Vergesst die Winter-Visionen

Touristinnen beim Curling in St. Moritz, aufgenommen 1947. Foto: Keystone

Johannes Badrutt glaubte an die Kraft der reinen Luft, der wärmenden Sonne und an die Attraktivität des Engadiner Winters. Aus dem einsamen Bergdörfchen St. Moritz einen Winterkurort zu machen, das war sein Ziel. 1869/70 öffnete er sein Hotel Kulm erstmals im Winter, nachdem er in den Jahren davor bereits einzelne Gäste privat beherbergt hatte.

Badrutts Aufmerksamkeit galt zunächst Tuberkulosepatienten. «Ich hege die feste Überzeugung, dass, sobald die Erfolge eines Aufenthalts in St. Moritz im Hochwinter in weiteren Kreisen bekannt würden, man allseitig vollkommenes Zutrauen zu dessen Klima im Winter fassen würde», schrieb er 1880. Badrutt starb 1889; wie sehr er recht behalten sollte, wissen wir, und wir sehen es jetzt wieder am Trubel um die Ski-WM.

Es wurde Licht

Zu Badrutts Lebzeiten war St. Moritz im Winter nur per Pferdeschlitten erreichbar; die Anreise aus Chur, wo die Bahn endete, ins Engadin dauerte zwölf Stunden. Badrutt versuchte seinen Gästen diesen Trip möglichst angenehm zu gestalten. Statt mit den damals üblichen offenen Zweiplätzern liess er seine Gäste mit gedeckten Schlitten abholen.

Der Mann war ein Technik-Freak; als erster Hotelier in der Schweiz installierte er 1879 elektrisches Licht, wofür er eigens ein Kraftwerk bauen liess. Noch bevor in Zürich das erste Telefonnetz der Schweiz in Betrieb ging, liess er eine Telefonleitung zu seinem Schwager, dem St. Moritzer Kurarzt Peter Berry, legen – um im Fall der Fälle so rasch wie möglich Hilfe holen zu können.

Damals konnte man noch Grosses planen: Johannes Badrutt, Hotelkönig von St. Moritz.

Badrutt reiste viel und entdeckte dabei den atmosphärischen und auch den pekuniären Wert von Antiquitäten und Kunst; damit richtete er sein laufend erweitertes Hotel ein. Für seine Gäste liess er neben seinem Hotel Eisfelder anlegen und die Tennisplätze von Schnee räumen. Er kaufte Land, wo er konnte, vor allem rund um sein Hotel. Diesen Grund stellte er seinen sportbegeisterten englischen Gästen zur Verfügung – für den Bau des Cresta Runs, der ersten vereisten Schlittelbahn, und später seine Nachkommen für den Bob Run, den sommerlichen Golfplatz oder das Olympiastadion für die Winterspiele von 1928 und 1948.

Kurz: Johannes Badrutts Hotel Kulm war die Basis von St. Moritz als Wintersportort. Und dieses St. Moritz wiederum wurde zum Vorbild für Wintersportplätze in der ganzen Welt.

Die Spuren seines Werks sind noch heute unübersehbar. Die abendlichen Medaillenverleihungen der alpinen Ski-WM finden neben dem von ihm gegründeten Hotel auf einem von ihm erworbenen Terrain statt. Sein Name lebt fort im Hotel Badrutt’s Palace, das sein Sohn Caspar 1896 eröffnete, und in dessen Halle eine Version der «Sixtinischen Madonna» von Raffael hängt, die Johannes Badrutt in Italien gekauft hatte.

Unter Kühen braucht es Fantasie

Dieses Wochenende stimmt Graubünden über die Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2026 ab. Im Abstimmungskampf beschworen die Befürworter der Vorlage gerne den Bedarf an «Visionen» – womit sie Olympia in St. Moritz und Graubünden meinten.

Wenn einer ein Visionär war, dann Johannes Badrutt. Das St. Moritz seiner Zeit war ein Dörfchen, umgeben von Wiesen im Sommer und Schnee im Winter. Um hier mehr zu sehen als ein paar Steinhäuser, Ställe, Kühe und Berge bedurfte es tatsächlich Visionen. Vorstellungskraft. Badrutt hatte sie – und natürlich auch den Raum, um seine Fantasien umzusetzen.

Die Geschichte lehrt in diesem Falle, dass man sie nicht wiederholen kann. Der Tourismus und der Wintersport sind erfunden. Olympische Winterspiele in St. Moritz wären keine Vision, sondern eine Wiederholung.

Visionen? Pragmatismus!

Den St. Moritzern bleibt wohl nur Pragmatismus: Ihr Angebot ständig verbessern. Und ihr historisches Erbe sorgfältig verwalten. Was sie ja ganz gut tun. Sie pflegen ihre Antiquitäten – die Kollektion an traditionsreichen Grandhotels mit ihren wunderbaren Lobbys und Sälen in der Gegend ist einmalig. Geradezu sinnbildlich ist der Umgang mit den beiden Uralt-Sportanlagen Cresta- und Bob Run. Sie werden jeden Winter aus Schnee und Wasser neu gebaut.

«Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet», schrieb Hans-Magnus Enzensberger. Das gilt für das stark überbaute St. Moritz und das Oberengadin wie für alle einst weit ab in der Natur gelegenen Touristendestinationen.

Aber nicht ganz. Der winterliche Sonnenschein und die reine, trockene Winterluft im Engadin, welche die russgeplagten Engländer, wie von Badrutt prophezeit, einst begeisterten, sind nicht überbaut.

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