Cicero für Wahlkämpfer im Jahr 2017

Seine Ratschläge sind über 2000 Jahre alt, aber bleiben zeitlos: Cicero, Vordenker der modernen Rhetorik.

Wir schreiben das Jahr 64 vor Christus, und Marcus Tullius Cicero macht Wahlkampf. Cicero ist einer von sieben Kandidaten für den Konsulsposten. Das ist das höchste Amt im römischen Reich, das jedes Jahr von zwei Personen neu besetzt wird. Marcus Tullius Cicero wird als herausragender Redner, Denker und Staatsmann des alten Roms in die Geschichte eingehen. Im damaligen Konsulwahlkampf kandidiert er allerdings als Aussenseiter gegen das politische Establishment. Unterstützung erhält er von seinem jüngerer Bruder, Quintus Tullius Cicero, der das «Commentariolum Petitionis» verfasste.

Im «Kleinen Abriss zum Wahlkampf» beschreibt der jüngere Cicero die Grundregeln der Wahlkampfführung. Daraus ergeben sich Ratschläge. Zum Beispiel: Umgib Dich mit den richtigen Menschen und vermeide Menschen, mit denen Du nicht assoziiert werden willst. Oder: Schmeichle den Wählern hemmungslos. Versprich jedem alles. Werde nie konkret. Oder auch: Kommunikationsstärke ist der Schlüssel zum Erfolg.

Das Bemühen um Sympathie beim Wähler: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz beim Selfie-Machen in der Menge. Foto: Reuters

Die Ratschläge des jüngeren Cicero wirken zeitlos, sie werden auch in heutigen Wahlkämpfen angewandt. Cicero betont die Bedeutung von Inszenierungen, die Anpassung von Sprache und Botschaft an das Zielpublikum, das Werben um die Mächtigen und Reichen sowie die Fähigkeit, sich auch die Namen und Gesichter einfacher Bürger zu merken, um ihnen zu schmeicheln. Sogar das «Negative Campaigning» zur Diskreditierung von Rivalen wird erwähnt. Marcus Tullius Ciceros Werk liest sich wie ein Leitfaden für moderne Wahlkämpfe. «Sieh zu», so Cicero, «dass dein ganzer Wahlkampf eine brillante, glänzende und populäre Show ist, die grösste Aufmerksamkeit erzielt.

Damals auf dem Forum, heute in den Medien

Wieviel Cicero steckt im deutschen Bundestagswahlkampf 2017? «Eine ganze Menge», sagt Kai Brodersen, Professor für Antike Kultur an der Universität Erfurt, der das Reclam-Büchlein «Q. Tullius Cicero: Tipps für einen erfolgreichen Wahlkampf» herausgegeben hat. «Natürlich kann man Rom vor über 2000 Jahren nicht 1:1 mit unserer Zeit gleichsetzen, zumal damals nur Männer in der Politik agierten, aber einige Grundsatzfragen haben sich bei allen historischen Unterschieden nicht geändert», sagt Broderson. «Der Wahlkampf war damals und ist heute auf eine Person zugeschnitten, die – wie es bei Cicero heisst – möglichst viel gesehen werden muss: Damals auf dem Forum, heute in den Medien.»

Gezieltes Buhlen um jüngere Wähler: Vier deutsche Youtube-Stars befragen Angela Merkel. Quelle: TamediaWebvideo

Der Politiker muss im Gedächtnis der Wähler sein. Das erreicht er durch häufige Präsenz und starke Rhetorik. Eine Chance, sich gegen seine Rivalen zu profilieren, bietet vor allem der direkte Vergleich. In den USA zum Beispiel sind TV-Duelle wichtige Momente des Wahlkampfs. Auch in Deutschland gibt es ein solches Duell: Am Sonntag, 3. September, treten Kanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz im Fernsehen gegeneinander an. Das um 20.15 Uhr beginnende Streitgespräch wird von ARD, ZDF, RTL und Sat 1 übertragen.

