10 Unbekannte, die Geschichte schrieben

Isabella von Kastilien diktiert ihren letzten Willen, auf einem Gemälde von Eduardo Rosales, 1864. Quelle: Universal History Archive, Getty Images

Es gibt läppische historische Persönlichkeiten, die trotzdem allen ein Begriff sind. Und es gibt wichtige Figuren, die kaum einer kennt – dabei haben sie die Welt vielleicht wirklich ein Stückchen verändert. Oder sie haben auf eine faszinierende Art eine eigene Geschichte gemacht. Zum Beispiel diese hier.

Isabella von Kastilien (1451–1504)

Wenige Personen rutschen in eine Rolle, in der sie definitiv Weltgeschichte mitschreiben. Diese Frau gehört dazu, vielleicht sogar mehrfach. Durch ihre Hochzeit mit Ferdinand von Aragon öffnete Isabella, die Thronfolgerin von Kastilien und León, als 18-Jährige das Tor zur Einigung von Spanien. Unter ihrer Führung eroberten die Spanier dann das Emirat von Granada und warfen die islamischen «Moros» aus Westeuropa – ein Schlag, den viele Muslime heute noch als bitteren Wendepunkt der Geschichte empfinden. Und es war Isabella, die einem wahnwitzigen Seefahrer im April 1492 eine Expedition gen Westen bewilligte, ermöglichte und mitfinanzierte: Christoph Kolumbus.

Michail Tuchatschewski (1893–1937)

Im Jahr 1917 fuhr ein Russe aus der Schweiz nach Petrograd, und diese Zugfahrt bewegte die Welt. Sein Name: Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski. Er war zu diesem Zeitpunkt bloss ein verwegener Leutnant des Zaren, der im Weltkrieg von den Deutschen gefangen genommen worden war, viermal ausbrach und es am Ende über die Schweizer Grenze schaffte.

Zurück in Russland stieg er rasch auf zum wichtigsten Heerführer der Roten Armee, obwohl ihm der Kommunismus eher schnuppe war. Im Bürgerkrieg gegen die «Weissen» gelang dem Strategen in mindestens drei entscheidenden, kritischen, fast ausweglosen Situationen der Dreh zum Sieg. Tuchatschewski trug nichts dazu bei, die Kommunisten in der Revolution 1917 an die Macht zu bringen, aber im Krieg danach rettete er ihnen den Hals.

Aufgestiegen zum jüngsten Marschall der Sowjetunion, wirkte «der rote Napoleon» diskret als Förderer, Beschützer, wohl Retter des Komponisten Dmitri Schostakowitsch (er erhält in Julian Barnes’ starkem Schostakowitsch-Roman «Der Lärm der Zeit» eine Hauptrolle). Im Mai 1937 dann der Sturz: Stalin liess Tuchatschewski verhaften, anklagen und nach einem Schauprozess hinrichten. Nun begann die «Säuberung» der Roten Armee. Der Terror des Kommunismus erreichte eine noch höhere Stufe.

Solon (um 640–560 v. Chr.)

Man weiss wenig über ihn, teils ist er fast eine Sagenfigur, aber auch so wurde er zum Vorbild. Der Athener Staatsmann erhielt in einer schweren Krise den Auftrag, den Staat zu reformieren. Zu seinem Paket gehörte, dass er Schuldsklaverei abschaffte, jeden Bürger auf mehrere Arten ins Staatswesen einband und eine schriftliche Gesetzgebung schuf. Kurz: Er entwickelte Fundamente der Demokratie und des Rechtsstaates. In einer sehr problematischen Epoche führte er Athen zu einer Staatsform, die später (nicht ganz korrekt) als erste Demokratie in die Geschichte einging.

Dann aber schwang sich Solon nicht etwa zum obersten Hüter auf. Er verzichtete auf die Alleinherrschaft («Tyrannis»), schnürte sein Bündel und verliess Athen, um erst zehn Jahre später zurückzukehren. Denn damit stellte er sicher, dass Schluss war mit dem Interpretieren, Verändern, Anpassen, Streiten – und dass die Verfassung so blieb, wie er sie aufgestellt hatte. Diesen Mann könnten sich noch viele Politiker zum Vorbild nehmen.

