne lebten? Von diesen gab es nämlich ebenfalls ganz viele.

  • Peter Sieber sagt:

    Und wie üblich bei diesem Thema, sobald jemand den STAAT, nochmals zum Mitlesen: den STAAT Israel kritisiert ist er automatisch ein Antisemit. Es ist nachgerade zum Erbrechen, wie sich gewisse Leute mit irgendwelchen Behauptungen erfrechen, das Gebiet als „schon immer Israel“ darzustellen und jegliche Transgressionen seitens des Israelischen STAATES in Abrede zu stellen mit gleichzeitigem Fingerzeig auf die Palästinenser. Würde man GANZ Israel befragen, so wären die Kriegsgurgeln um Netanyahu wohl in der Minderheit, ebenso bei den Palästinensern. Weil aber auf beiden Seiten Betonköpfe an der Macht sind, muss die Mehrheit leiden.
    Und jetzt kann ich mich ja entspannt zurücklehnen, denn ein Israel-Extremist wird mich bestimmt als Antisemit bezeichnen.

    • Matti Hoch sagt:

      Sicher sind Sie ein Israel-Hasser, und blenden die Tatsache aus, dass die PA, die PLO und Hizbollah u. Hamas und wie diese Terroristen-Brüder alle sich nennen, die komplette „Befreiung“ des sog. Palästina wollen, d.h., die Juden müssen gehen, die Araber werden dann ihren Palästina-Staat ausrufen, klar, mit islamischem Recht….Es sind nicht die Betonköpfe der PA, sondern es ist die jahrzehntelange Ablehung des Staates Israel durch alle arabischen u. islamischen Staaten, die dort keinen Frieden ermöglichen. Aber eben, immer nur auf den Juden rumhacken und den Israelis….das kann man dann schon Antisemitismus nennen! Weil es das Leugnen der Tatsache ist, dass dieser Landstreifen zwischen Jordan u. Mittelmeer dem Jüdischen Volk gehört!

      • Anh Toàn sagt:

        Es ist auf allen Seiten immer das Gleiche. Eine Minderheit, welche Hass sät. Hass gegen Juden, Muslime, Kurden, Türken, Rohingya, Amis. Immer das Gleiche wir gegen die. Wir haben recht und die haben unrecht. Wir sind die Guten und die sind die Schuldigen. Immer auf allen Seiten das Gleiche.

        Wann hört ihr auf damit?

      • Anh Toàn sagt:

        Warum braucht es einen jüdischen Staat?
        Warum könnt ihr nicht einfach mit Nachbarn in Frieden leben, müsst die ja nicht mögen. Ihr werdet eure Nachbarn auch nicht mögen, wenn die der gleichen Religion angehören. Ist doch egal, ob man neben einem jüdischen oder christlichen oder scientologen A loch wohnt. Nicht egal ist, wenn man beginnt, den Nachbarn zu hassen, ihm den Kopf einzuschlagen, weil dann haut der zurück und dann wird alles doof.

        Sollen eure Kinder noch weiter machen und eure Grosskinder und deren Kinder mit Köpfe einschlagen oder die anderen alle tot sein, damit ihr froh sein könnt?

      • Anh Toàn sagt:

        Aus Ihrem Kommentar Herr Hoch spricht so viel Hass, nicht auf Juden, aber Hass auf Muslime ist kein Deut besser, auch nicht für Christen.

  • Claude Bader sagt:

    Roland ist der typische Ignorant der die Geschichte entweder nicht kennt, nicht kennen will oder er hat Sie von Anti-Israelischen Quellen gelesen.
    Palaestina gab es nie als Land, ist Tatsache, wurde so genannt. Juden haben schon immer in Palaestina gewohnt, nicht nur Araber. Ebenso Drusen und Christen, kein Wort darueber von Professor Roland. Lerne zuerst Geschichte, dann kannst du etwas schreiben, vorher nicht.

  • Arthur sagt:

    Vielleicht kann mir einer die folgenden Unterschiede erklären:

    – Deutsche eroberten den Osten und besiedelten diesen. Heute besiedelt Israel mit den Siedlern palästinesische/arabische Gebiete.
    – Früher hiess es „Kauft nicht bei Juden“ und heute stranguliert der Israelische Staat wirtschaftlich die palästinensischen Gebiete.
    – Früher waren die Juden in Deutschland Bürger 2. Klasse wenn überhaupt und heute haben die Araber nicht die gleichen Rechte in Israel wie die Juden

    Ich will das richtig verstanden haben. Ich habe nichts am Hut mit den Nazis, aber ich frage mich einfach, ob Israel (versteht sich als jüdischer Staat und nicht als laizistisch) nicht genau dasselbe schändliche Spiel treibt.