«Im antiken Rom sah man solche Auseinandersetzungen nur persönlich vor Ort und vor allem nicht erst wenige Wochen vor der Wahl», sagt Kai Brodersen. Anwendbar seien dennoch einige Ratschläge für das Reden der Kandidaten, die Cicero bereithält: «Man muss zum Beispiel eine gute Show bieten, mit der man die Zuschauer für sich einnimmt, und man muss Hoffnung für den Staat wecken, also nicht Ängste schüren, sondern positive Ausblicke bieten.»

Prominente Unterstützung im Wahlkampf: Der frühere Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg tritt bei einer Wahlveranstaltung der CSU auf. Foto: Reuters

Seinem als Aussenseiter kandidierenden Bruder hatte Quintus Tullius Cicero rund 60 Tipps für den Konsulwahlkampf gegeben. Der wichtigste Rat war, wie Brodersen betont, sich auf drei Ziele zu konzentrieren: «Ich bin ein Neuling. Ich will Konsul werden. Dies ist Rom.» In anderen Worten: Zwingend sind – auch in heutigen Wahlkämpfen – klare Antworten auf drei Fragen: «Wer bin ich? Was will ich werden? Wo will ich es werden?» Laut Brodersen heisst das: Jeder Kandidat soll seine Ausgangslage mit sich selbst ehrlich analysieren und seine Schwächen kompensieren. Kein Kandidat darf das Ziel aus den Augen verlieren: Es geht um ein ganz konkretes Amt, nicht um mehr, aber auch nicht um weniger.

Zuversicht verbreiten: Wahlplakat von Kanzlerin Angela Merkel. Foto: CDU

Schliesslich muss man die Gesellschaft verstehen, die das Wahlvolk stellt. «Alle anderen Fragen sind schlicht unwichtig», sagt Brodersen. «Es geht nicht primär um ein politisches Programm, sondern um das Vertrauen von möglichst vielen Gruppen der Bevölkerung.» Cicero gibt folgenden Ratschlag: «Durch drei Dinge werden die Menschen am ehesten zu Interesse an der Wahl geführt: durch erwiesene Wohltat, geweckte Hoffnung und spontane Sympathie.»

PS: Marcus Tullius Cicero schaffte es im Jahr 64 vor Christus zum Konsul von Rom.

Kai Brodersen (Hrsg.): Q. Tullius Cicero: Tipps für einen erfolgreichen Wahlkampf. Lateinisch/Deutsch. Reclam, Stuttgart 2013.

6 Kommentare zu «Cicero für Wahlkämpfer im Jahr 2017»

  • Joachim sagt:

    Seit der Wiedervereinigung Deutschlandes haben wir den römischen Teil von Germanien übernommen.Auch die heutige Völkervermischung gab es damals,und führte zum Untergang des römischen Reiches.Es ist ja alles noch vorhanden,der Vatikan,das Kolosseum,und das Motto hieß auch damals Brot und Spiele.

  • Bebbi Fässler sagt:

    „Dantons Tod“ oder „Ciceros Tod“, Stoff für Horrorfilme!
    .
    EV. Wurde Ciceros Kopf mit einem Nagel durch die Zunge an eine Türe befestigt! Luther war Humanist, er hagelte nur ein Blatt Papier mit 99 Thesen an eine Türe!

  • Stefan W. sagt:

    Es ist immer wieder interessant, wie ähnlich die Menschen vor tausenden von Jahren uns doch waren. Abgesehen von Technik und Industrialisierung hat sich im Grunde nicht viel geändert.

    • Ralf Schrader sagt:

      Es steht auch nicht zu vermuten, dass die Menschen sich im Rest ihrer Evolution noch sonderlich verändern. Jeder Prozess hat einmal ein Ende und das gilt auch für unsere biopsychosoziale Ausformung.

      Was sich demnächst dramatisch verändert, sind die Grundlagen der Gesellschaft. Staaten und Besitz werden verschwinden und alle notwendigen Regulationen werden an eine globale Künstliche Intelligenz übertragen.

      Kaum meinte der Mensch, die Spitze der Welt zu sein, muss er diese Rolle an eine ursprünglich von ihm selbst geschaffene Struktur abgeben.

      Der eigentliche Zweck von KI und Industrie 4.0 besteht in der Errichtung des Kommunismus durch die Hintertür. Im Posthumanismus sind alle Menschen gleich bedeutungslos, es gibt keine Klasse, damit keine Politik und keine Macht mehr.

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