Regula Engel-Egli (1761–1853)

Die alte Schweiz ist als Land der Söldner in Erinnerung geblieben. Weitgehend unbeachtet blieb, dass sie auch eine hervorragende Söldnerin hervorbrachte – so hervorragend, dass sie in ihrer Epoche berühmt war und sogar Napoleon beeindruckte. Der selbst ernannte Kaiser wurde auf der Ägyptenexpedition der Götti von Zwillingen, die Regula Engel in Kairo zur Welt brachte.

Zwei Jahrzehnte lang begleitete sie ihren Mann, den Bündner Haudegen Florian Engel, in einem Regiment der französischen Armee, hin und her durch Europa. In den Schlachten stürzte sie sich öfters selber in Uniform und hinein ins Getümmel, in Austerlitz, in der Leipziger Völkerschlacht, am Ende auch in der Schlacht von Waterloo, wo sie verwundet wurde.

Danach verbrachte sie ihr Leben damit, auf der ganzen Welt nach ihren überlebenden Nachkommen zu suchen, von Italien bis Amerika; insgesamt hatte sie 21 Kinder zur Welt gebracht. Ihre Memoiren wurden Bestseller.

Malcom McLean (1913–2001)

Noch so ein Unbekannter, ohne den die Welt nicht so wäre, wie sie ist. Der amerikanische Transportunternehmer Malcom McLean erfand in den Fünfzigerjahren etwas ganz Banales: den Container. Er dachte sich einen Standardbehälter aus, den man mit Standardkränen direkt aus dem Schiff hochziehen konnte, um ihn gleich auf eine Zugmaschine draufzusetzen – also einen Lastwagen –, oder aber auf einen Gütgerzug-Waggon. Damit sparte man sich zwei- bis dreimal den mühsamen, arbeitsintensiven Prozess des Be- und Entladens.

1955 baute McLean den ersten Tanker zum Containerschiff um. Auf seiner Idee gründete er nicht nur eine erfolgreiche Reederei, sondern er heizte ganz grundsätzlich die Globalisierung an. Denn wie sieht es heute aus? Da werden 95 Prozent des internationalen Handels in Containern transportiert; bei den meisten Gütern sind die Transportkosten gar kein Faktor mehr – weil sie so billig geworden sind.

Dies wiederum ist die Basis dafür, dass die weltweiten Fabrikprozesse überhaupt möglich sind, und – beispielsweise – ein einzelnes Auto heute gleich in mehreren Staaten gebaut werden kann.

Toussaint Louverture (1743–1803)

Es gab nicht nur eine Französische Revolution, parallel dazu gab es auch eine Haitianische Revolution. Der ehemalige Sklave Toussaint Louverture stellte sich 1791 an die Spitze einer Bewegung, welche die Freiheiten und Ideale der Revolution auch für die Schwarzen schaffen wollte – und er siegte. Haiti erlebte den erfolgreichsten Sklavenaufstand der Geschichte, die Selbstbefreiung einer Kolonie.

Formell blieb Haiti zwar zuerst noch eine Kolonie Frankreichs, doch dies unter Louvertures Führung. Wobei die Haitianer 1801 auch den von Spanien beherrschten Teil der Insel Hispaniola eroberten (also die heutige Dominikanische Republik) und dort die Sklaven befreiten. Die völlige Unabhängigkeit Haitis konnte Toussaint Louverture nicht mehr erleben: Sie kam 1804. Damit wurde Haiti zum ersten Land Lateinamerikas, das seine Freiheit errang.

Bertha Benz (1849–1944)

Auch sie bilden eine starke Gruppe der Menschheitsgeschichte: Frauen, die hinter einem vermeintlich grossen Mann standen, aber selber unbekannt blieben. Bertha Benz bietet dabei ein herausragendes Beispiel, denn sie ist eine Hauptfigur von Europas Industriegeschichte.

Die Tochter aus reichem Haus ermöglichte es ihrem Mann, Karl Benz, ein Gefährt zu entwickeln, das ohne Pferde über die Strassen fuhr. Sie war dabei nicht nur die stille Mäzenin, sondern treibende Kraft, Geschäftspartnerin und vor allem die Marketingdenkerin des gemeinsamen Projekts – eines Unternehmens, aus dem der heutige Milliardenkonzern Daimler mit 290’000 Mitarbeitern hervorging.

