Das Märchen von der guten Luft

Das Ende der Höhenkur ist nah: Tuberkulosepatient im Juli 1952 vor einem Sanatorium in Davos. Foto: Keystone, Photopress, Kraft, Sulzer

Es waren findige Ärzte, die eine der bemerkenswertesten Erfolge in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte einleiteten. Vor rund 150 Jahren begannen sie, das Höhenklima als heilsam zu beschreiben. Allen voran der Davoser Kurarzt Alexander Spengler propagierte eine heilende Wirkung bei Lungentuberkulose, einer Krankheit, die auch «weisse Pest» genannt wurde und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als häufigste krankheitsbedingte Todesursache galt.

In Fachartikeln beschrieben diese Ärzte die «Heilkraft» des Höhenklimas, womit sie entscheidend dazu beitrugen, dass aus abgelegenen Orten in den Schweizer Bergen weltbekannte und prosperierende Kurorte wurden. Hochgelegene Ortschaften wie Davos und Arosa erschienen in der Folge geradezu als Quelle der Gesundheit. Exemplarisch kommt die Vorstellung des heilenden Bergs im Slogan des oft reproduzierten Werbeplakats von Otto Morach aus dem Jahr 1926 zum Ausdruck: «Der Weg zu Kraft u. Gesundheit führt über Davos».

Patienten brachten Geld nach Davos

Vor dem Ersten Weltkrieg erlebte der Bündner Höhenkurort seine Glanzzeit – als Anziehungspunkt für Patienten mit Geld. 31’000 Gäste besuchten im Jahr 1912 Davos, vorwiegend Tuberkulosekranke und nur zu einem kleinen Teil Sportgäste. Davos zählte damals 16 Privatsanatorien, daneben gab es mehrere Volkssanatorien für weniger begüterte Menschen.

Um 1950 zeichnete sich das Ende der Höhenkur ab, weil weniger Menschen an Tuberkulose erkrankten und nun wirksame Medikamente erhältlich waren. Sanatorien mussten schliessen oder wurden in Hotels oder Mehrzweckkliniken umgewandelt.

Vor einem Jahr jedoch schickte sich die Bündner Regierung an, die Erfolgsgeschichte der Höhenkur zu wiederholen. Christian Rathgeb, der Regierungspräsident des Kantons Graubünden, erinnerte im «Bündner Tagblatt» daran, wie Alexander Spengler einst «die wohltuende und gesundheitsfördernde Wirkung des Hochgebirgsklimas» erkannt habe: «Aus ganz Europa, teilweise sogar aus anderen fernen Ländern, reisten die Menschen nach Davos, wo sie Linderung beziehungsweise Heilung suchten.»

Ein ähnliches Potenzial ortete der Regierungsrat auch im heutigen Medizinwesen, flugs erhob die Bündner Regierung den «Gesundheitstourismus» zu einem Schwerpunkt der nächsten Jahre und setzte dazu eine Steuerungsgruppe ein.

Die Kraft der heilenden Berge

Jetzt sollen gezielt ausserkantonale und ausländische «Gesundheitsgäste» nach Graubünden gelockt werden, und der «Weg zu Gesundheit und Wohlbefinden» soll wieder in die Berge führen.

Nicht nur in Graubünden, sondern auch in anderen Kantonen wollen Behörden und Vermarkter den Medizintourismus fördern und wie um 1900 wohlhabende Patientinnen und Patienten aus aller Welt in die Schweiz holen. Allerdings erlitt das Konzept schon bald einige Rückschläge. Gross angekündigte Projekte zur Ankurbelung des Gesundheitstourismus wurden eingestellt, während Experten bemerkten, dass viele Menschen heute mit Vorliebe in ihrem Heimatland behandelt werden möchten.

Möglich also, dass sich die Erfolgsgeschichte der Höhenkur nicht so einfach wiederholen lässt und dass das einst mächtige Bild der heilenden Berge an Anziehungskraft verloren hat. Ein Bild, das eben nicht aufgrund eines in der Natur oder der Luft innewohnenden Heilfaktors entstanden war – sondern weil sich Bergdörfer clever als Orte der Gesundheit vermarkteten.

Obwohl ihre Vertreter jahrzehntelang alles daransetzten, die Wirkung des Höhenklimas mithilfe von wissenschaftlichen Studien und eigenen Forschungsinstituten zu belegen, liess sich jedenfalls kein Nachweis für eine Heilwirkung bei Lungentuberkulose finden.

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14 Kommentare zu «Das Märchen von der guten Luft»

  • Vera sagt:

    Eigentlich schade, wechseln wir nicht endlich auf Elektroautos und verbessern dadurch die Luft in den Städten noch mehr. Es sterben immer noch etwa 1000 Leute pro Jahr an Autoabgasen. Diese Art von Terror wird sogar noch staatlich subventioniert, mit mehreren 1000 CHF pro Auto pro Jahr.

  • Lori Ott sagt:

    Schon seit vielen Jahren ist die Luft in Davos genauso von Auto- und Heizungsabgasen verpestet wie in anderen Schweizerstädten. Kein Wunder gibt es da schon lange nichts gesundheitsförderndes mehr nachzuweisen!

  • Sonja Stiller sagt:

    Max Frisch wird sich im Grabe umdrehen wenn er das hört!

