Auschwitz und der Wunsch nach Rache

Je mehr Zeit vergeht, desto mehr verblasst der Schrecken: Massengrab im Konzentrationslager Auschwitz. Foto: Czarek Sokolowski (Getty Images)

Täuscht das nur? Oder häufen sich die schiefen Nazi-, Hitler-, Faschismus-, Holocaust-, Auschwitz-Vergleiche in letzter Zeit wirklich? Beim Spruch des Nationalrats Jonas Fricker schüttelte man nicht nur spontan den Kopf, sondern irgendwie kam doch auch das Gefühl auf: Jetzt reichts aber langsam. Jetzt hört mal auf mit diesen billigen Analogien.

Es gäbe (neben gewissen Rechtstendenzen) jedenfalls eine Erklärung für solch ein Aufkommen: Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Verfolgung der Juden in Europa – je ferner das alles rückt, desto mehr vermengt es sich zu einem vagen Eindrucksbrei, in dem jeder ein bisschen herumrühren kann: Schwarzweissbilder, sehr schlimm, viele Tote, viel Böses. Was untergeht, ist das Besondere. Das menschliche Detail. Der leibhaftige Wahnsinn. Vergessen geht, dass der Nationalsozialismus und der Holocaust etwas Alltägliches und brutal Konkretes waren, für jedes Opfer und jeden Täter.

Je abstrakter aber die Vergangenheit erscheint, je nebliger sie mit der Zeit wird, desto leichter können wir Verallgemeinerungen fabrizieren oder rohe Vergleiche darüberziehen.

«Unsere Arbeit bestand darin, sie in Empfang zu nehmen»

Es ist also eine gute Zeit für einen Bericht, wie er gerade jetzt erschienen ist, nach sieben Jahrzehnten aufgetaucht aus der Versenkung. Noch einmal tritt hier ein einzelner Zeuge hervor, er berichtet aus der Todeszone von Auschwitz, er erzählt vor Ort, wie es dort ist.

«Es ist ein grosses Gebäude mit einem breiten Schornstein mit 15 Öfen. Unterhalb eines Gartens gibt es zwei grosse endlose Kellerräume. Der eine dient uns zum Auskleiden und der andere als Todeskammer, wo die Leute nackt hineingehen, und nachdem er mit etwa 3000 Personen gefüllt ist, wird er verschlossen, und sie vergasen sie, wo sie nach 6 bis 7 Minuten Martyrium den Geist aushauchen. Unsere Arbeit bestand darin, sie in Empfang zu nehmen.»

Geschrieben hat diese Sätze Marcel Nadjari, geboren 1917, ein jüdischer Kaufmann aus Thessaloniki. Er kämpfte als Partisan gegen die Wehrmacht, wurde gefasst, gefoltert und im April 1944 nach Auschwitz verfrachtet. Dort teilte ihn die SS einem «Sonderkommando» zu – jenen Häftlingsgruppen, welche zum Beispiel die Leichen kremieren mussten, nachdem sie ihnen die Haare abgeschnitten, die Eheringe abgenommen, die Goldzähne herausgebrochen hatten.

«Den Menschen, Männern und
 Frauen, bei denen ich gesehen habe, dass ihr Schicksal besiegelt ist, habe ich die Wahrheit gesagt. Nachdem alle nackt waren, gingen sie weiter in die Todeskammer,
 da drinnen hatten die Deutschen an der Decke Rohre angebracht… Mit Peitschen in der Hand zwangen die Deutschen sie, immer enger zusammenzurücken, damitmöglichst viele hineinpassen, eine wahre Sardinendose von Menschen, danach
 haben sie die Tür hermetisch verschlossen.»

Marcel Nadjari wusste, dass er bald sterben würde. Die Deutschen brachten die gefährlich gut informierten Männer der Sonderkommandos nach einer gewissen Zeit routinemässig um. Doch derweil schrieb der junge Grieche auf, was er sah. Er stopfte seine Notizen in eine Thermosflasche und vergrub sie. Wenigstens die Nachwelt sollte einmal erfahren können, was hier geschah.

«Abgehalten hat mich immer die Rache»

Tatsächlich entdeckte ein Student bei Grabungsarbeiten 1980 die Thermosflasche, aber durch Zeit und Feuchtigkeit waren die 13 Seiten darin fast völlig ruiniert. Erst jetzt gelang es dem russischen Historiker Pavel Polian mit einem IT-Spezialisten, den Text durch moderne Bildbearbeitungsmethoden wieder lesbar zu machen.

«Nach einer halben Stunde öffneten wir die Türen, und unsere Arbeit begann. Wir trugen die Leichen dieser unschuldigen Frauen und Kinderzum Aufzug, der sie
 in den Raum mit den Öfen beförderte, und dort steckten sie sie in die Öfen, wo sie verbrannten ohne Zuhilfenahme von Brennmaterial aufgrund
 des Fetts, das sie haben.»

Marcel Nadjari selbst überlebte, nachdem er schon zur Ermordung bestimmt war. Im Chaos der letzten Tage von Auschwitz konnte er sich wohl in eine andere Häftlingskolonne schmuggeln, die dann nach Mauthausen evakuiert wurde. Dort erlebte er die Befreiung. Er gelangte zurück nach Griechenland, wo er sogar einen Bericht über seine Zeit im Weltkrieg verfasste. Möglich, dass er sich deshalb nicht mehr bemühte, dass die Thermosflasche wieder ans Licht kommt.

«…ermordet von den kultivierten Deutschen»

In seinen Zetteln fragt er sich selbst, wie er das mitmachen und durchhalten kann. Oft überlege er, «zusammen mit ihnen reinzugehen, um Schluss zu machen». Doch immer sei da der Wunsch, vielleicht doch einmal Rache nehmen zu können für seine Eltern und die kleine Schwester, die auch im Gas getötet wurden. Darum dreht sich der letzte Funken Hoffnung.

«Ich bin nicht traurig, lieber Misko, dass ich sterben werde», wendet er sich am Schluss der Notizen an einen Freund, «wohl aber, dass ich mich nicht werde rächen können, wie ich es will und weiss. Falls du einen Brief von meinen Verwandten im Ausland bekommst,
 gib bitte die passende Antwort, dass die FamilieA. Nadjari ausgelöscht ist, ermordet von den kultivierten Deutschen.»

Nach einigen Jahren in Griechenland emigrierte Nadjari nach Amerika, arbeitete als Schneider und Modedesigner und bekam eine kleine Tochter, die er nach seiner toten Schwester Nelli taufte. Er starb 1971 in New York. Dass Marcel Nadjari versucht hat, Rache zu nehmen, ist nicht bekannt.

Pavel Polian: «Das Ungelesene lesen. Die Aufzeichnungen von Marcel Nadjari, Mitglied des jüdischen Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau, und ihre Erschliessung», in: «Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte» 65, Oktober 2017.