Sie war es, die sich 1888 das von Karl Benz entwickelte Motorgefährt schnappte und damit von Mannheim nach Pforzheim und zurück fuhr, eine Strecke über 100 Kilometer: Bei der ersten echten Fahrt eines Automobils sass eine Frau am Steuer. Bertha Benz wollte mit dem aufsehenerregenden Trip dem zögerlichen Tüftler zu Hause beweisen, dass sein Gefährt praktisch, strassentauglich und folglich auch ein Geschäft war. Wenn Karl Benz das Auto erfand, dann erfand Bertha Benz die Automobilbranche.

Jonas Edward Salk (1914–1995)

Zu den grossen Helden der Menschheit müssten reihenweise Ärzte gezählt werden, die etwas entdeckten, welches Hunderttausenden oder Millionen das Leben retten sollte: Louis Pasteur bei den Impfstoffen, Alexander Fleming bei den Antibiotika, Joseph Lister im Bereich der Antisepsis, Henry J. Heimlich für die Popularisierung des Heimlich-Manövers …

Die (grosse) Bedeutung und (geringe) Bekanntheit klaffen bei Jonas Salk speziell weit auseinander: Der Virologe aus New York entwickelte einen Impfstoff gegen Polio. Als Salk mit seinen Forschungen gegen die als «Kinderlähmung» gefürchtete Virenkrankheit begann, gab es jährlich Zehntausende Fälle in den USA und Europa – und Millionen weltweit.

Schon der erste Versuch mit Salks Impfstoff war ein enormes Verfahren, bei dem sich bereits 220’000 Freiwillige immunisieren liessen, was möglich wurde, weil Salks Impfstoff auch noch sehr billig war. Als die amerikanischen Gesundheitsbehörden im April 1955 die Wirksamkeit bekannt geben konnten, empfanden dies die Menschen weltweit als enorme Befreiung, in zahlreichen Ländern startete ein Run auf das Mittel. Heute ist Polio weitgehend ausgerottet – pro Jahr werden nur noch ein paar Dutzend Fälle gemeldet.

Harriet Tubman (1820–1913)

Diese Frau wird sowieso bald einen grösseren Platz in unserer Bildwelt erhalten: Harriet Tubman prangt ab 2020 auf den neuen 20-Dollar-Scheinen – die erste Frau auf einer US-Geldnote. Sie war eine Sklavin, der 1849 die Flucht aus Maryland gelang, sie schaffte es nach Pennsylvania – doch dann kehrte sie zurück in die Südstaaten, wieder und wieder, um andere Sklaven in den Norden zu schleusen. Sie war eine Anführerin des «Underground Railroad», einer geheimen Fluchthilfeorganisation, und befreite mindestens 300 Menschen. Später begleitete sie während des ganzen Bürgerkriegs von 1863 bis 1865 die Truppen von Abraham Lincolns Union und spionierte als Kundschafterin die Konföderierten aus.

Dietrich von Choltitz (1894–1966)

Grundsätzlich sind Wehrmachtsgenerale ja dubiose Figuren, aber wer heute durch die Wunder von Paris läuft, wird ihm vielleicht leise «Merci» sagen wollen. Dietrich von Choltitz amtierte im Hochsommer 1944 als Kommandant der besetzten Hauptstadt, als die Alliierten heranrollten. Die Niederlage der Nazis war unvermeidbar, doch im August kamen klare Befehle von Adolf Hitler: Paris muss zerstört werden, total.

Das war zu viel. Von Choltitz suchte den Kontakt zur Résistance, zugleich liess er seine Truppen theatralisch herummarschieren, um die Lage möglichst lange ruhig zu halten. Am 25. August übergab er dann die Stadt dem heranrollenden Generalmajor Jacques-Philippe Leclerc – unzerstört. Er rettete damit nicht nur unermessliche Schätze, das Herz einer Nation, sondern wohl auch ein Stück Europa: Schwer vorstellbar, dass die deutsch-französische Partnerschaft das wäre, was sie ist, wenn dieser General nicht zum Befehlsverweigerer geworden wäre.