  • Gian Gieri sagt:

    TB ist Geschichte, also was soll dieser fade und nichts sagende Artikel? Aktuell sind u.a. Asthma und Allergien, die im Höhenklima tatsächlich massive Linderung erfahren! Da müsste man als Autor halt ein wenig Background mitbringen:
    -keine Hausstaubmilben über 1500 M.ü.M., auf deren Kot die meisten Allergiker reagieren
    -viel weniger Pollen und zusätzlich nicht so aggressive wie in tiefen Lagen
    – erhöhte UV-Strahlung, die viele Allergene abschwächen oder abtöten
    – im Fall von Davos auch die spezielle nach Süden abfallende und trotzdem abgeschlossene (Zügenschlucht) Lage
    – und dann soll halt der Glauben daran auch Berge versetzen…lassen wir ihn!

    • Martin Frey sagt:

      „TB ist Geschichte“, was für einen Unsinn, Herr Gieri. Eine der grossen Seuchen der Menschheit, die nach wie vor jedes Jahr gegen 1. 5 Millionen Menschen dahinrafft.
      Auch der Rest Ihrer Ausführungen ist, gelinde gesagt, fragwürdig. Aber das kann bekanntermassen auch ein Effekt der Höhenluft sein…

      • Gotthilf Wicki sagt:

        Dummköpfe melden sich immer wieder. In der Schweiz ist (war) TB Geschichte. Weltweit noch lange nicht. Davon ist weder im Artikel noch im Text von Herrn Gieri die Rede. Und vom Rest seiner Ausführungen haben Sie keinen Schimmer.

      • Martin Frey sagt:

        Ach Herr Wicki, selbst Ihre Aussage „In der Schweiz ist (war) TB Geschichte“ ist falsch. Auch wenn selbstredend Tbc weltweit das viel grössere gesundheitliche Problem darstellt als bei uns. Notabene hat Hr. Gieri nichts davon geschrieben, dass seine Aussagen nur für Schweizer Hotel- und Kurgäste gelten soll, weshalb auch? Was ja angesichts des hohen ausländischen Gästeanteils an solchen Orten sowieso absurd wäre.
        Dass Hausstaubmilben oberhalb 1500 Höhenmeter nicht existieren können, stimmt. Und dass es in der Höhe weniger und v.a. andere Allergene hat, auch. Einen Kern Wahrheit sehe ich auch bei „soll halt der Glauben daran auch Berge versetzen.“ Der Rest ist Lokalkolorit.
        Und noch kurz zu Ihrer Tonalität: Gehen Sie doch in die Badi, wenn es Ihnen zu heiss wird…

  • Jacques Bonhomme sagt:

    Neben der wohltuenden Wirkung der Bergluft auf Lungenkrankheiten (die Luft in den Städten war dazumals sehr schlecht; siehe etwa als Extrembeispiel den damaligen Ruhrpott) – inspirierten diese Kuren auch zu grossen Werken, wie. z.B. „Der Zauberberg“ (Thomas Mann). Die wohltuende Wirkung wurde auch in Erzählungen bei Erich Kästner erwähnt.

  • stef sagt:

    Speziell gepriesen wurde damals der hohe Ozongehalt der Davoser Bergluft. Auch diesbezüglich hat sich der aktuelle Stand des Irrtums (sprich: die wissenschaftliche Erkenntnis) etwas geändert.

  • Gotthilf Wicki sagt:

    Schreibt wieder einer von etwas wovon er soviel wie nichts versteht. Auf TB kann einiges zutreffen. Dann soll er aber nicht über die Heilkraft der Höhenluft schreiben. Wenn ich mit meiner COPD nur kurz in Davos war und um den See gegangen bin konnte ich hier im Unterland wieder einige Tage besser atmen. Heute geht das nicht mehr, die Krankheit ist fortgeschritten. So geh ich jährlich 2-3 mal während 3-4 Wochen zu meiner Tochter in die Berge und kann anschliessend während bis zu 10 Wochen leichter atmen. COPD ist nicht die einzige Lungenkrankheit wo das hilfreich ist.

  • Martin Frey sagt:

    Natürlich wird Tuberkulose nicht mit Bergluft geheilt, aber ein ganz entscheidender Faktor wird im Artikel ausser acht gelassen: Vor 150 Jahren war die Luftverschmutzung in allen grossen Städten sehr viel gravierender als heute. Auch Leute ohne Tbc litten teils massiv unter den damaligen Zuständen. Heutzutage jedoch ist die Diskrepanz der Luftqualität gerade in mitteleuropäischen Städten gegenüber der Bergluft sehr viel weniger ausgeprägt.
    Aber gerade gegenüber Gästen aus den diversen Megacities dieser Welt, die unter Zuständen leiden wie wir es uns kaum mehr vorstellen können, dürfte dies immer noch ein schlagkräftiges Argument sein.

    • Gotthilf Wicki sagt:

      Danke für den Komentar. Der sollten alle die mit Lungenkrankheiten zu tun haben als Pflichtlektüre lesen müssen.

    • matthias bosshard sagt:

      Absolut richtig, dazu kommt die Veränderung des Luftdruckes die auch positiv wirkt auch bei COPD, leider auch dazu kein Wort. Daher werden die Berge noch lange nicht ausgedient haben.

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