Hat der Nationalismus wirklich Oberwasser?

«America First» sagt dem durchschnittlichen Amerikaner wenig: US-Präsident Donald Trump spricht vor der UNO-Vollversammlung. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Das Bild, das sich an diesem Dienstag in New York bot, war wirklich dissonant: Da stand Donald Trump vor der UNO-Vollversammlung und redete von Patriotismus, von seinem starken Militär, von «Souveränität»; das Wort fiel in seiner Rede insgesamt 21-mal. Auf dem Podium stand der zum Präsidenten gewordene Triumph des Nationalismus – drum herum jene Weltorganisation, in der sich erstmals in der Geschichte die Idee niederschlägt, dass das Gemeinsame der Menschheit wichtiger sein könnte als das Trennende der Nationen.

Und es stimmt ja: Donald Trumps Sicht der Dinge erscheint derzeit prominenter, stärker, lauter. «Es gibt keine globale Hymne, keine globale Fahne, keine globale Währung, keine globale Staatsbürgerschaft», pflegte der New Yorker im Wahlkampf zu rufen, worauf ihm seine Gegner schwerlich widersprechen konnten. Auch gemässigtere Staatslenker ahnen, dass sie ihr Land heutzutage auf einen höheren Sockel stellen müssen, wenn sie politisch überleben wollen. Zum Beispiel Englands Premierministerin Theresa May: «Wenn du glaubst, du seist ein Bürger der Welt, bist du ein Bürger von nirgends», lautet ein Satz von ihr.

Betrachten wir es mal langfristig…

Einen interessanten Widerspruch äusserte vor wenigen Tagen Lawrence Wittner, ein Geschichtsprofessor der New Yorker Universität in Albany. Er stellte die Behauptung auf, dass der nationalistische Glaube womöglich keineswegs triumphiert: Wenn man die Sache historisch betrachte, also sehr langfristig, dann könnte das Gegenteil der Fall sein. Der Mensch werde eben doch immer stärker zum Weltbürger.

Dazu legte Wittner mehrere Umfragen vor. Sie besagen beispielsweise, dass sich inzwischen mehr Menschen als «Global Citizens» verstehen denn als Bürger ihres eigenen Landes. Eine Erhebung dazu, letztes Jahr veröffentlicht via BBC, erfasste beispielsweise 20’000 Menschen in 18 Staaten. Darin sagte eine knappe Mehrheit aus – zum ersten Mal überhaupt –, dass ihre persönliche Loyalität zum Heimatstaat tiefer sei als zu einer allgemeinen Weltgemeinschaft.

Hier China und Peru, da Deutschland und England

Auch in den USA zeigten mehrere Umfragen, dass der durchschnittliche Amerikaner wenig anfangen kann mit den «America First»- und Abschottungsideen der Trump-Politik. Wenn der Präsident Anhänger holt, dann aus anderen Gründen. Zum Beispiel wegen der Abscheu vor dem Establishment in Washington.

Allerdings gab es in der erwähnten BBC-Umfrage eine wichtige Spaltung: In aufstrebenden Staaten wie China, Peru, Indien und Nigeria findet eine deutlich wachsende Menschenzahl die Idee einer Weltgemeinschaft verlockend; aber in den klassischen Industriestaaten weist der Trend tatsächlich in eine andere Richtung. Die Schweiz wurde nicht erfasst, aber in Deutschland sank die «identification with global citizenship» seit der letzten Umfrage 2009 beispielsweise klar – auf 30 Prozent, den tiefsten Stand seit der Jahrtausendwende.

Globalisierung? Globalisierungen!

Was zeigt uns das? Einerseits, dass die aktuelle Stimmung in Europa und Nordamerika wirklich nur ein kleiner Ausschnitt ist. Andererseits, dass wir es wohl auch mit Wellenbewegungen zu tun haben – das war in diesem Blog ja schon mehrfach Thema:  Geschichte entwickelt sich nicht schnurstracks in eine klare Richtung, jede Tendenz wird begleitet von einem Gegentrend.

Da steht also nicht Globalisierung versus Nationalismus, sondern beides in vielen Ausprägungen. Der deutsche Historiker Jürgen Osterhammel hat darum jüngst festgestellt, dass man das Wort Globalisierung besser aufspalten würde: Es gibt keine Globalisierung, es gibt Globalisierungen. Und dazu laufen auf der anderen Seite zeitgleich auch wieder Gegenbewegungen.

Das war auch früher schon so, als die einen gegen den Imperialismus demonstrierten – aber für die internationale Solidarität. Später gegen Globalisierung – aber für ein weltweit gültiges Kyoto-Protokoll, und das erschien keinem als Widerspruch. Dann die einen für weltweite Gay Rights – die anderen für den weltweiten Jihad. Und heute eben für die Souveränität der Nationen: Aber vertreten vor der UNO.