    • Anh Toàn sagt:

      Die Nazis haben mehr gemacht, als nicht bei Juden gekauft. In Anbetracht dessen, was die gemacht haben, ist Ihr Vergleich schändlich, und das ist noch freundlich formuliert.

  • Peter Haeberlin sagt:

    Unterschlagen wird in diesem Artikel, typisch für den Tagi, dass britisch Palästina sowohl das heutige Israel wie auch Jordanien umfasste. Das ist nur einer der zahlreichen Fehler des Autors. Lustig dass er den Begriff Tohuwabohu gebraucht. Das ist Hebräisch und heisst: Wüst und leer. Und ohne Aufbau der Zionisten wäre es genau das geblieben.

  • Simon Ginocchio sagt:

    Schludrig geschrieben! So ein heikles Thema kann man nicht so oberflächig behandeln Herr Hürzeler!

  • pedro domletschg sagt:

    Roland K. Moser: Immer die gleiche alte Leier. Die arabischen Staaten haben sofort den Krieg gegen Israel ausgerufen. Diese Kriegstreiber haben ihre Religionsbrüder vor dem anstehenden Krieg gewarnt und sie zum Auswandern bewogen. Man hat aus dem Mandatsgebiet Palästina den grösseren Teil zu der muslimischen Heimstätte gemacht, nämlich Jordanien. Als Tipp: Informieren Sie sich doch mal über die Aufsplittung von Indien in Bangladesh, Pakistan und Indien.

  • Robert F. Reichmuth sagt:

    „Schon 1920 brachen heftige Feindseligkeiten zwischen den Einheimischen und den Einwanderern aus.“
    .
    „Einheimische“ und „Einwanderer“ – nur diese beiden, heute „schon wieder“
    hochaktuellen Begriffe, lösen bei vielen älteren CH-Zeitgenossinnen und
    CH-Zeitgenossen – höchst unangenehme, irrationale Gefühle aus …

  • Alexander Avidan sagt:

    In der Konferenz von San Remo 1920 beschloss der Völkerbund (der Vorgänger der UNO), auf dem GANZEN Britischen Mandatsgebiet Palästina (das heisst auch auf dem Gebiet von Jordanien), eine Heimstätte für das Jüdische Volk zu gründen (gemäss der Balfour Deklaration). Dieser Beschluss ist Internationales Recht. Gemäss Paragraph 80 der UNO Charta kann dieser Beschluss nicht geändert werden. Das heisst, Juden haben Recht auf das ganze Britische Mandatsgebiet. Das heisst, es gibt keine israelische Besetzung und die Siedlungen in der Westbank sind gemäss UN Charta LEGAL!!!

  • Roland K. Moser sagt:

    Die „Gründung“ Israel’s fand in Palästina auf palästinensischem Boden statt und hat kurzerhand aus Palästina Israel gemacht. Man hat die Palästinenser in ihrer Heimat (!) kurzerhand und einfach zu Ausländern und Menschen 2. Klasse gemacht. Mit Unterstützung der UNO und verschiedener Schurken-Staaten.

    Der Völkermord an den Palästinensern wird seit 1950 betrieben. Mit Unterstützung der UNO und verschiedener Schurken-Staaten. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

    • Elmar Scherrer sagt:

      Schön und gut, nun kennen wir die palästinensische Sichtweise. Nur: der Staat Israel ist Realität und wird sich auch kaum nächstens „aus Goodwill“ von selbst auflösen. Israel ist militärisch übermächtig und kann seine Interessen entsprechend durchsetzen. Der Begriff „Völkermord“ ist aber unangebracht. Dieser Begriff meint etwas anderes. Was die politische Rhetorik angeht, stehen die radikalen Kräfte der Palästinenser bez. „Völkermord“ den radikalen Kräften der Israelis in nichts nach.

      • Rabbiner sagt:

        Verharmlosung und Übertreibung sind nicht angebracht.

        Die Fakten zeigen aber klar auf, wie da Grenzen immer mehr verschoben wurden und wer wen mit welchen Unterstützungen, wie viel Greuel zugefügt hat.

        Logisch, dass soviel ungesühnte Verbrechen kaum je ein Ende der Probleme finden wird.

      • Roland K. Moser sagt:

        Fast richtig! Aber nicht ganz!

        Es findet ein Völkermord an den Palästinensern statt.

      • Roland K. Moser sagt:

        Im übrigen habe ich nicht die palästinensische Sichtweise beschrieben, sondern was tatsächlich gelaufen ist.

    • Marc Michel sagt:

      Das Judentum und das Christentum gab es schon Jahrhunderte vor den Muslimen dort. Mohammed hat mit dem Schwert die Gebiete erobert. Also hat man die Juden und Christen dort vor Ihren Palästinensern dort vertrieben. Das waren Völkermorde an den Juden und Christen. Was sagen Sie dazu?

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